Mai 21, 2022
Von Emrawi
213 ansichten

DE

In den letzten Jahren war das vermeintlich „antiautoritĂ€re“, „kollektiv gefĂŒhrte“ CafĂ© Gagarin ein Ort intensiver interner Auseinandersetzungen. Fragen ĂŒber die vorherrschenden prekĂ€ren Arbeitsbedingungen werden seit langem erfolglos diskutiert. Obwohl das CafĂ© Gagarin nach landlĂ€ufiger Meinung von einem Kollektiv gleichberechtigter Arbeiter:innen betrieben wird, hat es in Wirklichkeit eine Trennung zwischen dem „Kollektiv“ und den „Springer:innen“ gegeben. Die Mitglieder des „Kollektivs“ ĂŒbernehmen mehr Verantwortung, haben aber auch mehr Privilegien, Macht und Status. ZufĂ€llig, oder vielleicht auch nicht, bestand das „Kollektiv“ zu diesem Zeitpunkt aus weißen Deutschen und Österreicher:innen, wĂ€hrend die „Springer:innen“ hauptsĂ€chlich Migrant:innen sind.

Bei der Infragestellung des Status quo stießen die BeschĂ€ftigten immer wieder auf rassistische, autoritĂ€re und chauvinistische Reaktionen. Die Forderung nach einer Umstrukturierung des Ortes wurde zunĂ€chst bis zu einem gewissen Grad geduldet, spĂ€ter kam es jedoch zu gewaltvollen und aggressiven Reaktionen.

Unser Gewerkschaftsmitglied wurde mehrfach von mĂ€nnlichen Mitgliedern des „Kollektivs“ angeschrien und öffentlich gedemĂŒtigt. Ihre Forderungen nach VerantwortungsĂŒbernahme diesbezĂŒglich wurden ignoriert, und das Kollektiv hat versucht, die Situation als persönlichen Konflikt mit einer hysterischen Frau darzustellen. Schließlich beschloss sie, zu kĂŒndigen.

FĂŒr uns ist klar: Die starren Machtstrukturen machten es unmöglich, die Hierarchien und die schlechten Arbeitsbedingungen zu hinterfragen, in denen Ausbeutung und widerstreitende Klasseninteressen schamlos mit rassistischen und sexistischen Strukturen und deren individueller Reproduktion verwoben sind.

Das Problem daran, daß Arbeitsrechte nicht eingehalten werden, ist nicht etwa, daß Gesetze missachtet werden, sondern daß „linke Orte“ sogar die staatlichen Minimalstandards unterlaufen und so eine breite Akzeptanz fĂŒr Ausbeutung in sĂ€mtlichen ArbeitsverhĂ€ltnissen schaffen. Der Deckmantel der „guten Sache“ darf nicht dafĂŒr benutzt werden, die wenigen Grenzen der Ausbeutung zu verschieben und bezahlten Urlaub, 13. und 14. Gehalt, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall uvm. einfach zu negieren.

Wir sind uns bewußt darĂŒber, daß ein an „solidarökonomischer Lebenskultur” interessierter Betrieb ein anderes Kaliber als ein normales kapitalistisches Unternehmen ist. Leider haben sich im Fall des Gagarin aber ĂŒber die Jahre Strukturen entwickelt, die zu extremen Ausbeutungssituationen gefĂŒhrt haben und eine Lösung scheint nicht in Sicht zu sein. Die gesellschaftliche Falle der „externen SachzwĂ€nge“ scheint jegliche Ideale verdrĂ€ngt zu haben. Und schlimmer noch, uns erscheint die Situation wie wenn es keinerlei Klassenbewußtsein gibt und auch null Wissen und daher kein Bewußtsein fĂŒr die geringsten Arbeitsrechte.

Wir fordern daher eine einmalige EntschĂ€digung von unter 20% jenes Betrages, den unser Gewerkschaftsmitglied in den letzten 2,5 Jahren verdient hĂ€tte, wenn die arbeitsrechtlichen Mindeststandards eingehalten worden wĂ€ren. Dieser Betrag setzt sich zusammen aus den Einkommensverlusten, die im Laufe der Jahre durch unrechtmĂ€ĂŸig reduzierte Arbeitszeiten, nicht ausgezahlte Trinkgelder, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, unbezahlte Urlaube, fehlendes 13. und 14. Monatsgehalt usw. zusammengekommen sind.

FĂŒr uns als Gewerkschaft sind die Interessen der LohnabhĂ€ngigen – in diesem Fall die unwiederbringlich verlorenen Versicherungsjahre, die drohende Altersarmut, die Mehrfachbelastung als migrantische Arbeiterin usw. – zentral auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft.

Bislang hat es leider keine seriöse Reaktion vom Gagarin auf unser Angebot gegeben, die Sache gĂŒtlich und ohne Öffentlichkeit aus der Welt zu schaffen. Lediglich ein vages GesprĂ€chsangebot mit der Lohnverrechnung Mitte Juni. So blieb uns nichts anderes ĂŒbrig, als den Kampf öffentlich zu machen und ihn auf das Gagarin-Strassenfest zu bringen.

Und um gleich von Beginn an keine MissverstĂ€ndnisse aufkommen zu lassen; es geht hier nicht um individuelle Bösewichte! Es geht darum, daß ein alternativer Betrieb Strukturen reproduziert, gegen die er eigentlich einmal angetreten ist. Alle im „Kollektiv“ mĂŒssen sich die Frage gefallen lassen, wie es so weit gekommen ist und vor allem wie die Situation geĂ€ndert werden kann, ohne weiterhin auf die Ausbeutung von Arbeitenden, hauptsĂ€chlich Arbeitenden die von Sexismus und Rassismus betroffen sind, zu setzen, und ohne die gesetzlichen Minimalstandards um bis zu 200% zu unterlaufen.

Wir wollen deutlich zeigen: Wir scheuen uns nicht, Bossen entgegenzutreten und gegen jegliche Formen der Ausbeutung zu kĂ€mpfen, auch wenn sie mit rot-schwarzen Farben ĂŒbermalt werden!

Wir laden euch ein, am 21. Mai 17 bis 20 Uhr an unserer Demonstration vor dem Café Gagarin teilzunehmen! Die Adresse ist: Garnisongasse 24. Du findest uns bei den schwarz-roten Fahnen!

Kein Sexismus, kein Rassismus, keine Ausbeutung mehr!

FĂŒr die Befreiung aller Arbeiter:innen!

(“Artikel zuerst veröffentlich am 19.5.2022 auf wiensyndikat.wordpress.com/gagarin/”)

ENG

In recent years, CafĂ© Gagarin, the supposedly „anti-authoritarian“, „collectively run“ cafĂ©, has been a place of intense internal struggles. Questions of precarious working conditions have been discussed unsuccessfully for a long time. Although CafĂ© Gagarin is commonly believed to be run by a collective of equal workers, in reality there has been a division between the „collective“ and the „springer:innen“. The members of the „collective“ take on more responsibility, but also have more privileges, power and status. Coincidentally, or perhaps not, the „collective“ at this point was consisted of white Germans and Austrians, while the „springer:innen“ were mainly migrants.

When they tried to challenge the status quo, the workers repeatedly encountered racist, authoritarian and chauvinist reactions. The demand to restructure the place was tolerated first, but later it was followed by violent and aggressive reactions. Our union member was shouted at and was publicly humiliated by male members of the „collective“. Her demands to make them take responsibility for that were ignored, and the collective tried to reframe the situation as an individual conflict with a hysteric woman. Finally, she decided to quit.

It is clear for us: the rigid power structures made it impossible to question the hierarchies and the bad working conditions, in which exploitation and conflicting class interests are shamelessly interwoven with racist and sexist structures and their individual reproduction.

The problem with labour rights not being respected is not that laws are disregarded, but that „left places“ undermine even the minimum standards of the state, creating widespread acceptance for exploitation in all labour relations. Under the pretext of „good cause“ nobody should push the little boundaries of exploitation and simply negate paid holidays, 13th and 14th salary, sickleave, and so on.

We are aware that a company that is interested in „solidarity economy” is of a different calibre than an ordinary capitalist company. Unfortunately, in the case of Gagarin, the structures that developed over the years have led to extreme situations of exploitation, and a solution does not seem to be in sight. The social trap of „external constraints“ seems to have replaced any ideals. And worse, we have the impression that there is no class consciousness at all, and also zero knowledge and therefore no consciousness of the least labour rights.

We therefore demand a one-time compensation of less than 20% of the amount our union member would have earned in the last 2.5 years if the labour law minimum standards had been respected. This amount is made up of the lost income accumulated over the years through unlawfully reduced working hours, unpaid tips, unpaid sick leave, unpaid vacation, unpaid 13th and 14th salary, and so on.

For us as a union, the interests of wage workers – in this case, the irretrievably lost insurance years, the threat of old-age poverty, the multiple burden as a migrant worker, etc. – are central on the road to a liberated society.

So far, unfortunately, there has been no serious reaction from Gagarin to our offer to settle the matter amicably and without publicity, just a vague suggestion to have a talk with payroll accounting in mid-June. So we had no choice but to make the struggle public and bring it to the Gagarin Street Festival.

And to avoid any misunderstandings right from the start this is not about individual villains! It is about an alternative enterprise reproducing structures that it actually once stood against. Everyone in the „collective“ has to face the question of how it got this far and, above all, how the situation can be changed without continuing to rely on the exploitation of workers, mainly those who are affected by racism and sexism, and without undermining the minimum legal standards by up to 200%.

We want to show clearly: we are not afraid to confront bosses and fight against all forms of exploitation, even if they are painted over with red and black colours!

We invite you to join our demonstration in front of Café Gagarin on 21 May from 5pm! The address is: Garnisongasse 24. You can find us at the black-red flags!

No more sexism, no more racism, no more exploitation!

For the liberation of all workers!

(“Article first published on 19.5.2022, wiensyndikat.wordpress.com/gagarin/”)




Quelle: Emrawi.org