September 24, 2020
Von Assoziation Autonomer Umtriebe
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Meldungen aus den Großbetrieben im Raum Dachau

Helios Amper Klinikum Dachau
Am 18.9.20 trafen sich 40 BeschĂ€ftigte des Helios Amper Klinikums zu einer Aktion vor dem Haupteingang, um klarzustellen, dass sie die beschissenen Arbeitsbedingungen, die Ignoranz gegenĂŒber ihren Anliegen nach mehr Personal und auch den Druck von Seiten des Helios-Konzerns nicht weiter hinnehmen wollen. Bereits Ende Juni machten die Arbeiter*innen mit einer Aktion in der Altstadt darauf aufmerksam(1). Trotz einem horrenden Mangel an Schutzmaterialien (2) und einem jahrelang vorherrschenden Personalmangel haben sie die Klinik wĂ€hrend Corona auf Laufen gehalten. Im Aufruf schreiben sie keinerlei „Verschaufpause“ gehabt zu haben. Statt einem finanziellen Zuschlag oder auch nur netten Worten gab es im Nachgang nichts. Und der Klinikkonzern ist sogar noch stolz darauf, verkĂŒndet es gebe keine Probleme, sĂ€mtlichen VorwĂŒrfen wird widersprochen. Zynisch gab man gegenĂŒber der Lokalpresse an, die Arbeitsbedingungen seien genauso wie vor der Pandemie.

VerstĂ€ndlich dass es unter den Kolleg*innen brodelt. Der Grad zwischen Verzweiflung und dem Mut der Verzweiflung ist ist manchmal recht schmal. An diesem Tag zeigte sich, dass sich im grĂ¶ĂŸten Betrieb in Dachau doch noch etwas regt. Auch ließen sich die Kolleg*innen nicht von der dort bedeutungslosen Verdi die Show stehlen. Die sprang nĂ€mlich auf den Zug auf und versuchte kurzfristig die Aktion als die ihrige darzustellen, natĂŒrlich unter anderen inhaltlichen Forderungen. Arbeiter*innen riechen aber, wer auf der richtigen Seite ist. Ein Gegner wie der Helios-Konzern ist allerdings gewaltig. Man spricht auch vom „System Helios“. Letztendlich macht der grĂ¶ĂŸte Klinikkonzern Europas Profit mit Kranken, die ja keine andere Wahl haben als ins Krankenhaus zu gehen. Wer dort arbeitet wird gnadenlos ausgebeutet, denn Personal verursacht nur Kosten. Wer so denkt, sieht sich natĂŒrlich auch nicht genötigt sich wenigstens ein paar Worte der Anerkennung abzuringen – es mĂŒsste ja nicht mal ernst gemeint sein. Umso ernster war es den Kolleg*innen. Es wurde selbst die Initiative ergriffen. Die halbstĂŒndige Aktion in der Mittagspause hat hoffentlich ein StĂŒck weit Selbstvertrauen gegeben, Vertrauen in die eigene Macht.

MAN Werk Karlsfeld
Als vor zwei Wochen bekannt wurde, dass MAN massiv Stellen abbauen wird (3), war das Rumoren unter den Kolleg*innen noch gering. Gilt doch eine BeschĂ€ftigungssicherung bis ins Jahr 2030. Doch die hat die Konzernspitze jetzt zum 30.9.20 aufgekĂŒndigt. Damit können Massenentlassungen folgen. Drei Werke in Plauen, Wittlich und im österreichischen Steyr sollen komplett geschlossen werden. Wie viele der 9000 Stellen im Hauptwerk in Karlsfeld dem Rotstift zum Opfer fallen, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar. Die Kolleg*innen sind seit Ende MĂ€rz in Kurzarbeit. MAN plant weltweit 9500 von insgesamt 36.000 Stellen abzubauen.
GefĂŒhlt der halbe Landkreis arbeitet in dem Großbetrieb (oder direkt nebenan bei MTU). Das ganze hat eine gesellschaftliche Dimension. In den letzten Jahren gab es bei MAN immer wieder Kurzarbeit. Am 23.9.20 fand vor dem Werk eine Sprechstunde des Betriebsrats statt. Der gab sich weniger wortgewaltig als erwartet. Der Konzern habe es verpasst in den guten Jahren ausreichende Rendite einzufahren, wird der Konzernbetriebsratsvorsitzende Stimoniaris in der Lokalpresse zitiert. Sich um die Profitnöte des Konzerns Gedanken zu machen hat beim MAN Betriebsrat eine gewisse Tradition, nicht nur wenn man gleichzeitig im Aufsichtsrat sitzt, wie der Konzernbetriebsratsvorsitzende. Es wĂ€re nicht das erste mal, dass ein Betriebsrat in den Vorstand wechselt. Der Betriebsratsvorsitzende am Werk Karlsfeld JĂŒrgen Dorn wurde 2015 Personalmanager beim Mutterkonzern Volkswagen AG (4).
Möglich wĂ€re auch eine Verlagerung nach Osteuropa, wegen der dort niedrigeren Löhne. Im benachbarten Polen werden in Krakau bereits seit 2007 LKW, in Starachowiece Busse produziert. Das wĂ€re aber öffentlich noch schwerer vermittelbar, Ă€ndern an der Lage fĂŒr die Kolleg*innen in Karlsfeld wĂŒrde sich letztendlich auch nichts.
Vielerorts haben die Arbeiter*innen durch die Presse vom Stellenabbau erfahren und haben Protestaktionen durchgefĂŒhrt. Im Servicestandort Gersthofen bei Augsburg haben am 22.9. 50 Kolleg*innen protestiert (5), am heutigen 24.9.20 demonstrierten 1500 Kolleg*innen des NĂŒrnberger MAN Motorenwerks (6). Das Fronttransparent spielte auf den dystopischen Horrorfilm The Purge an.
Aber es ist keine Dystopie, es ist Kapitalismus. Das ist Horror genug. Jetzt muss ein Streik her, ein schmerzhafter!

(1) https://www.autistici.org/aaud/arbeiter_innenkampf/helios-klinikum-dachau-forderungen-der-arbeiter_innen-auf-die-strasse-getragen
(2) https://betriebsgruppen.tem.li/bgak/#Corona_Pandemie_-_Forderungen_der_Besch%C3%A4ftigten_M%C3%A4rz_und_April_2020
(3) https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/man-stellenabbau-auswirkungen-auf-bayern-noch-unklar,SAGxRUP
(4) https://www.manager-magazin.de/unternehmen/personalien/man-betriebsratschef-wird-vw-personalmanager-a-1035153.html
(5) https://www.sueddeutsche.de/bayern/wirtschaft-protest-gegen-stellenabbau-1.5040635
(6) https://www.nordbayern.de/wirtschaft/demo-nurnberger-man-mitarbeiter-prangern-managementfehler-an-1.10459128




Quelle: Autistici.org