Januar 26, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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Die Geschichte der Menschen, die nicht die GeschichtsbĂŒcher geschrieben haben, die keine Imperien errichtet haben und die nicht danach strebten, ĂŒber andere zu herrschen, ist unsere Geschichte. Bis zu einem gewissen Grad liegt es in der Natur dieser Zeiten, dass jede*r von uns dazu beitragen muss, diese Geschichte zu erzĂ€hlen, ĂŒber die Spalten und Schatten, in die die «Gewinner*innen» nicht eingedrungen sind und in denen wir leben, ĂŒber sie sowohl zu schreiben, als auch zu sprechen und zu lernen. Diese Geschichte des Überlebens, des bloßen Zurechtkommens, ist die Geschichte des Lebens der großen (wie in ĂŒber 90%) Mehrheit der Menschen im Laufe der Zeit, ĂŒber die gesamte moderne Zivilisation hinweg. Überleben ist die einzige Möglichkeit, wenn Teilhabe das bedeutet, was sie heute tut.

WĂ€hrend dieser Text Europa als ultimativen Ausdruck der Erfolge anfĂŒhrt, die unseren Verlust widerspiegeln, ist es nicht ausschließlich Europas VermĂ€chtnis. Ähnliche (wenn nicht genauso großartige) Geschichten von Invasion, Kolonisierung und Völkermord können von anderen Kulturen erzĂ€hlt werden. Der Unterschied ist, dass sie nicht die Erb*innen des heutigen Weltsystems sind. Europa ist es.

Militarismus, Kapitalismus, Staatskunst und ihre Folgen in Form von Rassismus, Völkermord und Totalem Krieg können alle vor die TĂŒr Europas gesetzt werden. Das heißt nicht, dass es nicht auch EuropĂ€er*innen gibt, die sich dieser Tradition, dieser Praxis widersetzen, aber wenn die Welt ein Problem hat, oder eine Reihe von Problemen, dann lĂ€sst es sich auf die UrsprĂŒnge zurĂŒckfĂŒhren. Es reicht nicht aus, Beispiele fĂŒr diese Probleme an anderen Orten auszusuchen, um den Folgen der Herkunft zu entgehen. In einem alternativen Universum ist es möglich, dass wir ĂŒber die Tyrannei des Osmanischen Reiches fluchen könnten.

Es besteht die Notwendigkeit, in dieser Zeit eine antiautoritĂ€re Tendenz zu verkĂŒnden, die sowohl ihre UrsprĂŒnge respektiert als auch gegen sie kĂ€mpft. Eine anti-statische, anti-ökonomische Position, die kulturelle Werte ĂŒber wissenschaftlichen Determinismus und die Aufrechterhaltung des Imperiums stellt. Eine Position, die Vielfalt ĂŒber jede einheitliche Antwort auf das politische und soziale Leben stellt. Es ist an der Zeit, die RealitĂ€ten unserer kolonialen Geschichte, unserer Beziehungen zu Land und unserer Politik mit den Schlussfolgerungen ihrer Rebell*innen und mit unseren Ältesten zu verbinden. Von den Ir*innen bis zu den Makah, von den Kurd*innen bis zu den Mbuti, von den urbanen Afroamerikaner*innen bis zu den sesshaften Roma kann eine Geschichte außerhalb der Westlichen Zivilisation erzĂ€hlt werden. Ein nicht-EuropĂ€ischer Anarchismus ist die Politik dieser Geschichte, und steht im Kontext des Widerstands gegen sie.

Was ist Europa

Wenn ich von EuropĂ€er*innen oder geistigen EuropĂ€er*innen spreche, dann lasse ich keine falschen Unterscheidungen zu. Ich sage nicht, dass es auf der einen Seite die Nebenprodukte von ein paar tausend Jahren völkermörderischer, reaktionĂ€rer EuropĂ€ischer Geistesentwicklung gibt, die schlecht sind, und auf der anderen Seite gibt es einige neue revolutionĂ€re Entwicklung, die gut ist. Ich beziehe mich hier auf die sogenannten Theorien des Marxismus und des Anarchismus und der «Linken» im Allgemeinen. Ich glaube nicht, dass ihre Theorien vom Rest der EuropĂ€ischen intellektuellen Tradition getrennt werden können. Es ist wirklich nur das gleiche alte Lied… − Russel Means, The Same Old Song

Europa ist aus einer Vielzahl von GrĂŒnden ein ungewöhnlicher Kontinent. Nicht zuletzt deshalb, weil außerhalb des Kontinents ebenso viele Menschen leben wie innerhalb seiner Begrenzungen. Die Geschichte, zumindest wie sie in Nordamerika gelehrt wird, interessiert sich hauptsĂ€chlich fĂŒr die Folgen und Entwicklungen, die auf dem Kontinent in den letzten zwei Jahrtausenden stattgefunden haben. Diese Geschichte, wenn sie mit der Geschichte aller anderen Kontinente zusammen verglichen wĂŒrde, wĂ€re sie in den Köpfen und der Kultur der USA und Kanadas immer noch vollkommen dominant. Es ist sicher, den Mainstream der Nordamerikanischen Kultur als EuropĂ€isch zu bezeichnen. Du kannst auch die grĂ¶ĂŸte Landmasse Ozeaniens als EuropĂ€isch betrachten, was zeigt, dass es eine ausgeprĂ€gte Tendenz Europas ist, sich in die ganze Welt zu exportieren.

Dieses expansionistische PhĂ€nomen hat einen historischen Kontext, den es wert ist, zu untersuchen. Europa ist nicht der Ort, an dem der Aufstieg der Zivilisation stattfand. Sie scheint im Tal zwischen den FlĂŒssen Tigris und Euphrat, Mesopotamien, begonnen zu haben. Dutzende, wenn nicht Hunderte von Gesellschaften blĂŒhten in diesem Tal ĂŒber 3000 Jahre hinweg. Die bekanntesten dieser Gesellschaften sind die sumerische, babylonische, hethitische und phönizische Gesellschaften. Sie sind am besten bekannt fĂŒr die Technik, die sie den zukĂŒnftigen Gesellschaften zur VerfĂŒgung stellten, darunter die Mythologie (Sumer), der Kodex von Hammurabi (Babylon), Eisen (Hethiter*innen) und das Alphabet (Phönizier*innen). Etwa zur gleichen Zeit entstand rund um den Nil eine riesige und lebendige Gesellschaft, die Ägypten genannt wurde. Diese afrikanische Gesellschaft existierte fĂŒr mehrere tausend Jahre in der einen oder anderen Form und kĂŒndigte die moderne Regierung an. Diese beiden Regionen bilden zusammen mit China den grĂ¶ĂŸten Teil unseres VerstĂ€ndnisses der antiken Gesellschaft.

Die Bildung der Massengesellschaft auf dem EuropĂ€ischen Kontinent ist deutlicher und jĂŒnger. Der Bogen des griechischen Reiches (1200 − 300 vuZ) umfasst die Bildung von so ziemlich allen intellektuellen Richtungen, die in den letzten drei Jahrtausenden verfolgt wurden, einschließlich Kunst, Wissenschaft, Politik (insbesondere die Form der Demokratie und der Republik) und Philosophie. Dies fĂŒhrt uns zu Rom, dem nachweislichsten Fundament des modernen Europas.

Wir werden uns weiterhin auf Roms BeitrĂ€ge zu der Zivilisation konzentrieren, in der wir heute leben. Im modernen Leben bemerkenswert ist die römische Entwicklung der stĂ€dtischen Infrastruktur und die daraus resultierenden Erwartungen, die die BĂŒrger*innen des Imperiums an diese hatten. Die Bereitstellung von Trinkwasser, Abwasser, gut unterhaltenen Straßen und der Bau großer GebĂ€ude wurden zu Erwartungen an das zivilisierte, stĂ€dtische Leben. Die Organisation einer disziplinierten und aufgestellten Armee, die einen totalen Krieg fĂŒhrte, hat seitdem jedes Imperium und Quasi-Imperium definiert.

Der Fall Roms hĂ€tte möglicherweise zu einer versteckten revolutionĂ€ren Zeit auf dem EuropĂ€ischen Kontinent fĂŒhren können. Die Periode, die frĂŒher als das Dunkle Zeitalter bezeichnet wurde, zeichnete sich dadurch aus, dass sie nicht unter dem Joch des Imperiums litt und dass nicht viel Geschichte ĂŒber sie geschrieben wurde. Die Geschichten, zu denen wir Zugang haben, erzĂ€hlen von einer Reihe von Kulturen, die den Nordamerikanischen ErdhĂŒgelbauer*innen sehr Ă€hnlich waren. Es ist leicht zu erkennen, dass der Feudalismus und schließlich die Monarchien begannen, das Land und die Kulturen in Europa zu konsolidieren. Die Form dieser Konsolidierung kann heute in der Bildung des Vereinigten Königreiches, Frankreich und Deutschland gesehen werden.

Der Aufstieg des Christentums löste einen Großteil dieser StaatsgrĂŒndung aus, war aber vor allem dafĂŒr verantwortlich, im Namen der KreuzzĂŒge den Großteil der hunderten von Kulturen, die bis dahin auf dem Kontinent existierten, zu vernichten.

Das ist eigentlich der Punkt, an dem Rom, im Vergleich, im Nachhinein als fortschrittlich bezeichnet werden könnte. Wenn eine besiegte Gesellschaft ihre Steuern zahlte, konnte sie weitgehend ihre eigenen kulturellen Überzeugungen praktizieren. Das Ă€nderte sich mit der GrĂŒndung des christlichen Staates.

Nach dem Mittelalter und dem Aufstieg des Christentums kommen die Reformation und dann der Humanismus. Diese VerĂ€nderungen hin zur Einfachheit des Modells â€čeine Kirche, ein Staatâ€ș Europas weisen auf die Techniken hin, die heute verwendet werden, um konservative und sozial rĂŒckstĂ€ndige Elemente in der modernen ideologischen Matrix zu verĂ€ndern. Die Reformation erlaubte es schließlich, das Christentum viel breiter zu definieren als nur die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Institution, sondern zu einer Reihe von Organisationen und Interpretationen der SpiritualitĂ€t. Dies ermöglichte einen spezifisch EuropĂ€ischen (und nicht lokalen) kulturellen Ausdruck, der nationale Grenzen ĂŒberschritt und bis weit in die moderne Ära hinein GĂŒltigkeit besaß. Humanismus ist, einfach ausgedrĂŒckt, der Vorrang menschlicher Belange vor allen anderen. Der Humanismus fĂŒhrte zur spezifischen Formung des Individuums als sozialer Charakter, zur gesamten Arena der Sozialwissenschaften und zu einem großen Teil zur Bildung der Kreation von moderner Wissenschaft als eine Eroberung der Natur.

Krieg

Die Haupttechnologie, in der sich Europa ĂŒber alle anderen hervorgetan hat, ist die KriegsfĂŒhrung. Damit soll nicht behauptet werden, dass bewaffnete Konflikte außerhalb des Kontinents nicht existierten, aber die Form, die sie in Europa angenommen haben, war qualitativ anders. Nur in Europa, mit dem Aufstieg der Praxis und Theorie des â€čtotalen Kriegesâ€ș, kann ein Großteil der EuropĂ€ischen expansionistischen Geschichte verstanden werden. Nur durch das VerstĂ€ndnis der kulturellen Tradition des totalen Krieges können die Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa und Außerhalb verstanden werden.

WĂ€hrend Die Kunst des Krieges und Das Buch der fĂŒnf Ringe die Techniken des Schlachtfeldes betreffen, bezogen sie den Krieg nicht auf eine besonders funktionalistische Weltsicht. Krieg war nicht so sehr Anwendung imperialistischer Macht sondern vielmehr die Praxis einer bestimmten Klasse von BĂŒrger*innenschaft unter sich. MilitĂ€rische Strategie war genauso mit dem spirituellen VerstĂ€ndnis des Krieger*in Daseins verbunden sowie mit der Platzierung von MĂ€nnern an der Macht.

Das 18. Jahrhundert verwandelte die starre Kodifizierung militĂ€rischer Prinzipien in eine wissenschaftliche Praxis, die bis heute anhĂ€lt. Im Gegensatz zu den generellen Skizzierungen ĂŒber die Beziehungen zwischen militĂ€rischen und zivilen FĂŒhrungspersonen, wie sie in den antiken Texten zu finden sind, waren die modernen MilitĂ€rstrateg*innen, insbesondere Clausewitz, spezifisch. Der totale Krieg ist ein militĂ€rischer Konflikt, in dem die KriegfĂŒhrenden bereit sind, jedes Opfer von Menschenleben und anderen Ressourcen zu bringen, um einen vollstĂ€ndigen Sieg zu erringen. Der begrenzte Krieg ist dem totalen Krieg Ă€hnlich, berĂŒcksichtigt aber politische, soziale und wirtschaftliche Belange. Die Herausbildung der Unterscheidung zwischen totalem und begrenztem Krieg strukturierte das Verhalten der EuropĂ€er*innen, die die Neue Welt und Afrika kolonisierten und die KreuzzĂŒge institutionalisierten.

Es lohnt sich, die Frage neu zu stellen, was ist Europa? Europa ist die Geschichte der Zerschlagung von hunderten von Kulturen. Europa ist eine ungleiche Zusammenstellung von Menschen, die sowohl die SouverĂ€nitĂ€t anderer auf der ganzen Welt verletzen als auch weiterhin belagert werden (NATO, Slowakei, Serbien, EU). Europa ist WohltĂ€ter*in einer Reihe von Ideen − wirtschaftlich, militĂ€risch, religiös und sĂ€kular − die den gesamten Planeten dominiert haben.

Wenn Europa ĂŒberall ist, in jeder Nachrichtensendung, auf jeder Werbe-tafel, an jeder Durchgangsstraße, was ist dann Nicht-Europa? Auf einer Ebene sind Nicht-Europa all die Völker, die dabei sind, EuropĂ€isiert zu werden, all die Menschen, die mit modernen Annehmlichkeiten wie Mikrowellenherden, Coca-Cola und Fernlenkwaffen vertraut gemacht werden. Viele dieser Menschen freuen sich auf die VerĂ€nderung in ihrer traditionellen, konservativen Gesellschaft. Viele wehren sich, weil sie wissen, welche Konsequenzen die Westlichen Werte, Macht und Geld mit sich bringen werden.

Auf einer anderen Ebene ist Nicht-Europa das vitale kulturelle Geflecht der Vierten Welt. Indigene Völker existieren ĂŒberall auf dem Globus, und ob sie Widerstand leisten oder nicht, sie umfassen eine Reihe von Perspektiven und Geschichten, die unverwechselbar und einzigartig sind. Sie stellen einen Großteil der widerstĂ€ndigsten Aspekte gegen die globale Ordnung dar. Nicht etwa, weil sie nicht arm sind, sondern weil sie die Armut der anderen Kulturen verstehen.

Nicht-Europa könnte schlussendlich die stillen WohltĂ€ter*innen und die Opfer der modernen Gesellschaft sein. Es ist ausgemachte Sache, dass die moderne Gesellschaft eine grosse Mehrheit von Menschen umfasst, die keine politische Kraft ausĂŒben können, nicht wohlhabend sind, und sich womöglich gegen den Lauf der Dinge wehren wollen. Mit der Kombination von einnehmender tagesaktueller Propaganda, oberflĂ€chlicher und selbstdienlicher historischer Bildung, und allgemeiner wirtschaftlicher Befriedigung, wird es ein leichtes, diese Menschen aus den Augen zu verlieren. Es gibt sie, und gerade ihre AnonymitĂ€t ist der politische Motor hinter jeder populĂ€ren und reaktionĂ€ren Bewegung der letzten 200 Jahre.

Was ist EuropÀischer Anarchismus?

WĂ€hrend die Semantik der Anarchie (das heisst, «ohne Herrschende») zukĂŒnftige Diskussionen erhellen könnte, muss sich jede Art von Analyse ĂŒber das Potenzial des Anarchismus mit der Ideologie auseinandersetzen, die er ist. Diese Ideologie ist:

  • Eine Geschichte von ikonischen Figuren

  • Ein Reihe an zunehmend radikalen Ideen ĂŒber soziale Transformation.

  • Eine Praxis, die nur in ihrer Ablehnung durch die MĂ€chtigen einheitlich ist. Das VerstĂ€ndnis der Auswirkungen des Sprachgebrauchs, der Geschichte (im weitesten Sinne) und der Kultur der anarchistischen Tradition wird uns helfen, die QualitĂ€ten zu verstehen, die der Anarchismus hat und die es wert sind, zurĂŒckgewonnen zu werden.

Der deutlichste Ursprung des Anarchismus in der westlichen Tradition liegt im antiken Griechenland und dem Argument von Zeno (dem Stoiker) fĂŒr eine Gesellschaft, die von der SouverĂ€nitĂ€t des moralischen Gesetzes des Individuums regiert wird. Obwohl es sich nicht um eine spezifisch anarchistische Position handelt, dient Zeno als praktischer Gegenpol zur idealen Nation von Platons Republik; die Grundlage fĂŒr die Nationenbildung, die seitdem stattgefunden hat. In der modernen, post-aufklĂ€rerischen Ära kam die erste Abhandlung zur Verteidigung des Anarchismus von William Godwin (1793). Er argumentierte, dass die Regierung unnötig und schĂ€dlich fĂŒr das Verhalten der menschlichen Angelegenheiten ist. Er glaubte auch, dass die Gesellschaft in eine Welt der Gerechtigkeit und Gleichheit durch Bildung und Propaganda umgewandelt werden könnte, und nicht durch spezifische politische KĂ€mpfe. Sein Einfluss auf den Anarchismus als Denkschule (und nicht nur als Bewegung fĂŒr sozialen Wandel) kann nicht genug betont werden. Die vier VĂ€ter des EuropĂ€ischen Anarchismus lebten in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts und umfassten Michail Bakunin, Peter Kropotkin, Pierre Proudhon und Max Stirner. Sie gelten als die zentralen Figuren des modernen anarchistischen Aktivismus, des Anarchokommunismus, des Mutualismus und ebenso des Individualismus. Im 20. Jahrhundert sind es Figuren wie Emma Goldman, die durch ihr Eintreten fĂŒr EmpfĂ€ngnis-verhĂŒtung und freie Liebe bekannt wurde, Sacco und Vanzetti, bekannt als anarchistische MĂ€rtyrer, die vom Staat getötet wurden, und Nestor Makhno, der in der Russischen Revolution gegen die Bolschewiki und die Weißen Armeen kĂ€mpfte, die alle eine Vorstellung von Anarchismus als Martyrium und Aktivismus prĂ€gen.

Der vorhergehende Absatz ist ein Versuch, an der Mythologie ĂŒber den*die Anarchist*in vorbei zu huschen. Nicht wegen irgendeiner Ablehnung dieser Mythologien, da sie einige der menschlichsten Geschichten sind, die angesichts ihrer Gegnerschaft erzĂ€hlt werden können, sondern weil das VerstĂ€ndnis, dass es tiefere Geschichten des tatsĂ€chlichen menschlichen Kampfes und Inspiration gibt, dasjenige ist, was uns eine Beobachtung individueller Anarchist*innen liefern sollte. Es ist nicht das Ergebnis glamouröser Rebell*innen, dass die anarchistische Tradition der heutigen menschlichen Erfahrung Leben einhaucht. Ihre Geschichten veranschau-lichen die Tradition, ohne jeden unserer Anteile in ihr zu verdunkeln.

WĂ€hrend die UrsprĂŒnge des Anarchismus am meisten an der Wissenschaft der Staatskunst interessiert zu sein scheinen, hat sich der Anarchismus seitdem zu einer Kritik an Technologie, Religion, Kapitalismus und dem Staat entwickelt. Diese Entwicklung geschah, weil die Prinzipien, die eine*n zu dem Schluss fĂŒhren wĂŒrden, dass der Staat unterdrĂŒckerisch ist, natĂŒrlich zu der Schlussfolgerung fĂŒhrten, dass dieselben Systeme auch in anderen Arenen der menschlichen Erfahrung existieren. Was sind diese Prinzipien? Vaneigem hat sie so beschrieben.

«Obwohl jede*r von uns entlang des Weges als ganzes, lebendiges Wesen beginnt, mit der Absicht, genauso zurĂŒckzukehren, wie wir waren, als wir weggingen, haben wir uns in einem Labyrinth von verschwendeter Zeit völlig verloren, so dass das, was zurĂŒckkommt, nur ein Leichnam unseres Wesens ist, mumifiziert in dessen Erinnerungen. Das Streben der Menschheit nach Überleben ist eine Sage von Kindheit, die gegen Zerfall eingetauscht wurde.»

Vaneigem’s Wahl der Metaphern und das Prinzip eines «ersten Menschen» zieht sich durch die meiste libertĂ€re Literatur. Bakunin in Gott und der Staat veranschaulicht das Prinzip der GegensĂ€tzlichkeit.

«Die Abschaffung der Kirche und des Staates muß die erste und unerlĂ€ĂŸliche Bedingung fĂŒr die wahre Befreiung der Gesellschaft sein; erst danach kann die Gesellschaft auf andere Weise organisiert werden, aber nicht von oben nach unten und nach irgendeinem idealen Plan, der von einigen Weisen und Gelehrten ertrĂ€umt wurde, und schon gar nicht durch Dekrete, die von irgendeiner diktatorischen Macht oder gar von einer durch allgemeines Wahlrecht gewĂ€hlten Nationalversammlung erlassen werden. Wie ich bereits gezeigt habe, wĂŒrde ein solches System unweigerlich zur Schaffung eines neuen Staates und folglich zur Bildung einer Regierungsaristokratie fĂŒhren, d. h. einer ganzen Klasse von Individuen, die mit der Masse des Volkes nichts gemein hat und die sofort beginnen wĂŒrde, dieses Volk im Namen des Gemeinwesens oder zur Rettung des Staates auszubeuten und zu unterwerfen.»

Schließlich das Prinzip der Kooperation (statt Konkurrenz), wie es von Peter Kropotkin dargelegt wurde.

«Gegenseitige Hilfe ist ebenso ein Gesetz in der Tierwelt als gegenseitiger Kampf
 die als Entwicklungsfaktor höchstwahrscheinlich eine weit grĂ¶ĂŸere Bedeutung hat, insofern sie die Entfaltung solcher Gewohnheiten und EigentĂŒmlichkeiten begĂŒnstigt, die die Erhaltung und Weiterentwicklung der Arten, zusammen mit dem grĂ¶ĂŸten Wohlstand und Lebensgenuss fĂŒr das Individuum, beim geringsten Kraftaufwand, sichern.»

Obwohl nicht maßgebend, leiten sich die meisten modernen Inkarnationen des Anarchismus von diesen Prinzipien ab und beinhalten sie. Die Anwendung und Tiefe hat sich geĂ€ndert, aber die Idee, dass die Menschen einmal frei waren, es wieder sein können und es ethisch tun können, ist eine nĂŒtzliche Definition der anarchistischen Absicht.

In der Praxis ist diese Arbeit der sozialen Transformation mit politischem Aktivismus verbunden. Oft geschieht dies innerhalb grĂ¶ĂŸerer historischer Bewegungen, hĂ€ufig als Aktion entschlossener Individuen, um die RealitĂ€t zu transformieren, und am hĂ€ufigsten als die Ablehnung entfremdeter Menschen, die sich weigern, am sozialen und politischen Apparat teilzunehmen.

Es hat eine Vielzahl von Bewegungen gegeben, die eine artikulierte anarchistische QualitĂ€t hatten. Die Bewegung der Freien Geister des 13. und 14. Jahrhunderts (verstreut ĂŒber den EuropĂ€ischen Kontinent), inspirierte ein weibliches Mitglied zu den Worten «Ich habe alle Dinge erschaffen. Ich habe mehr erschaffen als Gott. Es ist meine Hand, die Himmel und Erde trĂ€gt. Ohne mich existiert nichts.» Die Diggers im England des 17. Jahrhunderts versuchten, öffentliches Land zum Wohnen zu nutzen, und wurden in der Folge aus ihren HĂ€usern verbrannt. Die Pariser Kommune befreite die Stadt fĂŒr 73 Tage, bevor die Armee die Stadt zurĂŒckeroberte und die Kommunard*innen abschlachtete. Anarchistische Sowjets bildeten das RĂŒckgrat der russischen Revolution, bevor sie von den Bolschewiki im Namen des Volkes vereinnahmt wurden. Die Industrial Workers of the World in den Vereinigten Staaten waren eine Arbeiter*innengewerkschaft, die versuchte, die Arbeitenden in â€čEine Große Gewerkschaftâ€ș gegen den Kapitalismus als Ganzes zu vereinen, und sie hatten einige Erfolge im Amerika des frĂŒhen zwanzigsten Jahrhunderts, bevor viele ihrer FĂŒhrungspersonen eingesperrt oder in die Sowjetunion verschifft wurden. Die ‚Propagandist*innen der Tat‘ ermordeten erfolgreich FĂŒhrungspersonen von Frankreich (Carnot, 1894), Österreich (Elisabeth, 1898) und den Vereinigten Staaten (McKinley, 1901). Millionen von Menschen kollektivierten ihr Land und ihre ArbeitsplĂ€tze im Spanischen BĂŒrgerkrieg (1936 − 1937), nur um von ihren eigenen Kompromissen und den Faschist*innen (aber besonders den Faschist*innen) besiegt zu werden. Schließlich sind in unserer Parade der anarchistischen Momente die Ereignisse des Mai ’68 in Frankreich zu nennen, wo eine Koalition von Student*innen und Arbeiter*innen die französische Nation fĂŒr fast einen Monat in die Knie zwang.

Vor der großen historischen Kulisse hat sich die eigentliche Geschichte der praktizierten Anarchie in einem viel kleineren Rahmen abgespielt. Ob im linken Raum der Gegenkultur (Wohngemeinschaften, kleine Kooperativen), in der Selbsthilfebewegung (Anonyme Alkoholiker*innen usw.) oder in der Jugend-Gegenkultur; die Prinzipien des Lebens nach ethischen GrundsĂ€tzen, ohne Hierarchien (und den Menschen, die sie lieben), in Kooperation mit anderen Menschen und in Opposition zur AutoritĂ€t ist ein wichtiger Teil unserer menschlichen Erfahrung.

Was ist nicht-EuropÀischer Anarchismus?

Es reicht nicht aus, alles, was bisher ĂŒber Anarchismus und Europa gesagt wurde, anzunehmen und damit unsere Arbeit als erledigt zu betrachten. Einfach ausgedrĂŒckt: Ein nicht-EuropĂ€ischer Anarchismus ist nicht auf dem Radar der meisten Menschen. Die meisten â€čMenschen of colorâ€ș, selbst innerhalb der antiautoritĂ€ren SphĂ€re, beziehen ihren politischen Schwer-punkt eher aus den Bewegungen fĂŒr Rechte der letzten Jahrzehnte als aus ihrer eigenen kulturellen Praxis oder aus einer Synthese dessen, was sein könnte.

Es gibt Dinge, die wir aus dem, was wir behandelt haben, destillieren können. Europa ist ein Ort, ein Symbol, ein*e UnterdrĂŒcker*in, eine Geschichte und ein Weg, unseren aktuellen Zustand zu verstehen. Es ist ein Gravitationszentrum, dem sich Menschen, die sich mit sozialem Wandel beschĂ€ftigen, nur schwer entziehen können. Es gibt Aspekte des traditionellen Anarchistischen Kanons, an denen es sich lohnt, festzuhalten.

Die Bildung eines nicht-EuropÀischen Anarchismus ist unhaltbar. Der Begriff suggeriert eine allgemeine Bewegung, wenn das Ziel eine unend-liche Reihe von verschiedenartigen Bewegungen ist. Ein nicht-EuropÀischer Anarchismus ist die kleine Skizze dessen, was ein Afrikanischer Anarchismus sein könnte, ein Maquiladora Anarchismus, ein Plains-Indian Anarchismus, ein innerstÀdtischer Anarchismus und so weiter.

Es sollte eine Kategorie fĂŒr jede selbstbestimmte Gruppe von Menschen geben, um ihre eigene Interpretation eines nicht-EuropĂ€ischen Anarchismus zu formen. Das Prinzip ist, dass der EuropĂ€ische Anarchismus, wenn er auf die Schultern der Menschen verlagert werden könnte, die außerhalb der Last des EuropĂ€ischen Systems leben, viel leichter zu tragen wĂ€re. Er könnte â€čanarchistischerâ€ș getragen werden, als wenn er von der derzeitigen Gruppe der kosmopolitischen Materialist*innen bewacht wird.

Was sind also die Aspekte des Anarchismus, die es wert sind, zu bean-spruchen, was sind die Prinzipien eines nicht-EuropĂ€ischen Anarchismus, wie wĂŒrde die Praxis eines nicht-EuropĂ€ischen Anarchismus aussehen und wie wĂŒrde ein nicht-EuropĂ€ischer anarchistischer Umgang mit modernen Problemen aussehen? Die Bewertung des Anarchismus im Kontext seiner Geschichte als politische Bewegung, seiner gegenwĂ€rtigen PrĂ€sentation als soziale und politische Bewegung und dessen, was er einer nicht-EuropĂ€ischen Perspektive zu bieten hat, hat ihre Komplikationen. Die Tradition zu respektieren ist fĂŒr viele seiner AnhĂ€nger*innen nicht genug, sie verlangen auch das Festhalten an ihrer besonderen Definition. Wenn du nicht dem syndikalistischen Ansatz in der Frage der Gewerkschaften oder dem kommunistischen Ansatz in der Frage der Wirtschaft oder dem individualistischen Ansatz in der Frage der Organisation und der persönlichen Freiheit zustimmst, wirst du sicher davon hören. Diese Fragen haben Bedeutung in dieser Welt, zwischen den AnhĂ€nger*innen der einen oder anderen Tendenz, sind aber fĂŒr diejenigen von uns außerhalb dieses Kanons nicht besonders interessant.

Bei allem Respekt vor seiner Geschichte und mit einem klaren Blick hinsichtlich meiner eigenen Voreingenommenheiten gegenĂŒber dem modernen Anarchismus sind die Aspekte des Anarchismus, die fĂŒr einen nicht-EuropĂ€ischen Anarchismus relevant sind, seine Perspektiven in Bezug auf Dezentralisierung, gegenseitige Hilfe, Macht, kulturelle Voreingenommenheit, einzelne Lösungen fĂŒr politische Fragen und die Ablehnung von AutoritĂ€t.

Ein nicht-EuropĂ€ischer Anarchismus wĂŒrde sich höchstwahrscheinlich mit anderen PrioritĂ€ten beschĂ€ftigen als der moderne Anarchismus. Er wĂŒrde sich auf seine Traditionen berufen, um â€čorganisatorischeâ€ș Fragen zu lösen. Er wĂŒrde strategische Fragen des sozialen Wandels neben Fragen des kulturellen Erbes und traditioneller Ansichten angehen. Fragen der Anwerbung, Propaganda und Motivation wĂŒrden fĂŒr einen nicht-EuropĂ€ischen Anarchismus ganz anders aussehen.

Um ein mögliches Beispiel anzusprechen… Ein in den Waldgebieten einheimischer Anarchismus könnte sich den Lebensgewohnheiten der Stadtbewohner*innen entziehen und sich stattdessen fĂŒr sehr wenige fixe Orte im Laufe eines Jahres und einen allgemein saisonalen Lebensstil entscheiden. Die Organisation könnte wie eine Reihe von Gruppen mit Konsensentscheidungen aussehen, die sich mit verschiedenen Elementen des tĂ€glichen Lebens beschĂ€ftigen. Die Politik wĂŒrde sich mit Fragen der Nahrungsbeschaffung, dem Umgang mit Außenstehenden, dem Reisen und der Verhandlung von Konflikten befassen. Dies könnte nur in einer anderen Welt möglich sein.

Wie könnte ein nicht-EuropÀischer Anarchismus in dieser Welt aussehen? Wie könnte die Zersplitterung einer bereits winzigen politischen Tendenz entlang kultureller Linien sie verbessern? Ein Hauptanliegen der meisten Menschen, die die eurozentrischen Aspekte des Anarchismus kritisieren,
ist seine Tendenz, den PrioritĂ€ten ihrer kulturellen Gruppe keinen hohen Stellenwert einzurĂ€umen. Sie haben natĂŒrlich recht, aber strukturell gibt es sehr wenig (wenn nicht gar nichts), was moderne Anarchist*innen dagegen tun können. Die Resignation der Anarchist*innen, sich auf die fundamental liberalen Vorstellungen von ReprĂ€sentation zu verlassen, spricht fĂŒr sich selbst. Es ist nicht nur nicht sonderlich erfolgreich, wenn es darum geht, Menschen aus anderen Kulturen anzuziehen, es verankert Ressentiments in der autoritĂ€ren, willkĂŒrlichen und â€čpolitisch korrektenâ€ș Behauptung von Gleichheit auf der Grundlage von Demografien. WĂ€re die Form der sozialen Organisierung entlang kultureller Linien, gĂ€be es diese Probleme nicht. Die Probleme wĂ€ren anders, aber sie wĂŒrden nicht zu Lösungen fĂŒhren, die eine Niederlage beinhalten. Breitere soziale Organisierung, wie zwischen zerstreuten Gruppen, kann beginnen, anstatt nur entlang der EuropĂ€ischen Tradition, entlang einer Vielzahl von Traditionen konzipiert zu werden. Das KĂ€mpfen gegen die gegenwĂ€rtigen politischen Formen wĂŒrde eine viel komplexere Ebene der Partizipation widerspiegeln, von der wir nur hoffen können, dass sie zu interessanteren Ergebnissen fĂŒhren wĂŒrde.

[1] Enquiry Concerning Political Justice and its Influence on Morals and Happiness, von William Godwin (Untersuchung ĂŒber politische Gerechtigkeit und ihren Einfluß auf Moral und GlĂŒckseligkeit, Anm. d. Übers.)

[2] The Movement of the Free Spirit, von Raoul Vaneigem (Die Bewegung des Freien Geistes, Anm. d. Übers.)

[3] Gott und der Staat von Michail Bakunin

[4] Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt von Peter Kropotkin




Quelle: Anarchistischebibliothek.org