September 22, 2022
Von Lower Class Magazine
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Die Proteste der BeschĂ€ftigten in der Zuckerrohrindustrie von Haft-Tappeh begannen im Jahr 2006, als sie sich gegen die verspĂ€tete Auszahlung der Löhne wandten. In den vergangenen Jahren flammten die Auseinandersetzungen immer wieder auf. WĂ€hrend dieser KĂ€mpfe wĂ€hlten die Arbeiter*innen die Gewerkschaft als TrĂ€ger ihres Kampfes und setzten mit ihrer GrĂŒndung ihren Kampf in einer besser organisierten Form fort. In all diesen Jahren waren viele Mitglieder der Gewerkschaft von Haft-Tappeh Repressionen, Folter und Inhaftierungen ausgesetzt.

Im GesprĂ€ch mit Ali Nejati, MitbegrĂŒnder der Gewerkschaft der BeschĂ€ftigten in Haft-Tapeh, erfragt Bahram Ghadimi die Lehren aus diesem Kampf der Arbeiter:innen.

Welches sind die klimatischen und geografischen Bedingungen von Haft-Tappeh?

Haft-Tappeh liegt in der Provinz Khuzestan nordwestlich der Provinzhauptstadt Ahvaz. Das Klima in Khuzestan ist trocken, obwohl es ĂŒberall in der Region trockene und halbtrockene Klimazonen gibt. Aufgrund der geografischen Gegebenheiten des Gebiets mit flachem Land und einigen FlĂŒssen, die in den Zardkuh-Bergen und anderen Bergen der Provinzen Charmahal-Bajtiyari und Lorestan entspringen, fließt von den StĂ€dten Khorramabad und Dorud viel Wasser nach Khuzestan.

Der Dez-Damm in Andimeshk, der Abbaspour-Damm und der Getvand-Damm gehören zu den StaudĂ€mmen, die aus dem Zagros-Gebirge gespeist werden und die Ebenen von Khuzestan bewĂ€ssern. Bis vor einigen Jahren gelangte auch viel Wasser aus den FlĂŒssen Karun und Karjeh in die Khuzestan-Ebene, aber seit zwei Jahren gibt es in Khuzestan leider Wasserprobleme aufgrund der Umleitung des Wasserflusses in Richtung Charmahal-Bajtiyari und der StĂ€dte Yazd und Qom. Im Westen der Provinz Khuzestan befinden sich der Karjeh-Staudamm und der gleichnamige Fluss, der in der Provinz Lorestan am Zusammenfluss von Seimareh und Kashkan entspringt; das Wasser fließt von zwei Seiten in den Seimareh-Fluss: aus der Provinz Lorestan und aus dem Westen, d. h. aus Kermanshah und Ilam, und gelangt schließlich in den Karjeh-Fluss und den Karjeh-Staudamm. Im Westen der Provinz Khuzestan, in der NĂ€he des Irak, gibt es ein sehr großes Gebiet namens Dasht-e Abbas, in dem es leider viele Probleme mit dem Grundwasser gibt, weil dort viele Brunnen gebohrt wurden – vor allem wĂ€hrend der Zeit des ehemaligen PrĂ€sidenten Ahmadi Nejad.

Haft-Tappeh liegt im Nordwesten der Provinz Khuzestan und ist im Westen mit der historischen Stadt Shush, im Norden mit der Stadt Andimeshk, im Nordosten mit der Stadt Dezful, im Osten mit den StĂ€dten Shushtar und Masjed Soleyman und im SĂŒden mit der Stadt Ahvaz verbunden.

Hat der Bau von StaudÀmmen Auswirkungen auf das Recht auf Wasser und BewÀsserung?

Der Karjeh-Stausee ist ein BewĂ€sserungs-Stausee, aber der weiter nördlich von Andimeshk gelegene Staudamm hat besondere Bedingungen, da er sowohl zur BewĂ€sserung als auch zur Stromerzeugung dient. Das Wasserrecht von Khuzestan wird durch diese StaudĂ€mme erfĂŒllt; in den letzten Jahren ist das Wasser von Khuzestan aufgrund der Eröffnung von Stahl- und anderen Industrien im Zentrum des Irans, in Yazd, Qom und anderen StĂ€dten, und durch den Transfer von Wasser dorthin, leider zurĂŒckgegangen und der Zugang zu Wasser nimmt immer mehr ab. Besonders in diesem Jahr hatten wir mit einer großen DĂŒrre und zu wenig Regen zu kĂ€mpfen.

Wie hat sich diese DĂŒrre auf den Haft-Tappeh Zuckkerrohr-Industriebetrieb ausgewirkt?

Sie wissen vielleicht, dass Zuckerrohr eine Pflanze ist, die viel Wasser braucht; angesichts der Bedingungen, die wir in diesem Jahr haben, und der Nachrichten, die wir hören, werden wir höchstwahrscheinlich mit einem sehr ernsten Problem des Wassermangels konfrontiert sein, nicht nur im Zuckerrohrsektor, sondern auch in den anderen Sektoren. In JuzestĂĄn werden neben Zuckerrohr (dem sich mehrere Unternehmen widmen) auch Weizen, Mais, Raps, RĂŒben und verschiedene GemĂŒsesorten sowie ZitrusfrĂŒchte wie Orangen, saure Orangen und Zitronen angebaut. Unter den derzeitigen Bedingungen wird die Aussaat all dieser Kulturen durch den Wassermangel beeintrĂ€chtigt. In diesen Tagen vor der diesjĂ€hrigen Herbstbepflanzung warnen alle.

Wie ist die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft in diesem Gebiet?

Wenn wir Haft-Tappeh selbst betrachten, ist ein Teil davon die Fabrik [MĂŒhle], die als industrieller Teil betrachtet wird, ein anderer ist der landwirtschaftliche Teil. Zusammen bilden sie den Haft-Tappeh Agro-Industrie-Komplex und ergĂ€nzen sich gegenseitig. Wie ich bereits erwĂ€hnt habe, verfĂŒgt Khuzestan aufgrund seines Wasserreichtums und seiner ausgedehnten LĂ€ndereien im Vergleich zu anderen Provinzen ĂŒber die besten wirtschaftlichen ErtrĂ€ge. Aber diese Gewinne bleiben nicht in Khuzestan, sie verlassen die Provinz. Nicht nur im Agrarsektor, sondern auch in der Öl- und Gasindustrie werden außerordentliche Gewinne erzielt. Die grĂ¶ĂŸten unterirdischen Öl- und Gasvorkommen befinden sich in Khuzestan. Von Shush bis nach Ahvaz, Abadan, Mah-Shahr, Gachsaran, Ramhormoz und Masjed Soleyman. Was die wirtschaftlichen Gewinne angeht, so ist Khuzestan die fĂŒhrende Provinz des Landes, aber wie ich schon sagte, verlassen die Gewinne leider die Provinz. Die Lebensbedingungen der Menschen werden jeden Tag mehr und mehr beeintrĂ€chtigt. Offiziellen Statistiken zufolge liegt Khuzestan bei der Arbeitslosenquote landesweit an zweiter oder dritter Stelle. In der Provinz, in der die höchsten Gewinne des Landes erwirtschaftet werden, ist die Arbeitslosigkeit unglaublich hoch und wĂ€chst stĂ€ndig.

Bitte geben Sie uns einen kurzen Überblick ĂŒber die Geschichte des Haft-Tappeh Agro-Industriekomplexes. Wie viele Hektar werden bewirtschaftet und wie hoch ist das Produktionsvolumen?

Haft-Tappeh wurde 1958 gegrĂŒndet. Drei Jahre lang wurden parallel zum Bau der Fabrik, an dem amerikanische, niederlĂ€ndische, italienische und kubanische Unternehmen beteiligt waren, die landwirtschaftlichen FlĂ€chen fĂŒr den Anbau von Zuckerrohr aufgeteilt und die entsprechenden technischen Voraussetzungen geschaffen. WĂ€hrend dieser drei Jahre wurde die Fabrik auf die Verarbeitung von Zuckerrohr vorbereitet. Zwischen 1961 und 1962 wurde in Haft-Tappeh die erste Zuckerrohrproduktion aufgenommen, und gleichzeitig wurden sowohl gelber Zucker, d. h. Rohzucker, als auch Weißzucker hergestellt. Im Moment habe ich keine genauen Produktionsdaten aus dieser Zeit, aber nach und nach wurde mehr Land eingeebnet und bestellt, bis 1973 eine neue MĂŒhle hinzukam. Vor diesem Datum gab es nur eine “A”- oder PrimĂ€rmĂŒhle. Der Haft-Tappeh-Komplex umfasst heute zwischen 20 und 24 Tausend Hektar Land, von denen 15 000 Hektar bepflanzt werden können.

In Haft-Tappeh wurden unter normalen Bedingungen etwa 10 000 Hektar Land bewirtschaftet, und drei- bis viertausend Hektar wurden fĂŒr die nĂ€chste Aussaat vorbereitet, d. h. es wurden dort Zuckerrohrsprossen fĂŒr das nĂ€chste Jahr ausgesĂ€t. Als ich dort arbeitete, wurden zwischen 117 000 und 120 000 Tonnen Weißzucker produziert, aber heute ist die Produktion rĂŒcklĂ€ufig und sinkt von Tag zu Tag.

In welchem Umfang werden in Haft-Tappeh Industriemaschinen eingesetzt, und wie ist der Zustand der Maschinen?

Wie ich bereits erwÀhnt habe, besteht Haft-Tappeh aus zwei Teilen: einem landwirtschaftlichen und einem industriellen. Die erste hat mit Landwirtschaft und Anbau zu tun, die zweite mit der Fabrik.

Die Fabrik hat mehrere Abteilungen; es gibt zwei MĂŒhlen, in denen die geschnittenen Stöcke mit speziellen Steinen gemahlen werden, die RĂŒckstĂ€nde werden abgetrennt und der Sirup wird durch ein spezielles Verfahren in gelben Zucker umgewandelt. Das Rohmaterial fĂŒr die Herstellung von MDF und Papier wird aus den ZuckerrohrrĂŒckstĂ€nden gewonnen. Diese RĂŒckstĂ€nde werden durch Vakuumröhren direkt von Haft-Tappeh zur Papierfabrik in Pars transportiert.

Haft-Tappeh produziert also noch andere Dinge als Zucker?

Die Zuckerrohrreste wurden an die Papierfabrik Pars Paper geliefert, die sie von Haft-Tappeh fĂŒr die Papierproduktion kaufte. Das Unternehmen Pars Paper selbst ist ein separater Industriekomplex mit Maschinen fĂŒr die Herstellung von Zellstoff, der zu Papier verarbeitet wird. FrĂŒher haben sie sehr hochwertiges Papier in verschiedenen Formaten hergestellt, aber das hat sich jetzt verschlechtert.

Zuckerrohrreste werden auch als Viehfutter verwendet: Sie werden mit Melasse, Hafer und Maiskörnern gemischt, um Futtermittel fĂŒr Rinder und GeflĂŒgel herzustellen. DarĂŒber hinaus wurden in der Vergangenheit die besten Weine und Liköre aus Melasse hergestellt und verkauft. Seit einigen Jahren gibt es kein religiöses Problem in dieser Hinsicht mehr und Ethylalkohol wird direkt in Haft-Tappeh hergestellt.

Außerdem gibt es eine MDF-Fabrik, die es vorher nicht gab. Die Pars Papierfabrik wurde zu Beginn der GrĂŒndung von Haft-Tappeh gegrĂŒndet. Unter normalen Bedingungen, wenn es keine Probleme gab, kamen tĂ€glich etwa 100 000 bis 200.000 Tonnen Zuckerrohr in die Fabrik, und es musste etwas mit den AbfĂ€llen gemacht werden, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Deshalb wurde die Papierfabrik Pars eröffnet. Aufgrund der Bedingungen, die sie geschaffen haben, und wegen der Reduktion der Pars-Paper-Maschinen in den letzten 10-12 Jahren haben sie auch eine MDF-Fabrik in Haft-Tappeh gegrĂŒndet, die Pakchub heißt.

Wie viele Arbeitnehmer sind bei Haft-Tappeh beschÀftigt und in welchen Abteilungen?

Ab 1981 hatte Haft-Tappeh etwa 6000 bis 6500 Arbeiter und Angestellte, die direkt unter der Aufsicht des Unternehmens arbeiteten. In der Zuckerrohrerntezeit stellten sie zusĂ€tzlich 2000 bis 3000 Personen zum Schneiden des Zuckerrohrs ein. Die Zuckerrohrschneider sind Zeitarbeiter. Normalerweise begann die Ernte Ende Juli. Aber das hing von der Menge der Ernte und der GrĂ¶ĂŸe der AnbauflĂ€che ab.

Je grĂ¶ĂŸer die AnbauflĂ€che war, desto lĂ€nger arbeiteten die Zuckerrohrschneider, 5 bis 7 Monate. Außerdem spielten die Witterungsbedingungen eine Rolle: Wenn es regnete, konnte das Zuckerrohr manchmal einen Monat oder 40 Tage lang nicht in die Fabrik gebracht werden, weil es schlammig war und die Maschinen, die das Rohr zu den Traktoren bringen mussten, im Schlamm stecken blieben. Unter diesen Bedingungen arbeiteten die Zuckerrohrschneider durchschnittlich 6 bis 7 Monate.

Wie hoch ist der Anteil der weiblichen BeschÀftigten in Haft-Tappeh?

A: Der Prozentsatz der weiblichen Arbeiterinnen ist im Vergleich zu den MĂ€nnern sehr gering, unvergleichbar. Im landwirtschaftlichen Bereich des Anbaus und der BewĂ€sserung dĂŒrfen Frauen [angeblich] wegen der hohen Temperaturen und der schwierigen klimatischen Bedingungen in diesem Gebiet nicht arbeiten: Die Arbeiter in diesen Bereichen sind ausschließlich MĂ€nner. In der Industrieabteilung sind ebenfalls nur MĂ€nner tĂ€tig, aber wir haben Frauen in den Labors und als SekretĂ€rinnen in den VerwaltungsbĂŒros. Auf 2000 MĂ€nner kommen vielleicht 20 Frauen.

Haben weibliche Kolleginnen die gleichen Rechte wie mÀnnliche?

Ja, sie hatten das gleiche Gehalt. Es gab keinen Unterschied. Vielmehr kam es auf das Dienstalter, das Bildungsniveau und so weiter an. Die Entlohnung richtete sich nach den Arbeitsbedingungen, aber da alle nach dem Arbeitsgesetz arbeiteten, waren alle Angestellten in Bezug auf Entlohnung, Arbeitsbedingungen und Vorschriften gleich.

Gibt es unterschiedliche Kategorien von Arbeitern und werden ihre Löhne nach diesen Kategorien festgelegt?

Ja: einfache Arbeiter, Arbeiter der Stufe eins, Arbeiter der Stufe zwei, Lehrer usw. Als ich eingestellt wurde, betrug mein Gehalt einen bestimmten Betrag, und jedes Jahr, wenn mein Dienstalter stieg, erhöhte sich auch mein Gehalt. Die GehĂ€lter hĂ€ngen natĂŒrlich auch von der Spezialisierung ab; so erhĂ€lt beispielsweise der MaschinenfĂŒhrer, der sowohl der Verantwortliche als auch der Fachmann ist, ein anderes Gehalt als die Person, die ihm assistiert und ĂŒber ein geringeres Dienstalter und eine geringere Spezialisierung verfĂŒgt.

Können Sie uns einen kurzen Überblick ĂŒber den Privatisierungsprozess in Haft-Tappeh und seine Auswirkungen auf das Leben der Arbeiter und das Leben der Menschen in diesem Gebiet im Allgemeinen geben?

Haft-Tappeh war ein zu 100 % öffentliches Unternehmen, aber nach der Verabschiedung von Artikel 44 der Verfassung wurden viele öffentliche Unternehmen privatisiert. Im Jahr 2015 wurde Haft-Tappeh nach einer Reihe von Änderungen und Anpassungen ebenfalls an den privaten Sektor ĂŒbergeben. Dabei ging es nicht darum, das Unternehmen an einen spezialisierten Privatsektor zu ĂŒbergeben; diese Übergabe beruhte nicht auf Spezialisierung oder auf einem logischen und korrekten Vertrag, sondern es wurde im Sinne von Vetternwirtschaft und GĂŒnstlingswirtschaft an Personen ĂŒbergeben, die in Wirklichkeit keinerlei Kenntnisse oder Spezialisierung in der Zuckerrohrindustrie hatten.

Die Folge war, dass sich die Arbeit und das Leben der Menschen nicht nur nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert haben. Als Haft-Tappeh an den privaten Sektor ĂŒbergeben wurde, sahen wir uns zahlreichen Problemen gegenĂŒber. Nach den Statistiken, die mir meine Freunde vor einigen Tagen ĂŒbermittelt haben, sind nur 50 Prozent der Ernte eingebracht worden, und die Produktion, die frĂŒher mindestens 100 000 Tonnen betrug, ist auf 8 bis 9 Tonnen Zucker zurĂŒckgegangen, und zwar nicht auf weißen Zucker, sondern auf gelben oder Mascabado-Zucker. Laut Statistik ist bei der Umwandlung von Mascabado in Weißzucker ein RĂŒckgang von einer Tonne pro 10.000 Tonnen zu verzeichnen.

Nach der Übergabe an den privaten Sektor war die Situation sehr schwierig und schuf Bedingungen, die die Menschen in dem Gebiet, insbesondere die Arbeiter in Haft-Tappeh, ernsthaft beeintrĂ€chtigten. Wie bekannt, begannen die Streiks und Proteste im ersten Jahr der Privatisierung des Unternehmens, und heute, nach einer Reihe von Protesten und dank der BemĂŒhungen der Arbeiter, befindet sich das Unternehmen in einem “normalen” Zustand. Das Unternehmen wurde aus der Privatwirtschaft herausgelöst, was aber nicht bedeutet, dass es wieder öffentlich ist, sondern es steht unter der Aufsicht von zwei Banken; seine Zukunft ist jedoch noch nicht geklĂ€rt. Das einzige, was klar ist, ist, dass sich das Unternehmen in einem ziemlich “normalen” Zustand befindet und die Löhne und GehĂ€lter der Arbeitnehmer gezahlt werden, aber leider produziert es nicht effektiv.

Einige Leute versuchen, die Arbeiter in Haft-Tappeh anhand ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu unterscheiden. Können Sie uns erklÀren, welcher Ethnie die Arbeiter angehören?

Die Arbeiter hier sind Luren und Araber. Aber die Araber sind die Mehrheit. Ich selbst stamme von hier und bin hier aufgewachsen, und wir haben nie ĂŒber ethnische Zugehörigkeit gesprochen. Diese Gewerkschaft, die wir 2008 gegrĂŒndet haben, ist ein Beispiel dafĂŒr: Obwohl die Mehrheit der Arbeitnehmer in Haft-Tappeh Araber waren (60 % Araber und 40 % Luren und andere Ethnien), waren von den 30 bis 40 Personen, die kandidiert hatten, 14 bis 15 Personen Araber und ebenso viele Nicht-Araber; bei dieser Wahl, bei der wir neun Personen in den Vorstand gewĂ€hlt haben, waren 8 Luren oder Nicht-Araber und nur eine Person war Araber.

Welchen Einfluss hat die ethnische Zugehörigkeit der Arbeitnehmer auf den Prozess und die Art ihrer Einstellung?

Keine. Aber Vetternwirtschaft hat es schon immer gegeben. Heutzutage haben sich die Bedingungen stark verÀndert. Als ich dort arbeitete, waren die meisten Landarbeiter Araber, vielleicht wegen ihrer Spezialisierung oder der Art der Arbeit, die sie verrichteten. In der Industrie waren sie im Vergleich zu Arbeitern anderer Ethnien weniger vertreten. In unserem Teil der Fabrik waren wir zwischen 5000 und 6000 Menschen, und nur sehr wenige von ihnen waren Araber. Ob jemand Araber war oder nicht, spielte bei der Einstellung keine Rolle, aber leider hat sich die Situation jetzt ein wenig geÀndert, und die ethnische Zugehörigkeit wirkt sich auf die Einstellung aus. Seitdem das Unternehmen einen normaleren Status angenommen hat, ist dieses Thema eher in den Hintergrund getreten.

Wie wurde die Gewerkschaft der Haft-Tappeh-BeschĂ€ftigten gegrĂŒndet und was hat sie erreicht?

Die Gewerkschaft wurde aufgrund der Streiks gegrĂŒndet, die wir 2006 und 2007 durchgefĂŒhrt haben. Seit 2006 hatte sich die Lage des Unternehmens verschlechtert, und das Problem der Lohnzahlung hatte sich manifestiert; so begannen die mehrstĂŒndigen und mehrtĂ€gigen Proteste, die bis 2007 andauerten. Wenn die Arbeiter als Vertreter des „Islamischen Rats der Arbeiter“ sprachen, wurden sie, da sie bei den anderen nicht glaubwĂŒrdig waren, sehr schlecht behandelt, niemand hörte dem Islamischen Rat der Arbeiter zu. Zu dieser Zeit hatten wir noch keinen eigenen Rat.

WĂ€hrend dieser Proteste kamen wir aktiven Arbeiter nach und nach zusammen. Jedes Mal, wenn wir mit der Unternehmensleitung ĂŒber bestimmte Themen sprachen oder diskutierten, sagten sie uns: „Ihr seid keine Vertreter und mĂŒsst euch als solche prĂ€sentieren, um sprechen zu können.“ Wir haben einen Brief an das Arbeitsministerium geschrieben und erklĂ€rt, dass die Arbeiter den Islamischen Rat der Arbeiter nicht wollen und eine andere Gruppe bilden möchten. Nach dem Arbeitsgesetz kann eine solche Gruppierung drei Formen annehmen: Arbeitnehmervertreter, Betriebsrat oder Versammlung. Wir sammelten etwa 3000 Unterschriften und reichten sie beim Arbeitsministerium der Provinz ein; wir blieben hartnĂ€ckig, bis wir dank der Proteste und Streiks in der Lage waren, die Gewerkschaft wiederzubeleben, neun Personen in den Vorstand zu wĂ€hlen und darĂŒber abzustimmen, einen Fonds einzurichten.

Die Errungenschaften der Gewerkschaft, zumindest in den 7-8 Jahren nach 2001, waren folgende: da das Unternehmen den Arbeitern keine unbefristeten VertrÀge gab, war eine unserer Forderungen, dass die Kollegen unbefristete VertrÀge statt ZeitvertrÀgen erhalten sollten. Gleichzeitig konnten wir die Löhne um 70.000 Touman aufstocken, was damals ein beachtlicher Betrag war.

Wir berechneten, dass sich die ZuschlĂ€ge fĂŒr Ehepartner, Kinder, schlechte Wetterbedingungen, Transport, Unterkunft usw. auf 70.000 Tuman summierten. Einige Genossinnen und Genossen hatten Probleme, sie waren entlassen worden und durften den Arbeitsplatz nicht mehr betreten; wir fĂŒhrten Verhandlungen und konnten erreichen, dass sie wieder arbeiten konnten. Dabei handelte es sich in erster Linie um finanzielle Hilfen, aber gleichzeitig konnten wir durch die Erhebung eines geringen Mitgliedsbeitrags FlugblĂ€tter mit dem Titel “Was jeder Arbeiter wissen sollte” drucken, die u.a. Belehrungen ĂŒber die Rechte der Kolleginnen und Kollegen enthielten.

Wir wissen, dass viele der Haft-Tappeh-Arbeiter verhaftet und unter Druck gesetzt wurden, wurden auch Sie verhaftet? Wurden neben den Arbeitern selbst auch andere Personen verhaftet, die mit ihnen in Verbindung stehen?

Reden hat nichts gebracht! Sechs von uns Vorstandsmitgliedern wurden entlassen. Ich war die erste Person, die entlassen wurde. Im Jahr 2008 wurde der gesamte Vorstand verhaftet; ich, der SekretÀr des Vorstands, wurde inhaftiert, die anderen wurden nach drei oder vier Tagen freigelassen. Im GefÀngnis von Ahvaz und im Haftzentrum des Geheimdienstes war ich etwa zwei Monate lang in einer Isolationszelle gefangen: mein Gesundheitszustand verschlechterte sich, meine Herzerkrankung begann und ich wurde nach dieser Zeit mehrfach am Herzen operiert; obwohl zehn bis zwölf Jahre vergangen sind, muss ich immer noch Medikamente nehmen.

Als ich entlassen wurde, durfte ich nicht zur Arbeit oder in die Fabrik zurĂŒckkehren. Die anderen inhaftierten Genossen kehrten jedoch an ihren Arbeitsplatz zurĂŒck. Im Jahr 2009 wurden fĂŒnf weitere Personen und ich (der ein Jahr zuvor entlassen worden war) zu sechs Monaten GefĂ€ngnis verurteilt. Nach dieser Zeit wurde ich 2011 erneut zu einem Jahr GefĂ€ngnis verurteilt und fĂŒnf weitere Personen wurden entlassen. Nach zwei Jahren kehrten sie einer nach dem anderen zur Arbeit zurĂŒck, aber als meine Strafe abgelaufen war, durfte ich nicht mehr zurĂŒckkehren. Ganz gleich, wie viele Klagen ich beim Arbeitsministerium, beim Arbeitsgericht und anderen Stellen einreichte, sie hielten an der VerfĂŒgung ĂŒber meinen Ausschluss fest.

In Wirklichkeit wurde dieses Urteil nicht von diesen Stellen ausgesprochen, sondern ihnen vom Sekretariat des Staatsgeheimdienstes diktiert, da ihnen mitgeteilt worden war, dass ich unter keinen UmstĂ€nden an meinen Arbeitsplatz zurĂŒckkehren dĂŒrfe. Im Jahr 2015 verhaftete die Geheimdienstabteilung der Pasdaran mich und andere Genossinnen und Genossen wegen Gewerkschaftsaktivismus. Wir wurden zu sechs Monaten verurteilt und saßen einen weiteren Monat und etwas mehr in einem GefĂ€ngnis des Geheimdienstsekretariats ab. Das nĂ€chste Mal wurde ich zusammen mit anderen Haft-Tappeh-Arbeitern im Jahr 2018 verhaftet. Auch Esmail Bakhsi und Sepideh Gholyanii befanden sich unter den Verhafteten. In den letzten Jahren sind wir aufgrund des Aktivismus als Arbeiter und als Person, die in der Gesellschaft lebt, auch auf wirtschaftliche Probleme gestoßen. Im Moment habe ich eine fĂŒnfjĂ€hrige Haftstrafe zu verbĂŒĂŸen, und ich weiß nicht, was mit ihr geschehen wird.

Sie sagten, dass viele Arbeiter entlassen worden sind. Was sind heutzutage die Ausreden der Regierung fĂŒr die Entlassung von Arbeitnehmern?

Esmail Bakhshi zum Beispiel wurde wegen seines Aktivismus entlassen. Allerdings sind viele Kollegen nicht ausgesperrt worden und arbeiten weiter. Die Demonstranten, z.B. die Zuckerrohrschneider, sagen, dass jetzt, da das Unternehmen in den öffentlichen Sektor zurĂŒckgefĂŒhrt oder aus dem privaten Sektor herausgenommen wurde (sie sagen, es wurde in die Regierung zurĂŒckgefĂŒhrt, aber sie wissen es nicht genau), warum sollten die Sub-Unternehmer uns einstellen und warum können wir die VertrĂ€ge nicht direkt mit dem Unternehmen unterzeichnen?

Ich erinnere mich, dass es viele Diskussionen gab, als die Arbeiter von Haft-Tappeh in der letzten Phase ihres Kampfes die Besetzung der Fabrik und ihre Selbstverwaltung vorschlugen. Ist es möglich, dass diese Diskussionen auch mit den Erfahrungen der Arbeiter in anderen LĂ€ndern zu tun hatten oder dass diese in den GesprĂ€chen berĂŒcksichtigt wurden?

Das lĂ€sst sich nicht mit Sicherheit sagen. Es wurde implizit gesagt, dass die Arbeiter in der Lage sind, die Fabrik selbst zu fĂŒhren. Diese Meinung habe ich auch mehrmals geĂ€ußert, d.h. dass die Arbeiter die Fabrik technisch wirklich leiten können; aber angesichts der bestehenden Bedingungen und des kapitalistischen Systems, das nicht nur den Iran, sondern die ganze Welt beherrscht, stellt sich die Frage, ob die Arbeiter von Haft-Tappeh durch die Selbstverwaltung der Fabrik mit dem herrschenden System konkurrieren können oder nicht.

Stellen wir uns zum Beispiel vor, dass die Fabrik jetzt in den HĂ€nden der Arbeiter ist und sie den produzierten Zucker verkaufen wollen; nehmen wir an, dass die Kapitalisten ihren Zucker fĂŒr 10.000 Touman pro Kilo von irgendwoher kaufen, wĂ€hrend der Zucker von Haft-Tappeh zum Beispiel 20.000 kostet. Können sie mit solchen Problemen die benötigten Werkzeuge kaufen? Wenn wir es logisch angehen, ist es wirklich eine unerreichbare Parole. Werden sie unter den gegenwĂ€rtigen Bedingungen ihre UnabhĂ€ngigkeit bewahren können, wenn sie die Leitung des Werks in die eigenen HĂ€nde nehmen? Denn diese Bedingungen lassen es nicht zu und machen es unmöglich, wettbewerbsfĂ€hig zu sein.

Wie sehen Sie generell die Zukunft des Haft-Tappeh-Komplexes?

In Anbetracht der klimatischen Bedingungen und der Wassersituation gibt es keinen Grund, optimistisch in die Zukunft von Haft-Tappeh zu blicken. Haft-Tappeh braucht Wasser, und deshalb bin ich nicht optimistisch, was das Wachstum seiner Produktion im kommenden Jahr angeht (niemand weiß, was Jahre spĂ€ter passieren wird). Ich meine nicht, dass die Arbeiter in Haft-Tappeh Probleme mit ihren GehĂ€ltern haben werden, da wir uns in einem Gebiet befinden, das reich an unterirdischen Öl- und Gasvorkommen ist und eine Vorreiterrolle in der Industrie und der Landwirtschaft einnimmt; das heißt, selbst wenn die Sanktionen andauern, wird der Staat fĂŒr die Ausgaben und GehĂ€lter aufkommen, damit er das Gebiet weiterhin ohne staatliche Sicherheitsprobleme kontrollieren kann.

Mit anderen Worten: Ich denke, es wird ein Auf und Ab geben, aber keine endgĂŒltigen Einschnitte. In jedem Fall handelt es sich nur um Theorien, und es ist nicht bekannt, was in Zukunft geschehen könnte. Vielleicht wird nichts passieren und sich nichts Ă€ndern. Vielleicht wird es noch schlimmer werden. Vielleicht wird die Fabrik geschlossen oder nicht. Ich formuliere diese Theorien auf der Grundlage sozialer RealitĂ€ten. Aufgrund der Wetterbedingungen und der DĂŒrre sehe ich wirklich nichts Positives am Horizont, denn Wasser ist eine der Grundvoraussetzungen fĂŒr die Zuckerrohrproduktion.

Sie sind also der Meinung, dass Klimaprobleme, der Bau von StaudÀmmen und Eingriffe in die Natur Ursachen sind, die Haft-Tappeh einer hoffnungsvollen Zukunft berauben?

Der Bau des Staudamms, die Eingriffe in die Natur und das Klima sind eigene Themen, aber der Mangel an NiederschlĂ€gen in diesem Jahr, die Wetterbedingungen und die Tatsache, dass sich der ĂŒbliche Lauf der Natur geĂ€ndert hat, werden nicht nur fĂŒr Haft-Tappeh, sondern fĂŒr ganz Khuzestan Probleme schaffen, und darĂŒber bin ich sehr besorgt. Daran besteht kein Zweifel.

WĂŒrden Sie UnterstĂŒtzung und SolidaritĂ€t von Arbeitern in anderen LĂ€ndern erwarten, die dieses Interview lesen?

NatĂŒrlich wĂŒrde ich das. Als Arbeiter ist unser Kampf und unsere Perspektive ein Klassenkampf, und dieser kennt keine Grenzen und ist auch nicht auf eine bestimmte Region oder ein bestimmtes Land beschrĂ€nkt. Arbeitnehmer in aller Welt, die die gleichen Klassenvorstellungen und Zugehörigkeiten haben, mĂŒssen sich gegenseitig begleiten und unterstĂŒtzen. Denn die Arbeiterklasse kĂ€mpft gegen das internationale kapitalistische System. Dieses System kennt keine Grenzen, d.h. seine UnterdrĂŒckung, Ausbeutung und die schlechten Lebensbedingungen, die es fĂŒr die Arbeiterklasse schafft, kennen ebenfalls keine Grenzen. Es handelt sich also um einen Klassenkampf auf internationaler Ebene. Die Arbeiter des Iran erwarten aufgrund der Bedingungen, unter denen sie leiden, dass alle Arbeiter der Welt sie in jeder Hinsicht begleiten und unterstĂŒtzen; es ist ein Kampf gegen die Welt des Kapitals.

Haben Sie, die Arbeiter von Haft-Tappeh, oder andere Arbeiter, die in Khuzestan kÀmpfen, wie die Arbeiter von Ahvaz Steel usw., einen Streikfonds? Wovon leben sie, wenn sie streiken?

In Anbetracht unserer Bedingungen hier können wir leider keinen Streikfonds einrichten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: WĂ€hrend unseres Streiks in Haft-Tappeh in den Jahren 1997 und 1998 haben wir versucht, einen Streikfonds oder einen Wirtschaftsfonds einzurichten, aber wir wurden auf die denkbar schlechteste Weise behandelt. Wir hatten Tarifkarten, so dass jeder Arbeiter eintausend oder fĂŒnfhundert Touman oder einen beliebigen Betrag als Mitgliedsbeitrag zahlen konnte. Aber das durften wir nicht. Damals haben wir sogar die Finanzabteilung gebeten, dies fĂŒr uns zu tun, aber sie drohten uns und sagten uns, dass wir absolut kein Recht hĂ€tten, so etwas zu tun. Aufgrund der Bedingungen, unter denen iranische Arbeitnehmer heutzutage arbeiten, haben sie in den meisten Fabriken und Bereichen, in denen sie tĂ€tig sind, sei es in der Stadtverwaltung, im Erdöl-, Landwirtschafts- oder Bergbausektor, im Dienstleistungssektor oder in jedem anderen Bereich, das Problem, dass sie ihre Löhne nicht rechtzeitig erhalten. Manchmal verzögern sich die Zahlungen um zwei oder drei Monate. FĂŒr einen Arbeitnehmer, der zwei oder drei Monate lang keinen Lohn erhalten hat, ist es nicht wirklich möglich, sich an einem Streikfonds oder einem Finanzfonds zu beteiligen, wenn es Streikbedingungen gibt oder wenn ein Arbeitnehmer mit einem spezifischen Problem konfrontiert ist. Ein Streikfonds wĂ€re möglich, wenn man die Gewissheit hĂ€tte, dass es bei seiner Einrichtung keine Sicherheitsprobleme geben wĂŒrde. Wir sind nicht in der Lage, einen Streikfonds einzurichten, weder unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit noch unter dem der Lohnzahlungen.

Haben Sie eine Botschaft an die Arbeiterinnen und Arbeiter, die dieses Interview lesen?

Das Mittel der Arbeiter ist Einheit und SolidaritĂ€t auf internationaler Ebene. Wie entstehen Einheit und SolidaritĂ€t? Durch die Organisationen an den ArbeitsplĂ€tzen. Wir mĂŒssen versuchen, uns an unseren ArbeitsplĂ€tzen zu organisieren. Diese Organisationen können eine organische Beziehung zu anderen Fabriken und Unternehmen aufbauen und ein breites AktionsbĂŒndnis unter den Arbeitenden schaffen. Aber aufgrund der Bedingungen, die wir im Iran haben, ist das fĂŒr uns sehr schwierig. Wenn sie sich von der UnterdrĂŒckung, die sie erleiden, und der tĂ€glichen Ausbeutung, der sie ausgesetzt sind, befreien wollen, wenn sie wollen, dass das, was sie von ihrer Arbeit haben, ihnen selbst gehört, mĂŒssen sie sich in unabhĂ€ngigen Gruppen an ihrem Arbeitsplatz organisieren.




Quelle: Lowerclassmag.com