MĂ€rz 2, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Thomas Billstein: Kein Vergessen. Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland nach 1945 mit Illustrationen von moteus. Unrast-Verlag, MĂŒnster 2020, 344 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-89771-278-2

Das im Oktober 2020 von Thomas Billstein herausgegebene Buch gibt den Toten seit 1970 nicht nur ein Gesicht, sondern fĂŒhrt die UmstĂ€nde ihres Todes, soweit bekannt, aus. Letzteres ist genau der Knackpunkt, um den sich das Buch dreht – so sind von einigen Opfern nicht einmal die Namen bekannt, vor allem im Fall der rechten Morde, bei denen sozialdarwinistische Motive im Vordergrund stehen. Der gemeinsame Nenner: Der Großteil der Morde ist nicht als rassistische und faschistische Tat anerkannt. Das hat nicht nur Folgen fĂŒr das Umfeld und die Hinterbliebenen. Es sendet auch an viele Menschen die Botschaft „auf dem rechten Auge blind“.

Nach der zum großen Teil fĂŒr empathische Menschen bedrĂŒckenden und schwierigen LektĂŒre der einzelnen FĂ€lle erhĂ€rtet sich die EinschĂ€tzung, dass der Feind fĂŒr den Staat nach wie vor links steht. Ganz gleich, wie viele Opfer Faschisten seit Ende des Faschismus und der GrĂŒndung der Bundesrepublik auf dem Kerbholz haben; ganz gleich, ob mit Politikern wie Walter LĂŒbcke ‹oder PolizistInnen auch VertreterInnen des Staates ermordet wurden.

Ein Hintergrund, der nicht erst seit dem Mordanschlag mit spĂ€terer Todesfolge an dem Sprecher der APO, Rudi Dutschke, und der wochenlangen Hetze der Springer- und sonstigen Presse gegen die StudentInnenbewegung der 60er Jahre fĂŒr ein gesellschaftliches Klima sorgte, das den rechten TĂ€tern eine Rechtfertigung fĂŒr ihre Taten lieferte. Ein Klima, in dem rechte Banden wie die Wehrsportgruppe Hoffmann, in denen TĂ€ter ihre praktische Ausbildung durchliefen, ihre FĂ€den bis weit hinein in die „bĂŒrgerliche Mitte“ spinnen konnten.

Der akribischen Befassung des Autors mit den Untersuchungsmethoden ist zu verdanken, dass der staatlicherseits beliebten, reflexartig behaupteten EinzeltĂ€tertheorie deutlich widersprochen wird: Im Gegenteil sind, so Thomas Billstein: „FĂ€lle, in denen nur eine Person alleine die Tat ausfĂŒhrt und fĂŒr den Tod von Menschen verantwortlich ist, [
 ] die Ausnahme“. Von den 225 bekannten Angriffen mit einem oder mehreren TodesfĂ€llen ergibt sich nach dem Kenntnisstand des Autoren in etwas mehr als der HĂ€lfte der FĂ€lle ein Hintergrund mit Gruppen als UnterstĂŒtzerInnen; bei weiteren 18 Prozent wird eine weitere tatbeteiligte Person verdĂ€chtigt. Bei den 71 erfassten AlleintĂ€terInnen sind jedoch auch solche, die weitere eventuelle Tatbeteiligte verschwiegen haben.

Es ist derselbe Geist, der Gerald Braunberger, einen der Herausgeber der FAZ, am 7. Januar 2021 angesichts rechter Massenkrawalle am und im Kapitol in Washington von „Rabauken“ schwafeln lĂ€sst und der sich auf der anderen Seite, wie Thomas Billstein herausarbeitet, in bĂŒrokratischen Mechanismen bei der Erfassung des Motivs und des Hintergrundes rechter Mörder ausdrĂŒckt: So wissen wohl nur wenige Menschen, dass es sich bei dem Meldesystem fĂŒr „politisch motivierte KriminalitĂ€t“ (PMK) um eine Eingangsstatistik handelt. Das bedeutet, dass die Erfassung unmittelbar nach Bekanntwerden durch die Polizei erfolgen soll, zu einem Zeitpunkt, bei dem das Motiv gerade bei MordfĂ€llen nicht unbedingt auf der Hand liegt. Dass diese Statistik der Öffentlichkeit nicht zugĂ€nglich ist, ist da konsequent.

Das Buch macht dagegen deutlich: In den meisten FĂ€llen war es der HartnĂ€ckigkeit Hinterbliebener und ihrer AnwĂ€ltInnen, von ZeugInnen und antifaschistischen Gruppen zu verdanken, dass die rechten Taten als solche offiziell anerkannt wurden. Allein schon die Tatsache, dass es zur Zahl der Opfer – je nach Erhebung – so viele ZĂ€hlweisen wie Ergebnisse gibt, ist bitter: Staatliche Stellen sprechen von 106 Todesopfern rechter Gewalt seit 1990, Thomas Billstein stellt dagegen 168 weitere sowie 41 VerdachtsfĂ€lle fest.

Hinter den nackten Zahlen stehen jedoch vor allem auch die Folgen fĂŒr die Hinterbliebenen. Diese sind oft verheerend – mĂŒssen sie sich doch gegen zum Teil jahrzehntelange VerdĂ€chtigungen zur Wehr setzen, die Opfer seien selbst in Drogen- oder BandenkriminalitĂ€t verstrickt und die Tat das Ergebnis dessen, wie bei verschiedenen Opfern des NSU kolportiert wurde. Von der Anerkennung hĂ€ngt zudem meist auch die weitere finanzielle Existenz ab.

Die Hoffnung des Autoren, dass nie wieder weitere Todesopfer zur Liste rechter Gewalt hinzugefĂŒgt werden mĂŒssen, ist zu unterstĂŒtzen. Das Buch, das zum Handwerkszeug jedes antifaschistisch eingestellten Menschen gehört, ist nicht nur einzigartig, sondern bringt vor allem Licht ins Dunkel des Umfangs, den der rechte Terror in Deutschland kontinuierlich aufweist. Seit 1984 verging kein Jahr ohne Todesopfer rechter Gewalt.




Quelle: Graswurzel.net