Dezember 7, 2022
Von Indymedia
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Die Aktion wurde von der täglichen Morgenpatrouille der Gemeinschaft entdeckt, die daraufhin die gesamte Nachbarschaft informierte. Einige Genoss*innen gingen auf die Dächer, um den Rest von uns aufzuwecken. Obwohl wir nicht genau wussten, was vor sich ging, erkannten wir, dass sich die Operation zwar auf ein bestimmtes Gebäude beschränkte, aber wir erkannten auch die ernsthafte Möglichkeit eines allgemeinen Angriffs. Rückblickend lässt sich sagen, dass der anschließende Überfall von Anfang an geplant war. Die Zeit, die bis zur Invasion am Nachmittag verging, war das Ergebnis von Vorbereitungen, Abwägungen über Kosten und Nutzen, sowie einer Einschätzung unserer Entschlossenheit durch die Beamten von GADA (oberstes Polizeipräsidium) und des Ministeriums.

Im Laufe der Zeit schien die Situation immer schwieriger zu werden. Der Genosse wurde im Gebäude festgehalten, die Polizeikräfte entfernten sich nicht und die Umzingelung blieb bestehen. Die Nachbarschaft wurde von der Situation erdrückt. Wir versuchten, die MAT-Einheiten weiter von der Kouzi-Straße, d. h. der vertikalen Straße, die die Blöcke von Prosfygika in der Mitte trennt, fernzuhalten, um der Nachbarschaft wichtigen Raum zu verschaffen, ohne die Ermittlungen der Polizei zu behindern, aber auch um unsere Präsenz zu zeigen. Dies ermöglichte es den Anwohner*innen, ihre Häuser langsam zu verlassen, um zur Arbeit zu gehen oder um ihre Kinder zur Schule zu bringen. Dadurch endete auch die Folterung unseres Genossen, der etwa 3 Stunden lang in seinem Haus gefangen gehalten wurde. Zumindest teilte er uns später mit, dass sie erst nach dem Einsatz von Pyrotechnik aufhörten und ihn zur GADA gebracht hätten.

Zur gleichen Zeit erhielten wir immer mehr Informationen und Hinweise auf eine zweite Operation, die für frühestens 15.00 Uhr, nach der teilweisen Schließung der beiden Krankenhäuser St. Savas und Elpis, geplant war. Gegen 12.00 Uhr mittags veranstalteten wir eine Demonstration durch das Viertel und beriefen für 16.00 Uhr eine dringliche Notfallversammlung für Prosfygika in unserem Steki im sechsten Block ein. Um 17.00 Uhr, während der öffentlich angekündigten Versammlung, begann die Belagerung aus der Luft durch den Einsatz von Polizeihubschraubern und Drohnen. Die Genoss*innen wehrten sich, so gut es unter den gegebenen Umständen möglich war, und setzten jedes Mittel nicht-strafrechtlicher Gewalt ein, nicht nur, um sich vor einer unverhältnismäßigen Verfolgung zu schützen, sondern auch, um die gesamte Gemeinschaft, ihre Kinder und vulnerable Personen, sowie die weitere Nachbarschaft zu schützen. Über den 5. und 6. Block brach eine Terrorwelle herein, die Kinder und andere Menschen in der Nachbarschaft in Panikattacken versetzte, die bis zum heutigen Tag andauern. Die Attentäter der EL.AS (griechische Polizei) brachen mit gezogenen Waffen Wohnungstüren auf, bedrohten jede*n, die*der sich ihnen in den Weg stellte, und versuchten, ein Terrorregime zu errichten. Betroffen waren unter anderem eine kranke Frau im Rollstuhl und ihre Tochter, eine Familie, deren Kinder eine Panikattacke hatten, eine Mutter, die geschlagen und vor den Augen ihres 12-jährigen Sohnes zu Boden geworfen wurde, nachdem ihre Tür aufgebrochen wurde, Migrant*innen und Geflüchtete, die in ihre Häuser und auf die Treppen strömten, wie bei einer weiteren Invasion in Gaza.

https://www.youtube.com/watch?v=YP6bVhalAdk

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Operation, bei der die Spezialeinheiten der OPKE/EKAM/MAT schwere Verluste erlitten, wurden die verteidigenden Kämpfer*innen des 22. November verhaftet und mit Schlägen, Gummigeschossen, sexuellen Übergriffen und Foltermethoden für Kriegsgefangene traktiert. Unter uns befanden sich eine venezolanische geflüchtete Mutter mit ihren beiden minderjährigen Kindern, eine afrikanische Geflüchtete, zwei türkische politische Geflüchtete, vier solidarische Minderjährige, eine Schwangere, der qualvoll der Transport in ein Krankenhaus verweigert wurde, sowie der international anerkannte Fotojournalist Nikos Pelos, der verhaftet wurde, einfach nur weil er seine Arbeit gemacht hat. Wir wurden zur GADA geführt, wo 79 Menschen stundenlang auf dem Boden enger Zellen bei konstanter Beleuchtung und minimalem Sauerstoffgehalt zusammengepfercht waren, ohne dass man uns mitteilte, ob wir verhaftet (oder lediglich festgenommen) worden waren.

A view from yesterday’s police attack and defense on the roof of the Prosfygika squats.#προσφυγικα#Antireport#prosfigika#AntiFapic.twitter.com/pHMNWFLgqC

— Partizan Yunanistan (@partizanGreece1) November 23, 2022

Der Geist der Verhafteten war zu keinem Zeitpunkt gebrochen, unsere Parolen in den Zellen von GADA schlossen sich den Parolen der draußen in Solidarität Versammelten an und unterstützten die Vertreibung der Polizei aus unserem Viertel. Unsere Rhythmen schwangen mit… Die Wut und die Militanz hörten nicht einmal am nächsten Morgen auf, sondern setzten sich während unseres langen Transfers nach Kavala (Polizeistation für ED-Behandlung), unseres Aufenthalts dort und unseres ebenfalls langen Wartens in den Transportbussen vor dem Gericht bei Evelpidon unvermindert fort. Diejenigen, deren Moral letztendlich gebrochen war, waren die staatlichen Söldner.

Die Rachsucht des Staates und seiner Mechanismen, insbesondere der faschistischen Mitsotakis-Regierung, zeigte sich auch der massiven Solidaritätsversammlung in Evelpidon. Die Repressionskräfte weigerten sich, Wasser und Lebensmittel von solidarischen Genoss*innen an die Gefangenen weiter zu geben. Stattdessen wurde während eines zweiten Angriffs auf die solidarischen, wartenden Menschen ein Genosse, Rechtsanwalt und Aktivist der Versammlung von „NO METRO IN THE PLATEIA“ (in Exarchia), zusammengeschlagen, gerade nachdem er wieder freigelassen wurde, da er zu den zuvor Verhafteten zählte. Die Bullen und die Regierung waren nie in der Lage unseren gerechten Widerstand und unsere würdevolle Haltung zu verzeihen und das zeigte sich nicht nur in der Gewalt der Repression, sondern auch in den übertriebenen Anschuldigungen im faschistischen Stil.

Wir werden uns nicht zum Opfer staatlicher Gewalt machen lassen, auch wenn die Anschuldigungen, gegenüber uns, selbst aus juristischer Sicht, unverhältnismäßig sind, welches das Ergebnis eben dieser Rachsucht, der Kriminalisierung militanter Kämpfer*innen und des zunehmend autoritären Staates ist. Das ist etwas, das uns wirklich Sorgen machen sollte. Es gibt keinen Kampf ohne Kosten und während wir die Brutalität des Staates kennen, ist es unsere Ehre und Pflicht, das Leben zu verteidigen und zu kämpfen. Wir haben mit Würde gegen überlegene Kräfte gekämpft. Die 79 Verteidiger*innen von Prosfygika vom 22.11.22 kämpften für alle 400 Bewohner*innen der Gemeinschaft und der Nachbarschaft von Prosfygika und für jede*n Einzelne*n von ihnen selbst, gegen den mörderischen Ansturm der Repression. Und wir wissen, dass wir am Ende die Rechnung bekommen werden. Und diese Rechnung ist immer positiv für diejenigen, die für eine gerechte Sache kämpfen.

Wir bedanken uns aufrichtig und von ganzem Herzen bei allen Genoss*innen und Kollektiven, die sich solidarisch für die Verteidigung des Viertels und der Gemeinschaft eingesetzt haben. Ebenso wie für die zahlreichen Nachrichten über Interventionen, Solidaritätsbekundungen und Mobilisierungsaufrufe. Dieser Zusammenhalt gibt uns Kraft und Hoffnung für den gemeinsamen Weg des Kampfes.

Mehr noch wollen wir die Haltung der jungen Genoss*innen hervorheben, die am mutigsten und so selbstlos waren, ihre unnachgiebige Standhaftigkeit im Angesicht von bewaffneten Übermächten, Gummigeschossen und Schlagstöcken, auf Dächern und Brüstungen. Zum Glück wurde niemand getötet. Sie haben sich bis zum Schluss behauptet. Das ist die Stärke der jungen Genoss*innen und daran müssen wir alle glauben. Sie alle haben sich nicht nur mit der Gemeinschaft von Prosfygika solidarisiert, sondern mit dem, was sie wirklich ist: eine Gemeinschaft der unterdrückten Klasse. Der Militanten, der Anarchist*innen, der Kommunist*innen, der Geflüchteten und Migrant*innen, der Kinder und der Alten, der psychisch Vulnerablen, der Familien. Für jeden einzelnen von uns.

Dorthin, wo wir heute stehen, sind wir nicht aus dem Nichts gekommen. 13 Jahre lang haben wir mit all unseren Widersprüchen, die wir mitbringen, da wir als Kinder vom System erzogen wurden, versucht, kameradschaftliche und politische Beziehungen aufzubauen, die auf Horizontalität, Vertrauen, Solidarität und einer gemeinsamen Perspektive basieren. Das ist es, warum wir diesen Kampf heute mit vereinter Überzeugung, Moral und Stimme führen können.

Wir betrachten die nächste Zeit als eine kritische Phase für das Überleben von Prosfygika, aber auch als eine große Chance für soziale Legitimität, die Stärkung unserer Autonomie und eine noch stärkere Verteidigung unseres Viertels.

Wir rufen alle Menschen dazu auf, die Welt über das soziale Projekt Prosfygika zu informieren, um die Isolation und Ausgrenzung zu durchbrechen. Wir rufen alle Genoss*innen dazu auf, die Gemeinschaft von Prosfygika weiter zu stärken. Wir rufen alle dazu auf, ihre Solidarität mit Prosfygika in welcher Form auch immer zu zeigen.

Für uns ist klar, dass durch die Angriffe auf unseren Genossen versucht wird, das Viertel und die Gemeinschaft des besetzten Prosfygika zu kriminalisieren. Hinter der Kriminalisierung der Gemeinschaft und von SY.KA.PRO durch Parlamentarier wie Theodoris Panagiotidis steht das eigentliche Ziel der Unterdrückung sozialer Basisprojekte und selbstorganisierter Gemeinschaften. Sie riecht nach staatlicher Provokation.

Die politischen Positionen, der organisatorische Rahmen, das kollektive Selbstverständnis und die kämpferische Geschichte der Gemeinschaft und Versammlung des besetzten Prosfygika (SY.KA.PRO) sind die stärkste Antwort auf die staatlichen und parastaatlichen Pläne.

SOLIDARITÄT MIT DER GEMEINSCHAFT DES BESETZTEN PROSFYGIKA

WENN WIR FALLEN, WERDEN WIR MIT IHNEN FALLEN

PROSFYGIKA BEDEUTET ARME MENSCHEN REBELLIEREN

ENTWEDER WIR WERDEN GEWINNEN ODER WIR WERDEN GEWINNEN

 

SY.KA.PRO 26/11/2022

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Für finanzielle Unterstützung verweisen wir auf den Aufruf vom August 2021: https://sykaprosquat.noblogs.org/post/2021/08/29/financial-support-call-from-germany/

E-Mail: sykapro_squat@riseup.net Blog: https://sykaprosquat.noblogs.org




Quelle: De.indymedia.org