Februar 17, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Aus dem Englischen eines CrimethInc-Beitrags, teilĂŒbersetzt[1] von Elany

Gestern vor einem Jahr, am 13. Februar 2020, ist der langjĂ€hrige Anarchist Aragorn! verstorben. Als unermĂŒdlicher Polemiker hat Aragorn! viel anarchistische Infrastruktur aufgebaut und aufrechterhalten, wovon er vieles nie fĂŒr sich beansprucht hat.

Wenn wir die Arbeit von Aragorn! ĂŒber die Jahre hinweg verfolgen, können wir mit frĂŒhen Zines wie Oppression Song und ATR (After the Revolution) beginnen. Aus der veganen Straightedge-Hardcore-Szene kommend, veröffentlichte er Rezensionen in Maximum RocknRoll und HeartattaCk; er trug zu Anarchy: A Journal of Desire Armed und Green Anarchy, den Flaggschiffen der „post-linken“ Theorie bzw. der grĂŒnen anarchistischen Agitation bei, und half bei der Herausgabe des letzteren. Er grĂŒndete auch das anarchistische Nachrichten-Outlet anarchistnews.org.

Aragorn! half dabei, Ardent Press zu grĂŒnden, das sich zu dem Verlags- und Distributionsprojekt Little Black Cart erweiterte. Er half dabei, eine Reihe von Zeitschriften zu starten, darunter Attentat und Black Seed. Er war an einer Vielzahl von Podcasts beteiligt, vom frĂŒhen TCN Radio bis zum neueren Anews-Podcast, Anarchy Bang und dem Brilliant. Er hostete unzĂ€hlige Webseiten fĂŒr andere anarchistische Projekte aus den unterschiedlichsten Perspektiven.

Als junger Mensch war Aragorn! Teil des Kollektivs, das das Che Café unterhielt, ein seit Jahrzehnten bestehender autonomer Raum in San Diego. SpÀter war er am Long Haul infoshop in Berkeley und der Berkeley Anarchist Study Group beteiligt, der wahrscheinlich am lÀngsten bestehenden anarchistischen Lesegruppe in den USA. Zusammen mit GefÀhrt:innen aus diesen Kreisen half er, die jÀhrliche BASTARD-Konferenz und die East Bay Anarchist Book Fair zu organisieren.

Zu den wichtigsten Ressourcen, die er uns hinterlĂ€sst, gehört theanarchistlibrary.org, eine weitreichende Sammlung von anarchistischen Texten. Du kannst dort eine Auswahl seiner Arbeit finden. Ein guter Startpunkt ist sein Essay „Anarchy without Road Maps or Adjectives“, der sich auch heute noch frisch anfĂŒhlt (Übersetzung folgt).

Keines der genannten Projekte war allein von ihm, aber alle zeigen die PrÀgung seines Ansatzes zum Anarchismus.

Aragorn! trug dazu bei, eine Vielzahl von umstrittenen Strömungen im anarchistischen Milieu zu fördern, wĂ€hrend er jede von ihnen der Reihe nach kritisierte. Dazu gehören der „post-linke“ Anarchismus (obwohl er zu der Überzeugung kam, dass „post-links“ ein unzureichender Rahmen ist); der grĂŒne Anarchismus (obwohl er den Anarcho-Primitivismus kritisierte); der queere Anarchismus (er half bei der Veröffentlichung der Bash Back!-Anthologie, wobei er andeutete, dass die Autor:innen nicht erkannten, dass sie es nicht geschafft hatten, dem Strahl der IdentitĂ€tspolitik zu entkommen); die französische Strömung, die von Tiqqun, Appel und The Coming Insurrection verkörpert wurde (obwohl er ihren US-AnhĂ€nger:innen vorwarf, eine Sekte grĂŒnden zu wollen); und den aufstĂ€ndischen Anarchismus der italienischen Variante (obwohl er wiederum glaubte, dass US-Anarchist:innen ihn auf seine oberflĂ€chlichsten Aspekte reduzierten). Er bezahlte fĂŒr den Druck einer kostenlosen Zeitung, die alle KommuniquĂ©s der Student:innenbesetzungsbewegung von 2009-2010 sammelte, die die BĂŒhne fĂŒr die Occupy-Bewegung bereitete, obwohl er dem neuen Trend des „Anti-Staatskommunismus“, der darin zum Ausdruck kam, kritisch gegenĂŒberstand.

In den letzten Jahren hat er sich wieder dem indigenen Anarchismus zugewandt und eine Reihe von Interviews in Black Seed veröffentlicht. Seine Essays Toward a non-European Anarchism und A Non-European Anarchism (Übersetzungen werden bald folgen) bleiben wertvolle BeitrĂ€ge zu diesem Thema, ebenso wie sein kĂŒrzlich erschienenes Buch The Fight for Turtle Island.

Aragorn! hat die Initiative ergriffen, um die anarchistische Kritik an einer Vielzahl von Fronten zu erweitern und zu vertiefen. Wie er ĂŒber LBC sagte, „geht es bei unserem Projekt in erster Linie darum, die Botschaften anderer Leute in die Welt zu tragen.“ Es gab sehr wenig, dem er uneingeschrĂ€nkt zustimmte, aber er wurde von einem persönlichen Ehrgeiz angetrieben, einen blĂŒhenden Raum des Denkens und des Konflikts zu schaffen, der die bestehende Ordnung herausfordern konnte. Er sah im Konflikt selbst einen Wert, den zu verstehen wir uns schuldig sind.

Hardcore

Wie tausende andere rebellische Jugendliche seiner Generation wuchs Aragorn! in der Hardcore-Szene auf. Die Hardcore-Szene der 1980er Jahre basierte auf einem stark individualistischen Konzept des Subjekts, nicht unĂ€hnlich dem mittelalterlichen islĂ€ndischen epischen Helden: ein grimmig unabhĂ€ngiger Protagonist, der sich von einem persönlichen Ehrenkodex leiten lĂ€sst, der intensive und doch belastende Bindungen zu einigen wenigen engen Freund:innen unterhĂ€lt und der ganzen Welt kĂŒhn den Krieg erklĂ€rt, ohne Hoffnung auf einen Sieg. Wenn sich das wie eine Übertreibung anhört, dann lies die Texte von Side by Side, einer von Aragorns Lieblings-Hardcore-Bands aus seiner Skinhead-Zeit. Dieses EinzelkĂ€mpfer:innen-Ethos bildete die BĂŒhne fĂŒr epische Schlachten, in denen eins sich gegen Rival:innen, Jocks, Cops, Bosse, Nazi-Skinheads, die Notwendigkeit, seine Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen, und andere Ungeheuerlichkeiten beweisen konnte – nicht, um das Ende ihrer Herrschaft herbeizufĂŒhren, sondern um etwas außerhalb von ihnen zu verkörpern.

Einige, die in dieser Szene aufgewachsen sind, blieben individualistisch und waren folglich isoliert und besiegt; wenn es du gegen die Welt bist, setze auf die Welt. Andere, deren StĂ€rke auf einer imaginĂ€ren „Einheit“ mit anderen in der Szene beruhte, gaben auf und assimilierten sich. Aragorn! schloss sich den Punks der 1990er Jahre an, die eine dritte Option suchten und versuchten, ihre Beziehungen unter ganz anderen PrĂ€missen neu aufzubauen – das Beste aus UnabhĂ€ngigkeit und Interdependenz zu vereinen. Er reiste in diesen Netzwerken durch die USA, lebte von Job zu Job und von Betrug zu Betrug, las die Situationist:innen und entwickelte seine Analyse.

Dies ist kaum die einzige Möglichkeit, Aragorns Jugend zu interpretieren. Aber es bringt einige wiederkehrende Themen auf den Punkt: Als armer Teenager aus dem Mittleren Westen im wohlhabenden Marin County ankommend, in ĂŒberwiegend weißen Punk- und Anarchist:innenkreisen teilnehmend und als Nachkomme eines indigenen Volkes, das dem Genozid ausgesetzt war, erlebte Aragorn! wiederholt die Spannungen zwischen individueller und kollektiver Rebellion – und die Dynamik, die selbst Rebell:innen in Eingeschlossene und Ausgeschlossene teilt.

Der Störenfried

Schneller Vorlauf ins 21. Jahrhundert. 2012 war anarchistnews.org zum wichtigsten Nachrichten- und Diskussionsportal einer anarchistischen Wiederauferstehung geworden, angetrieben von einer aufkeimenden aufstĂ€ndischen Strömung. Das Kollektiv um Little Black Cart veröffentlichte jeden Monat ein neues Buch. Doch obwohl die Infrastruktur, die Aragorn! und seine GefĂ€hrt:innen aufgebaut hatten, zentral fĂŒr das war, was Tausende von Anarchist:innen in den Vereinigten Staaten taten, blieb er eine polarisierende Figur.

Das lag zum Teil an GrĂŒnden, die seiner Zeit vorausgingen. Murray Bookchins Streitschrift „Social Anarchism or Lifestyle Anarchism“ hatte 1995 eine „unĂŒberbrĂŒckbare Kluft“ ausgerufen, indem sie allen Anarchist:innen, die nicht Bookchins spezifische Art von Anarchismus vertraten, eine erfundene IdentitĂ€t zuschrieb und versuchte, sie aus der historischen Tradition auszuschließen. Sogenannte „Lifestyle-Anarchist:innen“ reagierten in gleicher Weise und lösten einen eskalierenden Konflikt aus, der viele Gruppen gegeneinander verbitterte, darunter AK Press und Anarchy: A Journal of Desire Armed. Aragorn! erbte diesen Konflikt – und umarmte ihn.

In diesem Kontext wĂ€hlte Aragorn! einen grundlegend kĂ€mpferischen Ansatz fĂŒr die Infrastruktur. Er wĂ€hlte ein Ziel aus – fast immer etwas, das er als zahmes, konservatives anarchistisches Projekt wahrnahm – und versuchte, es mit seiner eigenen Version zu verdrĂ€ngen. Als Ort fĂŒr Nachrichten und Diskussionen sollte anarchistnews.org infoshop.org verdrĂ€ngen, was auch gelang, als der Online-Diskurs antagonistischer wurde. In Ă€hnlicher Weise ahmte Little Black Cart das Modell von PM Press nach. Im schlimmsten Fall war dieser Ansatz reaktiv und beschrĂ€nkte seine BemĂŒhungen darauf, bestehende Modelle zu imitieren, anstatt neue Experimente neben langjĂ€hrigen anarchistischen Projekten zu etablieren.

Wann immer er mit einem Wettbewerb konfrontiert wurde, war Aragorn! entschlossen zu gewinnen. Wie er in „Be Relentless“ erklĂ€rte:

„Dieses Engagement fĂŒr Spannung, Wettbewerb und Konflikt [
] macht mich im Allgemeinen zu einer nicht angenehmen Person, aber es macht mich großartig. Wenn ich mich einem Problem oder einem Interesse zuwende, habe ich das GefĂŒhl, dass ich unerbittlich bin, wenn es darum geht, es anzugreifen, aufzubauen oder zu nĂ€hren. Ich habe meine Misserfolge (vor allem im zwischenmenschlichen Bereich) ernst genommen und suche weiterhin nach anderen unerbittlichen Menschen, mit denen ich mich umgeben kann. Ich denke, du solltest dasselbe tun.“

Es ist leicht, dies als bloßes Streben nach Macht abzutun. Aber die Logik hinter seiner Kampfeslust bedarf weiterer Überlegungen.

Erstens, wie er nicht mĂŒde wurde zu betonen, verfolgte Aragorn! eine andere Idee von Anarchie als seine Rival:innen. Er sah den Wert der Revolte eher als immanent denn als prĂ€figurativ an – mit anderen Worten, er glaubte, dass ein Akt der Rebellion, um sinnvoll zu sein, einen intrinsischen Wert haben sollte, ohne die Gewissheit, dass die Zukunft Vorteile fĂŒr die Investition bringt. Er war so misstrauisch gegenĂŒber der Idee der Revolution als große Sache, der es zu dienen gilt, dass er oft GefĂ€hrt:innen, die ihre eigenen, selbstgesteuerten Projekte verfolgten, beschuldigte, sich an etwas zu beteiligen, was er spöttisch als „Aktivismus“ oder „strugglismo“ bezeichnete. So erklĂ€rte er im Sommer 2018 gegenĂŒber einem Interviewer: „FĂŒr mich geht es bei der Idee, der schönen Idee, darum, wie eins Ideen mit dem Leben verbinden kann. Es geht nicht um ‚den Kampf‘.“

In gewisser Weise ist das genau die Haltung, die Bookchin als „lifestylistisch“ verunglimpft und als Kritik der Entfremdung verfeinert und theoretisiert hat. Aragorns Analyse könnte wahnsinnig inkohĂ€rent erscheinen.

Aber in diesem Streit geht es um mehr als um die Frage, was es bedeutet, subversiv zu sein. In Aragorns Schriften sehen wir, wie er die Übereinkunft selbst problematisiert und gleichzeitig eine agonistische Vision sozialer Beziehungen vertritt, die auf generativen Konflikten basiert. In einer Gesellschaft, in der das Festhalten an der KonsensrealitĂ€t eines der Haupthindernisse fĂŒr die Revolte ist, zielte er darauf ab, Unbehagen und Unfrieden zu fördern:

„Es sind die Polizist:innen, die umsetzen, die mittleren Manager:innen, die die Bedingungen ausarbeiten, die Lehrer:innen und Eltern, die uns davon ĂŒberzeugen, dass es kein Äußeres gibt, und die KĂ€ufer:innen, Lohnarbeiter:innen und Demonstrierenden, die den Bedingungen der Vereinbarung zustimmen
 Mein GefĂŒhl ist, dass die Vereinbarung das Problem ist und der Prozess, durch den eins herausfindet, worauf wir uns geeinigt haben, ist einer, durch den ich weiterhin verfĂŒhrt werden kann. Ich mag dich hassen, aber in deiner dummen, unĂŒberlegten, unreifen, dummen Sehnsucht liebe ich dich immer noch. Beides ist gleichzeitig wahr.“

-Aragorn!, “As much as I hate you, work is worse,” 4. Juli 2015

Die gleiche Ambivalenz in dieser Passage taucht an anderer Stelle wieder auf, wenn Aragorn! seine GefĂŒhle zum anarchistischen Milieu beschreibt: „Offensichtlich ist es Liebe und Hass, aber wenn Liebe eine Entscheidung darĂŒber ist, mit wem du leben und sterben willst
 Ich bin immer noch hier.“

Wenn Übereinstimmung das Problem ist, wie verhĂ€lt eins sich dann gegenĂŒber denen, die eins liebt? Gegen Ende seines Lebens kehrte Aragorn! zu der Frage zurĂŒck, wie eins die Grundprinzipien des Anarchismus beschreiben könnte und einigte sich auf „Angriff“ als Ausdruck der Liebe:

„Ich wĂŒnsche mir Freiheit und denke, dass Zeit, Angriff und meine freiwilligen Vereinigungen notwendig sind, um sie zu erreichen. Bevor ich frei bin, denke ich, dass die Vorbedingungen der Freiheit es wert sind, methodisch durchzugehen, ich tue dies durch Veröffentlichungen, aber ich erkenne an, dass es bessere Wege geben kann, die eine andere soziale Organisation erfordern als die, zu der ich Zugang habe. Aber in diesem Raum der Schaffung von Voraussetzungen versuche ich, transparent, poetisch und offen zu sein, mit wem ich arbeite und wie wir es tun. Ich strebe eine Umgebung an, die eher ein Sowohl-als-auch als ein Entweder-Oder ist. GleichgĂŒltigkeit, Ausgrenzung und Isolation sind Formen des Hasses. Angriff ist eine Form von Liebe.“

-Aragorn!, „Anarchist Principles redux“, 23. Oktober 2018

Dies sollte helfen, Aragorns hartnĂ€ckigen Contrarianismus zu verdeutlichen. Indem er das kĂ€mpferische Ethos der Hardcore-Szene, gefiltert durch Nietzsche, beibehielt, machte er sich daran, alles GekĂŒnstelte und Pietistische in seinen GefĂ€hrt:innen wie auch in der Gesellschaft als Ganzes anzugreifen und zu kritisieren. Besonders verĂ€rgert war er ĂŒber die performative Tugend und die manichĂ€ischen Vorstellungen von Gut und Böse:

„Eine allgemeine Feindseligkeit, die ich gegenĂŒber vielen Anarchist:innen habe, ist die allgemeine Einstellung, dass Anarchist:innen dazu neigen, fĂŒr gute Dinge und gegen schlechte Dinge zu sein
 Wir sind gegen schlechte Dinge, also sind wir auch gegen uns selbst.“

„Sowohl/als auch“ bedeutet, das Positive und das Negative, das Gute und das Schlechte anzuerkennen, die allesamt Ziele der Kritik sein können.

Kritik ist die Waffe der Wahl des Störenfrieds, eine Waffe, mit der er oft eine nĂŒtzliche Rolle ausĂŒbt. Aber in einem Milieu, das auf ideologischer Übereinstimmung beruht, ist die Grenze zwischen Störenfried und SĂŒndenbock sehr schmal.

Der SĂŒndenbock

Der Nonkonformist, dessen Trotz es ihm ermöglicht, mit der herrschenden Ordnung zu brechen, ihn aber letztendlich die Gesellschaft anderer Rebell:innen kostet: Das ist eine Geschichte, die viel Àlter ist als die anarchistische Bewegung.

Aragorn! verstand die Risiken, die damit verbunden sind, sich in GrollkĂ€mpfe zu verstricken. Er fasste vieles von dem, was er aus den Missgeschicken der vorherigen Generation von post-linken Anarchist:innen gelernt hatte, in einem Kiss-Off an Bob Black zusammen. Doch wenn du dieses Essay durchgehst und den Namen „Bob Black“ durch „Aragorn!“ ersetzt, klingt vieles davon immer noch wahr. Muster sind sehr schwer zu durchbrechen – wie Aragorn! oft betonte.

Aragorn! kĂ€mpfte mit dem Neid auf den Erfolg anderer und hatte aufgrund seiner Erfahrung Grund zu der BefĂŒrchtung, dass er sich isoliert und ausgeschlossen fĂŒhlen könnte, wenn andere die ErzĂ€hlung kontrollieren könnten. Dies wurde zu einer selbsterfĂŒllenden Prophezeiung: was andere als seine AnhĂ€ufung von Macht ohne RĂŒcksicht auf ihr Wohlergehen wahrnahmen, trieb sie dazu, Projekte zu etablieren, die keinen Platz fĂŒr ihn ließen. Jedes totalisierende Modell, das es nicht schafft, das Ganze zu umfassen, ruft unweigerlich seine eigene Opposition hervor.

Aragorns verschiedene Konflikte mit anderen Anarchist:innen sind nicht so interessant wie die Tatsache, dass diese Konflikte nach einem so bekannten Muster abliefen, dass die Details praktisch unerheblich sind. Sturheit gibt und Sturheit nimmt. Ebenso beeilt sich in der klaustrophobischen AtmosphĂ€re des Milieus jede jĂŒngere Generation, die ödipalen Riten des Vatermordes zu wiederholen, was garantiert, dass sich der Kreislauf des Aderlasses wiederholt, sobald die nĂ€chste Generation erwachsen wird.

Dies fasst zusammen, was fĂŒr ein Mensch Aragorn! war: er hat die Webseite fĂŒr die Seattle Anarchist Book Fair weiter gehostet, selbst nachdem Little Black Cart von der Teilnahme an dieser verboten wurde. Viele verschiedene Aspekte seiner Geschichte sind in dieser einen Anekdote verwoben.

In jeder Gruppe gibt es eine Person, die weithin als die Schlimmste von allen angesehen wird, die Abscheulichste. SĂŒndenböcke haben die Funktion, dass alle anderen zusammenkommen und das GefĂŒhl haben, dass sie etwas gemeinsam haben: Wenn schon nicht die Tatsache, dass sie nicht der SĂŒndenbock sind, so haben sie doch alle etwas gemeinsam. Die anderen beeilen sich zu demonstrieren, wie sehr sie dazugehören, indem sie den SĂŒndenbock mit Hohn und Spott ĂŒberhĂ€ufen – bis eines Tages der SĂŒndenbock nicht mehr da ist und die Rolle an den nĂ€chsten in der Reihe ĂŒbertragen wird.

Wenn wir Teil einer Gemeinschaft wĂ€ren, die durch mitfĂŒhlende und nachhaltige Wege der Beziehung verbunden ist, wĂŒrden wir erkennen, dass der SĂŒndenbock eine essentielle Rolle spielt, eine heilige Rolle. Wir wĂŒrden Gewohnheiten haben, mit denen wir diejenigen, die in Gefahr sind, die Rolle des SĂŒndenbocks einzunehmen, heimlich ehren und beschĂŒtzen, ohne die Situation fĂŒr alle Beteiligten explizit zu machen. Wir wĂŒrden uns nicht beeilen, SĂŒndenböcke auszugrenzen und zu isolieren, wir wĂŒrden die Zeit nicht ĂŒberstĂŒrzen, in der wir uns in ihren Schuhen wiederfinden könnten. Indem wir diejenigen, die anders sind, sicher unter uns halten, halten wir uns selbst sicher. Das gilt auch fĂŒr die Frustrierendsten, die Ausgefallensten, die Kontroversenreichsten.

Wie können wir kritisch sein, ohne Menschen auszuschließen? Wie können wir Raum fĂŒr Unterschiede schaffen, ohne ToxizitĂ€t einzuladen? Wie können wir Ă€ltere Generationen respektieren und sie weiterhin einbeziehen, ohne ihre Fehler zu verherrlichen? Wie können wir selbst Angriffe in einen Ausdruck der Liebe verwandeln? Dies sind die Fragen, denen wir uns stellen mĂŒssen.

Letztendlich war Aragorns Wettkampf nicht mit uns, sondern mit dem Tod. Er hatte ihn die ganze Zeit ĂŒber verfolgt, tödlicher als das Szenedrama – genauso wie er uns alle erwartet.

Wenn eine:r von uns stirbt, werden wir daran erinnert, wie sehr wir alle miteinander verbunden sind, wie sehr wir voneinander abhĂ€ngig sind und einander als selbstverstĂ€ndlich ansehen, selbst diejenigen, die wir als unsere Feind:innen betrachten. Wir haben die Gelegenheit, unsere WertschĂ€tzung und FĂŒrsorge fĂŒreinander zu bekrĂ€ftigen, um einander gerecht zu werden – sowohl den Lebenden als auch den Toten.

Wir halten das Andenken an Aragorn vor allem deshalb in Ehren, weil er so intensiv und leidenschaftlich gelebt hat – weil er seine Art zu sein auf die Spitze getrieben hat, indem er all ihre Vor- und Nachteile fĂŒr alle sichtbar demonstriert hat, absolut einzigartig und unersetzlich. Wir können alle danach streben, das Gleiche zu tun, bevor unsere Zeit kommt.

„Vielleicht können wir eine Reihe von GesprĂ€chen darĂŒber beginnen, wie jede:r von uns, wie jeder Typ von Persönlichkeit und FĂ€higkeiten zu einem komplexen sozialen Umfeld beitragen kann, das die Liebe zur Schönen Idee teilt und andere respektiert, die das Gleiche tun. Vielleicht kann dieser Respekt etwas mehr bedeuten, als das Internet zu demonstrieren vermag. Ich weiß, dass fĂŒr mich die Projekte dieser großen Gruppe von Menschen, die nach der Schönen Idee streben, immer interessant sind, auch wenn ich nicht mit ihnen ĂŒbereinstimme.“

-Aragorn!, „Cooperation“, 22. April 2017

Aragorn! ist tot. Lang lebe die Anarchie!


[1]In dieser Übersetzung fehlen die Erinnerungen der GefĂ€hrt:innen Aragorns. Diese werde ich wahrscheinlich zum nĂ€chsten Todestag ĂŒbersetzen.

anarchist*feminist*queer*vegan*somewhat anti-civ

~ Burn this world to build a new. ~

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Quelle: Schwarzerpfeil.de