Januar 26, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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Es ist einfach genug, sich ĂŒber Politik auszulassen. Es ergibt sich von selbst und meistens wird die direkte Antwort die Fragestellenden nicht wirklich befriedigen, noch ist es angebracht, unsere Politik auf diese Welt zu fixieren, auf das, was sich unbewegbar anfĂŒhlt. Politik ist, wie Erfahrung, eine subjektive Art, die Welt zu verstehen. Im besten Fall bietet sie ein tieferes Vokabular als geschwĂ€tzige PlattitĂŒden darĂŒber, gut zu den Menschen zu sein, im schlimmsten Fall (und am hĂ€ufigsten) rahmt sie Menschen und Ideen in eine Ideologie ein. Ideologie ist, wie wir uns ganz bewusst sind, eine schlechte Sache. Warum? Weil sie Fragen beantwortet, die uns besser weiterhin verfolgen sollten, weil sie versucht, eine dauerhafte Antwort auf etwas zu geben, das bestenfalls vorĂŒbergehend ist.

Es ist leicht, sich ĂŒber Politik bedeckt zu halten, aber lass uns fĂŒr einen Moment eine Möglichkeit ausmalen. Nicht, um einander zu sagen, was zu tun ist, oder um einander eine Antwort auf jede Frage zu geben, die sich stellen könnte, sondern um eine Pause von der Zögerlichkeit zu nehmen. Lass uns vorstellen, wie ein indigener Anarchismus aussehen könnte.

Wir sollten mit dem anfangen, was wir haben, und das ist nicht viel. Was wir in dieser Welt haben, ist die Erinnerung an eine Vergangenheit, die von GeschichtsbĂŒchern verschleiert wird, an einen Ort, der kahlgeschlagen, begrĂŒnt und zugepflastert wurde. Wir teilen diese Erinnerung mit unserer erweiterten Familie, mit der wir uns zanken, die uns zutiefst am Herzen liegt, und die oft an das glauben, was wir nicht haben. Das, was wir haben reicht nicht aus um diese Welt zu gestalten, aber es reicht in der Regel aus, um uns durchzubringen.

Wenn wir diese Welt gestalten wĂŒrden (eine Gelegenheit, die wir sicherlich ablehnen wĂŒrden, wenn sie uns angeboten wĂŒrde), wĂŒrden wir mit einem großen Feuer beginnen. Wir wĂŒrden wahrscheinlich in den StĂ€dten beginnen, wo mit all den hölzernen Strukturen der Macht und dem Unterholz der institutionellen Anmaßung das Feuer sicherlich hell und fĂŒr eine sehr lange Zeit brennen wĂŒrde. Es wĂŒrde hart sein fĂŒr die Spezies, die an diesen Orten lebte. Es wĂŒrde sehr schwer sein, sich daran zu erinnern, wie es war zu leben, ohne sich auf Totholz und Feuerwehren stĂŒtzen zu können. Aber wir wĂŒrden uns erinnern. Dieses Erinnern wĂŒrde nicht wie ein Skill-Sharing oder ein Erweiterungskurs in den Methoden des Überlebens aussehen, sondern ein Bewusstsein dafĂŒr, dass wir, egal wie geschickt wir persönlich sind (oder uns dafĂŒr halten), unsere erweiterte Familie brauchen.

Wir werden uns gegenseitig brauchen, um sicherstellen zu können, dass die Flammen, wenn sie denn kommen sollten, das Gebiet, in dem wir gemeinsam leben, frei rĂ€umen wĂŒrden. Wir werden es von dem Brennstoff befreien mĂŒssen, der die derzeitigen Probleme am Ende nur wiederholen wĂŒrde. Wir werden dafĂŒr sorgen mĂŒssen, dass die Samen, die NĂ€hrstoffe und die Erde jenseits unserer Möglichkeiten der Kontrolle verstreut werden.

Haben wir die Flammen einmal ĂŒberwunden, werden wir ein gemeinsames Leben anfertigen mĂŒssen. Wir werden uns daran erinnern mĂŒssen, wie soziales Verhalten aussieht und wie es sich anfĂŒhlt. Wir werden heilen mĂŒssen.

Wenn wir anfangen zu untersuchen, wie das Leben sein könnte, jetzt, wo alle Ausreden weg sind, jetzt, wo alle Tyrann*innen menschliche GrĂ¶ĂŸe und Gestalt haben, werden wir viele Dinge berĂŒcksichtigen mĂŒssen. Wir werden immer den Gegenstand des Maßes berĂŒcksichtigen mĂŒssen.
Wir werden die Erinnerung an die ersten Menschen bewahren mĂŒssen und wir werden jene Menschen im GedĂ€chtnis behalten mĂŒssen, die die Erinnerung an Streichhölzer bewahrt haben und wo und wann sie durch das vergangene verwirrende Zeitalter brannten. Falls es denn noch eine Rolle spielt, wir werden eine Lebensweise etablieren mĂŒssen, die sowohl indigen ist, das heißt von dem Land, auf dem wir uns gerade befinden, als auch anarchisch, das heißt ohne autoritĂ€ren Zwang.

Erste Prinzipien

Erste Prinzipien sind jene Ansichten, die eine Tendenz (oder die AnhĂ€nger*innen einer Tendenz) als unverĂ€nderlich erachten wĂŒrden. Sie bleiben in der Regel unausgesprochen. Innerhalb des Anarchismus beinhalten diese Prinzipien direkte Aktion, gegenseitige Hilfe und freiwillige Kooperation. Dies sind keine Ideen ĂŒber die Form von anarchis-tischer Organisierung, oder darĂŒber, wie wir die Gesellschaft transformieren werden, sondern ein VerstĂ€ndnis darĂŒber, was an einer anarchistischen sozialen Praxis gegenĂŒber einer kapitalistischen Republik oder einem totalitĂ€ren Sozialismus innovativ und qualitativ anders sein wĂŒrde.

Es lohnt sich, eine Kulturgeschichte unserer drei grundlegenden anarchistischen Prinzipien zu erwĂ€hnen, als eine Art von VerstĂ€ndnis, wie eine Reihe indigener anarchistischer Prinzipien aussehen könnte. Direkte Aktion als Prinzip unterscheidet sich primĂ€r von der Tradition der ArbeitskĂ€mpfe, wo sie als Taktik eingesetzt wurde, indem sie voraussetzt, dass es ein anarchistischer Imperativ ist, «direkt» (oder auf unvermittelte Weise) zu leben. Anders ausgedrĂŒckt, wĂ€re das Prinzip der direkten Aktion eine anarchistische Aussage ĂŒber die Selbstbestimmung in den praktischen Aspekten des Lebens. Direkte Aktion muss aus der Sicht der Ereignisse vom Mai 1968 verstanden werden, wo die Ablehnung des entfremdeten Lebens große Teile der Französischen Gesellschaft auf die Straße und zu einer radikal selbstorganisierten Praxis fĂŒhrte.

Das Prinzip der gegenseitigen Hilfe ist ein sehr traditionelles anarchistisches Konzept. Peter Kropotkin legte eine wissenschaftliche Analyse des Überlebens von Tieren vor und beschrieb (als GegenstĂŒck zu Darwins Evolutionstheorie) eine Theorie der Kooperation, die seiner Meinung nach den meisten Spezies eher entsprach. Als einer der VĂ€ter des Anarchismus (und insbesondere des Anarcho-Kommunismus) wurde Kropotkins Konzept der gegenseitigen Hilfe von den meisten Anarchist*innen aufgenommen. Als Prinzip ist es im Allgemeinen auf eine Ebene der stillschweigenden anarchistischen UnterstĂŒtzung anarchistischer Projekte beschrĂ€nkt.

Freiwillige Kooperation ist das anarchistische Prinzip, das anarchistische Auffassungen von Wirtschaften, sozialem Verhalten (und Ausschluss) und den Umfang der zukĂŒnftigen Gesellschaft prĂ€gt. Es könnte schlicht als Prinzip erklĂ€rt werden, dass wir, jede*r fĂŒr sich, bestimmen sollten, was
wir mit unserer Zeit anstellen, mit wem wir arbeiten und wie wir arbeiten. Anarchist*innen haben mit diesen Konzepten schon so lange gerungen, wie es eine erkennbare anarchistische Praxis gibt. Das Spektrum des anarchistischen Denkens zu den feinen Unterschieden von freiwilliger Kooperation, reicht von Max Stirner, der alles andere als die totale Autonomie ablehnt, bis zu Kropotkin, dessen Theorie einer Welt ohne Mangel (eine grundlegende PrĂ€misse der meisten Marxistischen Positionen) uns eine grĂ¶ĂŸere Wahl geben wĂŒrde, was wir mit unserer Zeit anstellten. Heute wird dieses Prinzip meist am deutlichsten als das Prinzip der freien Assoziation (und Disassoziation) mit einander ausgefĂŒhrt.

Dies sollte uns genĂŒgend Informationen liefern, um die simple Aussage zu treffen, dass anarchistische Prinzipien von der Wissenschaft geprĂ€gt wurden (sowohl der sozialen als auch der physikalischen), sowie von einem besonderen VerstĂ€ndnis des Individuums (und seiner Beziehung zu grĂ¶ĂŸeren Körpern) und als Antwort auf die Entfremdung der modernen Existenz und die Mechanismen, die soziale Institutionen nutzen, um Menschen zu manipulieren. NatĂŒrlicherweise werden wir nun zu der Frage ĂŒbergehen, wie sich eine indigene Perspektive von diesen unterscheidet.

Im Sinne einer klaren Aussage, zögere ich, die ĂŒblichen Vorbehalte anzubringen, wenn Prinzipien zur Frage stehen. Diese Zögerlichkeiten kommen nicht daher, dass es in der Praxis keinerlei Zweifel darĂŒber gibt, wie die Art und Weise von Beziehung oder Praxis aussehen sollte. Aber wĂ€hrend dem Schreiben, besonders ĂŒber Politik, kannst du dir einen Ă€usserst schlechten Dienst erweisen, indem du eine Fahne aufstellst und sie als rechtschaffend bezeichnest. Das Aufstellen von Prinzipien als Grundlage fĂŒr eine Politik ist in der Regel eine solche Fahne. Wenn ich an einen Wert glaube und dann diesen Wert als instrumentell fĂŒr eine angemessene Praxis darlege, was ist dann der Unterschied zwischen meiner völlig subjektiven (oder eigennĂŒtzigen) Perspektive und einer, die ich möglicherweise brauchbar teilen könnte? Diese Frage sollte uns weiterhin verfolgen.

Da wir so weit fortgeschritten sind, lass uns einen Moment lang ĂŒber die ersten Prinzipien eines indigenen Anarchismus reden. FĂŒge Vorbehalte darĂŒber ein, dass dies eine Perspektive unter vielen ist. Alles ist lebendig. Lebendig ist vielleicht nicht das beste Wort fĂŒr das, worĂŒber hier gesprochen wird, aber wir könnten sagen, durchdrungen von Geist oder erfĂŒllt mit dem Großen Geist [Great Spirit], und wir wĂŒrden das Gleiche meinen. Wir werden davon ausgehen, dass ein sĂ€kulares Publikum das Leben als komplex, interessant, in Bewegung und wertvoll versteht. Dieselbe sĂ€kulare Person mag den Großen Geist vielleicht nicht in Dingen sehen, in denen sie das Leben zu sehen vermag.

Der Kontrapunkt dazu, dass alles mit Leben erfĂŒllt ist, ist, dass es keine toten Dinge gibt. Nichts ist ein Objekt. Alles, was es wert ist, direkt erlebt zu werden, ist es wert, fĂŒr seine KomplexitĂ€t, seine Dynamik und seinen intrinsischen Wert anerkannt und geschĂ€tzt zu werden. Wenn Menschen aus dem, was wir Leben nennen, scheiden, werden sie nicht zu Objekten, sie bereichern die Leben, die sie berĂŒhrt haben, und die Erde, in der sie liegen. Wenn alles lebendig ist, dann mĂŒssen Soziologie, Politik und Statistiken zerstört werden, aus keinem anderen Grund, als dass sie Anti-Lebens-Disziplinen sind.

Ein weiteres erstes Prinzip wĂ€re das Prinzip des Aufstiegs der Erinnerung. In einer Welt zu leben, in der komplexe Kunstgriffe auf Fundamenten von LĂŒgen aufgebaut sind, fĂŒhrt uns zum Glauben, dass es nichts als TĂ€uschung und Unwahrheit gibt. Unsere Erfahrung wĂŒrde uns nichts weniger glauben lassen. Erschwerend kommt hinzu, dass diejenigen, die uns die Wahrheit sagen könnten, unsere Lehrer*innen, unsere Nachrichtensprecher*innen und unsere Medien, einen spĂ€rlichen Teil ihrer Ressourcen fĂŒr so etwas wie Ehrlichkeit aufwenden. Es ist schwierig, ihnen die Schuld zu geben. Ihr Erinnerungsvermögen entspringt der gleichen Vergesslichkeit wie die unsere.

Wenn wir uns zu erinnern wĂŒĂŸten, verbrĂ€chten wir einen weitaus grĂ¶ĂŸeren Teil unserer Zeit mit dem Erinnern. Wir wĂŒrden unsere Erinnerungen mit jenen teilen, die wir liebten, mit jenen, die wir besuchten, und mit jenen, die an uns vorbeigingen. Wir werden viel Zeit damit verbringen mĂŒssen, neue GedĂ€chtnisse zu erschaffen, um die Erinnerung einer frustrierten, vergesslichen Welt genau einordnen zu können, deren Gabe es war, alles zu zerstören, das ihr selbst unĂ€hnlich war.

Ein indigener Anarchismus ist ein Anarchismus der Örtlichkeit. Das scheint unmöglich in einer Welt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, uns nirgendwo zu verorten. Eine Welt, die uns in einem universellen Nirgendwo verortet. Selbst dort wo wir geboren werden, leben und sterben, ist nicht unser Zuhause. Ein Anarchismus der Örtlichkeit könnte so aussehen, dass eine*r ihr*sein ganzes Leben lang in einer Gegend lebt. Es könnte so aussehen, dass nur in Gegenden gelebt wird, die stark bewaldet sind, die in der NĂ€he von lebenserhaltenden GewĂ€ssern liegen, oder an trockenen Orten. Es könnte wie eine Reise durch diese Gebiete aussehen. Es könnte wie eine Reise aussehen, die jedes Jahr stattfindet, durch Bedingungen oder Verlangen bestimmt. Von außerhalb könnte es nach vielem aussehen, aber es wĂ€re eine Wahl, die von der subjektiven Erfahrung derjenigen bestimmt wird, die vor Ort leben, und nicht von der Erfordernis der wirtschaftlichen oder politischen PrioritĂ€ten. LokalitĂ€t ist die Differenzierung, die durch den Mörser der Urbanisierung und den StĂ¶ĂŸel der Massenkultur zum Brei der modernen Entfremdung zermahlen wird.

Letztlich stellt ein indigener Anarchismus uns als unverrĂŒckbaren Teil einer erweiterten Familie dar. Das ist eine Erweiterung des Gedankens, dass alles lebendig ist und wir daher damit verwandt sind, in dem Sinne, wie auch wir lebendig sind. Es ist außerdem eine Aussage ĂŒber eine klare PrioritĂ€t. Die Verbindung zwischen lebenden Dingen, die wir kurz als Familie bezeichnen wĂŒrden, ist die Art und Weise, wie wir uns selbst in der Welt verstehen. Wir sind Teil einer Familie und wir kennen uns durch Familie. Die sĂ€kulare Sprache fĂŒr einen Moment zur Seite gelegt, ist es unmöglich, sich selbst oder einander außerhalb des Geistes zu verstehen. Es ist das Mysterium, das außerhalb der Sprache bleiben sollte, das wir alle miteinander teilen, und dieses zu teilen heisst zu leben.

Anarchist*in im Geiste vs. Anarchist*in im Wort

Indigene Menschen im Allgemeinen und Nordamerikanische indigene Menschen im Besonderen haben den Begriff Anarchist*in bis zu diesem Zeitpunkt nicht besonders freundlich aufgenommen. Es gab ein paar bemerkenswerte Ausnahmen (Rob los Ricos, Zig Zag und unter ihnen auch ich), aber die allgemeine Haltung wird durch Ward Churchills Zeile «Ich teile viele anarchistische Werte wie die Opposition gegen den Staat, aber…» veranschaulicht. Was die Frage aufwirft, warum interessieren sich nicht mehr indigene Menschen fĂŒr Anarchismus?

Die offenkundigste Antwort auf diese Frage ist, dass Anarchismus Teil einer EuropĂ€ischen Tradition ist, die so weit außerhalb des Mainstreams liegt, dass sie fĂŒr Nichtwestler*innen im Allgemeinen nicht interessant (oder zugĂ€nglich) ist. Das ist weitgehend richtig, ist aber nur ein Teil der Antwort. Ein weiterer Teil einer Antwort kann in dem ĂŒberraschend großen Prozentsatz von Anarchist*innen gesehen werden, die der Meinung sind, dass Rasse [race] keine Rolle spielt; dass sie im gĂŒnstigsten Fall ein Werkzeug ist, das dazu benutzt wird, uns zu spalten (durch die Polizei) und im schlechtesten Falle etwas, das die Gesellschaft in Tribalismus [sic] untergehen lĂ€sst. Jenseits der Frage nach der Stichhaltigkeit dieser Argumente (die, wie ich glaube, fĂŒr sich selbst stehen), geht es um die Verletzung zweier Prinzipien, die bis zu diesem Punkt noch nicht im Detail diskutiert wurden − Selbstbestimmung und radikale Dezentralisierung.

Selbstbestimmung sollte als das Verlangen von Menschen betrachtet werden, die selbstorganisiert (sei es durch Tradition, individuelle Wahl oder Neigung) entscheiden, wie sie miteinander leben wollen. Das klingt nach gesundem Menschenverstand, und das ist es auch, aber es wird auch immer wieder von Menschen verletzt, die glauben, dass ihr Wertesystem das der Anderen um sie herum ĂŒbersteigt. Die Frage, die Anarchist*innen jeder Couleur fĂŒr sich selbst beantworten mĂŒssen, ist, ob sie fĂ€hig sind, mit den Konsequenzen umzugehen, die entstehen, wenn andere Menschen auf eine Weise leben, die sie als verwerflich empfinden.

Radikale Dezentralisierung ist ein wahrscheinliches Ergebnis der meisten anarchistischen Positionen. Es gibt nur sehr wenige Anarchist*innen (außerhalb von Parecon), die glauben, dass eine anarchistische Gesellschaft singulĂ€re Antworten auf Politik, Wirtschaft oder Kultur haben wird. Mehr als eine Konsequenz bedeutet das Prinzip der radikalen Dezentralisierung, dass es vorzugsweise kein Zentrum geben sollte.

Wenn Anarchist*innen nicht in der Lage sind, die Prinzipien der Selbstbestimmung auf die Tatsache anzuwenden, dass reale lebende und atmende Menschen sich innerhalb rassischer und kultureller Kategorien identifizieren und dass diese Identifikation Konsequenzen fĂŒr den Umgang miteinander hat, können wir dann schockiert sein, dass indigene Menschen (oder so genannte people of color) jegliches Interesse am Zusammenleben fehlt? Zudem, wenn Anarchist*innen nicht fĂ€hig sind zu sehen, dass die Konsequenzen ihrer eigenen Politik die Schaffung sozialer Normen und Kulturen beinhaltet, in denen sie sich nicht wohlfĂŒhlen wĂŒrden, in einem tatsĂ€chlich dezentralisierten sozialen Umfeld, welche Hoffnung haben sie, mit den Menschen umzugehen, mit denen sie sich heute nicht wohlfĂŒhlen?

Die Antwort ist, dass diese Anarchist*innen nicht erwarten, dass sie es mit irgendwem außerhalb ihres VerstĂ€ndnisses der RealitĂ€t zu tun haben. Sie erwarten, dass die RealitĂ€t sich ihren subjektiven Auffassungen nach richtet.

Dieses Problem erstreckt sich zum dritten Grund fĂŒr das mangelnde Interesse von indigenen Menschen am Anarchismus. Wie die meisten politischen Tendenzen entwickelte auch der Anarchismus eine eigene Sprache, Tonfall und eine Reihe von PrioritĂ€ten. Die Tradition dieser Auszeichnungen ist was weiterhin die Kluft zwischen vielen der anarchistischen Fraktionen ĂŒberbrĂŒckt, die sonst sehr wenig gemeinsam haben. Diese Tradition ist keine Rekrutierungstradition. Es gibt nur eine kleine evangelikale Tradition innerhalb des Anarchismus. Außerhalb von sich selbst ist der Anarchismus weitgehend eine undurchschaubare Tradition.

Das ist kein Problem außerhalb von sich selbst. Das Problem ist, dass es mit der Arroganz der Gebildeten gepaart ist, zusammen mit den schlimmsten AuswĂŒchsen der radikalen Politik. Dies zeigt sich am besten in der immer noch bestehenden Unterscheidung zwischen einer diskreten Tradition des Anarchismus und anarchistischen Aktionen. Anarchist*innen möchten gerne beides haben. Ihre Tradition möchten sie sowohl als eine wachsende und vitale als auch kompromisslose und zutiefst radikale sehen. Da eine anarchistische Gesellschaft einen solchen Bruch mit dem, was wir in dieser Welt erleben, darstellen wĂŒrde, wĂ€re sie wirklich anders. Es ist unmöglich, irgendein Szenario zu erkennen, das von hier nach dort fĂŒhrt. Es gibt keinen Weg.

Die anarchistische Analyse der Zapatistas ist ein Beispiel dafĂŒr. Anarchist*innen haben verstanden, dass es sich um einen indigenen Kampf handelte, dass er bewaffnet und dezentralisiert war, aber sie mĂ€ĂŸigen ihren Enthusiasmus gewöhnlich mit Warnungen ĂŒber a) die Wertung von Subcommandante Marcos, b) die Unterschiede zwischen Sozialdemokratie und Anarchismus, c) die Probleme mit Verhandlungen mit dem Staat fĂŒr Reformen, etc. etc. Diese Punkte sind stichhaltig und die Kritik ist nicht sonderlich das Problem. Das Problem ist, dass anarchistische Kritik im Allgemeinen mehr repetitiv ist, als dass sie inspiriert oder einflussreich ist. Repetitive Kritik ist nĂŒtzlich, um alle Mitglieder*innen einer politischen Tendenz auf die gleiche Seite zu bringen. Kritik hilft uns, den Unterschied zwischen Illusion und RealitĂ€t zu verstehen. Aber die Form, die anarchistische Kritik an den Ereignissen in der Welt angenommen hat,

ist nĂŒtzlicher fĂŒr das VerstĂ€ndnis dessen, was tatsĂ€chliche Anarchist*innen glauben, als das, was die Welt ist.

Solange die Schiedsrichter*innen des Anarchismus weiterhin die HĂŒter*innen der Meist Angebrachten Kritik sind, wird Anarchismus weiterhin eine isloierte Sekte bleiben, weit abgelegen von jeglichen ausgesprochen anarchistischen Ereignissen, die in der Welt passieren. Dies wird die Tendenz fĂŒr jene Menschen weiterhin irrelevant gestalten, die das Interesse haben, sich an anarchistischen Ereignissen zu beteiligen.

Indigene Menschen sind nicht Verschwunden

Vielen Leser*innen mögen diese Ideen verfolgenswert erscheinen. Ein indigener Anarchismus mag eine gefĂŒhlte, aber nicht eine artikulierte Position ĂŒber das Leben miteinander, das Leben in der Welt und ĂŒber die Dekomposition ausdrĂŒcken. Diese Leser*innen werden sich selbst in IndigenitĂ€t begreifen und ĂŒber den nĂ€chsten Schritt nachdenken. Eine radikale Position muss einen Aktionsplan einschließen, richtig?

Nein, muss es nicht.

Diese KausalitĂ€t, diese lineare Vision des Fortschritts menschlicher Ereignisse, von der Idee zur Artikulation zur Strategie zum Sieg, ist lediglich eine Art, die Geschichte wie wir von dort nach hier gekommen sind, zu verstehen. Der Fortschritt ist eine einzige Mythologie. Eine Weitere ist, dass der Wille zur Macht, oder der Geist des Widerstands, oder die Bewegung der Massen die Gesellschaft verĂ€ndert. Vielleicht mögen sie dies tun und ich schĂ€tze jene Geschichten, aber ich werde diese Geschichte nicht zu einem glĂŒcklichen Ende bringen, das sich nicht erfĂŒllen wird. Dies ist nichts weiter als ein Teilen. Dies ist ein Traum, den ich seit einiger Zeit habe und noch keiner*keinem von euch gezeigt habe, was nicht heisst, dass ich keine Absicht habe…

Ob in der gleichen Sprache ausgedrĂŒckt oder nicht, die einzigen indigenen Anarchist*innen, die ich getroffen habe (mit einer oder drei möglichen Ausnahmen), waren indigene Menschen. Das liegt nicht daran, dass das Leben mit diesen Prinzipien fĂŒr nicht-indigene Menschen unmöglich ist, sondern daran, dass es nur sehr wenige Lehrer*innen und noch weniger SchĂŒler*innen gibt. Wenn das Lernen eines Lebens mit diesen Werten irgendetwas wert ist, lohnt es sich, die notwendigen Kompromisse einzugehen, um zu lernen, wie Menschen seit Tausenden von Jahren mit ihnen leben.

Entgegen der verbreiteten Annahme ist die letzte Hoffnung fĂŒr diese indigenen Werte oder eine indigene Weltanschauung nicht die gutherzigen Menschen der zivilisierten Gesellschaft. Es sind nicht weitere Casinos oder ein liberaleres Bureau of Indian Affairs. Es ist nicht die Wahl von Russell Means zum PrĂ€sidenten des Oglala Sioux Stammes. Es ist Geduld. Wie mir schon als Kind immer wieder gesagt wurde:

Der Grund, warum ich hier sitze und trinke, ist, dass ich auf den Weißen Mann warte bis sein Unternehmen beendet ist. Und wenn er fertig ist, werden wir zurĂŒckkehren.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org