Juni 15, 2021
Von InfoRiot
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Mahlow – Blankenfelde-Mahlow erinnert mit Aktionswoche an rassistische Attacke vor 25 Jahren

Ring­sum ver­dor­rt das Gras, aber gegenĂŒber von der Astrid-Lind­gren-Grund­schule gibt es am Glasow­er Damm einige Quadrat­meter frisch ver­legten Roll­rasen, den zwei Arbeit­er der Gemeinde Blanken­felde-Mahlow ger­ade wĂ€ssern. So sieht das Mah­n­mal fĂŒr NoĂ«l Mar­tin (1959–2020), an dem auch ein Strauß frisch­er Blu­men ste­ht, sehr gepflegt aus, wenn am Mittwoch, am 25. Jahrestag des Nazi-Anschlags auf Mar­tin, an den Briten jamaikanis­ch­er Herkun­ft erin­nert wird.

Am 16. Juni 1996 war er am Bahn­hof Mahlow von Neon­azis ras­sis­tisch angepö­belt und dann mit dem Auto den Glasow­er Damm hin­unter ver­fol­gt wor­den. Schließlich warf ein­er der TĂ€ter einen großen Stein in die Heckscheibe von NoĂ«l Mar­tins Auto. Mar­tin ver­lor die Kon­trolle ĂŒber sein Fahrzeug und fuhr gegen einen Baum. Von da ab war er quer­schnitts­gelĂ€hmt und lebte pflegebedĂŒrftig in Birmingham.

Das Mah­n­mal beste­ht aus einem Stein in einem aus Met­all geformten Baum­stamm und aus einem aufgeklappten Buch, in dem auszugsweise ein Text aus dem Anzeigen­blatt »Blick­punkt« vom Juni 2001 zu lesen ist. Darin heißt es: »Die bei­den TĂ€ter wur­den zu fĂŒnf und acht Jahren Haft verurteilt, ein­er ist bere­its wieder auf freiem Fuß. NoĂ«l Mar­tin, das Opfer, erhielt lebenslĂ€nglich. Eine lebenslange Exis­tenz im Roll­stuhl.« In dem Buch ste­ht auch das Gedicht »Der Stein von Mahlow« von NoĂ«l Mar­tin. Die Zeilen kla­gen rechte Gewalt­tĂ€ter an, rufen sie aber auch zur Umkehr auf: »Schaut Euch selb­st an, sucht nicht nach Steinen oder PrĂŒgel, die Knochen brechen. Sucht nach Frieden und Gelassen­heit, um mit anderen zusam­men zu leben.«

Das Gedenken am 16. Juni soll der Höhep­unkt ein­er Aktionswoche sein, mit der Blanken­felde-Mahlow an den Anschlag erin­nert. Vier Mitar­beit­er des Teams Jugen­dar­beit der Gemeinde entwick­el­ten ĂŒberdies eine Art Schnitzel­jagd. Am Mah­n­mal fĂŒr Mar­tin kann per QR-Code eine App aufs Smart­phone geladen wer­den, die Inter­essierte auf eine zwölf Kilo­me­ter lange Rad­tour mit 13 Sta­tio­nen schickt. Unter­wegs gibt es als Text oder Sprach­nachricht Infor­ma­tio­nen darĂŒber, wie Neon­azis in den 1990er Jahren den Ort unsich­er machten.

Am Mon­tag sind Bran­den­burgs Inte­gra­tions­beauf­tragte Doris Lem­mer­meier, BĂŒrg­er­meis­ter Michael Schwu­chow (SPD) und sein Sprech­er Wolf­gang Huth die ersten, die sich auf Spuren­suche begeben. Lem­mer­meier, die im Roll­stuhl sitzt, bewĂ€ltigt die Strecke mit ihrem Hand­bike, was bei eini­gen Stei­gun­gen sehr anstren­gend fĂŒr sie ist. Das trĂŒbt aber nicht ihre Freude ĂŒber die Idee dieser Schnitzel­jagd, die sie »super« find­et. »Das Atten­tat auf NoĂ«l Mar­tin und sein Schick­sal sind fĂŒr mich eine tief emp­fun­dene Verpflich­tung, mich fĂŒr Vielfalt und gegen Ras­sis­mus im Land Bran­den­burg einzuset­zen«, erk­lĂ€rt Lem­mer­meier. Sein Engage­ment fĂŒr den Jugen­daus­tausch als deut­lich­es Zeichen gegen den Hass und die Art, wie er sein Leben nach dem Anschlag gemeis­tert habe, »kön­nen fĂŒr uns alle Vor­bild sein«.

Eine Sta­tion der Rad­tour ist der Bahn­hof Mahlow, an dem in den 1990er Jahren nicht nur Mar­tin belei­digt und bedro­ht wurde. Heute sieht alles friedlich aus. Ist dieser Ort noch ein Angstraum? Der BĂŒrg­er­meis­ter meint: »Nein.« Die Inte­gra­tions­beauf­tragte ĂŒber­legt: »Vielle­icht fĂŒr Schwarze?«

In das Blu­men­ron­dell auf dem Bahn­hofsvor­platz sind Schilder gesteckt, die an Todes­opfer rechter Gewalt in Bran­den­burg erin­nern. Es ist ein Opfer aus Blanken­felde-Mahlow dabei: Dieter Manzke, ein 61-JĂ€hriger ohne fes­ten Wohn­sitz, der in ein­er Garten­laube im Ort­steil Dahle­witz untergekom­men war und dort am 9. August 2001 von fĂŒnf jun­gen MĂ€n­nern erschla­gen wurde. Die Schilder sind ein Auss­chnitt aus ein­er Wan­der­ausstel­lung des Vere­ins Opfer­per­spek­tive, die wĂ€hrend der Aktionswoche im Vere­in­shaus Mahlow gezeigt wird.

Die App stellt bei der Rad­tour Quizfra­gen und vergibt fĂŒr richtige Antworten Punk­te. So lĂ€sst sich erfahren, dass in der schnell wach­senden Gemeinde Men­schen 96 ver­schieden­er Nation­al­itĂ€ten leben. Am Jugend­club Butze wird mit­geteilt, dass die Jugen­dar­beit in den 1990er Jahren von Arbeits­beschaf­fungs­maß­nah­men und Selb­stver­wal­tung lebte, aber mit­tler­weile pro­fes­sion­al­isiert wurde. 15 Sozialar­beit­er bemĂŒhen sich nun, die Jugend fĂŒr Tol­er­anz zu begeis­tern. BĂŒrg­er­meis­ter Schwu­chow erk­lĂ€rt an der Strecke, die er vorher selb­st nicht kan­nte, noch einige andere Orte. Er zeigt Doris Lem­mer­meier ein sow­jetis­ches Ehren­mal und die GrĂ€ber von 1945 gefal­l­enen Sol­dat­en. Lem­mer­meier kann die kyril­lis­che Inschrift unter dem roten Stern lesen: »Den Helden des Großen Vater­lĂ€ndis­chen Krieges 1941–1945«. Die Rote Armee befre­ite im April 1945 auch das nahe gele­gene »Aus­lĂ€n­derkranken­haus«, in dem Ärzte, die selb­st Zwangsar­beit­er waren, Zwangsar­beit­er behan­del­ten, um sie wieder fit fĂŒr die Aus­beu­tung durch die Faschis­ten zu machen. Das Are­al wird zum Gedenko­rt entwickelt.

Gewalt­tĂ€tige rechte Über­griffe habe es in Blanken­felde-Mahlow schon sehr lange nicht mehr gegeben, sagt BĂŒrg­er­meis­ter Schwu­chow. Doch 2006 lud die spĂ€ter ver­botene Heimat­treue Deutsche Jugend in den Gasthof »Zur Eiche« ein. Der dama­lige Schw­er­iner NPD-Land­tags­frak­tion­schef Udo Pastörs trat dort auf. »Der Betreiber ist aber mit­tler­weile ein ander­er«, stellt Schwu­chow klar.

Erst seit zwei Wochen gibt es an der Bahn­strecke am Glasow­er Damm eine LĂ€rm­schutzwand. Ein Graf­fi­tisprayer hat sogle­ich groß »Noel Mar­tin« draufge­sprĂŒht. Doch der nĂ€ch­ste ĂŒber­sprĂŒhte zwei Buch­staben. Nun ist dort »No Mar­tin« zu lesen. DĂŒrfte die Gemeinde dieses Ärg­er­nis selb­st ent­fer­nen, hĂ€tte sie es bere­its getan, ver­sichert Sprech­er Huth. Doch die Deutsche Bahn sei informiert und wolle sich selb­st kĂŒm­mern. Huth find­et, der Vor­fall zeige, dass die Aktionswoche notwendig sei, weil es lei­der immer noch Ras­sis­ten gebe.

Und das kön­nen nicht wenige sein. Die AfD ist immer­hin in der Gemein­de­v­ertre­tung die zweit­stĂ€rk­ste Frak­tion. Ihr Frak­tion­schef Daniel Frei­herr von LĂŒt­zow ist zugle­ich Vize­landesvor­sitzen­der der AfD und wird zum extrem recht­en FlĂŒgel der Partei gezĂ€hlt.






Quelle: Inforiot.de