Februar 28, 2021
Von Indymedia
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Arroganz

Hand aufs Herz. Wer hat sich beim ersten Besuch vom AZ, einer Info-Veranstaltung oder in der ersten politischen Gruppe wohlgefĂŒhlt? Die Wahrheit ist leider, wir Linksradikalen sind arrogant, sehr arrogant sogar. Die Arroganz schwĂ€cht uns und ist zugleich ein Ausdruck unserer SchwĂ€che. Egal ob mensch nun die Revolution will oder einfach nur handlungsfĂ€hig sein will, Arroganz lĂ€hmt uns. Es kommt einem so vor als mĂŒsste mensch sich in jedem Haus, und in jeder Gruppe erst beweisen oder Ă€ußerlich und verhaltensmĂ€ĂŸig anpassen um akzeptiert zu werden. Gerade viele Menschen welche neu hinzukommen und aus der Arbeiter*innenklasse kommen sind passiv und eingeschĂŒchtert von unserer Sprechweise und unserem Verhalten. Vielleicht sollten wir einfach mal ĂŒberlegen ob es nicht schon bezeichnend ist, dass wir von einer linken “Szene” sprechen oder die Mehrheit der Bevölkerung gar nicht erst ansprechen wollen? Aber anstatt ewige Theorie Diskussionen zu fĂŒhren, sollten wir einfach unser persönliches Verhalten Ă€ndern: Wir sollten endlich aufhören arrogant zu sein! Keine Coolness, keine Verachtung und keine AbgeklĂ€rtheit!

1. Wir untereinander

Eine Person hat es mal wie folgt ausgedrĂŒckt: „Die Szene, ein Ort an dem man das GefĂŒhl hat endlich Zuhause angekommen zu sein, aber nie richtig ankommt“. Bei Crust-Konzerten und WagenplĂ€tzen wird mensch ohne Dreads und AufnĂ€her komisch gemustert. In einer feministischen Gruppe sollte mensch niemals trainiert mit körperbetonter Kleidung aufkreuzen In einem AZ darf es keine bunten Jacken geben, außer diese sind schon 10 Jahre alt. In einer Sportgruppe sind die Mindestanforderungen kurzgeschorene Haare und kein Humor. Die Reihe lĂ€sst sich unendlich fortsetzen. Die Linksradikale Szene ist untereinander stĂ€ndig arrogant und wir schließen uns gegenseitig aus, allein schon wegen dem Aussehen. Wir sollten aufhören uns als etwas Besseres zu sehen und abschĂ€tzig auf die schauen welche nicht so sind wie wir.

Auch in den Gruppen untereinander sieht es nicht besser aus. “Wie viele Pressemitteilungen hast du denn schon geschrieben?” oder “Wie oft hast du diese Aktion den schon gemacht?” sind leider SĂ€tze die öfter fallen. Wir sollten uns wirklich fragen ob solche Suggestivfragen sinnvoll sind. Können wir Nachfragen nicht ohne Augenrollen begegnen? Können wir nicht ohne Arroganz kommunizieren? Egal ob ein Mensch 10 oder 20 Jahre aktiv ist und immer die gleichen Aufgaben ĂŒbernimmt, kein Mensch hat ein Recht auf Arroganz! Die Streitereien gehen weiter: Hat mensch schon genug Texte gelesen oder ist “man Theorie-Macker”? Ist mensch ein „scheisz BĂŒrgi“ oder „eh nur auf Gewalt aus“? Ist mensch schon reflektiert genug in dem Thema oder macht mensch nur Einthemenpolitik? Wir werten uns, unsere Aktionsformen und unsere Theorien stĂ€ndig gegenseitig ab. Warum können wir Wissen nicht schnell und kompakt weitergeben ohne Arroganz? Warum können wir andere Aktionsformen nicht nebeneinander stehen lassen? Wir sollten endlich anfangen auf Augenhöhe untereinander zu erklĂ€ren, diskutieren und zu streiten. Arroganz lĂ€sst jedes Treffen nur zu einem Spießrutenlauf werden und macht die nĂ€chste Aktion doppelt so schwer. Lasst uns sachlich ohne Hierarchien diskutierten. Lasst uns wirklich undogmatisch sein! Die arrogante Verteidigung des einzig richtigen Glaubens bzw. einne Volksfront von PalĂ€stina”-Politik hat noch keine*n weitergebracht.

2. Wir nach außen

“Auf dem Plenum jeder Satz durchdacht. Dann werden Flyer produziert die keiner kapiert”. Die Zeile reicht eigentlich fĂŒr den gesamten Absatz. Im Ernst: Wen sollen unsere Flyer, Reden und ErklĂ€rungen ansprechen? Sogar Texte die mobilisieren sollen, wirken so fernab jeglicher Alltagssprache, dass es manchmal weh tut sie zu lesen. In der Regel sind es nur Ansammlungen von Phrase die mit -Ismen und SchachtelsĂ€tzen garniert werden. Informationsgewinn oftmals gleich Null. Wir strukturieren weder unsere Texte noch bringen wir Fakten oder versuchen gar Aussenstehende behutsam auf Problematiken hinzuweisen. Es ist witzig, dass wir zurzeit versuchen möglich viele POCs, Sexarbeiter*innen oder Gefangene anzusprechen, ohne dies bei unserem Nachbarn*innen gar zu versuchen. Wir probieren spezielle Zielgruppen anzusprechen, scheitern aber schon beim Nachbarn. Ich habe nicht den Lösungsansatz dafĂŒr und auch dieser Text ist nicht der beste. Aber wir könnten damit beginnen unsere Analysen/Kritikpunkte, unsere Handlungen und unsere Utopien zu erklĂ€ren. Ist euch schon mal in den Sinn gekommen, dass Fremdwörter (ja auch englische!), -Ismen und Parolen als Texte die meisten Menschen abschrecken? Können wir einfach uns bitte endlich dazu herablassen unser Anliegen anderen Menschen zu erklĂ€ren? Die Arroganz von wegen „der dumme BĂŒrgi soll sich mal selbst informieren“ muss endlich aufhören.

3. Wenn neue Menschen hinzukommen

Jede Religion, Partei, politische Bewegung und regionale Feuerwehr versucht neue Personen einzubinden. Wir nicht. Im Gegenteil, jede Person wird strengstens befragt bevor sie in Gruppen kommen darf. Keine der Aussagen darf vom Thesen-Papier der Gruppe abweichen. Bei Fragen am Info-Point, der Bar oder an eine anderen Person wird abschĂ€tzig geschnaubt und ignoriert was das Zeug hĂ€lt. Mensch hat den Eindruck es soll mit allen Mitteln verhindert werden, dass neue Personen dazukommen. Wir freuen uns nicht ĂŒber neue Menschen, sondern verachten sie. Wir laden Sie nicht zu andere Aktionen ein oder interessieren uns nicht fĂŒr ihre Motivationen. Anstatt Menschen langsam unsere Theorien nĂ€her zu bringen, setzten wir diese voraus. Mensch hat oft das GefĂŒhl, dass: “Das schlimmste was passieren könnte, ist dass plötzlich ganz normale Menschen zu unseren Treffen hinzukommen und diese dann gar nicht mehr so geheim und cool sind”.

Im Ernst wer hat schon mal probiert normal angezogene Freunde zur KĂŒfa mitzunehmen? Die Wahrheit ist unser Aussehen und Sprache sind eintöniger als jede Museums-Gruppe. Sobald eine Person diese Eintönigkeit stört wird diese verĂ€chtlich, misstrauisch und im besten Fall paternalistisch/belehrend betrachtet.

Ich merke ich habe viele Themen angeschnitten die hier vlt. nur bedingt reingehören. Jeder Absatz könnte eigene Artikel beinhalten und aus ganz anderen Blickwinkeln beleuchtet werden. Ich finde nur das die Arroganz in vielen ZusammenhÀngen (Sprache, Theoriearbeit, Demonstrationen, Bekenner*innen-Texte usw.) oftmals auch unerwartet auftritt. Bei manchen Genoss*innen bestimmt sie teilweise deren gesamte politische Arbeit.

Wenn ihr kein Bock habt den gesamten Text zu lesen. Hier das wichtigste:

1. Seid einfach weniger arrogant! Jede Person soll sich selbst reflektierten und das Image als „coolste, hĂ€rteste, realste, belesendste, reflektierteste, abgefuckteste …“ schnellstens ĂŒberdenken!

2. Redet so dass andere Personen sich trauen nachzufragen und zu kritisieren. Seid dann bei Nachfragen und Kritik nicht herablassend, auch wenn ihr diese schon mitgedacht habt.

3. Keiner unserer Texte sollte eine Profitmaximierung fĂŒr Google sein. Sprecht einfach so dass jede Person euch versteht‘ohne googlen zu mĂŒssen.

4. Akzeptiert andere (linke) Theorien, Kleidungen, Sprechweisen und Aktionsformen. Linke Arroganz untereinander ist erbÀrmlich und dogmatisch.

5. Bindet neue Personen ein ohne herablassend zu sein. Ladet Menschen einfach unverfÀnglich zum nÀchsten Konzert, Mobivortrag, Plakatieren, Lesekreis oder Sport machen ein.

6. Kritisiert arrogantes Verhalten untereinander! Die gesamte Bevölkerung ist arrogant und jeder Mensch, auch ich bin oft arrogant. Wir mĂŒssen daher stĂ€ndig versuchen dieses Verhalten zu unterbinden.




Quelle: De.indymedia.org