Oktober 1, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 2 Minuten

In meinem Nachdenken über das Verhältnis von Anarchismus, Widerständigkeit, Theorie und Wissenschaft habe ich geäußert, dass es verschiedene Ebenen und Felder gibt, in denen anarchistische Theorie entsteht. So können Erkenntnisse aus akademischer Forschung Werkzeug für Aktive in der anarchistischen Szene liefern, ebenso, wie Entwicklungen in sozialen Bewegungen und ihren Kämpfen Theoretiker*innen inspirieren und ihre Theorie besser machen können. Ohnehin sollten wir derartige Trennungen nur schematisch ziehen. Letztendlich gilt es darauf zu schauen, wo die jeweiligen Personen stehen, welche Anliegen sie verfolgen, welche Mittel sie wählen und an welchen Schnittstellen sie stehen, um beurteilen zu können, ob ihr Handeln anarchistischen Ansprüchen entspricht.

Ich nichts dagegen habe, wenn anarchistische Themen und Perspektiven auch im akademischen Rahmen mehr diskutiert und verbreitet werden. Dies führt meiner Ansicht nach auch keineswegs zu einer „Akademisierung“ des Anarchismus insgesamt, die allerdings auch problematische Seiten hat. Sich theoretischem (und auch strategischem) Denken zu verweigern ist aber eben auch nicht die Lösung. In jedem Fall braucht es eine autonome Theorieentwicklung. Und dies ist leichter gesagt als getan, sind die Ansätze für eine selbstbestimmte Beschäftigung mit Theorie doch in den letzten Jahren zurückgegangen. Zumindest, als kollektive und selbstorganisierte Praxis.

Jörg Djuren gab 2019 eine Sammlung von 16 Aufsätzen heraus, welche er über die 20 Jahre davor verfasst hat. (Die Textsammlung ist HIER abrufbar.) Was mir an ihnen sehr gut gefällt, ist, dass sie Interventionen in verschiedene Debatten darstellen. Durch die jeweils eigene herausgearbeitete Perspektive werden Lesenden zum Selbstdenken angeregt, anstatt vermeintlich gesetzte Wahrheiten stehen zu lassen. Militarismus, Gentechnik, Künstliche Intelligenz, Nationalismus sind Themenfelder, die an zeitgenössische Entwicklungen anknüpfen statt romantische Phrasen zu dreschen. Auch der letzte Aufsatz zur kritischen Hinterfragung des Denkens von Antonio Gramsci gefällt mir gut, weil sich Djuren in ihm zwar mit linken Theorien auseinandersetzt, sie aber eindeutig anarchistisch hinterfragt und weiterdenkt.

Alles in allem handelt es sich also um ein gelungenes Beispiel für eine autonome Theorieentwicklung. So etwas sollte es öfters geben.

Es folgt noch ein Auszug aus dem Vorwort:

„In diesem Buch finden sich kurze Texte, die sich als anarchistische Theorie und Analyse in diesem Sinn begreifen lassen. Sie sind über einen Zeitraum von 20 Jahren entstanden und umfassen ein weites Spektrum an Themen. Allen gemeinsam ist aber der kritisch analytische Standpunkt, der Herrschaftskritik immer auch mit einer kritischen Analyse der Subjektposition verbindet. Die anarchistische Positionierung ist dabei sowohl Ausgangspunkt, als auch Analyserahmen und Zielpunkt. Als Theoriehintergründe werden dafür vor allem poststrukturalistische Ansätze und Ansätze aus der feministischen Theorie bzw. kritische Aufgriffe der psychoanalytischen Theorie genutzt.

In den Texten finden sich aus heutiger Sich auch Irrtümer, Thesen, Analysen, die sich als falsch erwiesen haben. Und doch kann gerade durch die Linse solcher Fehler die Realität um so genauer erfasst werden, stellt jeder Irrtum doch immer auch ein Wissen darüber bereit, dass wichtige Entwicklungen nicht beachtet wurden und verweist auf diese Auslassungen, die dadurch aufgegriffen werden können für zukünftige kritische Analysen.“




Quelle: Paradox-a.de