November 11, 2022
Von Paradox-A
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Das sich unter den politischen Gegner*innen des Anarchismus auch Trotzkist*innen finden, ist allgemein bekannt. Warum darĂŒber Worte verlieren und es nicht einfach bei den konkurrierenden Standpunkten stehen lassen, zumal wenn abstrakt-theoretische Debatten oftmals weit entfernt von den Praktiken und Fragen derjenigen sind, die sich in emanzipatorischen sozialen Bewegungen engagieren?

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Konkurrent*innen kann allerdings dazu beitragen, die eigenen Positionen festigen und die eigenen Perspektiven zu schĂ€rfen. Und ja, viele Anarchist*innen sind nicht besonders theoriefest. HĂ€ufig kennen sie auch ihre eigenen Theorien nur unzureichend und lassen sich daher immer wieder verwirren. DarĂŒber hinaus schreibe ich diesen Text, um einiges klar zu stellen. Denn Jannick Hayoz, ein Theoretiker des trotzkistischen Netzwerkes „Der Funke“, welches aktuell eine neuere Werbeoffensive gestartet hat und gerade einen Kongress in Berlin abhĂ€lt, scheut sich nicht, den Anarchismus falsch darzustellen.

Seine Darstellung ist notwendigerweise falsch, weil politische Sekten darauf angewiesen sind, ihre Konkurrent*innen zu diffamieren und ihre eigenen dogmatischen und in sich abgeschlossenen GedankengebĂ€ude aufrecht zu erhalten. Bedauerlich daran ist, dass mit dieser Falschdarstellung die Vorurteile ĂŒber den Anarchismus bestĂ€rkt werden. Dies bringt niemandem etwas und verhindert, dass Menschen und Gruppen mit verschiedenen Standpunkten auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Daher entfalte ich paradigmatisch am Text „Marxismus oder Anarchismus: Wie zu einer klassenlosen Gesellschaft“ meine Kritik. Weil ich dieser Position nicht mehr Aufmerksamkeit schenken möchte, als sie verdient, werde ich aber keine andauernde Auseinandersetzung beginnen.

Der Ausgangspunkt von Hayoz‘ Text ist idealistisch, wie seine ganze Theorie. Es wĂ€re lediglich das RebellionsbedĂŒrfnis, welches vor allem junge Menschen heute zum Anarchismus fĂŒhre. Stattdessen brauche es aber „die Ideen des Marxismus“, da der Anarchismus eigentlich pseudo-revolutionĂ€r wĂ€re. Statt sich aber mit den Ansichten real existierender Anarchist*innen auseinanderzusetzen, bezieht sich der Autor auf eine Interpretation, welche mit seinen eigenen obskuren Ideen kompatibel erscheinen. In der dogmatischen Herangehensweise steht das abschließende Urteil schon vor der Suche nach Wahrheit fest. Somit kann die Wirklichkeit nur verkannt und die vorgeblich „marxistische“ Theorie nur idealistisch bleiben.

GegensÀtze ziehen sich nicht an

Dazu passt gut, das Hayoz mit den „gegensĂ€tzliche[n] Philosophien“ von Marxismus und Anarchismus in seine Argumentation einsteigt. Ergo gĂ€lte es, die Entstehung „dieser Ideen anzuschauen“ – und nicht etwa die Geschichte sozialer Bewegungen, ihre Organisationen, KĂ€mpfe, Ziele und Lebensweisen. Als der Kapitalismus am Anfang des 19. Jh. noch wenig entwickelt war, konnte man „noch keinen Weg vom Kapitalismus in den Sozialismus in der RealitĂ€t erkennen“. Das mag sein. Man konnte aber schon ziemlich schnell erkennen, dass der Kapitalismus unheimliches Elend verursachte und fĂŒr seine Einrichtung Menschen enteignet, vertrieben und ihre Gemeinschaften zerstört wurden, um sie zur Fabrikarbeit zu drĂ€ngen. Die frĂŒhen Sozialist*innen (gemeint sind damit z.B. Robert Owen, Saint-Simon und Charles Fourier), entwarfen utopische Konstruktionen einer sozialistischen Gesellschaft – darin ist Hayoz zuzustimmen. WorĂŒber er jedoch hinweg tĂ€uscht, ist, dass die Anarchist*innen an dieser Denkweise ansetzen wĂŒrden, dies „Marxist*innen“ aber angeblich nicht tĂ€ten. Was aber gibt es utopischeres als die eschatologische Projektion einer ultimativ „befreiten Gesellschaft“? Der Verweis auf den vermeintlich „wissenschaftlichen Sozialismus“ von Engels und Marx reicht dem Autoren dabei als Beweis aus – womit er offenbart, dass er nicht selbst denkt, sondern ein scholastisches LehrgebĂ€ude reproduziert. TatsĂ€chlich verwarfen Anarchist*innen das abstrakt-utopische Denken, entdeckten jedoch ĂŒberall konkrete Utopien –ZwischenrĂ€ume, in denen Menschen bereits freiheitlich, solidarisch und gleich leben konnten; wenn auch unter den Rahmenbedingungen der schlechten Gesellschaftsform.

Weiterhin wirft Hayoz den Anarchist*innen vor, sie wĂŒrden vorrangig auf die Empörung setzen und sich dazu auf „abstrakte Prinzipien und Ideale, nach der [sic!] sich die Welt richten soll“ beziehen. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Die ethischen Vorstellungen im Anarchismus (soziale Freiheit, Gleichheit, SolidaritĂ€t, Vielfalt, Selbstbestimmung) und die Organisationsprinzipien (Autonomie, Föderalismus, DezentralitĂ€t, Freiwilligkeit und HorizontalitĂ€t) wurden sich nicht irgendwie ausgedacht – wie Hayoz sich das komischerweise vorstellt – sondern entstanden in gemeinsamen Diskussionsprozessen ĂŒber die Erfahrungen von Aktiven in sozialen Bewegungen. Sie wollten beispielsweise keine zentralisierten, hierarchischen, autoritĂ€ren Parteien grĂŒnden – und damit die Logik der politischen Herrschaft im Staat selbst ĂŒbernehmen.

Es zeigt sich, dass Hayoz hier eine regelrechte Verkehrung der eigenen Herangehensweise mit jener des Anarchismus betreibt – die ihm freilich selbst kaum bewusst sein mag, weil er sich wie erwĂ€hnt weder mit dem real existierenden Anarchismus beschĂ€ftigt noch in der Lage ist, sein abgeschlossenes GedankengebĂ€ude aus Distanz zu betrachten. Stattdessen wird Sankt Marx als Garant fĂŒr die per se wahren Erkenntnisse herangezogen. Auch im 21. Jh. ist es Trotzkist*innen dabei egal, das Marx seine eigene Theorie heute vermutlich selbst weiterentwickelt hĂ€tte. Beispielsweise in dem Aspekt, dass die Arbeiter*innenklasse an sich als revolutionĂ€res Subjekt angesehen werden mĂŒsste. Billigerweise kommt Hayoz dann mit einem ganz alten Hut um die Ecke: Er unterstellt den Anarchist*innen ein „kleinbĂŒrgerliches“ Bewusstsein. Dass Marx selbst großbĂŒrgerlicher Herkunft war und dass zahlreiche marxistisch geprĂ€gte Politiker*innen und Gewerkschafter*innen autonome Arbeiter*innenkĂ€mpfe niederhielten, geschenkt


Die „Freiheit des Individuum“, welches ein „Idealbild“ im Anarchismus wĂ€re, schreibt Hayoz dementsprechend auch dieser angeblich kleinbĂŒrgerlichen Denkweise zu – statt zu begreifen, dass in den Anarchismus auch liberale Gedanken eingeflossen sind, weswegen er glĂŒcklicherweise ein Gegengift zur Verachtung der Einzelnen beinhaltet, wie sie realsozialistische Staaten zur Schau stellten. Somit ist der Trotzkismus auch nicht in der Lage zu begreifen, dass die tatsĂ€chlich existierende Arbeiter*innenklasse – wo sie in westlichen Gesellschaften an den Maschinen steht – nationalistisches und rassistisches Gedankengut entwickelt. Wenn sie aber zur Migration gezwungen und getrieben wird, geht sie wiederum keineswegs im verklĂ€rten Idealbild des marxistischen „Arbeiters“ auf.

Die ewige Illusion vom Nutzen der Staatsmacht

Dann zum klassischen Streitpunkt „Staat und Revolution“: Ja, Anarchist*innen erkennen, dass der Staat neben einem Institutionenset auch ein gesellschaftliches HerrschaftsverhĂ€ltnis ist, dass es ebenso wie Kapitalismus, Patriarchat, weiße Vorherrschaft und Naturbeherrschung zu ĂŒberwinden gilt. Diese Überwindung kann nur geschehen, indem sie miteinander geschieht – und an ihre Stelle egalitĂ€re, libertĂ€re und solidarische VerhĂ€ltnisse etabliert und ausgedehnt werden. Anarchist*innen haben es mit ihrem Fokus auf die Staatskritik hĂ€ufig ĂŒbertrieben und das nicht, weil sie falsch wĂ€re, sondern weil sie hĂ€ufig dahingehend verkĂŒrzt gedacht wird, dass nicht begriffen wurde, dass Staatlichkeit selbst der manifestierte und verdichtete Ausdruck fĂŒr das politische HerrschaftsverhĂ€ltnis in der Gesellschaft ist.

Der Umkehrschluss vermeintlicher „Marxist*innen“ ist deswegen ebenso falsch: Wer eine libertĂ€r-sozialistische Gesellschaftsform erkĂ€mpfen und aufbauen will, kann sich dazu nicht auf den Staat als Mittel beziehen. Es ist eine immer wieder bediente und beförderte Illusion, dass die staatlichen Instrumente und Institutionen neutral seien und in den HĂ€nden sozialistischer RevolutionĂ€r*innen ihre Eigendynamik verlieren wĂŒrden. Trotzkist*innen haben eine falsche Staatstheorie. So ist es beispielsweise auch schlichtweg falsch, den Staat lediglich als „Produkt von KlassengegensĂ€tzen und Ausbeutung“ zu begreifen, wie Hayoz es tut. Der moderne Staat ist ein eigenstĂ€ndiges HerrschaftsverhĂ€ltnis, welches aber in einem permanenten WechselverhĂ€ltnis zum Kapitalismus begriffen werden muss. Nur so lĂ€sst sich erklĂ€ren, warum die Bedingungen fĂŒr kapitalistisches Wirtschaften erst durch massive staatliche Interventionen und Gesetzgebungen brutal durchgesetzt wurden.

Interessanterweise reproduziert Hayoz im Übrigen eine Fehlannahme liberaler Theorien, nĂ€mlich jene, dass der Kapitalismus quasi naturwĂŒchsig entstanden sei und gewissermaßen eine unvermeidliche Stufe menschlicher Zivilisation darstelle. Dies ist aber nicht der Fall. Die bestehende Herrschaftsordnung (ökonomisch, staatlich, geschlechtlich usw.) wurde gezielt eingesetzt, auch wenn sie eine Eigendynamik entfaltet und keineswegs Produkt einer Verschwörung geheimer MĂ€chte darstellt. Der moderne Nationalstaat ist nicht die logische Entwicklung, welche politische Herrschaft annehmen musste, sondern wurde aufgrund bestimmter Interessen weltweit grausam durchgesetzt und aufgezwungen. DarĂŒber hinaus ist es albern, dass Hayoz sich bei seiner Darstellung des anarchistischen StaatsverstĂ€ndnisses allein auf Bakunin bezieht – anstatt sich etwa mit Kropotkin zu beschĂ€ftigen, welcher bereits ein komplexeres StaatsverstĂ€ndnis hatte.

Eine falsche Staatstheorie und der Fetisch zentralisierter Planwirtschaft

Der Arbeiterstaat wĂ€re „zum ersten Mal in der Geschichte ein Staat der Mehrheit: Er hĂ€lt nicht die arbeitenden, ausgebeuteten Massen unten, sondern die Minderheit: die ehemaligen Herrscher und Ausbeuter“, behauptet der Trotzkist. Wer im 21. Jh. noch derartigen Quatsch von sich geben kann, beweist, dass er resistent ist, ansatzweise aus der Geschichte zu lernen. Einen „Arbeiterstaat“ wie Hayoz vorschwebt, hat es nie gegeben und kann es nie geben. Die realsozialistischen Staaten, welche diesen Anspruch vor sich hertrugen und sich darĂŒber legitimierten, waren in keiner Weise tatsĂ€chlich Ausdruck einer Mehrheit der Arbeiter*innenklasse, sondern brachten neue bĂŒrokratische herrschende Klassen von Partei-GĂ€nger*innen hervor.

UnterdrĂŒckt wurden nicht vorrangig die ehemalig Herrschenden – im Gegenteil, manchmal wurden sie auch in den neuen Staatsapparat aus praktischen GrĂŒnden integriert –, sondern alle, welche andere Vorstellungen hatten, als die herrschenden, parteikommunistischen Fraktionen. Unter Trotzki selbst wurden sozialistische Bewegungen wie die Machnow-Bewegung zerschlagen. Der Eispickel in seinem Kopf steht ihm gut, als autoritĂ€rem Kader in einer paranoiden herrschenden Elite. Kein Staat wird je absterben, wenn er von Sozialist*innen ĂŒbernommen wird. Es gilt, das politische HerrschaftsverhĂ€ltnis als solches abzubauen, um der Föderation dezentraler autonomer Kommunen Raum zu verschaffen. HĂ€tte die trotzkistische Fraktion die Partei- und Staatsmacht in der UdSSR ĂŒbernommen statt der stalinistische KlĂŒngel, wĂ€re das Ergebnis nur geringfĂŒgig anders gewesen, da ihr StaatsverstĂ€ndnis verkĂŒrzt ist.

Dass ein Wirtschaftssystem sich nicht „naturwĂŒchsig“ historisch entwickelt, zeigt sich auch darin, dass Hayoz den zentralistischen „Arbeiterstaat“ dadurch legitimiert, dass dieser notwendig wĂ€re, um die Planwirtschaft einzufĂŒhren. Seiner Ansucht nach mĂŒsste eine föderative Selbstverwaltung von Betrieben zwangslĂ€ufig zur WiedereinfĂŒhrung der Marktwirtschaft fĂŒhren. Auch diese Annahme ist falsch – die Frage ist, wie Wirtschaft organisiert und nach welchen Prinzipien sie gestaltet wird, vor allem aber, in wessen HĂ€nden sich die Produktionsmittel und das Eigentum befinden. Lokale und ĂŒberschaubare Kollektive können viel besser nach BedĂŒrfnissen und FĂ€higkeiten produzieren und GĂŒter verteilen, als der GrĂ¶ĂŸenwahn einer zentral gesteuerten Wirtschaftsordnung – auch dies hat sich in der Wirklichkeit realsozialistischer Staaten ziemlich gut gezeigt. Es stimmt auch nicht, dass sich Kollektivbetriebe in einem dezentralen Sozialismus nicht koordinieren könnten, oder, dass es keinerlei vermittelnde und beratende Koordinationgremien zwischen ihnen geben sollte – die Frage ist lediglich, ob diese mit einer zentralisierten Entscheidungsmacht ausgestattet werden. Dagegen ist die „Arbeiterdemokratie“, welche Hayoz vorschwebt, eine bloße Kopfgeburt. Sie lĂ€sst sich nicht mit staatlichen Mitteln einrichten, sondern nur durch die reale Machtaneignung und -verteilung der Bevölkerung selbst.

Von Anarchist*innen gemieden von Trotzkist*innen unbegriffen: Das Problem der FĂŒhrung

In Hinblick auf die Frage nach der FĂŒhrung von Bewegungen spricht Hayoz einen Punkt an, welcher von Anarchist*innen bedauerlicherweise meistens vermieden wird – weswegen sie nur selten gute Antworten auf dieses Problem hervorbringen. Damit werden sie sich ihrer eigenen Rolle nicht bewusst und verschenken damit hĂ€ufig ihr Potenzial. Aber problematisieren sie FĂŒhrung bei der Wurzel und möchten alle Menschen in die Lage versetzen, ihre Angelegenheiten selbst zu bestimmen – wofĂŒr einige Voraussetzungen (Zeit, Bildung, Kontakte etc.) geschaffen und verallgemeinert werden mĂŒssen. Trotzkist*innen sind stattdessen so naiv zu glauben, dass es dann eben eine andere, „neue, revolutionĂ€re FĂŒhrung“ brĂ€uchte. Wie gesagt muss ich fairerweise eingestehen, dass Anarchist*innen hierauf oftmals keine guten Antworten haben, weil sie das Problem zwar benennen, aber sich scheuen, sich als ein eigenstĂ€ndiges Lager zu begreifen, welches spezifische Funktionen in sozialen KĂ€mpfen ausĂŒben kann. In gewisser Hinsicht könnte man sagen, Anarchist*innen trauen sich selbst nicht zu, „fragend voranzuschreiten“ und „gehorchend zu fĂŒhren“, wie es die Zapatistas formulieren oder auch die kurdische Autonomiebewegung praktiziert. Dies ist bedauerlich, da sie gerade aufgrund ihrer selbstkritischen Herangehensweise deutlich mehr zur ErmĂ€chtigung und Selbstorganisation der Menschen beitragen, als Trotzkist*innen. Dazu gĂ€lte es sich aber sozial-revolutionĂ€r zu organisieren und mit einer libertĂ€r-sozialistischen Vision zu orientieren. Auch die Erfahrungen in KĂ€mpfen etc. können weitergeben werden, ohne, dass es dazu notwendigerweise einer Partei bedarf. Aktive in sozialen Bewegungen mĂŒssen sich allerdings selbst darum bemĂŒhen, ihre Funktionen zu begreifen, ihr Wissen zugĂ€nglich zu machen und weiterzugeben.

Unter den Leuten wirksam sein – fĂŒr Trotzkist*innen keine Option

Hayoz behauptet, Anarchist*innen hĂ€tten nur „Lippenbekenntnisse fĂŒr die revolutionĂ€re Rolle der Arbeiterklasse abgegeben“ – was objektiv falsch ist, da der Großteil der Anarchist*innen proletarisierte Menschen waren, die verschiedenen Geschlechtern angehörten und unterschiedlicher Herkunft waren. Dass viele bekannten Personen des Anarchismus auch EinflĂŒsse aus anderen gesellschaftlichen Schichten hatten, ergibt sich schlichtweg daraus, dass konsequenter Aktivismus Zeit, Ressourcen, Bildung und Kontakte zur Voraussetzung hat. Deswegen mĂŒssen diese vor allem jenen zugĂ€nglich gemacht werden, welche direkt marginalisiert und unterdrĂŒckt werden. Darin sehen Anarchist*innen auch eine ihre hauptsĂ€chlichen Rollen: Bestimmte ZugĂ€nge zu schaffen, Wissen zu vermitteln, Praktiken vorzuleben und sich fĂŒr Ausgeschlossene einzusetzen.

Äußerst krude, dass Hayoz nicht begreift, wie wichtig beispielsweise das Wirken der Narodniki in der Bauernschaft Russlands war, um diesen grundlegende Bildung, Selbstbewusstsein und Kampfmethoden an die Hand zu geben. Dass BĂ€uer*innen irgendwelche stĂ€dtischen Student*innen gegenĂŒber nicht immer offen und hĂ€ufig auch von konservativen Ansichten geprĂ€gt waren, versteht sich von selbst. Ohne das unermĂŒdliche, selbstlose und gezielte Wirken von Lehrer*innen im Volk (und oftmals war dies tatsĂ€chlich auch ihr Beruf) hĂ€tten arme Menschen ĂŒberall auf der Welt nicht der religiösen Verblödung, ihrer UnterwĂŒrfigkeit unter MĂ€chtige und ihren patriarchalen Strukturen entkommen können. Es zeigt sich, dass Hayoz nicht ansatzweise in der Lage ist zu begreifen, wie sich progressive gesellschaftliche Entwicklungen vollziehen und welche Rolle darin engagierte Bildner*innen und Aktivist*innen spielen. Ebenso wenig wie die Arbeiter*innenklasse ein homogenes Subjekt ist, welchem eine „historische Mission“ angedichtet wird, um es zum Fußvolk sozialistischer Parteikader zu degradieren, ist es die Bauernschaft, das KleinbĂŒrger*innentum oder sind es Handwerker*innen. Aus einer sozialstrukturellen Position allein, ergibt sich nicht die Ideologie von Personengruppen, welche ebenso kulturell und durch soziale Praktiken geprĂ€gt werden. Das Sein bedingt das Bewusstsein, aber es bestimmt es nicht.

Dass er selbst fern jeglicher kĂ€mpfender Bewegungen steht, offenbart Hayoz auch darin, dass er nicht in der Lage ist, die Taktiken der Propaganda durch Taten und des schwarzen Blocks zu begreifen. Wenngleich ich selbst die VerselbstĂ€ndigung dieser Taktiken zu bloßen Stilen kritisiere, plĂ€diere ich stark dafĂŒr Probleme unmittelbar anzugehen und Alternativen zu ihnen aufzuzeigen. Menschen lassen sich nicht einfach durch spektakulĂ€re Aktionen wachrĂŒtteln und schließen sich dann einem sozial-revolutionĂ€ren Projekt an. Ebenso wenig wird sie aber ein bloßes GesprĂ€ch oder ein Vortrag davon ĂŒberzeugen. Vielmehr muss es darum gehen, Menschen andere Erfahrungen zu ermöglichen. Dazu können spektakulĂ€re Aktionen bedingt beitragen, mehr aber noch Alternativen im unmittelbaren Alltagsleben. Es gilt jene ZwischenrĂ€ume zu schaffen und auszuweiten, welche Hayoz in seinem Kader-Idiotismus als „opportunistisch“ abtut. Selbstredend gibt es hierbei eine fundamental unterschiedliche Grundannahme zwischen Marxismus und Anarchismus. Ersterer geht davon aus, dass Kapitalismus und Staat die Voraussetzungen fĂŒr die sozialistische Gesellschaft schaffen, welche aus jenen herauswachsen wĂŒrde. Zweiterer nimmt an, dass es grundlegend problematisch ist, sich auf die herrschenden VerhĂ€ltnisse und Institutionen zu beziehen. Das fĂŒhrt Anarchist*innen nicht in die HandlungsunfĂ€higkeit, weil sie annehmen, dass parallel zu den dominierenden HerrschaftsverhĂ€ltnissen solidarische, gleiche und freiheitliche VerhĂ€ltnisse bestehen. Menschen verfĂŒgen also hier und heute bereits ĂŒber Mittel, um sich eine erstrebenswerte Zukunft aufzubauen, statt dies auf den fiktiven Zeitpunkt nach einer Revolution zu verschieben.

Geschichtsvergessenheit bis zum bitteren Ende

Hayoz kann sich schließlich nicht unterstehen, auch im letzten Abschnitt seine Geschichtsvergessenheit zur Schau zu stellen. Die WidersprĂŒche der Anarchist*innen im Umgang mit der republikanischen Regierung deutet er als Unentschiedenheit, welche schließlich zum Verrat an der sozialen Revolution im spanischen BĂŒrgerkrieg gefĂŒhrt hĂ€tte. So schreibt er: „Die CNT hĂ€tte die Macht ohne weiteres ĂŒbernehmen können. Sie hĂ€tte bloß die existierenden Keimformen eines Arbeiterstaats zusammenfassen, die Macht ausrufen und auf ganz Spanien ausweiten mĂŒssen, wo Ă€hnliche Prozesse am Passieren waren. Aber die CNT-FĂŒhrung lehnte es ab, die Macht zu ergreifen“. Was Hayoz nicht begreift ist, dass sich Anarchist*innen eben nicht innerhalb des bestehenden politischen Systems organisieren wollen. Sie sind nicht davon ĂŒberzeugt, dass darin die eigentliche Macht fĂŒr emanzipatorische GesellschaftsverĂ€nderung liegt. Vielmehr suchen sie nach anderen Formen und Ebenen, auf denen sie sehr viel direkter und praktischer wirksam sein können: In Betrieben, Nachbarschaften, Kooperativen, mittels direkter Aktionen, Bildung und Selbstorganisationen, bauen sie an der neuen Gesellschaft. Die Anarchist*innen waren in der spanischen sozialen Revolution (aber auch in Argentinien, Uruguay, Brasilien, Italien, Frankreich, den Niederlanden 
) so stark, weil sie Menschen nicht politisch vertreten und anfĂŒhren wollten, sondern deren ErmĂ€chtigung, VerstĂ€ndigung und Selbstorganisation förderten. Hayoz ist so arrogant, die Franco-Diktatur den Anarchist*innen anzulasten, weil sie seiner aberwitzigen Ansicht nach die Revolution verraten hĂ€tten – anstatt ĂŒberhaupt zu erwĂ€hnen, dass es zuvor irrelevante und dann von der UdSSR unterstĂŒtzte kommunistische Partei war, welche nicht mit den anderen Fraktionen kooperieren wollte, sondern sie intrigant bekĂ€mpfte. Die trotzkistische ErzĂ€hlung wird hierbei eminent konservativ: Jenen, welche fĂŒr sich fĂŒr echte GesellschaftsverĂ€nderung einsetzen und sie unmittelbar umsetzen, wird angelastet, dass sie von der Reaktion brutal bekĂ€mpft werden.

Der Argumentationsgang von Jannick Hayoz ist in vielerlei Hinsicht geschichtsvergessen, inhĂ€rent dogmatisch, verkĂŒrzt und verzerrend. Auf leicht zu durchschauende Weise konstruiert der trotzkistische Autor den Anarchismus als Pappfigur, auf welche er mit seiner eigenwilligen Interpretation des „Marxismus“ einprĂŒgeln kann. Denn nur so kann er zirkulĂ€r und tautologisch zur Schlussfolgerung gelangen: „Wir teilen den revolutionĂ€ren Anspruch der meisten Anarchisten. Aber die Methode des Anarchismus ist nicht wahr und nicht revolutionĂ€r. Das rĂ€cht sich spĂ€testens dann, wenn der Anarchismus mit der objektiven RealitĂ€t konfrontiert wird“. Bis zu Letzt zeigt sich darin die Projektion des eigenen inhĂ€rent idealistischen Denkens, durch welches die Welt an den eigenen Idealvorstellungen und abstrakten Theorien gemessen wird. Jede Anarchist*in mit etwas Lebenserfahrung kann – mit ihrem rebellischen Begehren und ihren manchmal trĂ€umerischen Vorstellungen – zu Recht behaupten, stĂ€rker an der Wirklichkeit orientiert und mit der wirklichen Bewegung verbunden zu sein, als der Kader-Trotzkismus. Dessen Theorien brauchen RevolutionĂ€r*innen weltweit heute weniger denn je. Sie haben ihre Funktion zur Organisierung einer arroganten, dogmatischen Tendenz innerhalb von kommunistischen Parteien. Zu mehr taugen sie nicht.




Quelle: Paradox-a.de