April 28, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Kritische Anmerkungen und Reflexion zu den jĂŒngsten Ausschreitungen in Montreal gegen die Ausgangssperre. UrsprĂŒnglich gepostet auf Montreal Counter-Info.

Am Sonntag den 11. April, als Reaktion auf Legaults WiedereinfĂŒhrung der Ausgangssperre ab 20 Uhr, gingen die Menschen in Montreal auf die Straße, um das FrĂŒhlingswetter zu genießen und ihre Wut ĂŒber diese beschissene Welt auszudrĂŒcken, die uns weiterhin unser Leben stiehlt. Ohne eine erklĂ€rte politische Absicht wurde in den sozialen Medien dazu aufgerufen, sich im Alten Hafen zu versammeln, um zu feiern und der Ausgangssperre zu trotzen. Einige Anarchist_innen schlossen sich der gemischten Menge an, die hauptsĂ€chlich aus jĂŒngeren Menschen bestand, deren grĂ¶ĂŸte Gemeinsamkeit die Wut darĂŒber war, dass ihre wenigen Freiheiten von der Regierung weiter beschnitten wurden. Die AtmosphĂ€re vor 20 Uhr war aufgeregt und rau, wobei „Fuck Legault“ der hĂ€ufigste und lauteste Ruf war. MotorrĂ€der ließen ihre Motoren aufheulen, Menschen tanzten, tranken und lachten mit ihren Freund_innen, um den FrĂŒhling zu feiern und dieser beschissenen Welt zu trotzen.

Die erste Bullenkutsche, die vorbeifuhr, wurde mit Buhrufen und Mittelfingern empfangen, die zweite mit Eiern, Flaschen und Steinen. Revolte lag in der Luft und wir freuten uns, inmitten eines solchen Spektakels zu sein, besonders nach einem so langen, trostlosen Winter. Als die Ausgangssperre nĂ€her rĂŒckte, bemerkten wir, dass sich die Bereitschaftspolizei im Osten der Rue de la Commune und Rue St. Paul versammelte. Westlich der Rue de la Commune gab es nur ein paar Streifenwagen. Zu dieser Zeit hielten sie Abstand und beobachteten die Demonstration.

Etwa zur gleichen Zeit trafen „Reporter_innen“ von Rebel Media ein, einer rechtsradikalen Nachrichtenagentur mit Sitz in Toronto. Rebel Media ist bekannt dafĂŒr, dass sie Reporter_innen mit Verbindungen zu Stormfront, einer prominenten Neonazi-Webseite, beschĂ€ftigen und mit anderen rassistischen, transfeindlichen und rechtsradikalen Persönlichkeiten zusammenarbeiten, sowie einwanderungsfeindliche und COVID-leugnende Verschwörungstheorien verbreiten. Trotz Rebel Medias verzweifeltem Aufmerksamkeitsverhalten sind sie ziemlich obskure Versager, selbst als YouTube-Provokateure (Anmerkung: seit dem 14. April sind sie von YouTube gesperrt). Es war klar, dass die ĂŒberwiegende Mehrheit der Anwesenden nicht wusste, wer sie sind, daher interagierten leider viele junge Menschen aufgeregt und positiv mit ihnen.

Die Geier von Rebel Media produzierten einen lĂ€cherlichen und erbĂ€rmlichen Bericht, der die „Antifa“ fĂŒr die SachbeschĂ€digungen und PlĂŒnderungen in dieser Nacht verantwortlich machte, anstatt zu zeigen, wie ein echter Querschnitt der Menschen in Montreal mit legitimer Wut und dem Wunsch, in einer Welt gehört zu werden, die ihre Stimmen marginalisiert, reagiert.

Wir hatten das GefĂŒhl, dass wir nicht genug Leute hatten, um mit Rebel Media umzugehen und es schien wahrscheinlich, dass die Menge sich auf ihre Seite geschlagen hĂ€tte, wenn wir eingegriffen hĂ€tten, weil niemand weiß, wer Rebel Media ist, geschweige denn, dass sie benutzt werden, um rechte Propaganda zu machen. Es war eine frustrierende Situation.

Zur gleichen Zeit wurden von kleinen Gruppen innerhalb der Demo Feuer entfacht, die aber von einer scheinbar kleinen, aber organisierten Gruppe weißer MĂ€nner gelöscht wurden, die taktische AusrĂŒstung trugen und AufnĂ€her, die mit rechten Ideen assoziiert wurden, an ihren Jacken befestigt hatten, von denen einer eine Go-Pro Kamera auf dem Kopf hatte. Man sah sie zeitweise eine Gruppendiskussion fĂŒhren, bevor sie sich in und um die Demonstration bewegten, um die Menge zu ĂŒberwachen. Trotz einiger unzusammenhĂ€ngender SchlĂ€gereien und Durcheinander hier und da, war die Stimmung immer noch extrem positiv, die Leute feierten und sangen und feierten, dass sie zusammen auf der Straße waren.

SpĂ€ter fingen grĂ¶ĂŸere Gruppen an, noch grĂ¶ĂŸere Feuer auf dem Platz zu entfachen, und dieses Mal wurde nicht eingegriffen. Es gab einige WiderstĂ€nde, als die Cops TrĂ€nengas einsetzten und versuchten, die Menge aufzulösen, aber die meisten Leute begannen zu rennen und sich zu zerstreuen, als die Polizei den Platz betrat. Der Westen von St. Laurant war scheinbar frei von Cops und mehrere Gruppen von Menschen begannen autonom Feuer zu legen, zu plĂŒndern und GeschĂ€fte und anderes Eigentum zu zerstören, als sie den Platz verließen. Auch wenn wir uns wĂŒnschten, dass es lĂ€nger gedauert hĂ€tte, so war es doch ermutigend zu sehen, wie die Menschen in dieser kurzen Zeit zusammenarbeiteten, um sich ein kleines StĂŒck ihres Lebens zurĂŒckzuerobern, indem sie die Bougie-LĂ€den im Alten Hafen plĂŒnderten und ganz allgemein Scheiße bauten. Ein Stadtbus, der fĂŒr den Transport von Riot-Cops genutzt wurde, wurde ebenfalls befreit und mit Graffiti beschmiert, wĂ€hrend andere in und um ihn herum einen kleinen Sieg feierten, wenn auch nur fĂŒr eine kurze Minute.

In einem Medienkommentar bezeichnete BĂŒrgermeister Plante die Feiernden als „dumm“ und weinte ĂŒber den Schaden, der den kleinen Unternehmen zugefĂŒgt wurde, und behauptete, „wir mĂŒssen vereint bleiben und zusammenhalten“. Das ist nur das ĂŒbliche, beschissene liberale Narrativ: Plötzlich „sitzen wir alle in einem Boot“, alle sind als „BĂŒrger_innen“ gleich, wenn es darum geht, die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten. Sie beschönigen die sehr realen Spaltungen innerhalb der Gesellschaft, die durch unterdrĂŒckerische Strukturen zusammengehalten werden, durch die die wohlhabende, ĂŒberwiegend weiße besitzende Klasse die Arbeiter_innenklasse, die Armen und die People of Color ausbeutet.

Gleichzeitig verurteilen linke IdentitĂ€tspolitiker_innen in den sozialen Medien die Krawalle und behaupten, sie seien dafĂŒr verantwortlich, dass diejenigen, die ohnehin schon am meisten gefĂ€hrdet sind, noch mehr Schaden erleiden. Andere fallen auf das Narrativ der schwer fassbaren „Agitator_innen von außen“, weiße Anarchist_innen, die friedliche Menschenmengen infiltrieren, um Gewalt zu verursachen, herein. WĂ€hrend wir die sehr realen Gefahren anerkennen, denen insbesondere marginalisierte Menschen durch COVID-19 ausgesetzt sind, möchten wir darauf hinweisen, dass es vor allem People of Color waren, die bei diesen Unruhen auftauchten und aus eigener Initiative handelten.

Es ist nicht die Revolte und militante SolidaritĂ€t auf der Straße, die Schaden anrichtet, sondern die Institutionen und Gesetze, die die kapitalistische Zivilisation regieren. Diese sind es, die uns an beschissene Jobs ketten, bei denen wir am meisten Gefahr laufen, uns COVID-19 einzufangen, die uns schikanieren und ermorden und die ein Wirtschaftssystem schĂŒtzen, das auf dem Diebstahl von indigenem Land basiert. Wir beschuldigen diese IDPOL-Einflussjagenden, den marginalisierten Menschen, die aufgetaucht sind, die Macht wegzunehmen. Wir beschuldigen sie, die Arbeit der Polizei und der Politiker_innen zu machen, indem sie versuchen, die Wut der Randalierenden zu beschwichtigen, zu entfremden und zu delegitimieren.

In den NĂ€chten nach dem 11. April wurde weiterhin zu Demonstrationen aufgerufen. Bislang waren die zweite und dritte Demo um einiges kleiner als die erste und wurden von der Polizei stark unterdrĂŒckt. Nichtsdestotrotz, da kein wirkliches Ende der Ausgangssperre in Sicht ist, denken wir, dass es zwingend notwendig ist, den Kampf fortzusetzen. In diesem Sinne sind wir alle zusammen – wir haben eine kĂ€mpferische SolidaritĂ€t mit der Jugend (und anderen), deren Zukunft auch immer dĂŒsterer wird.

Es gibt eine Reihe von taktischen Überlegungen, die wir im Lichte der Ereignisse des 11. April in Betracht ziehen möchten. WĂ€hrend die „Friedenspolizist_innen“ in der Lage waren, einzugreifen, als kleinere Gruppen kleinere Feuer entfachten, waren sie dazu nicht in der Lage, als grĂ¶ĂŸere BrĂ€nde entfacht wurden. Und sobald die Menge zerstreut war, waren sie nicht bereit, sich mit PlĂŒnderungen oder Vandalismus auseinanderzusetzen. Offensichtlich sind sie relativ schwach, und klein in der Anzahl. Wir glauben aber, dass wenn Anarchist_innen und AntiautoritĂ€re in grĂ¶ĂŸerer Zahl auftauchen und gemeinsam handeln wĂŒrden, wir sie möglicherweise kontrollieren und sogar aus der Menge drĂ€ngen könnten, wenn sie versuchen wĂŒrden, die Leute zu beruhigen. Unsere Anzahl wird uns eine grĂ¶ĂŸere LegitimitĂ€t gegenĂŒber anderen Anwesenden verleihen und uns wahrscheinlich erlauben, kritische GesprĂ€che mit ihnen darĂŒber zu fĂŒhren, wer diese Leute sind und warum wir bestimmte Aktionen verteidigen.

Was die Polizei angeht, so hat sie sich erst auf die Menge eingelassen, als große Feuer entzĂŒndet wurden. Wir denken, dass es möglich wĂ€re, die Polizei zuerst anzugreifen, bevor sie eingreift, aber das schien zu diesem Zeitpunkt nicht machbar. Die Wut auf die Polizei wĂ€chst und es ist möglich, dass wir zu einem spĂ€teren Zeitpunkt zuerst eingreifen können, aber dazu mĂŒssten wir auch genĂŒgend Leute haben und die Stimmung in der Menge lesen können. Um in diesen Situationen die Straße halten zu können, mĂŒssen wir in jedem Fall auch in der Lage sein, uns gegen Dispersionstechniken zu verteidigen. Konkret bedeutet das, dass wir mit TrĂ€nengas umgehen mĂŒssen, das sich als effektiv erwiesen hat, um Menschenmengen schnell aufzulösen. Es wĂ€re auch von Vorteil, mit Wurfgeschossen ausgerĂŒstet zu sein oder die Möglichkeit zu haben, Pflastersteine etc. zu zerbrechen, um sie den Anwesenden zur VerfĂŒgung zu stellen. Wir mĂŒssen auch zahlenmĂ€ĂŸig in der Lage sein, als eigenstĂ€ndige Gruppe zu agieren, mit TrĂ€nengas umzugehen und den Bereitschaftscops ruhig zu widerstehen. Wir glauben, dass dies Vertrauen innerhalb der Menge aufbauen wĂŒrde, eine kĂ€mpferischere Auseinandersetzung mit den Riot-Cops erleichtern und zeigen wĂŒrde, dass wir uns nicht einfach zurĂŒckziehen mĂŒssen.

Wir mĂŒssen weiterhin den liberalen Narrativen entgegentreten, die darauf abzielen, die Revolte zu pazifizieren, uns von der Straße zu holen und unsere Macht an die Politiker_innen und selbsternannten Expert_innen zurĂŒckzugeben. Wir können dies wĂ€hrend Demos tun, wenn Pazifist_innen versuchen, gegen Gewalt gegen Polizei und Eigentum zu sprechen und zu handeln, und im Nachhinein, indem wir auf Medienberichten mit unserer eigenen Analyse antworten. Als Anarchist_innen und AntiautoritĂ€re mĂŒssen wir bei diesen ungehorsamen Ereignissen prĂ€sent sein. Hier bauen wir Kompliz_innenschaft und AffinitĂ€t mit Rebell_innen außerhalb unserer Kreise auf und fĂŒhren, wenn möglich, kritische GesprĂ€che mit den Anwesenden ĂŒber Taktiken und Ziele. Genauso mĂŒssen wir in der Lage sein, rechte Gauner und ReaktionĂ€re, die unsere Revolte ausnutzen wollen, zu vertreiben.

Dieser Sommer wird heiß, lasst uns Gas ins Feuer gießen und diese verdammte GefĂ€ngniswelt niederbrennen!

SolidaritÀt mit den Randalierenden und NachtschwÀrmer_innen!
Scheiß auf die Ausgangssperre!

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Quelle: Schwarzerpfeil.de