Januar 18, 2022
Von Paradox-A
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Der Beitrag von Alexander Behr im Sammelband „Unbedingte SolidaritĂ€t“ hat mich besonders feststellen und regelrecht berĂŒhrt, muss ich sagen. Seine Schlussfolgerungen fĂŒr eine Art radikale Realpolitik angesichts der globalen Klimakrise und postkolonialer AbhĂ€ngigkeiten wĂŒrde ich nicht teilen. Zumal mir unklar ist, was er unter „Militanz“ versteht, dass er in ihr kein Potenzial sieht. Dennoch ĂŒberzeugte mich seine Argumentation, die zutiefst vom Glauben an die Möglichkeit von grundlegender Gesellschaftstransformation geprĂ€gt ist. Dieser ist aber keine romantische Projektion, sondern speist sich aus dem Engagement unter anderem im Netzwerk Afrique Europe Interact und der Begegnung mit diversen Personen, an deren Lebensgeschichte die postkoloniale Ausbeutung besonders deutlich wird. Sehr beeindruckend, wie ich finde. Hier ein kleiner Auszug.

Alexander Behr, RevolutionĂ€re Dringlichkeit. Thesen zu den Voraussetzungen und Umsetzungsstrategien fĂŒr globale SolidaritĂ€t, in: Lea Susemichel / Jens Kasnter (Hrsg.), Unbedingte SolidaritĂ€t, MĂŒnster 2021.

„SolidaritĂ€t ist ein alter Begriff: Viele Generationen haben sich unter der Erbringung hoher Opfer fĂŒr Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, also SolidaritĂ€t eingesetzt. Die praktischen Gehversuche, die aus den drei großen gesellschaftliche-emanzipatorischen EntwĂŒrfen des 19. und 20. Jahrhunderts entstanden sind und die mit dem Begriff der SolidaritĂ€t verknĂŒpft sind, also Sozialdemokratie, Anarchismus und Kommunismus, sind, gemessen an ihren AnsprĂŒchen gescheitert: Die Sozialdemokratie wurde vom kapitalistischen System kooptiert. Der Anarchismus hat stets verweigert, die Machtfrage zu stellen und blieb deshalb (mit Ausnahme der Spanischen Republik in den 1930er-JAhren) meist auf sehr eingegrenzte Milieus und geografische RĂ€um beschrĂ€nkt. Kommunistische AnsĂ€tze glitten in autoritĂ€re und mörderische Regime ab. Um die Bedingungen fĂŒr unser Handel zu diskutieren, mĂŒssen wir uns also mit der Geschichte der SolidaritĂ€tsbewegungen auseinandersetzen.

Wir mĂŒssen sie kritisch prĂŒfen und ausloten, welche StrĂ€nge und Traditionen wir aufgreifen können. Denn nicht alle Bewegungen und AnsĂ€tze, die der herrschenden Ordnung entgegenstehen, sind den Prinzipien der globalen Freiheit, Gleichheit und SolidaritĂ€t verbunden. Oft meinen wir jedoch, im Feind unseres Feindes unseren Freund zu erkennen. Im Glauben, einen wie auch immer gearteten Hauptwiderspruch zu bekĂ€mpfen, lassen wir uns dazu verleiten, zu autoritĂ€ren Mitteln zu greifen, die einem sogenannten höheren historischen Zweck dienen sollen. Dieses Denken ist fatal und kann in mörderische Sackgassen fĂŒhren, wie die Geschichte der Linken im 20. Jahrhundert vielfach gezeigt hat. Wir stehen vor der gewaltigen Herausforderung, uns ĂŒber lĂ€ngere Zeit auf tatsĂ€chlich breite, inklusive und offene Prozesse einzulassen, die den Nachteil haben, oftmals mĂŒhsam und langwierig sein zu können.

Damit diese Prozesse gelingen können, kann es hilfreich sein, Traditionslinien aufzugreifen, die vom autoritĂ€ren Kommunismus verschĂŒttet wurden – fĂŒr diese Traditionslinien stehen neben vielen anderen Alexnaer Berkman, Emma Goldman oder Victor Serge. Ihnen gelang es, ökonomische Gerechtigkeit und individuelle Freiheit zusammenzudenken und nicht gegeneinander auszuspielen. Sie organisierten sich in den Grauzonen zwischen UnterstĂŒtzung der Bolschewiki und anarchistischer Dissidenz und wandten sich oftmals enttĂ€uscht und angewidert vom Bolschewismus ab – viele ihrer Genoss*innen wurden ermordet. [
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Was die historische Sozialdemokratie betrifft, so hat sie zwar einen riesigen, kaum zu unterschĂ€tzenden Beitrag dazu geleistet, nach entbehrungsreichen KĂ€mpfen die Interessen der europĂ€ischen Arbeiterinnen und Arbeiter in das westliche Fortschrittsmodell einzubinden. SolidaritĂ€t ist von jeher einer ihrer zentralen Grundpfeiler. Doch die Sozialdemokrat*innen verzichteten beim Übergang zum 20. Jahrhundert StĂŒck fĂŒr StĂŒck darauf, ein trans- oder besser: antinationalistisches Bewusstsein von SolidaritĂ€t zu fördern und zu entwickeln. Die Zustimmung zu den Kriegskrediten in Deutschland zu Beginn des Ersten Weltkrieges markiert ihren SĂŒndenfall. In der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts trug die Sozialdemokratie oder zumindest ihre hegemonialen Strömungen den fordistischen Klassenkompromiss mit. Sie verstĂ€rkten die Idee des Nationalstaates und seine identitĂ€re Bindung. Sie halfen dabei, ein exklusives Wohlstandsmodell aufzubauen.

So fehlt in den Gesellschaften des Westens heute weitgehend ein internationalistisches, ja globales Bewusstsein. Ganz im Gegenteil: FĂŒr die Aufrechterhaltung der Konsumgesellschaft in den westlichen LĂ€ndern ist die neokoloniale Zurichtung unzĂ€hliger LĂ€nder des SĂŒdens, die Ausbeutung der Ressourcen und die Zerstörung des Klimas weiterhin eine notwendige Voraussetzung. Als logisches Resultat wurde die Herausbildung eines globalen Klasseninteresses blockiert.

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Die traditionellen Strömungen der Linken im 19. und 20. Jahrhundert bieten unzĂ€hlige positive AnknĂŒpfungspunkte – nicht zuletzt was das Thema Antifaschismus anbelangt. Ich vertrete aber die These, dass sie fĂŒr sich genommen in vielerlei Hinsicht nicht in der Lage sind, auf die tiefe sozial-ökologische Krise des Planeten adĂ€quate Antworten zu liefern. Gerade in Hinblick auf die Klima- und Umweltzerstörung mĂŒssen neue Konzepte erprobt werden. Der starke Glaube an den technischen Fortschritt und die Steigerung der ProduktivkrĂ€fte, der in fast allen Strömungen der Linken im 19. und 20. Jahrhundert vorherrschend war, taugt nicht als Rezept zur Überwindung der Umwelt- und Klimakrise.“

(177ff.)




Quelle: Paradox-a.de