November 28, 2022
Von Emrawi
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Dieser Text legt einzelne Perspektiven dar und entspricht nicht automatisch einem Gruppenkonsens. Es gibt auch ganz andere Ans├Ątze zum Thema Proteste. Einen guten, von einer anderen Gruppe, findet sich hier:

Ôćĺ https://mollysbg.noblogs.org/2022/09/frieren-enteignen-kaempfen/

Wir laden euch ein, Euch Gedanken dazu zu machen und gerne auch mit uns dar├╝ber zu diskutieren.

Ein hei├čer Winter steht bevor! ├ťberall bilden sich B├╝ndnisse und Demos heraus, welche die Schnauze voll von der uns drohenden oder schon existierenden Armut haben, w├Ąhrend die Eliten und Bonzen von Staat und Kapital ihre Gewinne steigern, indem sie unsere kleinen Verm├Âgen auffressen und uns f├╝r ihre Krisen zahlen lassen. Jedoch scheint die Linke nach Jahren der Unt├Ątigkeit und nachdem sie immer mehr den Rechten die Oppositionsarbeit auch bei sozialen Themen ├╝berl├Ąsst, weiterhin nur in Teilen gewillt zu sein, Proteste, Aktionen, Krawall und solidarische Praxis auf die Beine zu stellen. Stattdessen sehen wir, wie neben reformistischen Aufz├╝gen und parteilichen Demos der Protest schon im Vorhinein von Menschen sabotiert wird, die rechte Narrative ├╝bernehmen und energisch versuchen eine Querfront anzudichten. So angestrengt, wie diese Menschen nach potentiell rechten und querfrontlerischen Ansinnen als Antriebskraft in den Sozialprotesten suchen oder anderweitige B├Âsartigkeiten pauschal unterstellen, wirkt es so, als ob ihre ├Âkonomische Lage wohl nicht besonders ernst ist.

Die Zeit zu handeln ist JETZT!  

Ja, nicht n├Ąchsten Monat, sondern jetzt. Das aus mehreren Gr├╝nden. Zum einen nimmt die Armut schlagartig zu. Die Inflation trifft sowohl Gering als auch Mittelverdiener*innen. Am heftigsten sind diejenigen betroffen, denen es eh schon am schlechtesten geht: Menschen ohne erwerbliches Einkommen. Sprich Arbeitslose, Studierende, Renter*innen sowie die sogenannten “Working Poor”. Diejenigen, welche noch nicht von Armut betroffen sind, sind es vermehrt im Winter dann. Um sich auch mit denjenigen Menschen zu verb├╝nden, ist es umso wichtiger, jetzt schon Strukturen aufzubauen. Nicht zuletzt haben wir gesehen, wie die Rechte sich in Zeiten der Corona-Ma├čnahmen als Opposition gegen den autorit├Ąren Staat aufspielte (wobei die Zerschlagung des autorit├Ąren Staats nat├╝rlich nicht ihr Ziel war, lediglich dessen ├ťbernahme). Aber wir sind diejenigen, welche die Opposition zum autorit├Ąren Staat und Kapitalismus sind. Lassen wir nicht zu, dass die Rechten einen “Widerstand” den Menschen nochmals vort├Ąuschen k├Ânnen. Linke, Solidarische und Antiautorit├Ąre sollten als Opposition gegen die Armut erkannt werden. Dazu m├╝ssen wir genau das aber auch sein. Dass f├╝r viele Linke diese Thematik keine gro├če Priorit├Ąt zu haben scheint ist umso verwunderlicher. Es scheint fast so, als w├╝rde es bei einigen an Interesse oder auch ganz schlicht an Betroffenheit mangeln.

Gegenseitige Hilfe in der Lebenswelt als Grundstein unseres Protestes

Viele Menschen interessieren sich nicht f├╝r anarchistischen, kommunistischen, anderweitige Theorien und unsere szeneinternen Diskurse. Und das ist verst├Ąndlich! Nat├╝rlich k├Ânnen wir allen anbieten sich damit auseinanderzusetzen, aufzwingen k├Ânnen wir es aber niemanden und das brauchen wir auch gar nicht. Viel wichtiger als Theorien f├╝r Transformationen in eine bessere Welt, w├Ąre es, wenn wir unsere Solidarit├Ąt, unsere gegenseitige Hilfe, auch einfach leben w├╝rden.

Wenn in jeder Stadt in der demonstriert wird eine “Anarcho-K├╝che” ├Ąhnliches stehen w├╝rde, das zur Deckung der Grundbed├╝rfnisse von Menschen beitragen kann, w├Ąre schon eine ganz konkrete Abhilfe gegen die Probleme von Armut und Inflation vorhanden!!!!!! Es gibt immer Menschen die etwas zu Essen brauchen. Kleidung und Bedarfsartikel, Zug├Ąnge zu Strom und Internet kann auch jede*r immer gut gebrauchen. Schon kleinere Projekte der Gegenseitigen Hilfe k├Ânnen hilfreich sein. Nachbarschaftshilfen organisieren, Giveboxen aufstellen, containertes Essen verteilen, W├Ąrmer├Ąume schaffen, Heizungen teilen und so weiter. Und wenn du in einer Gro├čstadt lebst, gibt es dort auch eine Obdachlosenhilfe, Bahnhofsmission, vielleicht auch K├Ąltebusse und andere Formen der Hilfe, die Unterst├╝tzung brauchen. 

Dar├╝ber hinaus sollte die Solidarit├Ąt auch im eigenen Umfeld gelebt werden. Dies f├Ąngt schon mit dem zwischenmenschlichen Umgang den wir untereinander pflegen an. Auch unser nicht-linkspolitsich-aktives Umfeld hat keinen Bock darauf, ihre Stromrechnungen nicht bezahlen zu k├Ânnen. Auch hier ist es wohl besser, Solidarit├Ąt zu leben, anstatt besserwisserisch Erkl├Ąrungs- und L├Âsungsans├Ątze des Problems aufzudr├Ąngen, wobei nat├╝rlich Angebote der Verkn├╝pfung der realen Situation und der Theorie nicht schaden k├Ânnen. Dass das Thema auch schon vor dem Armuts-Super-GAU in den K├Âpfen der Menschen pr├Ąsent ist, ist auf jeden Fall in unserem Interesse. Anstatt aber nach internen Politauseinandersetzungen und Echo-Bejahe in der linken Szene zu streben, m├╝ssen wir uns der Lebenswelt von uns und unseren Mitmenschen stellen und diese verstehen. 

Bevor wir anfangen mit Protesten um uns zu werfen, m├╝ssen wir gleichzeitig unsere Basis aufbauen, sonst wird das nicht viel bringen, da wir als diejenigen wahrgenommen die wir teilweise auch sind: Menschen die uns selbst vertreten. 

Unser Mindset muss sich ver├Ąndern  

Damit es wirklich erfolgreiche Sozialproteste geben kann, sollten wir uns ├Âffnen. Wir sollten nicht diejenigen sein, die den Protest erschaffen. Wir sollten ein Teil des Protestes sein. Dass die Menschen w├╝tend sind, das wissen sie selbst. Die “linke Szene” muss ihnen das nicht erst erkl├Ąren. Wenn wir mit der Haltung in die Bewegung gehen, den Menschen von oben herab zu erkl├Ąren, warum unsere gesamte Erkl├Ąrung der Welt besser ist als ihre und wir von ihnen erwarten, dass sie das sofort vollst├Ąndig annehmen, werden wir wohl gar nicht so gut ankommen. Wir sollten uns bewusst machen, dass die Menschen, welche unsere Welterkl├Ąrung nicht zu 100% teilen, uns nicht untergeordnet sind oder sie in irgendeiner Weise minderwertiger w├Ąren, weil sie “es einfach noch nicht verstanden haben”. Die Alternative dazu w├Ąren linksbubble-interne Sozialproteste und ein Aufgeben der Hoffnung auf gesamtgesellschaftliche Verbesserungen. Wie wir in unserem Text “Warum die Linke in der Corona Pandemie versagt hat” beschrieben haben, hat die Linke eine Vielzahl an Problemen. Viele selbsternannte Linke haben ein starres, bin├Ąres Weltbild, welches nur gute und schlechte Personen und Meinungen zul├Ąsst, jedoch nichts in der Mitte und das oft auch keine Ambiguit├Ąten und kaum Differenzierungen zuzlassen scheint. Das Ergebnis dieser Ideologie sind Zugangsbarrieren, die einen Gro├čteil der Menschen von vornherein ausschlie├čen. Wie wollen wir aber Menschen erreichen, wenn wir sie beim ersten Dissens gleich canceln wollen? Wie sollen linke Inhalte ernst genommen werden, wenn wir die Menschen, die wir vertreten wollen nicht vertreten? Wenn wir alle Menschen ausschlie├čen wollen, denen z.B. das Thema Klimaschutz egal ist, die mit einem bin├Ąren Geschlechterbild sozialisiert werden oder die Coronama├čnahmen kritisieren, dann w├╝rden wir wohl sehr viele der von Armut betroffenen ausschlie├čen uns wir m├╝ssten uns eingestehen, nicht f├╝r diese Menschen zu k├Ąmpfen, sondern nur f├╝r uns selbst und unsere Ideologie. 

Das bedeutet nicht, dass wir Autonome, Antiautorit├Ąre, Linke nicht in Gespr├Ąchen unsere Meinung darstellen sollten. Im Gegenteil, das sollten wir aufjedenfall tun. Auch sollten wir versuchen unsere Aktionen auf unsere linksautonomen Narrative und Aktionsformen auszurichten. Und nat├╝rlich sollten wir die Gefahren von nationalistischen, rechten/rechtsradikalen Ans├Ątzen und absurden bis antisemitischen Verschw├Ârungsideologien klar benennen und diese bek├Ąmpfen. 

Des weiteren sollten Linke als Teil der Protestbewegung ihre Akademisierungsdrang ablegen. Wir m├╝ssen und nicht immer ausdr├╝cken wie “die da oben”, sondern wir k├Ânnten uns auch so Verhalten wie Menschen, die von Armut betroffen sind, falls wir es nicht ohnehin selbst sind. Wir k├Ânnten ohne linke Szenecodes und Theoriebegriffe reden, wir sollten schauen, dass unsere Formulierungen f├╝r Nicht-Akademiker und Nicht-Deutsch-Muttersprachler zug├Ąnglich sind. 

Wir m├╝ssen anerkennen, dass viele von Armut betroffene Menschen unsere anarchistsichen oder kommunistischen Anschauungen gar nicht kennen oder sich nicht drauf einlassen oder sie auch nicht m├Âgen. Wenn wir radikale w├╝tende Proteste wollen, m├╝ssen wir zun├Ąchst die Menschen vertreten, welche die Basis dieser Proteste bilden. 

Unsere Rolle in B├╝ndnissen und Protesten  

Wir werden nicht die Menschen sein, welche Widersatnd, wenn er denn kommen, erm├Âglichen, wir werden ein Teil des Widerstandes sein. Als in Holland, in Wien oder in M├╝nster wegen den Corona-Einschr├Ąnkungen Menschen sich gegen das Partyverbot stellten, hatten “linke” wenig Interesse daran. ├ähnliche Szenen sind das warscheinlichste Szenario eines spontanen Protestes aus der Bev├Âlkerung heraus. Wenn die Menschen in ihrer Existenz bedroht sind, sin gerade solche Protestformen zu erwarten. Das bedeutet, dass wir unsere radikale Staatskritik in den Protestb├╝ndnissen durchsetzen m├╝ssten. Neben dem bereitstellen der Infrastruktur w├Ąre es unsere Aufgabe politische Ideen dort einzuf├╝gen ohne die Menschen vorzuverurteilen. 

Auch k├Ânnten wir uns auf gegenseitige Hilfe, der Erschaffung von Infrastruktur, auf offenen Foren, auf Parralelstrukturen auf W├Ąrmer├Ąume, auf mutual aid spezialisieren. Proteste alleine werden wie erw├Ąhnt keine Ver├Ąnderung bringen, da linke Inhalte und Akteure keinen R├╝ckhalt haben. Wenn wir doch Proteste organisieren oder uns einbringen wollen, k├Ânnten diese in der Lebenswelt der Menschen stattfinden. In den von Armut betreffenden Vierteln und warum nicht auch mal vor Superm├Ąrkten oder vor Tankstellen. Auch stellt sich die Frage, warum linke B├╝ndnisse sich immer erst die Erlaubnis des Staates einholen m├╝ssen, um zu demonstrieren.

Und nat├╝rlich gibt es auch Grenzen: Nationalist*innen mit ihrer selektiven und ausgrenzenden Solidarit├Ąt nur f├╝r bestimmte Menschen, haben andere Ziele als wir. Dasselbe gilt f├╝r kapitalistische Bonzen, welche offensichtlich nicht das Ziel einer gerechten Gesellschaft verfolgen. Das Autorit├Ąre und Faschos allem widersprechen was uns ausmacht und deshalb wann immer m├Âglich aus jeglichen B├╝ndnissen entfernt geh├Âren, ist f├╝r uns auch eine Selbstverst├Ąndlichkeit. Ebenso sind Aneignungsversuche und Unterwanderungen durch derartig ausgerichtete Akteuren eine reale gefahr. Aktionen und Anspr├╝chen, die sich gegen das Eigentum richten, sind nat├╝rlicher Schutzt gegen├╝ber rechten Kr├Ąfte.

Wut und Hoffnung  

Ohne Wut ├Ąndert sich nicht. So viele Leute werden im Winter nicht zu Essen haben oder frieren oder sich zumindest verschulden. Die betroffenen werden irgendwann w├╝tend werden, wenn sie es nicht schon sind. Wenn du nicht betroffen bist, dann solltest du dir ├╝berlegen, wie es sich anf├╝hlen w├╝rde. Diese Wut brauchen wir, um echten Widerstand zu erschaffen. Das bedeutet auch, das wir uns nicht mit reformistischen Forderungen an den Staat zufriedengeben sollten. Au├čerdem sollten wir ├╝berlegen, ob wir wenn es hart auf hart kommt unsere Abneigung gegen├╝ber dem Illegalismus nicht doch im Anbetracht der Verarmung, von Erfrierenden Menschen nicht nochmal ├ťberdenken sollten, da dies Aktionsformen M├Âglichkeiten bergen, die wir sonst nicht aussch├Âpfen k├Ânnen. 

Aber auch Hoffnung brauchen wir. Wut allein richtet sich gegen niemanden. Oft genug machen sich die Menschen f├╝r ihre (wirtschaftliche) Lage selbst verantwortlich und fressen ihre Wut in sich hinein. Wir wollen niemanden bekehren, aber ein Angebot machen. Wir wollen den Menschen zeigen, dass wir es besser k├Ânnen als der Staat. Wir k├Ânnen uns selbst helfen, w├Ąhrend der Staat uns im Stich l├Ąsst. Lasst uns Gegenseitige Hilfe wagen. Und selbst organisieren. Infrastruktur des Widerstandes erm├Âglichen und unsere Wut auf die Verantwortlichen richten.

Also sorgen wir daf├╝r, dass der Winter wirklich hei├č wird!

Wir freuen uns ├╝ber Anregungen, Fragen, Kritik und schlimmstenfalls Lob.

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Quelle: Emrawi.org