März 8, 2021
Von Revolt Magazine
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Olga erinnert sich: „Als das Buch schon fast fertig war, sind wir nochmal durchgegangen und haben in den Interviews nach einem passenden Zitat für den Titel gesucht. Wir haben dort den Satz „Wir wissen was wir wollen und was wir tun“ gefunden und fanden das sehr passend.“ Es ist ein Zitat von Medya Abdullah, von der Anja dann mehr erzählt:„Medya Abdullah istdie Vertreterin der Selbstverteidigungskräfte in Derîk. Eine Frau, die acht Kinder hat, 50,60 Jahre alt ist und die sagt: „Mein Leben ist die Revolution. Ich bin glücklich, in dieser Zeit zu leben!“ In einer Zeit, wo wir vielleicht denken, da ist Krieg, dort sind sehr schwierige Verhältnisse, die Menschen fliehen nach Europa. Und sie sagt: Ich bin glücklich, in dieser Zeit zu leben und endlich die Träume einer befreiten Gesellschaft, die wir ein Leben lang hatten, in die Praxis umzusetzen.“

Kollektivität im Prozess

Der Austausch der feministischen Delegation mit den Genossinnen der Frauenbewegung in Rojava hält noch immer an. Das Buch ist eine feministische Gemeinschaftsarbeit mit vielen Beteiligten aus Europa sowie aus Nord- und Ostsyrien. Texte wurden hin- und hergeschickt, Ideen und Anmerkungen natürlich, aber natürlich auch immer wieder aktuelle Berichte aus der Region, die andauernden militärischen Angriffen vor allem des türkischen Militärs und islamistischer Gruppierungen ausgesetzt ist.

Als ich mit den drei über die Intention des Bandes spreche, führt Anja aus: „Uns war es wichtig, die Akteurinnen der Revolution aufs Cover zu bringen, also die Frauen dort und nicht uns selbst. In vielen Medien wird der militärische Aspekt hervorgehoben, man sieht Guerilla-Kämpferinnen oder Kämpferinnen der YPG/YPJ. Uns war es wichtig zu zeigen, dass es vor allem auch die Zivilgesellschaft ist, die die Revolution trägt.“ Es geht dem Herausgeber_innenkollektiv darum, die Geschichte der Frauenrevolution Rojavas aufzuschreiben, in allen gesellschaftlichen Teilbereichen. Clara fügt hinzu: „Die Frauen haben uns auch immer wieder gesagt: Verbreitet das! Es ist also unsere Aufgabe, das, was wir dort gelernt haben mit Menschen zu teilen. Es ist also weniger „Wir geben denen eine Stimme!“, als dass sie uns die Möglichkeit gegeben haben, mit ihren Geschichten zu lernen und die Geschichten weiterzutragen.“

Die Auseinandersetzungen mit den Geschichten der Frauen in Rojava wurden in einem anderen Interview ein „kollektiv erkämpfter Erfahrungsschatz“ genannt. Ich fand das sehr passend und habe die drei nach ihren Überlegungen zu Kollektivität gefragt.

„Morgens zusammen aufstehen, zusammen frühstücken, saubermachen, zusammen die Planung machen, auch Essen wurde immer abwechselnd für alle gekocht“, beschreibt Olga das Zusammenleben auf der Delegationsreise und stellt dabei insbesondere die gemeinsamen Routinen für Kritik und Selbstkritik heraus: „Wichtig für das kollektive Zusammenleben war auch ein regelmäßiger Rahmen, in dem das Zusammenleben kritisiert werden kann, oder man sich selbst kritisieren kann. Das ist Kritik mit einer gemeinsamen Perspektive: Wir sind geprägt von einem patriarchalen, kapitalistischen System und wollen dahingehend unsere Verhaltensweisen ändern. Wie wirkt es sich auf unser Zusammenleben aus, und was heißt das dann auch in der persönlichen Veränderung.“ Das bedeute auch, Kollektivität „nicht nur als die Schaffung eines kollektiven Rahmens zu begreifen, mit den Leuten, mit denen ich mich organisiere. Sondern dass wir nur Gesellschaft verändern, wenn es die Grenzen, die es in der Gesellschaft gibt – die mich zum Beispiel fernhalten von Leuten, mit denen ich weniger eine Realität teile – auch aufbricht.“ Kollektivität, merkt Clara an, hat auch viel mit der Bereitschaft zu tun, voneinander zu lernen: „Von Kämpfen, die bereits stattgefunden haben, Kämpfe, die gerade stattfinden. Und auch dort über die eigene Region hinwegzukucken und zu fragen: Welche Fragen stellt man, aus welcher Perspektive kuck ich – und diese auch aktiv zu verändern.“

Insofern können wir, das machen alle drei Gesprächspartnerinnen* deutlich, von diesen Formen der Kollektivität und Organisation viel dazulernen, weil sie sich damit in fokussierter Form gegen das Herrschafts- und Ausbeutungssystem wehren, dass es weltweit gibt. Auch für uns im Zentrum Europas sind kollektive Strukturen überlebenswichtig, nur sind sie in unseren hoch individualisierten Gesellschaften oft nicht so direkt sichtbar. Olga beschreibt ihren Eindruck: „Hier, in Berlin, wirkt der politische Kampf oft als etwas, was man nebenbei macht, nicht aber als Notwendigkeit gegen dieses System, das uns einfach kaputt macht. Es ist dasselbe System, das letztendlich auch Rojava versucht kaputt zu machen. Um diesen Kampf gemeinsam zu kämpfen, müssen wir viel globaler denken und die Angriffe, die es auf Rojava gibt, auch auf uns beziehen.“

„Die Revolution kommt nicht mit einem Knall und ist dann da“

Clara macht deutlich, dass es in der Revolution die Bereitschaft braucht, sich andauernd grundlegende Fragen zu stellen: „Und sich auch immer wieder zu erneuern. Da haben wir viel dazugelernt. Wir sehen: Klar, es gibt diese Herausforderungen, und die gibt es auch in anderen Teilen der Welt, weil wir eine sehr staatlich geprägte Gesellschaftsform haben. Dort herauszukommen, das wurde uns bewusst, das dauert einfach lange. Es ist ein Prozess. Jeden Tag müssen wir ein Stück kucken, und jeden Tag müssen wir auch daran arbeiten. Das heißt, in uns, miteinander und uns gegenseitig aufmerksam machen in den Strukturen. Wir haben gemerkt: Das sind Fragen, die werden immer wieder präsent sein. Wir haben keine anderen Antworten gefunden darauf, würde ich sagen. Aber andere Umgänge mit den Fragen: Es sind Fragen, die dürfen da sein, und die müssen auch da bleiben. Das haben uns auch vor allem die Frauen gezeigt, mit denen wir Interviews geführt haben. Damit man auch in der Revolution, wenn man denkt: Oh, jetzt grade läuft es doch ganz gut! – dass man dann trotzdem sagt, ne, lass uns das anschauen, lass schauen, was nicht so gut läuft und eine Bereitschaft dazu haben, miteinander immer weiter zu wachsen, und nicht aufzuhören. Nicht an einem Punkt zu sagen, okay, jetzt ist alles entspannt, jetzt chillen wir. Sondern eher immer weiter dranzubleiben.“




Quelle: Revoltmag.org