Juni 1, 2021
Von Rigaer94
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Es ist lĂ€ngst Zeit den Konflikt zu suchen und ihn zu verschĂ€rfen. Es ist Zeit sich gegen die Besitzenden und ihre Idee von Eigentum zu stellen und auf unserer Seite, der der Mieter*innen, der Besitzlosen, der Wohnungslosen zu kĂ€mpfen. Es ist auch Zeit sich gegen die Besetzung unserer Viertel zu wehren, gegen den Staat und eine Gesellschaft, die mittrĂ€gt, dass Menschen aufgrund rassistischer Zuschreibungen systematisch unterdrĂŒckt und ausgebeutet werden; die alle verjagen und ausschließen, die nicht in die Stadt der Reichen passen oder passen wollen. Es gibt keinen Grund das Bestehende zu verteidigen und sich auf die Seite der Profiteure des kapitalistischen Systems zu stellen. Aber es gibt genug GrĂŒnde sich gemeinsam gegen Staat und Kapital, gegen AutoritĂ€ten und ihre Verteidiger*innen zu organisieren und zu rebellieren, um fĂŒr die Prinzipien der Selbstorganisierung, gegenseitigen Hilfe, der SolidaritĂ€t und ein Leben in Freiheit und WĂŒrde zu kĂ€mpfen. In diesen Kontext stellen wir die Verteidigung der Rigaer94.

Die
Rigaer 94

FĂŒr uns ist dieses Haus der Ort, an dem wir uns im Kollektiv zu leben und auch zu kĂ€mpfen entschieden haben. Es ist Organisationsort der verschiedenen KĂ€mpfe, in die wir uns ĂŒber die Jahre – auch international – eingebracht haben. Als Teil des immernoch vorhandenen Widerstandes in dieser Stadt. Gegen den Polizeistaat und die mit ihm verbundene Transformation von Teilen der Stadt in sogenannte “Gefahrengebiete”, in denen Bullen Menschen belĂ€stigen, kontrollieren und jagen. Gegen die Gentrifizierung, steigende Mieten, Immobilienprojekte, die Zerstörung öffentlichen Raumes und VerdrĂ€ngung. Gegen soziale Vereinsamung, Egoismus und die ErzĂ€hlung von “jede*r fĂŒr sich”.

Ganz im Gegenteil stehen wir fĂŒr Selbstorganisierung, gegenseitige Hilfe und SolidaritĂ€t ein. DafĂŒr unser Leben in die eigenen HĂ€nde zu nehmen und uns gegen die stĂ€ndige Bevormundung von Oben zu verteidigen. FĂŒr das Experiment selbstverwalteter Orte, Orte des Kampfes und des Lebens in einer Gemeinschaft, ohne autoritĂ€re und patriarchale UnterdrĂŒckungsmechanismen.Die Kadterschmiede und der Jugendclub Keimzelle sind Treffpunkte, die es uns ermöglichen im Austausch zu bleiben, auch wenn das soziale Leben eingefroren werden soll.

Der
Angriff auf die Rigaer 94

FĂŒr
den 17. und 18. Juni stellen sich, neben dem angeblichen
Hausverwalter Luschnat, den “AnwĂ€lten” Bernau und von
Aretin, sowie einem von ihnen berufenen Brandschutzgutachter, die
Bullen auf, um einen weiteren Angriff auf unser Haus zu unternehmen.
Als rechtliche Grundlage werden sie dafĂŒr eine Duldungsanordnung des
Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg benutzen, die alle
Bewohner*innen dazu verpflichten soll, der “Begehung zur
Begutachtung des Brandschutzes”
in allen Wohnungen und RĂ€umen zuzustimmen. Dass es sich aber um eine
“einfache BrandschutzĂŒberprĂŒfung” handeln soll, ist
unwahrscheinlich, da allen Beteiligten klar ist, dass wir dieses Haus
in den letzten Monaten mit der Hilfe von Freund*innen zum
wahrscheinlich brandsichersten Haus der Stadt gemacht haben. Die
500.000€ fĂŒr die im MĂ€rz angeforderten Hundertschaften aus
anderen BundeslĂ€ndern sprechen dafĂŒr, dass der Einsatz ĂŒber einen
lÀngeren Zeitraum geplant war und sein wird. Möglich ist also, dass
die Bullen in den Tagen vor dem 17. und 18. Juni eine “Rote Zone”
errichten werden, um unser Haus am 17. Juni stĂŒrmen, die
NachbarhĂ€user besetzen und die von uns eingebauten BrandschutztĂŒren,
WÀnde und weitere elementare Einrichtungen des Hauses zerstören zu
können. Vielleicht wollen Bernau, Luschnat und Co. danach die
“Unbewohnbarkeit” des Hauses feststellen, besetzte und seit
Jahren bis zu Jahrzehnten bewohnte Wohnungen rĂ€umen und geschĂŒtzt
durch Bullen und Sicherheitsfirma, mit Bauarbeitertrupps weiter
zerstören, was wir uns aufgebaut haben. Das wÀre ein Szenario
Ă€hnlich dem RĂ€umungsversuch im Sommer 2016.

Die
Parteien des rot-rot-grĂŒnen Senats, allen voran Innensenator Geisel
fĂŒr die SPD, fĂŒhlen sich durch Wahlkampf und juristische
VorgeplÀnkel nun ermutigt genug, das zu wagen, an dem sich schon
vorher der Eine oder Andere seine politische Karriere verbaut hat:
Eine Brandschutzbegehung zum Zwecke der AufklÀrung, eine
schleichende RĂ€umung durch die Besetzung eines ganzen Viertels und
unseres Hauses oder das Setzen auf den großen Schock einer
plötzlichen RÀumung. Wir können nicht vorhersagen, was genau davon
passieren wird und spekulieren deswegen nicht weiter. Denn alle
Möglichkeiten fĂŒhren zu einem Punkt: Die Rigaer94 wird angegriffen,
mit dem Ziel uns zu zerstören. Der Tag der Eskalation ist fĂŒr uns
TagX. Darauf werden wir entsprechend reagieren. Bis dahin werden wir
aber nicht Abwarten. Nicht hoffen auf den Erfolg der juristischen
NebenschauplÀtze. Nicht tatenlos zusehen, wenn sie unsere
Selbstorganisation einmal mehr bedrohen.

Zusammen
kÀmpfen

Das
Jahr 2020 war in vielerlei Hinsicht ein besonderes, aber insgesamt
auch kein besseres oder schlechteres als die Jahre davor. Der
kapitalistische Normalzustand wurde im Rahmen der Corona-Pandemie,
mit weiteren autoritĂ€ren Maßnahmen gestĂŒtzt und wir alle hatten
Schwierigkeiten uns in dieser neuen Situation, mit Kontakt- und
Ausgangssperren, aber auch einer verstÀndlichen Verunsicherung im
Umgang mit den gesundheitlichen Fragen der Pandemie, zurechtzufinden.
Wenn wir jetzt eure SolidaritÀt einfordern, um die Rigaer 94, die
viel mehr als einfach nur “unser Haus” ist zu verteidigen,
dann tun wir das nicht, weil wir wollen, dass ihr fĂŒr uns kĂ€mpft.
Wir wollen mit euch zusammen kÀmpfen. Wir wollen, mit euch unsere
KĂ€mpfe an den verschiedenen Orten dieser Stadt und darĂŒber hinaus
intensivieren! Wir wollen Teil der verschiedenen KĂ€mpfe sein und
dass sie auch durch dieses Haus ihren Ausdruck finden können.

Wir
denken, dass wir konkrete Orte brauchen, an denen wir uns
kennenlernen und organisieren können. Nach den RÀumungen von
Syndikat, Liebig 34, der Rummelsburger Bucht, der Meuterei, der
VerdrÀngung von Potse&Drugstore und der akuten Bedrohung der
Köpi mĂŒssen wir deshalb verbleibende kĂ€mpfende Orte in dieser
Stadt mit all unseren Mitteln verteidigen. Das sind wir uns selbst,
unseren Ideen und denen, die vor uns und mit uns gekÀmpft haben,
schuldig.

Ein
Feuer entzĂŒnden

Aber
wieso jetzt angreifen, wieso jetzt das Risiko wagen, wieso jetzt
Gefahr laufen, ein weiteres Mal ĂŒberrollt zu werden? 2020 und 2021
waren nicht nur das Jahr von Pandemie und generalisierten
AusnahmezustÀnden, sondern auch von AufstÀnden und Revolten,
grĂ¶ĂŸeren und kleineren Momenten, in denen die Verwundbarkeit dieser
Welt zum Vorschein kam. Der Staat wird von verschiedenen Seiten in
BedrÀngnis gebracht. In Berlin organisierte ein von migrantischen
Gruppen geprĂ€gtes BĂŒndnis die Demo zum 1. Mai, die sich zum ersten
Mal seit langem wieder als kÀmpferisch bezeichnen darf. Nicht nur in
Neukölln, auch in Kreuzberg oder Schöneberg gibt es Menschen in den
Kiezen, die sich nicht lÀnger von den Bullen schikanieren lassen. In
den Parks rebellieren vor allem Jugendliche gegen den autoritÀren
Staat, der ihnen die Freizeit, das Sammeln von Erfahrungen außerhalb
der gesellschaftlichen Normen, d.h. ihren eigenen Ausdruck zu
verbieten versucht. Die “Take Back The Night” Demo
versammelte in diesem Jahr 3000 FLINTA*, die sich ganz und gar nicht
an die auferlegten Regeln der Bullen hielten. Nach dem Kippen des
Mietendeckels zogen mehrere zehntausend wĂŒtende Mieter*innen spontan
durch Kreuzberg und trieben die ĂŒberraschten und ĂŒberforderten
Bullen vor sich her. 2020 versammelten sich Hunderttausende auf dem
Alexanderplatz, um die Wut ĂŒber den rassistischen Mord an George
Floyd zu teilen.

Noch
viel sichtbarer brennt es international: gegen rassistische
Polizeigewalt in den USA, in feministischen KĂ€mpfen in Mexiko, in
Kolumbien, in Chile, in Malaysia, im Libanon und in Algerien 

Sogar unvollstÀndig zeigt diese Liste, dass es mit Sicherheit
schlechtere Momente gab, um dazu beizutragen, diese Welt zu verÀndern
und unsere Utopie von Freiheit zu verwirklichen. Vielleicht gab es
aber auch selten bessere Momente oder wer von uns kann sich noch an
einschneidendere VerÀnderungen erinnern, als die des letzten Jahres?
Wir sind davon ĂŒberzeugt: Lasst uns ein weiteres Feuer entzĂŒnden
und es schĂŒren!

Den
Konflikt suchen

Es ist uns nicht wichtig, dass wir zu jeder Zeit dieselben Schwerpunkte haben oder dieselben Mittel einsetzen, um unsere Ideen zu verwirklichen und unseren TrĂ€umen Leben einzuhauchen. Viel eher wollen wir uns – mit diesem Haus – an den KĂ€mpfen gegen das kapitalistische, patriarchale und rassistische System und fĂŒr eine Welt frei von Herrschaft, UnterdrĂŒckung und Ausbeutung beteiligen und dabei, an ihnen, ĂŒber uns selbst hinauswachsen.

Konkret
heißt das fĂŒr uns die kommenden Tage und Wochen dafĂŒr zu nutzen,
den Konflikt mit dem Bestehenden aktiv zu suchen. Wir nehmen den
Angriff auf die selbstorganisierten Strukturen dieser Stadt ernst und
stellen in Frage, ob unsere Feinde bereit sind, den Preis fĂŒr das
von ihnen angestrebte Ziel – die Zerstörung der Rigaer 94 – zu
bezahlen. Wir werden nicht zahm hinter den Hamburger Gittern einer zu
erwartenden “Roten Zone” im Nordkiez warten, bis auch der
allerletzte Presse- oder Nazischmutz in unserem Haus spazieren
gefĂŒhrt wurde. Immer wieder, zuletzt im MĂ€rz, wurde uns klar, dass
juristische GeplÀnkel und administratives Hin-und-Her uns nicht
weiterbringen. Vielmehr sind wir in die von ihnen gestellte Falle
getappt und haben uns, entgegen unserer politischen Überzeugung,
teilweise befrieden lassen.

Auch
deshalb werden wir nun dafĂŒr sorgen, dass der 17. Juni nicht der
Anfang vom Ende dieses Hauses, sondern ein weiterer Schritt unser
aller Selbstorganisierung wird. Wir wollen mit euch ein Szenario des
Gegenangriffs erschaffen, das alljene empfindlich treffen wird, die
direkt oder indirekt von diesem System der alltÀglichen VerdrÀngung
profitieren und es deswegen aufrecht erhalten.

Wir
rufen euch auf den Angriff auf die alltÀgliche Ordnung der Stadt der
Reichen zu unternehmen und zu intensivieren! Ob mit euren Stimmen
oder Körpern, Farben, lautstark oder leise, mit Stein, Hammer oder
Feuer – lasst uns dieser verkauften Stadt zeigen, dass wir uns
entschieden haben, auf welcher Seite wir stehen. Öffentlich, am
hellichten Tag oder verschwiegen in den noch ĂŒbergebliebenen dunklen
Ecken dieser Stadt. Zeigen wir einander, dass ZĂ€rtlichkeit,
SolidaritÀt, Autonomie und Selbstorganisierung keine hohlen Phrasen
sind, sondern der SchlĂŒssel zu unserer Freiheit, an dem wir tĂ€glich
feilen. Lasst uns den Konflikt gegen Immobilienfirmen und
Spekulant*innen, dynamische Start-Ups und ihre treuen AnhÀnger*innen,
Bullen, stÀdtische und staatliche Stellen in unseren Vierteln und
darĂŒber hinaus verschĂ€rfen und Position beziehen.

Wenn
sie versuchen uns zu brechen, werden wir explodieren!

Die
Stadt der Reichen angreifen! Auf einen heißen Sommer!

Rigaer
94




Quelle: Rigaer94.squat.net