Mai 29, 2022
Von Emrawi
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1. Warum fordern ihr eine EntschÀdigung?

Viele Leute haben es begrĂŒĂŸt, dass wir die Arbeitsbedingungen in Gagarin öffentlich thematisiert haben, waren aber eher zurĂŒckhaltend, was die EntschĂ€digung angeht. Wir möchten betonen, dass wir nicht an einer öffentlichen Statement-Auseinandersetzung interessiert sind, sondern an einer echten materiellen VerĂ€nderung zugunsten des Lebens unserer Gewerkschaftsmitglieder und aller Arbeiter_innen. DarĂŒber hinaus haben uns die BemĂŒhungen unseres Gewerkschaftsmitglieds, das dort zweieinhalb Jahre lang gearbeitet und einen internen Prozess in Gang gesetzt hat, der die Situation zwar ein wenig verĂ€ndert hat, aber nicht in der Lage war, das Problem – die Ausbeutung – an der Wurzel zu packen, noch mehr davon ĂŒberzeugt, dass in diesem Fall weitere Schritte erforderlich sind. Außerdem mag der Betrag, den wir fĂŒr unsere Genossin fordern, einigen hoch erscheinen. Er liegt jedoch in der lĂ€cherlichen GrĂ¶ĂŸenordnung von 167 Euro, umgelegt auf die Monate, die sie dort gearbeitet hat. Dies ist das absolute Minimum, bezahlter Urlaub, 13. + 14.Gehalt, Krankenstand.

2. Profitiert jemand vom Gagarin? Wie wirkt sich die EntschÀdigung auf die anderen dort Arbeitenden aus?

Abgesehen von einigen Privilegien, die Kollektivmitglieder genießen, z. B. die Wahl der Schichten vor den anderen Arbeiter_innen oder die Übernahme von bezahlten Zusatzaufgaben, profitiert niemand finanziell von Gagarin. Da sie jedoch de facto die Chefs von Gagarin sind, was die Entscheidungsfindungen betrifft, profitieren sie von der Macht ĂŒber den Ort und ĂŒber andere Arbeiter_innen, sowie von ihrem Status in der grĂ¶ĂŸeren linken Szene Wiens. In diesem Zusammenhang hoffen wir, dass andere Springer_innen des Gagarin, sowie andere Arbeiter_innen in der Gastronomie, motiviert werden, ihre Minimalrechte zu verstehen und zu erkennen, wie ermĂ€chtigend Selbstorganisation ist.

3. Meine Freundin „Patrizia MĂŒller“ hat dort gearbeitet, und sie hat weder Sexismus noch Rassismus erlebt. Wie ist das möglich?

Wenn die interne Arbeitsteilung und die Arbeitsstrukturen des CafĂ©s strukturell sexistisch (Aufgabenaufteilung entlang der Geschlechterrollen, die Frauen dazu zwingt, den Großteil der unsichtbaren Arbeit zu verrichten) und rassistisch (Trennung von österreichischem/deutschem Kollektiv und migrantischen Springer_innen) sind – dann ist es eigentlich egal, was deine Freundin „Patrizia“ persönlich darĂŒber denkt. DarĂŒber hinaus gab es im Gagarin keine VerantwortungsĂŒbernahme wegen sexistischem und anti osteuropĂ€isch-rassistischem Verhalten, das unsere Genossin erlebt hat und das „Patrizia“ vielleicht miterlebt hat oder auch nicht. Auch ein Pro-Tipp: Das Zitieren der Meinung einer anderen marginalisierten Freundin löscht niemals die Erfahrung einer Person aus. Und abschließend noch einmal: Es geht hier nicht um das in Wien ĂŒbliche Spiel, einzelne Personen zu identifizieren und auszugrenzen, sondern um strukturelles Versagen in einem Betrieb mit mehreren ArbeitsplĂ€tzen.

4. Warum habt ihr das Gagarin ins Visier genommen und nicht ein anderes Lokal?

Wir haben uns diesen Kampf nicht ausgesucht! Wir machen keinen „Aktivismus“ oder suchen uns BetĂ€tigungsfelder, sondern wir kĂ€mpfen mit unseren Mitgliedern dort, wo sie ausgebeutet werden, um ihre Situation real zu verbessern. Ja, die Bedingungen bei McDonald’s sind auch schlecht (aber eigentlich gesetzlich korrekter als beim Gagarin), aber wir werden dort nur aktiv, wenn sich unsere Mitglieder dort organisieren. Es ist wirklich eine Schande, dass wir das erklĂ€ren mĂŒssen.

Übrigens, nĂ€chsten Sonntag gibt es die Möglichkeit, einen Kampf von zwei GenossInnen im kapitalistischen CafĂ© Le Firin fĂŒnf Blocks vom Gagarin entfernt zu unterstĂŒtzen!

5. Ich habe gehört, dass die Arbeitsbedingungen fĂŒr alle durchschaubar waren, und jeder hat sich entschieden, dort unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Warum beschwert ihr euch dann?

„Wenn es dir nicht gefĂ€llt, dann geh doch einfach“ – das scheint sehr einfach zu sein. Letztlich geht es um deine individuelle Entscheidung. Dies ist jedoch reine neoliberale Chef-Logik und berĂŒcksichtigt nicht die ZwĂ€nge, denen Lohnarbeitende, insbesondere Migrant_innen, ausgesetzt sind, wenn sie ihren Job aufgeben. Dies sollte kein ernstzunehmendes Argument im Kontext von ArbeitskĂ€mpfen sein, das von jemandem kommt, der sich auch nur vage als links definiert.

Das Gagarin muss erkennen, dass – mit welchen internen Konstruktionen auch immer – die Grundlagen der von der Arbeiterklasse erkĂ€mpften (bĂŒrgerlichen) Mindeststandards nicht untergraben werden dĂŒrfen! Das ist ein Prinzip jeder BemĂŒhung, die ökonomischen AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse zu verbessern. Doch im Gagarin werden diese einfach negiert. Gepaart mit der anscheinend wirklich vorhandenen Unwissenheit darĂŒber, was Arbeitsrechte eigentlich sind, ist die Sache brandgefĂ€hrlich. Keine Bezahlung im Krankheitsfall, kein 13. und 14. Lohn, kein bezahlter Urlaub usw. sind ein absolutes No-Go, wenn man Arbeiter_innen beschĂ€ftigt! Ansonsten muss man ein solches Projekt halt auf ehrenamtlich organisieren, wenn es kommerziell nicht klappt.

6. Das Gagarin-Kollektiv hatte eine dreitĂ€gige Klausur, um interne Hierarchien sowie den in der Gruppe reproduzierten Rassismus und Sexismus zu diskutieren. Warum mĂŒsst ihr öffentliche Anschuldigungen erheben, wenn sie sich offensichtlich bemĂŒht haben, an diesen Themen zu arbeiten?

UrsprĂŒnglich sollte die Ende 2021 stattgefundene Klausur nur von den Mitgliedern des Kollektivs besucht werden. Da die AtmosphĂ€re im Gagarin aufgrund der zwischenmenschlichen und strukturell rassistischen und sexistischen Mechanismen unertrĂ€glich war, bestanden einige der Springer_innen darauf, an der Klausur teilzunehmen. Unsere Genossin war eine von ihnen. Sie sammelte auch Geld, um die Kosten fĂŒr die Mediation zu decken. Die Arbeiter_innen vom Gagarin diskutierten wĂ€hrend dieser Klausur Hierarchien und andere Formen der UnterdrĂŒckung. Sie beschlossen, die Unterscheidung von Kollektiv und Springer_innen aufzuheben und die alte Struktur zu ersetzen. Einige Kollektivmitglieder waren jedoch sehr widerwillig gegen diese Entscheidung und boykottierten sie im halbformellen Rahmen der wöchentlichen Kollektivplena. Die Hauptverantwortlichkeiten wurden nicht neu verteilt, sondern blieben bei denselben Personen. Folglich – wie eines der Kollektivmitglieder öffentlich erklĂ€rte – „ist die Struktur die gleiche, sie wird nur anders genannt“.

7. Wurde das Geld nicht fĂŒr ein solidarisches System fĂŒr die Arbeitnehmer verwendet?

Nur um die Fakten zu erklĂ€ren: Es gab Elemente der Solidarökonomie im CafĂ© Gagarin. Sie waren aber alle sehr intransparent, begrenzt und aufgrund von Hierarchien und ungleichen MachtverhĂ€ltnissen fĂŒhlten sich nicht alle in gleicher Weise berechtigt, diese in Anspruch zu nehmen.

Abgesehen davon finden wir es sehr problematisch, mit einem kaum funktionierenden solidarischen System gegen die gesetzlichen Mindeststandards zu argumentieren. Niemand braucht eine gemeinsame Kasse von ein paar hundert Euro, wenn er die Möglichkeit hat, sich im Krankheitsfall krankschreiben zu lassen.

8. Ich gehe seit 10 Jahren an diesen Ort und ich liebe ihn. Warum wollt ihr ihn zerstören?

Niemand will das Gagarin gefĂ€hrden. Wir fordern einen Minimalbetrag, der in Angesicht dessen, was möglich wĂ€re, sehr gering ausfĂ€llt. Verbrannte Erde wĂ€re ein ganz anderes Kaliber. Wenn wir wollten, wĂŒrden wir mit einer Forderung von ĂŒber 30.000 Euro direkt beim Arbeitsgericht antanzen. Aber wir versuchen von Anfang an, eine fĂŒr alle akzeptable Lösung zu finden. Wir bitten dich daher, es dir noch einmal zu ĂŒberlegen, ob du mit deinen persönlichen Konsumentscheidungen wirklich den Kampf der Arbeitnehmer fĂŒr lebenswerte Bedingungen verhindern willst.

9. Sollten wir als Linke uns nicht zusammenschließen, anstatt uns wegen Kleinigkeiten zu spalten?

Das CafĂ© Gagarin ist nicht in der gleichen Weise Teil der Linken wie ein soziales Zentrum oder ein selbstorganisierter, nichtkommerzieller kollektiver Raum. Es ist eine kommerzielle Bar, mit Elementen der Solidarwirtschaft und – eher gescheiterten – Versuchen, die Chefs durch eine flache, nicht-hierarchische Struktur der Arbeiter_innenselbstorganisation zu ersetzen. Wir mĂŒssen nochmals betonen, dass einige Leute dort arbeiten, um zu ĂŒberleben, dass sie davon leben! In diesem Zusammenhang finden wir es ziemlich zynisch, ausbeuterische Arbeitsbedingungen als nicht so wichtig zu bezeichnen.

10. Warum habt ihr dem Gagarin nicht mehr Zeit gegeben, um zu reagieren? Was habt ihr vor, wenn das Kollektiv beschließt, die EntschĂ€digung nicht zu zahlen?

Der Zeitrahmen ist nicht besonders eng. Was vielen nicht klar zu sein scheint, ist, dass wir in genau fĂŒnf Wochen eine Klage beim Arbeitsgericht einbringen mĂŒssen, wenn es bis dahin keine Zahlung gegeben hat. Ist nicht leiwand, aber es ist notwendig, um die AnsprĂŒche ĂŒberhaupt einbringen zu können, falls sich alle im Gagarin weiterhin auf „nicht nachvollziehbar“ stellen.

Leider hat es bisher trotz gegenteiliger Behauptungen kein „GesprĂ€chsangebot“ von Seiten des Gagarin ans WAS gegeben. Lediglich die Einladung zu einer Steuerberatungskanzlei im 18. Bezirk in drei Wochen, 
 es scheint, wir mĂŒssen das GesprĂ€ch also auch weiterhin suchen, 



und das werden wir auch tun. Wir werden uns konsequent und solidarisch fĂŒr unsere Genossin einsetzen, auch wenn das Projekt an sich noch so unterstĂŒtzenswerte Intentionen hatte in der Vergangenheit. Die vielen spontanen Solidarisierungen auf dieser ersten grĂ¶ĂŸeren Kundgebung, zum Beispiel von Schweizer Wobblies, geben uns in der Sache recht.

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2022 auf wiensyndikat.wordpress.com.

ENG_

1. Why are you asking for compensation?

A lot of people were supportive that we publicly questioned the working conditions in Gagarin, but    more reluctant about the compensation. We want to stress that we are not interested in a statement war but in proper material change in favour of the life of our union members and all workers. Additionally, our union members’ efforts of two years working there and starting an internal process that changed the situation a bit, but did not manage to go to the root of the problem – the exploitation – convinced us even more that further steps are needed in this case. Besides, the amount we are asking for our comrade may seem large to some. However, it is in the ridiculous range of 167 euros divided to the months she was working there. This is the absolute minimum, payed holidays, 13. + 14. payment, sickleave.

2. Does anyone profit from Gagarin? How compensation affects the other workers?

Apart from a couple of privileges collective members have, for example choosing shifts before other workers, or taking on paid extra tasks, nobody profits financially from Gagarin. However, being the de facto bosses of Gagarin in terms of decision making, they do profit power over the place and over other workers, as well as status in the general Viennese leftist scene. In this context, we hope other springer_innen of Gagarin, as well as other workers in gastronomy, get motivated to understand their minimum rights and embrace their power of self-determination.

3. My friend, „Patrizia MĂŒller“ was working there, and she didn’t experience any sexism or racism. How is it possible?

If the internal task division and working structures of the CafĂ© are structurally sexist (division of tasks along gender roles, forcing women to do most of the invisible labour) and racist (separation of Austrian/German collective and migrant springer_innen) – it does not really matter what your friend „Patrizia“ personally thinks about it. Additionally, people didn’t take responsibility for sexist and anti eastern-european racist behaviour that our comrade experienced and that „Patrizia“ may or may not have witnessed. Also pro tipp: quoting some other marginalized friend’s opinion never erases a person’s experience. And finally once again; all this is not about the – in Vienna well known game – to identify and exclude single persons, but about structural failure in a business with working places.

4. Why did you target Gagarin and not some other restaurant?

We did not choose this struggle! We don’t do „activism“ or look for fields of activity, but we fight with our members where they are exploited in order to improve their situation in real terms. Yes, the conditions at McDonald’s are also bad (but actually more correct than at Gagarin), but we only take action there if our members organise there. It’s really a shame that we have to explain this.

By the way, this Sunday there is the possibility to support a struggle of two comrades at the capitalist café Le Firin five blocks away from Gagarin!

5. I heard the working conditions were transparent to everybody, and everyone chose to work there under these circumstances. Why are you complaining then?

“If you don’t like it, just leave” – it seems very simple. In the end, it’s about your individual decision. However, this is pure neoliberal boss logic and doesn’t take into account the constraints that wage workers, especially migrants face if they quit their jobs. This shouldn’t be a serious argument in the context of working struggles, coming from anyone who even vaguely defines themself as a leftist.

The Gagarin must recognise that – with whatever internal constructs – the basics of the (bourgeois) minimum standard fought for by the working class must not be undermined! This is a principle of any effort to improve the economic relations of dependence. But what happens in Gagarin is that these are simply negated. Coupled with the apparently real ignorance of what labour rights actually are, this is a very dangerous situation. Not getting paid when you are sick, no 13th and 14th wages, no paid holidays etc. are absolute no-goes when you have workers! Otherwise you have to organise such a project on a voluntary basis if it doesn’t work commercially.

6. The collective had a three days long klausur to discuss internal hierarchies as well as racism and sexism reproduced in the group. Why do you have to make public accusations if they apparently made an effort to work on these issues?

The klausur, that took place at the end of 2021, was originally planned to be attended only by the collective members. Since the atmosphere in Gagarin was unbearable due to interpersonal and structural racist and sexist mechanisms, some of the springer_innen were insisting on attending the klausur and having mediation. Our comrade was one of them. She was also raising money to cover the mediation. During this klausur, the collective and the springer_innen of Gagarin did discuss about hierarchies and other forms of oppression. They did decide to eliminate the separation between collective and springer_innen, and to redesign the old structure. Nonetheless, some of the collective members were very reluctant about this decision and boycotted it in the semi-formal setting of the weekly collective plenums. Responsibilities were never redistributed, but stayed with the same people. Consequently – as one of the collective members publicly claimed later – “the structure is the same, it’s only called differently”.

7. Didn’t they use the money for a solidary system for the workers?

Just for the sake of clarifying facts: there have been elements of solidary economy in Café Gagarin. However, they were all very untransparent, limited and because of hierarchies and unequal power relationships not everyone felt the same way entitled to them.

Other than that, we find it very problematic to argue against the minimum standards with a hardly functional solidary system. Nobody needs a common kassa of a couple of hundred euros, if they have the possibility to receive sick leave in case they are sick.

8. I am going to this place for 10 years and I love it. Why do you want to destroy it?

Nobody wants to endanger Gagarin. We are asking for a minimum amount of compensation, which is very small regarding what would be possible. Scorched earth would be a completely different calibre. If we wanted to, we would go straight to the labour court with a claim of over 30,000 euros. But from the very beginning we are trying to find a solution that is acceptable to everyone. Thus, we kindly ask you to reconsider, if you really want to prevent workers struggle for liveable conditions with your personal consumer decisions.

9. Shouldn’t we, as the left unite, instead of splitting for minor reasons?

CafĂ© Gagarin does not represent the left the same way as a social centre or a self-organised, non-commercial collective space does. It’s a commercial bar, with the elements of solidary economy, and – rather failed – attempts of replacing bosses with a flat, non-hierarchal structure of worker self-organisation. We cannot stop emphasizing that some people are working there for survival, they make their living out of it! In this context, we find it pretty cynical to call exploitative working conditions a minor reason.

10. Why didn’t you give Gagarin more time to react? What are your plans if the collective decides not to pay the compensation?

The time frame is not particularly tight. What many people don’t seem to realise is that if there has been no payment by then, we have to file a claim with the Labour Court in exactly five weeks. It’s not easy, but it’s necessary in order to be able to file the claim at all, in case everyone at Gagarin continues to set themselves up as „untraceable“.

Unfortunately, despite claims to the contrary, there has been no „offer of talks“ from the Gagarin to the WAS. They only invited us for tax consultancy in the 18th district in three weeks, 
 it seems we must continue to seek the conversation, 



and that is what we will do. We will stand up for our comrade consistently and in solidarity, even if the project itself had intentions worth supporting in the past. The spontaneous solidarities at this first larger rally, for example from Swiss Wobblies, prove us right in this matter.

Article first published on 27. Mai 2022, wiensyndikat.wordpress.com.




Quelle: Emrawi.org