Januar 10, 2021
Von Paradox-A
311 ansichten


Lesedauer: 4 Minuten

Im letzten Jahr erschien die fĂŒnfte Neuauflage des Bandes „Autonome in Bewegung“ von der A.G. Grauwacke. (Ich konnte einer Lesung beiwohnen, die ich sehr inspirirend fand.) Die „ersten 23 Jahre“ der Geschichte der autonomen Bewegung wurden aktualisiert und durch ein weiteres Kapitel aus dem Blickwinkel von 2020 durch Aktiven aus der folgenden Generation ergĂ€nzt.

Unter anderem finden sich darin Gedanken zur Kampagne „Die ÜberflĂŒssigen“, zu den Aktionen von Ende GelĂ€nde, Anti-Militarismus, der Liebig14, Castor Schottern, den Refugee-Protest am Oranienplatz bis hin zu den Mobilisierungen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm und den G20-Gipfel in Hamburg. Allein das neue letzte Kapitel ist damit Zeichen einer im doppelten Sinne selbstgeschriebenen Bewegungsgeschichte, deren Kenntnis vielen jĂŒngeren Aktiven leider nur wenig bewusst ist, geschweige denn deren Bedeutung.

Dass in der sogenannten „linken Szene“, umso mehr jedoch in autonomen ZusammenhĂ€ngen wenig aufgezeichnet und festgehalten wird, hat verschiedene GrĂŒnde. ZunĂ€chst selbstredend der Schutz vor Repression. Dann der Aspekt, dass jede Szene dazu tendiert, selbstbezĂŒglich zu werden. Weil den Eingeweihten ohnehin klar ist, worum es geht und sie sich mit Leuten umgeben, die sehr Ă€hnlich ticken, vergessen sie teilweise, wie spezifisch ihre Vorstellungen, ihr Wissen, ihre Symbole und Debatten sind – und das es diese bisweilen nach außen zu kommunizieren gĂ€lte. Schließlich ist es aber auch so, dass Menschen in aktiver Bewegung selten daran denken, welchen historische Bedeutung ihre TĂ€tigkeiten haben könnten – Warum auch, schließlich tut man ja nur, was dran ist und was man kann. Das Naheliegende eben, was es nicht besonders herauszustellen gilt, immerhin soll die direkte Aktion fĂŒr sich selbst sprechen, anstatt mit durch produzierten PR-Videos zur selbstdarstellerischen Symbolpolitik zu verflachen


Jahre spĂ€ter hingegen, wenn sich Einzelne aus zerbrochenen und sich verlaufenen autonomen Gruppen und ZusammenhĂ€ngen wieder begegnen, zeigt sich das BedĂŒrfnis nach Reflexion. Und vielleicht auch der Wunsch, etwas Festzuhalten, von dem, was war um es nicht der verzerrenden Geschichtsschreibung der Herrschenden zu ĂŒberlassen. Um etwas weiter zu geben. Aber auch, um sich bewusst zu machen und wertzuschĂ€tzen, was man damals getan hat.

Im Prolog machen die Autoren dabei bereits ihre Position deutlich und streben eine selbstkritische Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte an. Etwas, wovon sich andere Strömungen durchaus eine Scheibe abschneiden können. Nicht alles wird da abgefeiert, gerechtfertigt oder schön geredet. Vielmehr verstehe ich „Autonome in Bewegung“ auch als eine Aufarbeitung, mit der sich die Autoren weiterhin in Bewegung sehen, um nach dem Erlahmen und zerstreut sein, wieder im neuen Rahmen zusammen zu finden und weiter zu gehen. VerstĂ€ndlicherweise nimmt dabei auch das Thema Militanz einen grĂ¶ĂŸeren Raum ein, immerhin war es besonders dieses Mittel, welches die Autonomen – mit tatkrĂ€ftiger Hilfe der bĂŒrgerlichen Presse – zum BĂŒrger*innenschreck machte.

Die Autonomen waren insbesondere in der Hausbesetzungs-Bewegung stark, in den Anti-Atom-Protesten und innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung. Neben den Zentren, die sie sich schufen und der Szene, die sich darum bildete, betonten sie vor allem auch die Verbindung von praktischer Politik und Lebensalltag. Bei ihnen stand definitiv keine Theorie im Vordergrund, nach welcher Strategien ausgeheckt und vermeintliche „Aktionskonsense“ vorab des Protestes festgeschrieben wurden. Stattdessen ging es um ein Vertrauen auf die Erfahrungen der Anderen in der Szene, auf die Do-it-yourself-kulturelle Aneignung von FĂ€higkeiten und ihr Teilen. Und es ging darum, die Konfrontation mit staatlichen Behörden zu suchen, was nicht zu Letzt einer der AnlĂ€sse war, Polizeibehörden massiv aufzurĂŒsten (Panzerung, Kameras), neue Polizeitaktiken (Wanderkessel, Greiftrupps) zu entwickeln und repressiver Gesetze (Vermummungsverbot) durchzusetzen.

Nach ist die „klassische“ autonome Bewegung sehr inspirierend. Sie schrieb einen wichtigen Teil der Geschichte der Bewegungslinken, der bis heute wirksam ist. Kontroverse und erbitterte Debatten um Antiimperialismus und Antisemitismus blieben dabei nicht aus. Sich heute als autonom zu verstehen, bedeutet auch, sich selbstkritisch mit diesen und weiteren Themen auseinanderzusetzen. Direkte Aktionen (welche verschiedenste Formen annehmen können), die Verbindung von Persönlichem und Politischem, ein antagonistisches SelbstverstĂ€ndnis und die Organisation in verbindlichen Bezugsgruppen sind weiterhin enorm wichtig, um emanzipatorische soziale Bewegungen stark zu machen. Sie sind auch entscheidend, um sich als selbstbestimmte Akteure zu begreifen und die eigenen Strategien nicht von Dogmen, sondern aus den Erfordernissen der alltĂ€glichen Auseinandersetzung abzuleiten. Trotz der AnfĂ€lligkeit fĂŒr Repressionen ist auch das direkte Zusammenkommen in Vollversammlungen etwas, das es in Zeiten individualisierter Pseudo-Organisierung in Chatgruppen, wieder zu erlernen gilt. Denn dort finden wichtige gemeinsame VerstĂ€ndigungsprozesse, Auseinandersetzungen, Bewusstseinsbildung und Strategiefindung statt.




Quelle: Paradox-a.de