208 ansichten

Das Cat Kurierkollektiv hat sich 2020 gegrĂŒndet, um in Halle (Saale) einen selbstorganisierten Fahrradkurierdienst zu betreiben. Über die GrĂŒndung haben wir in der letzten Verteilzeitung zum 1. Mai berichtet. Nun ist ein Jahr vergangen und wir fragen uns, wie es dem Kollektivbetrieb geht, was im letzten Jahr passiert ist und wie die Aussichten in diesem Jahr sind. Ein Interview mit Esther aus dem Kollektiv.

DA: Du bist von Anbeginn Mitglied im Cat Kurierkollektiv und seit 4 Jahren Fahrradkurierin. Wie ist die aktuelle Stimmung im Kollektiv?

E: Die Stimmung ist ganz gut. Mit dem FrĂŒhling kommt die gute Laune und auch das Fahrradfahren wird bei dem Wetter wieder angenehmer. Im Kollektiv sind wir weiterhin bemĂŒht und motiviert. Immer noch kommen Dinge hinzu, die wir uns neu beibringen. Buchhaltung, Bewerbung unseres Betriebs und Arbeitskoordination sind fortlaufende Aufgaben, die erledigt werden mĂŒssen. Dazu kommen Öffentlichkeitsarbeit und Kundenakquise, die wir derzeit stĂ€rker forcieren. Mit neuem Werbematerial fragen wir Firmen und BĂŒros an und sind neuerdings mit ein paar Restaurants in Verhandlung. Das erfordert viel Zeit und etwas Übung. Schließlich wollen wir mit unserem Service ĂŒberzeugen und dabei professionell auftreten. Wir wagen uns da Schritt fĂŒr Schritt nĂ€her heran.

DA: Und wie schĂ€tzt du die Situation fĂŒr dich ein? Ist es schwer diese PrekaritĂ€t, die am Anfang eines solchen Vorhabens steht, auszuhalten?

E: Noch bin ich in einer sehr privilegierten, finanziell-abgesicherten Position als Studentin. Dennoch mĂŒssen wir alle unsere Lebensgrundlage sichern können und brauchen dazu Lohnarbeit oder Förderung. Mit CAT können wir uns noch nicht unseren Lebensunterhalt verdienen. Die Jonglage von Studium, Arbeit, BetriebsgrĂŒndung und Freizeit ist schon eine Herausforderung. Bei einigen kommt noch die Familiensituation mit Kindern dazu. Ich habe manchmal das GefĂŒhl, ich mache alles nur halb und nebenbei. Auf der einen Seite ist genau das die Chance, etwas aufzubauen, eben weil man abgesichert ist und es parallel laufen lassen kann. Auf der anderen Seite ist es dadurch langwieriger und dieser prekĂ€re Zustand zieht sich hin – wir mĂŒssen, ob wir wollen oder nicht, eben auch am kapitalistischen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt teilnehmen. Da strĂ€ubt sich mein Inneres schon immer wieder dagegen.

DA: Hat sich diese Situation seit der GrĂŒndung geĂ€ndert?

E: Ich glaube, ich habe ĂŒberschĂ€tzt, wie lange sich so ein Prozess von GrĂŒndung und Aufbau in die LĂ€nge zieht. Bisher haben wir viel Zeit in die Organisation interner Strukturen und AblĂ€ufe und in die Vernetzung mit anderen Kollektivbetrieben gesteckt (zum GlĂŒck!) und uns mit verschiedensten Programmen und Software vertraut gemacht. Da quasi alles learning-by-doing stattfindet, nimmt das auch mehr Zeit in Anspruch, wird dafĂŒr meiner Meinung nach aber auch auf nachhaltigere Weise verinnerlicht. Wir erfahren alles selbst indem wir es hinterfragen, diskutieren und uns beratschlagen. Das erfordert Geduld, ist aber ein lohnenswerter Lernprozess. NatĂŒrlich ist es dann cool, sich bewusst zu machen, was wir schon aufgebaut und geschafft haben. Dass wir unsere laufenden Kosten deckeln können, dass wir fast jeden Tag mit dem Rad auf der Straße unterwegs sind und uns jetzt zum zweiten Mal Einkommen ausgezahlt haben. Das Ă€ndert aber nichts daran, dass sich seit der GrĂŒndung finanziell noch nicht viel geĂ€ndert hat. Die VerĂ€nderungen, die bisher stattgefunden haben und vorangetrieben worden sind, sind nach außen hin nicht so sichtbar und deutlich, wie der Umsatz unserer Jahresbilanz auf Papier. Allem voran ist unsere Hauptaufgabe deshalb die Kundenakquise. Kurzum, wir sind weiter gewachsen und haben den Organisationsprozess vorangetrieben, mĂŒssen uns jedoch leider auch stĂ€rker am kapitalistischen Wettbewerb beteiligen, um uns auf dem Markt zu behaupten. Das ist nicht gerade unsere StĂ€rke, wĂŒrde ich sagen!

DA: Bisher bist du die einzige Kurierin im Kollektiv, was denkst du, woran liegt das?

E: Es stimmt, dass ich bis Ende 2021 die einzige Kurierin bei CAT war. Das hat sich dieses Jahr allerdings geĂ€ndert, weil wir nun Zuwachs von 2 weiteren Kurierinnen bekommen haben. Das ist wunderbar! Auch weil wir nach internen Absprachen unserem Anspruch als feministisches Kollektiv nun einen kleinen Schritt nĂ€her gekommen sind. Die Jungs sind immer noch in der Überzahl, aber das Klischeebild des klassisch-mĂ€nnlichen Kurierfahrers ist in der Kurierbranche wahrscheinlich einfach noch zu verbreitet. Allerdings wĂŒrde ich behaupten, dass dieses Stereotyp langsam aber sicher aufgebrochen und ĂŒberwunden wird – zumindest beobachte ich das in anderen Kurierkollektiven. Unsere Leipziger Kurierfreund*innen von Fulmo und Rush sind ziemlich heterogene Gruppen. Das ist erfreulich und bestĂ€rkend!

DA: Wie gestaltet sich die Entlohnung?

E: Der Stundenlohn richtet sich jeweils nach unserem monatlichen Gewinn. Daraus wird ein Durchschnittslohn errechnet, der als Grundlage fĂŒr alle gilt. Die geleisteten Stunden werden multipliziert. Das heißt, die Entlohnung richtet sich nach Arbeitszeit und Gesamtgewinn. Da ein paar von uns Kinder haben, gelten fĂŒr sie zusĂ€tzliche Konditionen.

DA: Ja, in euren Statuten steht, dass ihr Menschen im Kollektiv, die Kinder haben oder andere Menschen zu Hause pflegen, mehr Geld bezahlen möchtet, was ja eine Subvention von Care-Arbeit ist. Wie organisiert ihr das?

E: Genau, wir wollen die zusÀtzliche Care-Arbeit, die von Kollektivmitgliedern geleistet wird anerkennen und bezahlen. Daher haben wir uns geeinigt, einen grundlegenden, um 10% erhöhten Lohn zu bezahlen. Auf 3 unserer Mitglieder trifft das zu, da sie Kinder haben.

DA: Im Interview mit utopie und praxis hat Lorenz vom Kollektiv berichtet, dass es Herausforderungen mit Institutionen gab, da bei einer GbR zwei geschĂ€ftsfĂŒhrende Menschen verlangt werden, wie habt ihr euch mit diesem Problem arrangieren können?

E: Ja, es gab einige behördliche Hindernisse. Da wir bei den Ämtern um dieses Problem nicht herum kamen (BetriebsfĂŒhrung in Form eines Kollektivs scheint den meisten Behörden unbekannt), haben wir beschlossen, intern zwei Personen zu benennen, die formaljuristisch nach außen hin befugt sind, die GbR zu vertreten. Das heißt, sie fungieren als Hauptansprechpersonen fĂŒrs Amt und können im Namen aller ihre Unterschrift setzen. Das Ă€ndert nichts an unseren intern und vertraglich geregelten Prinzipien der Basisdemokratie und Hierarchiefreiheit. Die Institutionen sind jedoch scheinbar noch nicht bereit fĂŒr Kollektivbetriebe.

DA: Welche UnterstĂŒtzung wĂŒnscht ihr euch vom Allgemeinen Syndikat Halle?

E:Zuerst einmal finde ich es wichtig, weiter im Austausch und Kontakt zu bleiben. Vernetzung ist schließlich auch immer eine Art UnterstĂŒtzung und deswegen förderlich! Durch das Syndikat Halle wird formell unsere Kollektivform gewahrt. Als Art externes Kontrollgremium sichert die FAU damit die Prinzipien von CAT. Zudem wĂŒrde ich mir persönlich wĂŒnschen, Personen aus der FAU-Struktur als Ansprechpersonen zu haben, falls es mal zu Unstimmigkeiten im Kollektiv kommt. Ich freue mich einfach auf Begegnungen miteinander – hoffentlich auch bald wieder offline!

Interview gefĂŒhrt von Jay Parker

Ein:e Fahrradkurier:in auf Achse.
Ein:e Fahrradkurier:in auf Achse.




Quelle: Direkteaktion.org