Juni 13, 2022
Von Indymedia
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Auswertungs- & Diskussionstext:

Als wir zum Anfang des Jahres die Liberationweeks geplant haben, rechneten wir noch nicht mit der realen Umsetzung eines Angriffskrieges der Russischen Föderation auf die Ukraine. Wie fast jedes Jahr wollten wir einen inhaltlichen Schwerpunkt setzen. Wir verstehen uns als internationalistische Gruppe, was fĂŒr uns auch heißt, uns global mit der Erinnerungspolitik und Kultur auseinanderzusetzen und diese auch hier sichtbarer zu machen. Dieses Jahr sollte es einerseits die Fortsetzung der Gedenk-Kampagne “Frauen im Widerstand” geben, andererseits wollten wir an den antifaschistischen Widerstand wĂ€hrend des Spanischen BĂŒrgerkriegs erinnern. Das Projekt F*ANTIFA/36-39, ein Kartenspiel mit Verweis auf Biographien von Frauen im Widerstand gegen den spanischen Faschismus, war ebenfalls gerade angelaufen und stellte somit eine ideale Schnittmenge dar. Warum wir letztendlich an dem Thema festhielten, werden wir spĂ€ter noch besprechen.

Durch den Angriffskrieg der Russischen Föderation Ă€nderte sich die Situation. WĂ€hrend es zunĂ€chst schien, als wĂŒrde sich eine breite, wenn auch teilweise nicht unproblematische, Friedensbewegung entwickeln, schlug dies schnell um in einen Bellizismus, der auf der vollen Bandbreite bespielt wurde. Antimilitaristische Kundgebungen und Demonstrationen waren breiten medialen Attacken ausgesetzt und auch die innerlinke Debatte verlief Ă€ußerst kontrovers. Mit dieser Entwicklung gingen auch Angriffe auf Sowjetische EhrenmĂ€ler einher. Eine “neue Erinnerungskultur” mĂŒsse her und mit dieser auch die Geschichte neu betrachtet oder ehrlicher ausgedrĂŒckt: endlich umgeschrieben werden. Im Zuge dessen wurden nicht nur in konservativen oder reaktionĂ€ren Kreisen Forderungen laut, die Sowjetunion und das faschistische Deutschland auf einer Ebene zu betrachten – mindestens aber die Sowjetunion und das heutige Russland. So wurden zum 8. Mai Stimmen von den Ampelparteien und Linksliberalen laut, die Rolle und die unermesslichen Opfer der Sowjetunion und der Roten Armee, die den grĂ¶ĂŸten Anteil am Kampf gegen die Nazis hatte, an diesem Tag außen vor zu lassen.

Den Auftakt zu den Liberationweeks stellte die Film-Reihe ÂĄNo pasaran! dar, die in der BAIZ im Prenzlauer Berg stattfand. Diese sollte einen kleinen Einblick ĂŒber einige Themen des Spanischen BĂŒrgerkriegs geben. Bei der KomplexitĂ€t des Themas, insbesondere auch bezĂŒglich innerlinker Konflikte, konnte natĂŒrlich nur ein Ausschnitt beleuchtet werden und eine Fortsetzung ist perspektivisch sinnvoll. Die Filme waren gut besucht und teilweise auch von kontroversen Debatten begleitet. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu betonen, dass wir in Spanien nicht von einer Befreiung sprechen können, die sogenannte TransiciĂłn stellte eine KontinuitĂ€t des faschistischen Spanien dar. Nach dem friedlichen Tod von Francisco Franco wurde ein Übergang von oben durch den König eingeleitet: “Von der Diktatur zur Demokratie”. Eine echte Aufarbeitung blieb jedoch aus und dank einer Generalamnestie wurden keinerlei Verbrechen aufgearbeitet. Ein Zustand, der zum grĂ¶ĂŸten Teil bis heute andauert.
2022 jĂ€hrt ich der Mord an Carlos Palominos in Madrid zum 15. Mal. Das damalige Medien-Kollektiv Left Report (heute LeftSide.Media) veröffentlichte dazu Ende 2020 die Dokumentation “Contrahistoria – Geschichte von Unten”. Bedingt durch die Corona-Pandemie wurde der Film aber bisher leider kaum gezeigt. Am Freitag, 22.04.2022 zeigte wir den Film Open-Air auf dem Hof der Bunten Kuh in Weißensee. Im Vorfeld gab es eine Einordnung des Films durch einen der Filmemacher*innen, im Anschluss erfolgte eine Diskussion mit einem Antifa-Aktivisten aus Madrid. Der Film ist kostenlos im Web unter www.leftreport.org/contrahistoria/ verfĂŒgbar.

Einen Tag spĂ€ter gedachten wir zusammen mit den KĂ€mpfern und Freunden der Spanischen Republik an der Kreuzung Berliner Allee/Rennbahnstraße in Weißensee dem Interbrigadisten Walter Runge. In einem Redebeitrag wurde auf seine Rolle im antifaschistischen Widerstand eingegangen. Im Anschluss wurde in der Bunten Kuh das Kartenspiel F*ANTIFA/36-39 prĂ€sentiert. Dieses Projekt hat den Anspruch, Frauen im antifaschistischen Widerstand wĂ€hrend des Spanischen BĂŒrgerkriegs sichtbar zu machen und ihnen Namen und Gesichter in der Öffentlichkeit und der Erinnerung zu geben. Das Spiel kann bei den Genoss*innen von Fire & Flames bestellt werden oder bei den kommenden Veranstaltungen erworben werden. Wie wichtig diese Erinnerungsarbeit, insbesondere in Spanien ist, zeigen die jĂŒngsten Entwicklungen. In den autonomen Gemeinschaften Kastilien und LeĂłn besteht erstmals eine Koalitionsregierung von der konservativen Partido Popular (PP) mit der faschistischen Partei Vox. Diese gefĂ€hrdet die sowieso schon sehr schwere Arbeit der Aufarbeitung der Verbrechen der Franquisten wĂ€hrend des Krieges und hat auch sonts ein Ă€ußerst reaktionares und antifeministisches Programm. Doch der Kampf um Erinnerung findet nicht nur in Spanien, sondern auch ganz konkret hier in Berlin statt. Die Spanische Allee in Zehlendorf erhielt ihren Namen 1939 zu Ehren der Legion Condor, diese Lufteinheit der deutschen Wehrmacht legte am 26. April 1937 die baskische Kleinstadt Gernika in Schutt & Asche. Dieser Tag jĂ€hrt sich dieses Jahr zum 85. Mal. Die Spanische Botschaft in Berlin steht noch immer auf dem GrundstĂŒck, das Franco von der NSDAP geschenkt bekam. Auch hier gibt es Initiativen, die sich fĂŒr eine Umbenennung einsetzen, jedoch wurde dies bisher durch die lokale BVV aktiv verhindert.

Der Kampf um Erinnerung sollte in diesem Jahr, wie bereits eingangs dargestellt, durch den Krieg des russischen Staates gegen die Ukraine neue Höhepunkte erfahren, welche uns nun lĂ€nger begleiten werden und welche wir auch aktiv fĂŒhren mĂŒssen. Ende MĂ€rz forderte die Pankower CDU den Abriss und die Einschmelzung des Ernst ThĂ€lmann Denkmals im Prenzlauer Berg. Als BegrĂŒnung musste auch hier der Krieg in der Ukraine herhalten. UnterstĂŒtzung erhielt die CDU dabei zumindest verbal auch von den Pankower GrĂŒnen. Was konkret der Antifaschist und Kriegsgegner Ernst ThĂ€lmann mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine zu tun hat, weiß die CDU wahrscheinlich nur selber. Das Mahnmal stammt von dem ukrainischen Bildhauer Lew Jefimowitsch Kerbel , welcher aus einer jĂŒdischen Familie kommt. Die Angriffe auf das Denkmal sind nicht neu, so gab es bereits in der Vergangenheit VorstĂ¶ĂŸe, es abzureißen. Ernst ThĂ€lmann ist eine Person,die in einigen Aspekten druchaus kritisiert werden kann, insbesondere was seine Rolle bei der Stalinisierung der KPD angeht. Er wurde allerdings von den Nazis elf Jahre eingesperrt und letztendlich wahrscheinlich sogar auf direkten Befehl Hitlers ermordet. In dieser Zeit haben es die Faschisten nicht geschafft, ihn zu brechen. So ein Mensch verdient einfach Anerkennung und ein wĂŒrdiges Gedenken. Zudem sind die erwĂ€hnten Angriffe auf ThĂ€lmann als allgemein antikommunistisch zu bewerten und nicht im Sinne einer differenzierten innerlinken Debatte. Dieser Vorstoß der CDU ist somit nichts weiter als ein Ausnutzen der Situation und einfach nur perfide und geschichtsrevisionistisch. Am 16.04.2022 organisierte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA) Prenzlauer Berg zu seinem 136. Geburtstag ein kleines Gedenken, welches es dann dank der aktuellen Debatte bis in die rbb Abendschau geschafft hat. Der Antrag in der BVV musste aus Zeitmangel auf Anfang Mai verlegt werden. Am 4. Mai 2022 veranstalteten wir zusammen mit der VVN-BdA eine Kundgebung vor der BVV Pankow, um gegen den Antrag zu demonstrieren. Kurzfristig organisierten die Jungliberalen eine dezidierte Gegenkundgebung. Bis auf ein paar Schilder und selbstgerechtes Grinsen kam jedoch von der Handvoll Rich Kids nichts. Am Ende wurde der Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt. Was bleibt ist eine Posse, die wohl leider noch nicht ihr Ende gefunden hat.

Den Höhepunkt der Liberationweeks stellen die Gedenken an die Befreiung Nord-Ost Berlins am 22. April in Weißensee und das Gedenken an den 8. Mai in Pankow-Buch dar. Am antifaschistischen Mahnmal am Weißen See versammelten sich knapp 50 Menschen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der VVN-BdA Weißensee-Hohenschönhausen. Es wurden RedebeitrĂ€ge, welche gegen den Krieg mahnen, gehalten und Blumen am Mahnmal abgelegt. Weiterhin wurde mit einer kleinen Kundgebung am 26. April an die Antifaschistin Else Jahn erinnert und bereits im MĂ€rz an Anna Ebermann.

Das Gedenken in Pankow-Buch sollte politisch stĂ€rker aufgeladen sein. Pankow-Buch ist ein Stadtteil mit einer langen braunen Geschichte, in diesem Zusammenhang möchten wir auf unsere Berichte der Vorjahre verweisen. Bis vor wenigen Jahren hatte hier die NPD/JN Pankow ihren Schwerpunkt. Immer wieder kam es zu Störungen des Gedenkens und Schmierereien gegen das Sowjetische Ehrenmal. Dank kontinuierlicher antifaschistischer Arbeit waren die letzten Jahre jedoch störungsfrei und konnten wĂŒrdig durchgefĂŒhrt werden (in Buch keine SelbstverstĂ€ndlichkeit). Jedoch war in den letzten Wochen zu beobachten, dass der sogenannte “3. Weg” in Buch wieder stĂ€rker durch Propaganda aufgefallen ist. Auch im Vorfeld einer Anti-Querdenken-Demo in Karow wurden Schnipsel der militanten Kleinstpartei abgeworfen. Zuletzt waren die Hauptakteure der NPD/JN Pankow Christian Schmidt und Fabian Knopp am 1. Mai bei Angriffen in Sachsen durch den sogenannten “3. Weg” aufgefallen. Es blieb also abzuwarten, ob es erneut zu Störungen oder versuchten Angriffen kommen kann. Daher musste auch hier im Vorfeld wieder ein Schutzkonzept erarbeitet werden. Letztendlich kam es jedoch zu keinerlei Störungen.

Eine weitere Gefahr, welche sich am 8. Mai einstellte, waren auch eventuelle Instrumentalisierungsversuche durch KrĂ€fte, die den russischen Angriffskrieg zu rechtfertigen oder gar absurderweise in eine Linie mit der Befreiung vom Faschismus stellen wollen. Auf der anderen Seite stand die Gefahr bellizistischer NATO-Propaganda,die das Gedenken im Sinne der Behauptung eines “neuen Faschismus” in Russland instrumentalisiert. Beidem sollte auf der Kundgebung, welche sich als dezidierte Friedenkundgebung verstanden hat, keinen Raum gegeben werden. Dies konnte auch so umgesetzt werden. Es gab mehrere musikalische & kulturelle BeitrĂ€ge u.a. von Lebenslaute und RedebeitrĂ€ge von DIE LINKE., der VVN-BdA Pankow, von Weißenseer Antifaschist*innen und der [NEA]. Die Polizei war, fĂŒr Bucher VerhĂ€ltnisse, mit einem Großaufgebot vor Ort, hielt sich aber, im Gegensatz zum Treptower Park oder der Schönholzer Heide, im Hintergrund.

FĂŒr eine starke & antimilitaristische Friedensbewegung

Kurz vor dem 8. & 9. Mai hat die Berliner Polizei, neben MilitĂ€runiformen und dem Buchstaben “Z” (dieser wird in Russland gerade als nationalistisches und militaristisches Symbol zur UnterstĂŒtzung des Krieges gegen die Ukraine genutzt), auch Sowjetfahnen verboten. Diese Respektlosigkeit gegenĂŒber den vielen Toten der Roten Armee aus allen Teilen der damaligen Sowjetunion ist ein geschichtsrevisionistischer und nationalistischer Skandal. Die Berliner Polizei hat dieses Verbot auch, wie im Treptower Park, umgesetzt.

Die Debatte geht jedoch noch weiter, auch was den Faschismus-Begriff angeht. Hatten die Antideutschen schon versucht mit dem Konzept des “Islam-Faschismus” den Begriff zu entkernen, hat Querdenken mit ihrem “Konzern-Faschismus” den Vogel abgeschossen. Aktuell herrscht, wenn mensch der Debatte glauben mag, in Russland bereits der neue Faschismus, der “Russenhitler” ist zurĂŒck. Es muss hierbei ausdrĂŒcklich gesagt werden, dass es in Russland ein großes Problem mit Neonazis gibt, die vielen Morde an Linken in den letzten Jahren machen dies auch mehr als deutlich. Auch Putin nutzt organisierte Neonazis zur Durchsetzung seiner innenpolitischen Ziele, ohne dass das russische Regime als solches als faschistisch (was kein Synonym fĂŒr schlecht ist, sondern spezifische Merkmale verlangt) bezeichnet werden kann. Derselbe Putin gibt gleichzeitig vor, die Ukraine entnazifizieren zu wollen, was in diesem Zusammenhang eindeutig ein Vorwand zur Rechtfertigung des Krieges ist. Wobei auch hier klar benannt werden muss, dass faschistische KrĂ€fte einen nicht unerheblichen Einfluss auf den sogenannten “Euro-Maidan” hatten. Auch gibt es sehr wohl faschistische KrĂ€fte in der Armee, wie das bekannte Asow-Bataillon, das vornehmlich seit 2014 in die Ostukraine geschickt wurde, um dort Massaker anzurichten. Das Massaker von Odessa und auch andere GrĂ€ueltaten, welche beispielsweise auch schon von Amnestie International aufgearbeitet wurden, finden in der aktuellen Debatte keinerlei Beachtung. Die kritiklose Huldigung des ukrainischen FaschistenfĂŒhrers Stepan Bandera, dessen Organisation fĂŒr Massaker an der polnischen, jĂŒdischen und russischen Bevölkerung wĂ€hrend der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht verantwortlich ist, ist Teil der ukrainischen Geschichtskultur geworden. Auch die Situation fĂŒr Linke hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. UnzĂ€hlige Angriffe blieben ungesĂŒhnt. Letztendlich besteht die Ukraine aber nicht nur aus Nazis und wenn Putin ernsthaft etwas gegen Neonazis tun wollen wĂŒrde, könnte er damit getrost vor der eignen HaustĂŒr anfangen.

All diese Verwendungen des Faschismus-Begriffes haben hierzulande jedoch auch eine sehr praktische Funktion fĂŒr die herrschende Klasse und konservative/reaktionĂ€re Kreise: Er wird inhaltlich komplett beliebig, wodurch auch einer Relativierung der Verbrechen des deutschen Faschismus und der Wehrmacht Vorschub geleistet wird. Dem gilt es offensiv entgegenzutreten. Die NATO als Front gegen den neuen russischen Faschismus ist nur ein allzu bequemes Bild, auf das gerade in linksliberalen Kreisen mit höchster AggressivitĂ€t gesetzt wird. Alle Mittel gegen Russland sind gerade recht, selbst wenn sie von Faschist*innen kommen. So war sich aktuell auch die taz nicht zu schade, Julia Latynina einen extrem geschichtsrevisionistischen Artikel veröffentlichen zu lassen, da diese ja auch Opposition gegen Putin ist. Auf der anderen Seite wird die NATO gerade zur Friedensmacht verklĂ€rt. Vergessen sind die Kriegsverbrechen des tĂŒrkischen Staates gegen die Kurd*innen in der TĂŒrkei, in Syrien und im Irak, vergessen ist die Bombardierung des Tanklastzuges durch Oberst Klein in Afghanistan und erst Recht ist der Kosovo jetzt offiziell aus dem deutschen-kollektiven GedĂ€chtnis gestrichen.

Auf der anderen Seite haben wir leider auch Linke, die leider immer noch nicht verstanden haben, dass die Russische Föderation nicht die Sowjetunion ist und Putin getrost als Abrissbirne der letzten sozialistischen Überbleibsel verstanden werden kann. Eine Rechtfertigung des Krieges durch angebliche Sicherheitsinteressen stĂ¶ĂŸt bei uns nur auf fassungsloses UnverstĂ€ndnis. Leider wurden solche Reden, zuletzt beim Berliner Ostermarsch, immer noch gehalten. Es waren SĂ€tze zu hören, die so auch von Lawrow hĂ€tten kommen können. Sich auf dieses nationalistische Narrativ aus Russland einzulassen, entbehrt jeglicher antiimperialistischer Analyse.

Was ist also zu tun? Sich diesem Bollwerk aus Bellizismus fĂŒr den Westen oder VerklĂ€rung der Rolle Russlands entgegenzustellen, wird ein Kraftakt und eventuell eine ZĂ€sur fĂŒr die radikale Linke werden. Eine Möglichkeit ist die Konzentration auf konkrete antimilitaristische Aktionen, wie die Sabotage der Bahnstrecke in Belarus durch Bahnarbeiter*innen oder der Verweigerung der Hafenarbeiter*innen in Genua NATO-Waffen zu verladen, vorgemacht haben. Solidarisieren wir uns mit ALLEN Deserteur*innen und fordern sichere Fluchtwege! Stoppen wir die rassistische Einteilung von “guten” und “schlechten” GeflĂŒchteten! Als radikale Linke dĂŒrfen wir uns niemals zum Spielball der Herrschenden machen und uns erst recht nicht vor ihrem Diskurs hertreiben lassen. Verteidigen wir das Gedenken an den antifaschistischen Widerstand gegen die Tilgung oder Vereinnahmung!

In diesem Sinne:
Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!
Die Waffen nieder!
Das Proletariat hat kein Vaterland, fĂŒr das es sterben soll!

North-East Antifascists [NEA] (Juni 2022)
www.antifa-nordost.org | nea[at]riseup.net


Redebeitrag vom 8. Mai in Pankow-Buch:

Wir gedenken heute der Befreiung Berlin-Buchs vom deutschen Faschismus. Befreit wurde es von der roten Armee, die Armee der Sowjetunion. Diese hatte im Kampf gegen Nazideutschland die mit Abstand grĂ¶ĂŸte Last getragen und die meisten Opfer zu verzeichnen, hinzu kamen noch mehr an zivilen Opfern des deutschen Vernichtungskrieges im Osten. DafĂŒr, dass sie – zusammen mit den Westalliierten – schließlich gesiegt haben, gebĂŒhrt ihnen ewige Dankbarkeit, insbesondere im Namen jener Opfer des NS-Regimes, die durch ihre Befreiung schließlich doch noch ĂŒberleben konnten.

Doch die sichtbaren Zeichen dieser Befreiung, die sowjetischen EhrenmĂ€ler, stehen heute, 77 Jahre nach Kriegsende unter Beschuss: So wurden aus der CDU Forderungen laut, die zwei sowjetischen Panzer beim Ehrenmal im Tiergarten zu entfernen. Die CDU-Abgeordnete Stefanie Bung begrĂŒndete dies folgendermaßen: “Heute steht der Panzer in Tiergarten nicht mehr nur fĂŒr die Befreiung Deutschlands vom Nazi-Faschismus, sondern fĂŒr die aggressive, territoriale Grenzen- und Menschenleben missachtende KriegsfĂŒhrung.” Zuvor wurde das Denkmal bereits von Unbekannten durch eine ukrainische Flagge umhĂŒllt. Auch im Ehrenmal Treptower Park gab es Schmierereien. Im Dresden forderte die FDP, ein Denkmal mit der Statue eines Rotarmisten abzureißen, auch mit der Argumentation, die Einheit gleichen Namens habe spĂ€ter an der Niederschlagung des Prager FrĂŒhlings und des Aufstands am 17. Juni 1953 mitgewirkt. Nun, zum Gedenken am 8. und 9. Mai ist sogar das Zeigen einer Sowjetflagge, die Flagge der Befreier*innen von Auschwitz, verboten. Dagegen protestieren wir in aller Deutlichkeit!

Dabei ist der Geist hinter diesen VorstĂ¶ĂŸen aus mehreren GrĂŒnden zugleich absurd und gefĂ€hrlich:
Erstens ist es natĂŒrlich völliger Quatsch, die damalige Sowjetunion mit dem heutigen Russland gleichzusetzen. Es handelt sich um zwei politisch und wirtschaftlich sehr unterschiedliche Systeme, die nicht einmal in Bezug auf ihre nationale KontinuitĂ€t gleichzusetzen sind: So kĂ€mpften in der roten Armee nicht nur Russinnen und Russen, auch wenn diese den Großteil ausmachten, sondern auch Menschen aus allen anderen 14 Teilrepubliken, inklusive der Ukraine. Letzte war zudem Hauptkriegsschauplatz an der Ostfront und hat einen ĂŒberproportional hohen Anteil an den Opfern des Kriegs.
Auch in der russischen Geschichtspolitik der Gegenwart spielt der positive Bezug auf die Sowjetunion eine untergeordnete Rolle. Zwar gibt es teilweise eine nationalistische Deutung der Ära Stalins als eine Zeit russischer GrĂ¶ĂŸe und MachtfĂŒlle, wĂ€hrend Lenin diskreditiert wird. Putin ist jedoch strikter Antikommunist und will keineswegs die Sowjetunion wieder errichten. Vielmehr ist der zentrale Geschichtsbezug hier das Zarenreich und der russische Imperialismus vor der GrĂŒndung der Sowjetunion.

Zweites dienen diese VorstĂ¶ĂŸe auch der Relativierung der Verbrechen des deutschen Faschismus im Sinne einer Schlussstrichdebatte. NatĂŒrlich ist an der Sowjetunion Stalins vieles zu kritisieren. Das ist jedoch unabhĂ€ngig davon zu betrachten, dass es die Armee dieses Staates war, die einen entscheidenden Anteil hatte, der Barbarei und dem Morden des NS-Regimes ein Ende zu setzen. Wenn nun das Narrativ aufgemacht wird, hier habe einfach nur ein verbrecherisches Land ein anderes besiegt und außerdem sei das heutige Russland ja genauso schlimm, dann wird davon abgelenkt, dass es Deutschland war, das Völkermord mit industrieller Vernichtung und den blutigsten Krieg der Weltgeschichte zu verantworten hatte. Und dass es seine herrschende Klasse war, die den Faschismus gestĂŒtzt hat und deren wesentlich auf Zwangsarbeit und Raub basierendes Vermögen in der Bundesrepublik weiterhin hĂ€ufig Grundlage ihres Reichtums blieb. Wenn auf diesem Hintergrund der Unterschied zwischen TĂ€tern und Befreiern verschwimmt, macht es das natĂŒrlich leichter, wieder eine deutsche Großmachtpolitik befreit vom historischen Ballast zu betreiben. Das dĂŒrfen wir nicht zulassen!

Drittens betrifft der Antikommunismus, der dazu fĂŒhrt, nur noch die Leistung der Westalliierten anzuerkennen, auch das Gedenken an Einzelpersonen aus dem kommunistischen Wiederstand. Das sehen wir an einem anderen CDU-Vorstoß mit gleicher BegrĂŒndung: Dem Antrag, das Ernst ThĂ€lmann – Denkmal an der Greifswalder Straße einzuschmelzen. Die BegrĂŒndung des Ukraine-Krieges wird hier komplett absurd, was sogar die FDP erkannt hat, die in der Vergangenheit selbst nicht mĂŒde wurde, den Abriss des Denkmals zu fordern. Dahinter steht aber auch die Deligitimierung und Unsichtbarmachung des Widerstands von Kommunist*innen und der UnterdrĂŒckten selbst. So wird in der Bundesrepublik seit lĂ€ngerem versucht zu propagieren, der hauptsĂ€chliche Widerstand gegen den Faschismus sei eine Bande rechtsnationaler preußischer Offiziere gewesen, die im letzten Kriegsjahr noch versuchten die Seite zu wechseln. Da passt ein ThĂ€lmann, den 11 Jahre KZ nicht brechen können, natĂŒrlich nicht ins Narrativ. Dasselbe gilt etwa fĂŒr Widerstand leistende Arbeiter*innen und Frauen wie Frida Seidlitz und Else Jahn oder Partisan*innen in den besetzten LĂ€ndern, die von Anfang an als Antifaschist*innen gekĂ€mpft haben.

Schließlich dient die Umdeutung der Erinnerung auch dazu, dem Militarismus wieder LegitimitĂ€t zu verleihen. Die Tilgung der Erinnerung daran, von dem der deutsche Imperialismus unter hohen Verlusten einst gestoppt werden musste, macht es leichter, Waffenlieferungen durchzufĂŒhren, welche die Gefahr birgt, einen 3. Weltkrieg auszulösen. Sie macht es leichter, ohne großen Widerstand die grĂ¶ĂŸte AufrĂŒstung eines deutschen MilitĂ€rs seit Ende des 2. Weltkriegs durchzufĂŒhren und damit die Bundeswehr auch zu weiteren MilitĂ€reinsĂ€tzen auf der ganzen Welt zu befĂ€higen. Die deutsche Regierung begnĂŒgt sich nicht mehr damit, die EU zu dominieren und seine wirtschaftliche Machtposition einzusetzen, sondern will auch “endlich wieder” militĂ€risch auf der WeltbĂŒhne vorne mitspielen – und das begrĂŒndet mit einem angeblichen moralischen Auftrag. Wir hingegen weisen auch im Jahr 2022 auf den Schwur von Buchenwald hin, in dem steht, was noch heute unser Auftrag als Antifaschist*innen sein muss: “Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.”

In diesem Sinne: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!


Foto 1: Gedenken: Geburtstag von Ernst ThÀlmann (16.04.2022 / Prenzlauer Berg)
Foto 2 & 3: Gedenken an die Befreiung Nord-Ost Berlins (22.04.2022 / Weißensee)
Foto 4: Open-Air-Kino: Contrahistoria – Geschichte von Unten (22.04.2022 / Weißensee)
Foto 5: Gedenken an den Interbrigadist Walter Runge (23.04.2022 / Weißensee)
Foto 6: Gedenken an Else Jahn (26.04.2022 / Weißensee)
Foto 7: Aktionen vor der BVV-Pankow gegen den Abriss des ThÀlmann-Denkmals (04.05.2022 / Prenzlauer Berg)
Foto 8: Antifaschistisches Konzert (07.05.2022 / Weißensee)
Foto 9 & 10: 8. Mai – Gedenken an die Befreiung (08.05.2022 / Pankow)




Quelle: De.indymedia.org