Mai 26, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Ein paar Wörter zu diesem Text, dieser Text ist eine Erweiterung des Artikels BLEIB ZU HAUSE, aber die Lage im Allgemeinen in Argentinien analysiert. Anscheinend erscheint dieses Interview als ein Teil vieler solcher in kĂŒrzerer Zeit. Wir finden nach wie vor, dass es sehr wichtig ist solche Texte wie diesen ins Deutsche zu ĂŒbersetzen, nicht nur damit die RealitĂ€t und die ZustĂ€nde in anderen Teilen der Welt bekannt sind, wir von der schneidigen Kritik lernen können sowie auch die KĂ€mpfe anderweitig verbreiten, sondern auch weil die Essenz der Kritik an den Staat und das Kapital an vielen Orten dieser Welt nicht aufgegeben worden sind, was hier nicht mal zu der jetzigen Zeit sich stilisiert, sondern nur mehr auffĂ€llt. Nicht-Aufgeben nicht als ein semantischer oder idealisierter Geisteszustand, sondern als eine historische Notwendigkeit fĂŒr den Kampf einer freien menschlichen Gemeinschaft. Wir werden von unserer Seite aus, weiterhin solche Texte ĂŒbersetzen und selber schreiben, komme was wolle.

Soligruppe fĂŒr Gefangene


Argentinien: Krise und Coronavirus

Anfang dieses Jahres fĂŒhrte das Kollektiv Angry Workers of the World eine internationale Umfrage zur aktuellen Situation von Pandemie und Einsperrung durch, die demnĂ€chst veröffentlicht werden soll. Hier sind unsere Antworten.

a) Könnt ihr kurz die wirtschaftlichen Auswirkungen der aktuellen Krise beschreiben und Beispiele fĂŒr Angriffe auf die Löhne und Arbeitsbedingungen der lokalen Arbeiter durch die Bosse und den Staat nennen?

Seit mehreren Jahren befindet sich die Wirtschaft in der Region in einem Stagnationsprozess, der schwerwiegende soziale Folgen hat. Die Situation explodierte schließlich im Zusammenhang mit dem Coronavirus, mit der Entfesselung einer sozialen und wirtschaftlichen Krise, die vorausgesagt worden war. Die Pandemie diente als Rechtfertigung fĂŒr brutale Repressions- und Anpassungsmaßnahmen, bei denen die Regierung die weltweit zu hörende militĂ€rische Rhetorik wiederholte.

Die Reallöhne sind im Jahr 2020 deutlich gesunken, mit KĂŒrzungen in vielen Sektoren oder Erhöhungen, die völlig unterhalb der Inflation liegen. Die Abwertung der LandeswĂ€hrung hat sich weiter beschleunigt, mit den damit verbundenen Auswirkungen auf die Preise. Diese Situation beschleunigte sich im Jahr 2020, wiederholt sich aber seit Jahrzehnten zyklisch. In den letzten 4 Jahren haben sich die Kosten fĂŒr den Grundnahrungsmittelkorb (A.d.Ü., Warenkorb) fĂŒr eine „typische Familie“ um das 4,5-fache vervielfacht, so wie viele Grundnahrungsmittel in 10 Jahren um 1200% gestiegen sind.

ZusĂ€tzlich zu diesem Angriff auf die Löhne hat sich im vergangenen Jahr die enorme Masse der Arbeitslosen erhöht, was ein zentrales Problem in der Region darstellt. Millionen von Menschen leben in Armut und erreichen nicht einmal den Grundnahrungsmittelkorb. Nach offiziellen Angaben ist jeder dritte Argentinier arm (mehr als 14,3 Millionen Menschen, eine Zahl, die auf fast die HĂ€lfte der Bevölkerung ansteigt, wenn man die Altersgruppe 0-14 Jahre berĂŒcksichtigt). Die Armut hat sich im letzten Jahr verschĂ€rft, was sich in den Straßen der StĂ€dte zeigt, wo die Zahl der bettelnden und Dinge aus dem MĂŒll auflesenden Menschen zugenommen hat. Hunger ist eine unausweichliche Folge, die zur Verschlechterung der LebensmittelqualitĂ€t und der ErnĂ€hrungsprobleme beitrĂ€gt. Es wird gesagt, dass der Rindfleischkonsum der niedrigste in den letzten 100 Jahren war, und es ist klar, dass dies nicht an einem ökologischen Problem liegt, da dieses Territorium ein Exporteur von Rindfleisch ist.

Wie schon seit Jahrzehnten versuchen die Regierungen, das Proletariat mit KrĂŒmeln bei der Stange zu halten, mit Wirtschaftshilfe, die verschiedene Formen annimmt, oft mit prekĂ€ren Jobs als Gegenleistung (was wiederum die offizielle Arbeitslosenquote senkt). Im Jahr 2020 zahlte die Regierung in einer der lĂ€ngsten QuarantĂ€nen drei miserable Subventionen. Dieses „ Familien-Noteinkommen“ (IFE, Ingreso Familiar de Emergencia) erreichte 9 Millionen Argentinier (Arbeiter in der informellen Wirtschaft, SelbststĂ€ndigkeit, angestellte Haushaltsarbeiter und Arbeitslose). Andere wirtschaftliche Hilfen, die ebenso unzureichend und von viel geringerem Umfang waren, wurden SelbststĂ€ndigen in bestimmten Sektoren gewĂ€hrt. Die Regierung legte auch einige Richtlinien in Bezug auf öffentliche Dienstleistungen und Immobilien fest, wie z.B. das Einfrieren von Mieten, einiger Tarife und die Aussetzung von ZwangsrĂ€umungen bei Nichtbezahlung. Außerdem versuchte sie, mit dem Programm „GeschĂŒtzte Preise“ einige Preise fĂŒr Lebensmittel und Waren des tĂ€glichen Bedarfs zu schĂŒtzen und mit RatenfinanzierungsplĂ€nen den Konsum zu fördern.

Aber jenseits dieser KrĂŒmel, waren wie immer die am meisten subventionierten die Kapitalisten. Der Staat ĂŒbernahm die ArbeitgeberbeitrĂ€ge und einen Teil des Gehalts der meisten Angestellten des Landes durch das sogenannte „Notfall-Hilfsprogramm fĂŒr Arbeit und Produktion“ (ATP, Programa de Asistencia de Emergencia al Trabajo y la ProducciĂłn), das vom Beginn der QuarantĂ€ne bis Dezember 2020 dauerte. Außerdem wurden zinslose Darlehen, subventionierte Raten und andere Subventionen eingefĂŒhrt. Dennoch wurde in vielen Branchen unter Mitwirkung der Gewerkschaften eine Senkung der Löhne, d.h. des Arbeitgeberanteils, vereinbart. Gleichzeitig haben viele Arbeiter nur einen Teil ihres Arbeitstages auf dem Papier, der andere Teil wird „schwarz“ bezahlt, daher waren die LohnkĂŒrzungen fĂŒr diesen Teil des Arbeitstages leichter zu bewerkstelligen. Es ist zu beachten, dass sich dies auf Arbeiter mit Anstellungen bezieht, da etwa 40 % der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung des Landes informell tĂ€tig sind.

Bei einer so großen Zahl von informell BeschĂ€ftigten bedeutete die soziale Isolation einen direkten Angriff auf den Lebensunterhalt von Millionen von Familien, die darauf angewiesen sind, tĂ€glich auf die Straße gehen zu können. Die Repression kostete Dutzende von Arbeitern das Leben, die aus der Not heraus zur Arbeit gingen, um einem Familienmitglied beizustehen oder einfach, um mit einem geliebten Menschen wieder vereint zu sein.

Auch bei den öffentlichen Arbeitern (A.d.Ü., also vom Staat eingestellte Arbeiter) waren die Lohnerhöhungen im VerhĂ€ltnis zur Inflation gering, auch in Sektoren wie dem Gesundheitswesen, das in diesem Zusammenhang mit am stĂ€rksten betroffen war. Bei vielen Gelegenheiten wurden sie durch provinzielle und nationale Anordnungen gezwungen, Dutzende von Überstunden ohne Bezahlung zu leisten. Die Gewerkschaften haben den Opferruf der Herrschenden zur Rechtfertigung dieser Schandtaten aufgegriffen.

Was die Erziehung anbelangt, so waren diejenigen, die Kinder und Jugendliche unterrichten, sowie deren Eltern völlig ĂŒberfordert, als die Indoktrination ins Haus kam. Die Schwierigkeit, ĂŒber das Internet zu unterrichten, wird durch die KomplexitĂ€t fĂŒr viele Erwachsene noch verstĂ€rkt, die weder Computer noch Mobiltelefone verstehen oder ĂŒberhaupt keine haben, und das in einem Land, in dem etwa 8 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Gleichzeitig behielten viele öffentliche Schulen ihre Speisesaalfunktionen bei, in denen tĂ€glich etwa 3 Millionen Kinder FrĂŒhstĂŒck und Mittagessen einnehmen.

Die StreitkrĂ€fte ĂŒbernahmen auch diese Funktion und verteilten Lebensmittel in den Stadtvierteln, wĂ€hrend sie gleichzeitig die Kontrolle verstĂ€rkten, um die Einhaltung der QuarantĂ€ne zu garantieren und die proletarische Gesellschaftlichkeit zu brechen. Die nachbarschaftlichen SuppenkĂŒchen (viele von ihnen von regierungsfreundlichen politischen Organisationen betrieben) funktionierten trotz der Schwierigkeiten weiter, und aus der SolidaritĂ€t der Nachbarn entstanden neue populĂ€re SuppenkĂŒchen. Anders als im Jahr 2001 waren diese Treffpunkte diesmal nicht als Instanzen der Organisation und des Kampfes konstituiert, sondern dienten hauptsĂ€chlich dem bloßen Überleben.

Im hĂ€uslichen Bereich erlebten wir einen grĂ¶ĂŸeren Druck, sei es durch eine Intensivierung der Aufgaben – z.B. die bereits erwĂ€hnte Erziehung und Betreuung der Kinder oder gesundheitliche Probleme angesichts der Reduzierung der Versorgung in den verschiedenen Gesundheitseinrichtungen – oder auf der Arbeitsebene, die Arbeit von zu Hause aus, das Auffangen der Auswirkungen der Arbeitslosigkeit oder die enormen Schwierigkeiten fĂŒr informelle Arbeit im Kontext der Einsperrung.

WĂ€hrend der QuarantĂ€ne wurden verschiedene Formen der Fernarbeit auferlegt, ohne zusĂ€tzliche VergĂŒtung und mit wenig oder gar keiner Ausbildung. Die erzwungene Anpassung an die Arbeit ĂŒber das Internet ist fĂŒr Millionen von Angestellten privater Unternehmen und staatlicher Institutionen eine RealitĂ€t. Zusammen mit der Trennung von den Arbeitskollegen verwischt diese Situation die Grenzen zwischen der bezahlten Arbeit und dem restlichen Leben noch weiter und ist gleichzeitig ein starkes Hindernis fĂŒr den Kampf am Arbeitsplatz.

In der Stadt, aus der wir antworten, Rosario, gab es Transportstreiks, die sich auf mehr als 100 Tage im Jahr summierten, wĂ€hrend die „wesentlichen Arbeiter“ weiter zur Arbeit gehen mussten.

Der Hauslieferdienst mit seinem ausgeprĂ€gten Prekariat und die Internet-Vermarktungsunternehmen expandierten infolge der sozialen Isolation erheblich. Die Situation, die wir wĂ€hrend der langen Monate der QuarantĂ€ne erlebten, erinnerte uns an die tiefgreifende Bedeutung des Warenfetischismus, wonach soziale Beziehungen in Wirklichkeit Beziehungen zwischen Dingen durch Menschen sind: Nur Waren zirkulierten weiter, und Menschen durften nur als Waren, als Arbeitskraft, zirkulieren. Einige durch Zwang, diejenigen, die „wesentliche TĂ€tigkeiten“ ausĂŒben, andere, weil sie keine Wahl hatten, wie die informellen Arbeiter, die aus der Not heraus gingen und sich der Gefahr aussetzten, bestraft oder sogar getötet zu werden.

b) Die Krise rĂŒckt den Staat in den Mittelpunkt der politischen Forderungen sowohl der Arbeiter als auch des Kapitals. Wie reagiert der Staat darauf? – In einigen FĂ€llen mag der Staat versuchen, diesen Weg zu zerstreuen, in anderen Situationen bietet er sich als politischer Kanal fĂŒr die Unzufriedenheit der Arbeiter an.

Die Verwaltung, die der Staat heute fĂŒr dieses Territorium ausĂŒbt, hat eine gewisse Besonderheit, einen PrĂ€sidenten, der sich als vĂ€terlich, fĂŒr die Feministinnen der Regierung sogar „mĂŒtterlich“ prĂ€sentiert. Die BedĂŒrfnisse und Forderungen des Proletariats werden behandelt, als ob sie zu einem Kind gesprochen wĂŒrden, zumindest von der Stimme des PrĂ€sidenten, und obwohl dies nicht so wichtig ist, lohnt es sich, es hervorzuheben, um ein Bild von dem Moment zu haben.

In der vorangegangenen Antwort haben wir verschiedene Aspekte der Aktionen des Staates gegenĂŒber den Forderungen der Arbeiter und des Kapitals beschrieben, mit der Absicht, jede Andeutung eines sozialen Überlaufs zu unterbinden und einen versöhnlichen Diskurs aufrechtzuerhalten, der die ganze Zeit die Verteidigung des Lebens gegenĂŒber der Wirtschaft zu bekrĂ€ftigen sucht. Wir haben die AbsurditĂ€t dieser Opposition angeprangert, und die RealitĂ€t ist, dass die Ergebnisse auf der gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Ebene katastrophal sind.

In Argentinien haben wir seit den Revolten von 2001 einen Prozess der fortschreitenden Institutionalisierung des Kampfes erlebt. Wir heben dieses Thema hervor, weil es dem Staat so gelungen ist, die gegenwĂ€rtige Situation aufrechtzuerhalten. Nach drei Mandaten von NĂ©stor und Cristina Kirchner, von 2003 bis 2015, ermöglichte der Wechsel mit der Opposition von 2015 bis 2019 die Erneuerung der GlaubwĂŒrdigkeit der aktuellen Regierung von Alberto FernĂĄndez zusammen mit Cristina Kirchner. Die demokratische Logik des kleineren Übels hat sich durchgesetzt und versucht, den Staat und die Politik als einziges Mittel zur sozialen Transformation zu stĂ€rken.

Was Ende 2020 passiert ist, ist sehr beispielhaft. Da es wenig zu verteilen gab, begann der Staat, Gesetze zu fördern, mit denen er die soziale Unzufriedenheit kanalisieren und mehr Zustimmung bei den Arbeitern erreichen wollte. Die erste davon war die „Steuer auf große Vermögen“, verstanden als „SolidaritĂ€ts“-Beitrag, der nur einmalig zu leisten war, mit dem Ziel, die „Auswirkungen des Coronavirus“ zu lindern. Diese neue Maßnahme wurde von den progressiven Sektoren der Regierung mit großem Tamtam als Verteidigung der Arbeiter und als „Umverteilung des Reichtums“ angekĂŒndigt und auf den Straßen von einer regierungsfreundlichen Mobilisierung begleitet. Der ganze Apparat wurde aufgebaut, um deutlich zu machen, dass die Maßnahme populĂ€r ist. In Wirklichkeit ist ihr Umfang reduziert und das meiste der gesammelten Gelder ist fĂŒr andere Sektoren der Bourgeoisie selbst bestimmt, aber sie erreichte ihr Ziel auf der diskursiven Ebene und lenkte die Aufmerksamkeit fĂŒr mehrere Wochen ab.

In dieser Situation der Verzweiflung versuchte die Regierung sogar, Diego Maradonas Totenwache zu monopolisieren, was wieder einmal ihrer eigenen Politik der Isolation widersprach.

Auf der anderen Seite wurde am 30. Dezember endlich die Legalisierung der Abtreibung beschlossen, die jahrelang verschoben worden war. Die Regierung drĂ€ngte auf die Zustimmung zu dieser Forderung im schwierigsten Moment, um einen ruhigen Jahresausklang zu gewĂ€hrleisten. Wieder einmal wurde der Mobilisierung freie Hand gelassen, solange sie zur UnterstĂŒtzung der Regierung und ihrer Initiativen diente.

Zur gleichen Zeit, als die Abtreibung legalisiert wurde, wurde fĂŒr 2021 eine KĂŒrzung fĂŒr die Rentner beschlossen, derselbe Grund, fĂŒr den es vor Jahren, als die Opposition regierte, starke Proteste gegeben hatte.

An der wirtschaftlichen Front verspricht die Regierung Investitionsprojekte wie die Produktion von Schweinen fĂŒr China, mit allem, was dazu gehört, zusĂ€tzlich zu Infrastruktur- und Transportarbeiten, um den Export von Fleisch und Getreide zu erleichtern, wie Investitionen in ZĂŒge und Eisenbahnen; oder auf lokaler Ebene die Erhöhung der Tiefe des ParanĂĄ-Flusses fĂŒr die Bewegung von Frachtschiffen. Der Staat redet viel von wirtschaftlicher Reaktivierung und versucht, Ruhe zu schaffen, aber es reduziert sich auf eine WunschĂ€ußerung ohne jegliche Projektion.

c) Gab es Proteste gegen die Einsperrungen oder andere Maßnahmen des Staates im Zusammenhang mit der Pandemie? Welchen Inhalt hatten die Proteste und wie setzten sie sich zusammen? Gab es eine Verbindung zwischen „der Straße“ und den Vertretern des Kapitals?

Im Laufe der Tage wurden mehrere Stimmen laut, aber wenn ĂŒberhaupt, dann haben die Medien die Anti-Impf- und „Verschwörungsparanoiker“-Bewegungen hervorgehoben, die nicht sehr zahlreich, aber sehr auffĂ€llig sind. Auf der anderen Seite sind Sektoren der petite Bourgeoisie auf die Straße gegangen, um zu protestieren, damit sie ihre LĂ€den wieder öffnen können und ihre Profite weiterfließen. Ein deutliches Beispiel sind die Bosse des Gastronomiesektors, die dafĂŒr bekannt sind, ihre Arbeiter nicht anzumelden, und fĂŒr die schlechten Löhne und Arbeitsbedingungen in diesem Sektor.

Verschiedene Gruppen von arbeitslosen Arbeitern gingen auf die Straße, um Arbeit und wirtschaftliche Hilfe zu fordern, um die QuarantĂ€ne zu mildern, aber ohne sie zu konfrontieren. Sie haben auf Transparenten und Plakaten Slogans gesehen wie „fĂŒr eine QuarantĂ€ne ohne Hunger“. Mit anderen Worten: Die Maßnahmen wurden von fast niemandem offen in Frage gestellt, sondern sogar gerechtfertigt, indem man sich darauf beschrĂ€nkte, zu fordern, dass die Bedingungen garantiert werden, um sie in die Praxis umsetzen zu können. Die Akzeptanz von QuarantĂ€ne und Isolation wurde als das politisch Korrekte durchgesetzt. Am Arbeitsplatz war die Situation Ă€hnlich. Zahlreiche Konflikte fanden im Laufe der Monate statt, aber sie waren atomisiert, mit spezifischen Forderungen aus jedem Sektor, ohne die Situation im Allgemeinen in Frage zu stellen.

Aber jenseits dieser mehr oder weniger organisierten Äußerungen hat ein großer Teil des Proletariats die Einsperrung als eine Verurteilung erlitten. FrĂŒher oder spĂ€ter wurde klar, dass es neben der rein ökonomischen Notwendigkeit, weggehen zu können, notwendig war, weiterhin Verbindungen aufrechtzuerhalten, und der Ungehorsam blĂŒhte ĂŒberall, wenn auch meist anonym, in Komplizenschaft mit nahestehenden Personen, ohne offen Stellung zu beziehen, oder sogar in widersprĂŒchlicher Weise, indem man den herrschenden Diskurs wiederholte, aber in der Praxis das Gegenteil tat.

Was die Straßen betrifft, so kehren wir zur Institutionalisierung des Kampfes zurĂŒck. Die Mobilisierungen neigen dazu, sich nach dem zu organisieren, was in den StaatsgebĂ€uden passiert, in ihrer eigenen Sprache, sogar mit ihren eigenen Organisationen. Diese starke Kanalisierung wird als ein unvermeidliches Ergebnis der Wiederbelebung der letzten AusdrĂŒcke des radikalen Kampfes in der Region dargestellt.

Die Massenmedien spielten ihrerseits in der Zeit der Isolation eine herausragende Rolle, indem sie dazu beitrugen, jede Äußerung kritischen Denkens auszulöschen, wĂ€hrend der ersten Monate der QuarantĂ€ne einen Diskurs der nationalen Einheit reproduzierten, der jede Äußerung von Ungehorsam brutal verurteilte, und dann die typischen Konfrontationen zwischen Regierung und Opposition wieder aufnahmen.

d) Was waren die wichtigsten Proteste und Streiks der Arbeiter gegen die Auswirkungen der Krise oder der Angriffe? Was waren ihre StĂ€rken und SchwĂ€chen? Welche Rolle spielten die Gewerkschaften? Trat die Frage der „Arbeiterkontrolle“ ĂŒber die Verteidigung der Bedingungen hinaus auf? Gab es ZusammenhĂ€nge zwischen den Basisgruppen der „gegenseitigen Hilfe“ und den ArbeiterkĂ€mpfen wĂ€hrend Corona?

Proteste am Arbeitsplatz traten in den ersten Wochen der QuarantĂ€ne zaghaft auf und nahmen im Laufe der Monate merklich zu. Zu den ersten, die protestierten, gehörten die „Riders“ oder „Delivery“-Arbeiter und andere „essentielle“ Arbeiter, wie die in der Lebensmittelproduktion, die nie aufhörten zu arbeiten.

Es handelte sich dabei hauptsĂ€chlich um Lohnkonflikte, gegen KĂŒrzungen und Entlassungen, die aber, wie oben erwĂ€hnt, sehr isoliert voneinander stattfanden.

Die Gewerkschaften spielten eine völlig versöhnliche Rolle. Bessere Lohnerhöhungen wurden nur in den Sektoren mit einer hohen Profitrate erreicht, wie bei den Bankern, Ölarbeitern, LKW-Fahrern, Hafenarbeitern und anderen. Die GewerkschaftsfĂŒhrer auf nationaler Ebene sind auf die Regierung ausgerichtet und ihre Funktionen und Reden werden oft miteinander verwechselt. Die Gewerkschaftszentralen stellten ihre KrankenhĂ€user und Hotels der Regierung zur VerfĂŒgung, und mehr als einmal erschienen sie, um gemeinsam ĂŒber die BewĂ€ltigung der Krise zu sprechen. Erst jetzt fangen sie an, einige Diskrepanzen zu markieren, als der Staat begonnen hat, die Wirtschaftshilfe fĂŒr Arbeiter und Unternehmen zu kĂŒrzen.

Die Sorge um die Ansteckung und die installierte Panik, die zur Heimarbeit hinzukam, tauchte Tausende von Arbeitern in eine Dynamik virtueller oder keiner Kommunikation mit ihren Arbeitskollegen, was es schwierig machte, zu diskutieren und sich fĂŒr den Kampf zu organisieren, was die Rolle der Gewerkschaften als Vermittler stĂ€rkte.

Wie in Krisenkontexten ĂŒblich, gibt es eine Verwechslung zwischen der Verteidigung der Arbeitskraft und der Verteidigung der Quelle der Arbeit, d.h. der Identifikation mit der Arbeit, die verrichtet wird und durch die sie ausgebeutet wird. Diese Situation, die das Proletariat als Ganzes betrifft, wurde in Sektoren wie dem Gesundheitswesen deutlicher, wo viele Arbeiter auf die Opferaufrufe der Regierung und der Gewerkschaften reagierten.

Eine weitere SchwÀche war der Klassenunterschied, vor allem in einigen Sektoren, die von der QuarantÀne hart getroffen wurden, wie Gastronomie, Tourismus, Fitnessstudios, Kultur, Shows, da die Forderung, weiterarbeiten zu können, in vielen FÀllen Angestellte, SelbststÀndige und die Chefs verband.

Vorhin haben wir auch die Forderungen der Arbeitslosen erwĂ€hnt. Hinzu kommen die Landenteignungen in verschiedenen Teilen des Landes, von denen die in der Stadt Guernica in der Provinz Buenos Aires die bedeutendste war. Etwa 2500 Familien (ca. 10.000 Menschen) siedelten sich auf einem fĂŒr eine private Nachbarschaft bestimmten GrundstĂŒck an und leisteten zwei Monate lang Widerstand, bis sie heftig unterdrĂŒckt wurden. Der Mangel an Wohnraum ist ein weiteres großes soziales Problem in der Region, das sich im Jahr 2020 verschĂ€rft hat.

Diese Landbesetzungen in verschiedenen StĂ€dten sowie die territorialen RĂŒckeroberungen, die radikalisierte Sektoren des Mapuche-Proletariats auf patagonischem Land durchfĂŒhren, provozierten die Reaktion der Bourgeoisie zur Verteidigung des Privateigentums, ein Thema, das einige Wochen lang in den Medien zirkulierte.

Arbeiterkontrolle oder Selbstverwaltung traten nicht als Ausdruck des Proletariats auf. Auch das ist ein Aspekt, der in den letzten Jahren von Staat und Kapital in der Region völlig aufgesogen wurde. Die Besetzung von ArbeitsplÀtzen oder die Umgestaltung von ArbeitsplÀtzen werden nicht als Instanzen des Kampfes, sondern der Subsistenz und der Quelle der Arbeit gedacht. Wir haben dies in der 12. Ausgabe unserer Zeitschrift Cuadernos de Negación unter dem Titel Crítica de la autogestión (Kritik der Selbstverwaltung) nÀher erlÀutert. Wenn wir dies betonen, dann deshalb, weil wir am eigenen Leib die Last der Selbstverwaltung der Produktion als Kanal des Kampfes erlitten haben.

Zu den Diskussionen um die Umstellung einiger ArbeitsplĂ€tze, die in anderen Regionen entwickelt wurden, wie zum Beispiel um die Produktion von AtemschutzgerĂ€ten, mĂŒssen wir sagen, dass wir darin nicht viel Sinn sehen, und noch viel weniger in Regionen wie dieser, wo Hunger und Überbelegung der Hauptfeind der ImmunitĂ€t (A.d.Ü., im gesundheitlichen Sinne) von Millionen von Proletariern sind. Es ist notwendig, die Situation auf eine breitere und tiefere Weise anzugehen. Die Bourgeoisie muss enteignet werden, aber nicht, um AtemschutzgerĂ€te herzustellen.

Was die letzte Frage betrifft, so gab es keinen Zusammenfluss zwischen den KĂ€mpfen im Allgemeinen. Ja, es gab SolidaritĂ€tsbekundungen wie die populĂ€ren SuppenkĂŒchen in den Stadtvierteln, aber keine Koordination der KĂ€mpfe und auch keine Massendemonstrationen gegen die Krise.

Ein weiterer Grund fĂŒr den Protest war die Repression, auf die wir weiter unten eingehen werden.

Über die direkt mit dem Coronavirus und den ergriffenen Maßnahmen zusammenhĂ€ngenden Folgen hinaus gab es Konflikte zur Verteidigung der Natur und gegen den Vormarsch der kapitalistischen VerwĂŒstung, die Jahr fĂŒr Jahr im ganzen Land auftreten. In Chubut ging der Konflikt gegen den Mega-Bergbau und seine verheerenden Auswirkungen, wie die Verseuchung des Wassers, weiter. In der Stadt Rosario entbrannte ein langer Konflikt gegen die Verbrennung der Inseln des ParanĂĄ-Flusses, der trotz Forderungen und staatlicher Intervention ĂŒber Monate nicht aufhörte. Obwohl es positiv war, sich im Rahmen der QuarantĂ€ne in Versammlungen und Mobilisierungen treffen zu können, nahm der Kampf als Hauptachse die Sanktionierung eines neuen Gesetzes zur Verteidigung der Feuchtgebiete. Wir beteiligten uns an dem Konflikt, indem wir versuchten, mit unseren Überlegungen und Kritiken beizutragen, die wir in FlugblĂ€ttern und Texten zum Ausdruck brachten. Zu diesem Thema haben wir ein audiovisuelles Werk mit dem Titel Humo, Reflexiones mĂĄs allĂĄ de las quemas, erhĂ€ltlich mit englischen Untertiteln, erstellt.

e) Welche neuen Spaltungen sind innerhalb der lokalen Arbeiterklasse entstanden und welche anderen wurden geschwÀcht?

Auf der organisatorischen Ebene haben sich keine Ausdrucksformen des Bruchs mit einer radikalen Perspektive entwickelt, was uns interessiert. Und was die linken Organisationen anbelangt, so hat es keine großen VerĂ€nderungen gegeben. Anstelle von Spaltungen hat sich eine Logik einer progressiven Einheitsfront gegen die Rechte oder den „Neoliberalismus“ vertieft, die praktisch alle Sektoren der Linken umfasst. Diejenigen, die immer noch behaupten, regierungskritisch zu sein, oder die ihre Strukturen außerhalb des Peronismus aufrechterhalten, wie es bei den trotzkistischen Parteien der Fall ist, tun nichts anderes, als von der Regierung das zu fordern, was sie nicht oder nicht gut macht, eingetaucht in dieselbe staatstragende und auf Wahlen beruhende Logik.

Aber jenseits der Organisationen und Akronyme hat sich die Atomisierung des Proletariats als Ganzes vertieft, besonders zu Beginn der QuarantĂ€ne, wo die installierte Panik sogar Denunziationen unter den Arbeitern und Nachbarn selbst wegen der Verletzungen der Isolation provozierte. Die Virtualisierung der ArbeitsplĂ€tze hat ebenfalls dazu beigetragen, wie wir schon sagten, und in letzter Zeit hat eine Verurteilung der Jugend als Verantwortliche fĂŒr die Zunahme von Ansteckungen an Kraft gewonnen.

f) Welche neuen oder oppositionellen politischen KrÀfte haben sich als Reaktion auf die Krise und die Einsperrung gebildet?

Wie in anderen LĂ€ndern auch, hat das Aufkommen einer lokalen „alternativen Rechten“ und des extremsten Liberalismus an Sichtbarkeit gewonnen. Das ist nicht sehr neu, aber es manifestiert sich in einer neuen und breiten Form, da es sich mit der Opposition gegen die nationale Regierung vermischt. So demonstrieren sie zur Verteidigung der Freiheit, wĂ€hrend sie die peronistische Regierung des Kommunismus beschuldigen, Impfungen und 5G kritisieren und individuelle Freiheiten verteidigen, wĂ€hrend sie Demokratie und Politiker ablehnen.

Das Problem scheint nicht so sehr das Coronavirus und der Umgang mit ihm zu sein, sondern der politische Widerstand gegen den Gegner. Die Verteidiger der Regierung, die diejenigen, die ohne Maske auf die Straße gingen, oder diejenigen, die gegen die QuarantĂ€ne demonstrierten, als unverantwortlich und Mörder behandelten, zögerten nicht, die Regierung bei den oben erwĂ€hnten massiven Aufrufen zu unterstĂŒtzen, bei denen den Maßnahmen der Regierung wenig oder kein Respekt entgegengebracht wurde.

Die Massenmedien handelten entsprechend, indem sie jede Kritik an der Einsperrung mit Verschwörung und Liberalismus in Verbindung brachten und dann die Regierung fĂŒr die von ihr organisierten Mobilisierungen kritisierten oder rechtfertigten. Auf dem politischen Schachbrett bewegte sich nicht viel, was sich Ă€nderte, war der Diskussionsgegenstand als Folge des neuen Kontextes. Wir sind weit davon entfernt, uns kollektiv mit der Krise und der Einsperrung aus einer Klassenperspektive auseinandersetzen zu können.

g) Hat die Einsperrung Auswirkungen auf Arbeiter oder politische Gruppen, wenn sie versuchen, Proteste zu organisieren? Hat sich die Form der Repression verÀndert? Wie reagieren die Menschen darauf?

Ja, die Gewerkschaften riefen dazu auf, zu Hause zu bleiben, und jeder Konflikt in den ersten Monaten wurde verurteilt, außer in den „wesentlichen“ Sektoren, die weiterarbeiteten, wo es, wie wir sagten, zu vereinzelten Konflikten kam. Der allgemeine Tenor war der der Befriedung und des Terrors, und die QuarantĂ€ne ermöglichte es, wĂ€hrend der ersten langen Monate ein Verbot aller Arten von Versammlungen, Veranstaltungen und Mobilisierungen zu verhĂ€ngen. Selbst in den Monaten der akutesten QuarantĂ€ne war es nicht einfach, in das Innere der StĂ€dte zu gelangen.
Im Laufe der Wochen, nachdem die anfĂ€ngliche Paranoia verflogen war, gab es immer mehr Proteste, viele davon mit der Notwendigkeit, Protokolle zu erstellen, wĂ€hrend die Zahl der Ansteckungen in einem großen Teil des Landes gering blieb.

Die Repression hat sich in ihrer Form nicht geĂ€ndert, aber sie hat sich intensiviert. Die Parole „zu Hause bleiben“ ermĂ€chtigte die repressiven KrĂ€fte. Die hohen Mordraten durch die Polizei hielten an, obwohl sich die Menschen kaum bewegten. Dutzende von Proletariern wurden wĂ€hrend der QuarantĂ€ne ermordet, mit dem emblematischen Fall von Facundo Astudillo Castro in der Provinz Buenos Aires, dessen Leiche mehrere Monate lang vermisst wurde. Wie in solchen FĂ€llen ĂŒblich, gab es Proteste von Verwandten, Freunden und Nachbarn gegen diese Schandtaten, aber im Allgemeinen wurden sie auch hart unterdrĂŒckt, als Beispiel, damit sie sich nicht wiederholen.

Die Bevölkerung hat widersprĂŒchlich reagiert, denn obwohl es eine große Unzufriedenheit ĂŒber die Krise und die Einsperrung gibt, wird sie am Ende mit der Pandemie gerechtfertigt, ohne dass man den Staat und das Kapital fĂŒr die Situation verantwortlich machen und entsprechend handeln kann. Es gibt Kampf und Unzufriedenheit, aber auch Akzeptanz und Unterwerfung.

An dieser Stelle muss betont werden, dass sich fĂŒr uns die Repression nicht auf die Aktionen der RepressionskrĂ€fte reduziert, sondern auch auf die vielfĂ€ltigen KanĂ€le, die von Kapital und Staat eingerichtet wurden, um die KĂ€mpfe umzuleiten. Vieles von dem, was wir in unseren Materialien zum Ausdruck gebracht haben, weist in diese Richtung, da wir im Jahr 2020 einer der grĂ¶ĂŸten Situationen proletarischer Ohnmacht auf Weltebene in der Geschichte ausgesetzt sind.

h) Was sind die aktuellen theoretischen und praktischen BemĂŒhungen eurer Gruppe, sich auf die neue Krisensituation zu beziehen? Wie könnte eine internationale Zusammenarbeit fĂŒr euch in dieser Hinsicht nĂŒtzlich sein? Was sind eure konkreten Fragen an die Genossen im Ausland?

Von unserer Gruppe aus hielten wir die AktivitĂ€t aufrecht und versuchten, den Isolationsmaßnahmen und der entfesselten Krise zu begegnen. Wir treffen uns weiterhin in unserer Stadt und halten Kontakt zu GefĂ€hrten in der Region und in anderen LĂ€ndern, um diesen besonderen Kontext zu verstehen und zu bewĂ€ltigen. In unserem Verlag Lazo Ediciones haben wir zwei BĂŒcher zu diesem Thema veröffentlicht. Der erste war die Übersetzung des Artikels Contagio social. Guerra de clases microbiolĂłgica en China (Soziale Ansteckung, Mikrobiologischer Klassenkampf in China) von der Chuang-Gruppe im MĂ€rz, und dann Coronavirus, crisis y confinamiento im September, das eine Zusammenstellung von Artikeln verschiedener Gruppen und Autoren aus unterschiedlichen Teilen der Welt war. Von unserem Infoblatt La Oveja Negra haben wir im April eine Sonderausgabe mit dem Titel Coronavirus y cuestiĂłn social (Das Coronavirus und die soziale Frage) erstellt, die ins Englische, Französische und Deutsche ĂŒbersetzt wurde, und wir haben uns auch in den folgenden Ausgaben mit der aktuellen Situation des Coronavirus und den Maßnahmen beschĂ€ftigt. Die Materialien wurden in digitaler und Papierform verteilt und erreichten einige StĂ€dte mit der Absicht, den Kontakt zu den Gruppen von GefĂ€hrten aufrechtzuerhalten. Wir haben die Situation auch in unserer Radiosendung Temperamento angezeigt und mit der Teilnahme von GefĂ€hrten aus verschiedenen Teilen des Landes dazu beigetragen, die Isolation zu durchbrechen.

In diesem Sinne finden wir es nĂŒtzlich, als internationale Zusammenarbeit zu verbreiten, was wir von hier aus tun, sowie die Hilfe bei der Übersetzung unserer Materialien. Diese Umfrage scheint uns eine gute Übung zu sein, um die AktualitĂ€t der einzelnen Regionen und ihre Unterschiede gemeinsam zu erfassen und so weit wie möglich Lehren daraus zu ziehen. Wir sind auch daran interessiert, dass wir international ĂŒber diese globale Krise diskutieren können.

Wir haben seit der Ausrufung der Pandemie großen Wert auf die Anprangerung von Disziplinierung und Repression gelegt und gleichzeitig versucht, unser VerstĂ€ndnis fĂŒr diese besondere Krise zu vertiefen. Die Verbreitung diverser Viren, die mit der kapitalistischen Produktionsweise verbunden sind, ist eine Problematik, mit der wir uns seit dem oben erwĂ€hnten Artikel der Chuang-Gruppe eingehend beschĂ€ftigt haben. Aber gleichzeitig sahen wir die Notwendigkeit, einige Vorbehalte gegenĂŒber der ZentralitĂ€t zu Ă€ußern, die diesem Thema in verschiedenen kritischen Bereichen eingerĂ€umt wurde, wobei die Mechanismen und Maßnahmen, die durch die ErklĂ€rung der Pandemie hervorgebracht und gefördert wurden und die unsere Lebensbedingungen und unseren Kampf direkt angreifen, oft außer Acht gelassen wurden. Auf diese Weise wurde sogar der Rechtfertigung und „kritischen“ Begleitung staatlichen Handelns TĂŒr und Tor geöffnet, wobei in vielen FĂ€llen nur auf dessen „AuswĂŒchse“ hingewiesen wurde. Der Fokus wurde so sehr auf den Kapitalismus als Produzenten von Viren gelegt, dass der Blick davon abgelenkt wurde, wie dieser Virus als großer Produzent von Maßnahmen gedient hat. Es ist nicht dasselbe zu sagen, dass ein Virus sanitĂ€re, wirtschaftliche und repressive Maßnahmen provoziert hat, als zu sagen, dass ein Virus benutzt wird, um wirtschaftliche und repressive Maßnahmen zu ergreifen, unter einem sanitĂ€ren Deckmantel. Das erste Postulat ermöglicht es sicherlich, die UnfĂ€higkeit des Staates und des Kapitals aufzuzeigen, einer SchĂ€dlichkeit zu begegnen, die ihre eigene Produktion provoziert und ĂŒber die es bereits einige Prognosen gab. Diese Lesart der RealitĂ€t stellt jedoch den Virus und die GrĂŒnde fĂŒr sein Auftauchen und seine Ausbreitung in den kausalen Mittelpunkt der Ereignisse, die wir erleben. Es scheint, dass es eine ZurĂŒckhaltung gibt, bestimmte Entscheidungen zu untersuchen oder zu kritisieren, die die Bourgeoisie und die Staaten derzeit durchfĂŒhren, was dazu fĂŒhrt, dass es einfacher ist, die kapitalistische Produktion en bloc zu kritisieren. Vielleicht ist einer der GrĂŒnde dafĂŒr das Aufkommen von Verschwörungstheorien, die so viel dazu beitragen, Verwirrung zu sĂ€en, ja sogar das Vertrauen in Institutionen und Fachleute sowie in die freie Zirkulation von Informationen durch Opposition zu stĂ€rken. WĂ€hrend wir solche ErklĂ€rungen, die nichts erklĂ€ren, offen bekĂ€mpfen, versuchen wir zu analysieren, wie die ergriffenen Maßnahmen mit den BedĂŒrfnissen der Ökonomie als Ganzes zusammenhĂ€ngen, wobei wir zur Kenntnis nehmen, dass das Kapital in der Geschichte seiner Existenz immer wieder Ausnahmen aus außergewöhnlichen UmstĂ€nden gemacht hat.

Die Neuartigkeit dieser Krise liegt in ihrer Behauptung, dem installierten Rechtfertigungsdiskurs und der Art und Weise, wie sie ausgelöst wurde. Aber offensichtlich ist es nicht dasselbe mit seinen sozialen Folgen und Auswirkungen auf die Dynamik der kapitalistischen Verwertung. In diesem Sinne bedeutet eine Krise ein gegenwĂ€rtiges Opfer mit Aussichten auf zukĂŒnftiges Wachstum: proletarischer Tod und Elend, Zerstörung von Waren und fixem Kapital, Umstrukturierung bestimmter Produktionssektoren. Die Kriege im Kapitalismus waren ein klares Beispiel fĂŒr diesen Prozess, und deshalb ist die militĂ€rische Rhetorik, die wir rund um das Coronavirus ertragen mussten, nicht ĂŒberraschend. Noch einmal, was auch immer gesagt wird, die Schlachten wurden gegen die BedĂŒrfnisse des Proletariats und zur Verteidigung der Ökonomie geschlagen. In den letzten Jahrzehnten haben wir mehrere Krisen erlebt, die in ihrer Tiefe, ihrem Ausmaß und ihrer Schwere vergleichsweise geringer waren als andere in der Vergangenheit, die aber gleichzeitig nicht dazu gefĂŒhrt haben, dass das Kapital ĂŒber ein anhaltendes, aber schwaches Wachstum hinausgegangen ist. Nach Ansicht einiger Ökonomen konnte man bei den Vor-Coronavirus-Indizes von einer Stagnation sprechen, aber die Vorhersage einer bevorstehenden Krise schien höchst unwahrscheinlich. Die Ankunft der Pandemie scheint jedoch alle Prognosen ĂŒber den Haufen geworfen zu haben. Wir fragen uns also: Hat das Virus die Krise katalysiert, oder ist das Virus gekommen, um eine Krise solchen Ausmaßes zu rechtfertigen, fĂŒr die niemand die Verantwortung zu ĂŒbernehmen wagte? Versucht es, eine Krankheit zu mildern, damit das Gesundheitssystem nicht zusammenbricht, oder versucht es, die Gesundheit des kapitalistischen Systems zu stĂ€rken, indem es seinen wiederkehrenden Krisen eine tiefere und dauerhaftere Heilung auferlegt?

La Oveja Negra / Cuadernos de NegaciĂłn

Rosario, Februar 2021

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Quelle: Panopticon.blackblogs.org