Mai 8, 2022
Von Indymedia
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8. Mai 1945 – “Erinnern heißt handeln!” (Esther Bejarano)

In diesen Tagen begehen wir als Antifaschist:innen den 8. Mai, um an die Befreiung vom deutschen Faschismus zu erinnern.

Viele Aktionen rund um den 8. Mai greifen dieser Tage Zitate der bekannten Antifaschistin Esther Bejarano auf. Und das aus gutem Grund. FĂŒr Esther war die Ernennung des 8. Mai zum offiziellen Feiertag bis zu ihrem Tod immer einer ihrer HerzenswĂŒnsche gewesen. Die gelungene Flucht vom Todesmarsch am 3. Mai und das gemeinsame Feiern der Befreiung am 8. Mai, darĂŒber sagte Esther oft: “Das war meine zweite Geburt!”

AnlĂ€sslich des Tages der Befreiung wollen wir darum unser Gedenkvideo (in Zusammenarbeit mit Leftvision) fĂŒr Esther Bejarano veröffentliche, um eine wichtige Mitstreiterin zu wĂŒrdigen.

Link: www.youtube.com/watch?v=9nTHSPWx2LA

Esther Bejarano starb im vergangenen Jahr am 10. Juli 2021 im Alter von 97 Jahren. Der Tod dieser mutigen Antifaschistin, Aktivistin, Bildungsarbeiterin und Musikerin bewegte viele. Um fĂŒr uns und andere einen Rahmen des gemeinsamen Erinnerns zu schaffen, organisierten wir als North-East Antifascists [NEA] zusammen mit Freund:innen der VVN-BdA Berlin ein Gedenken. Einzelne Reden und LiedbeitrĂ€ge folgen im Laufe des Jahres als separate VideobeitrĂ€ge.

[AnkĂŒndigung: Gedenkveranstaltung] | [Bericht & Fotos]

Interview:

“Das war meine zweite Geburt”

In einem Bericht der WDR-Serie “Mein Kriegsende” aus dem Jahr 2005 schildert Esther ihre Erfahrenden rund um die Befreiung vom Deutschen Faschismus. Aus gegebenem Anlass haben wir ihn gespiegelt, um ihn mehr Menschen zugĂ€nglich zu machen.

(01.07.2005 / Felix Kuballa / WDR-Reihe “Mein Kriegsende”)

“Das war meine zweite Geburt!”

Esther Bejarano spielte Akkordeon im “MĂ€dchenorchester” von Auschwitz. Dank des Orchesters hatte die junge jĂŒdische Frau Auschwitz ĂŒberlebt und wurde nach RavensbrĂŒck gebracht. Als sie bei Kriegsende auf einen Todesmarsch geschickt wird, flĂŒchtet sie. Heute fordert Esther Bejarano mit einer Petition: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden!

In RavensbrĂŒck hatten Frauen, die dort gefangen waren, und zwar kommunistische Frauen, ein Radio in der Decke versteckt. Die wussten ganz gut Bescheid, wo die Russen stehen. Und was sich ĂŒberhaupt da tut, außerhalb des Lagers. Dann haben sie uns so Ende April gesagt, wir sollen uns unter unserer HĂ€ftlingskleidung Zivilkleidung organisieren. Das konnte man damals. Man konnte in den Effektenkammern irgendetwas kaufen. Also ich hab’ mir zum Beispiel mal einen Pullover gekauft, weil mir immer so furchtbar kalt war. Und habe dafĂŒr fĂŒnf Tage nichts gegessen, weil das kostete fĂŒnf Tagesrationen von Brot, ja.

Also man konnte sich das organisieren. Das haben wir dann auch getan, und haben uns unter dieser HĂ€ftlingskleidung dann Zivilkleidung angezogen, weil wir gehört haben, dass wir jetzt aus RavensbrĂŒck raus mĂŒssen, denn die Russen stehen schon fast vor der TĂŒr. Und dann sind wir auf den so genannten Todesmarsch gegangen. Das heißt, wir mussten in Siebenerreihen in einer Kolonne gehen. Das hat sich alles irgendwie abgespielt in der NĂ€he von Mecklenburg. Und wir sind gelaufen, kilometerweit. Und man muss sich vorstellen, dass wir nicht die StĂ€rksten waren. Wir hatten ja wenig zu essen und waren ziemlich schwach. Und diesen Marsch da auch noch zu machen, das war fĂŒr uns wirklich ‘ne ganz schwierige Angelegenheit.

Auf der linken Seite sind die Russen, auf der rechten Amerikaner.

Wenn irgendwelche Frauen hingefallen sind und nicht mehr so schnell aufstehen konnten, dann hat man sie gnadenlos erschossen. Und das war wirklich fĂŒr uns eine Katastrophe, denn wir mussten dann ĂŒber diese toten Menschen rĂŒber steigen. Und die sind dann einfach auf der Straße liegen geblieben. Und jedes Mal haben wir gedacht: Oh Gott, wenn wir mal hinfallen, dann passiert dasselbe mit uns. Es waren Frauen, die zum Teil schon vielleicht drei oder vier Jahre gefangen waren und alles Mögliche durchgestanden haben. Und dann, dann wurden sie auf diesem Todesmarsch erschossen.

Da haben wir uns gesagt: “So, jetzt ist unsere Zeit gekommen! Jetzt mĂŒssen wir versuchen, diese Kolonne zu verlassen!” Denn wir wussten ja auch ĂŒberhaupt gar nicht: Wo bringen die uns hin? Ich glaube, die SS hat selbst nicht gewusst, wohin sie uns bringen, die waren ja so ratlos. Wir hatten abgemacht, dass einer nach dem anderen, wenn wir in einen Wald kommen, sich hinter irgendwelchen BĂ€umen versteckt, so dass die SS es nicht merkt. Und das haben wir dann getan. Einer nach dem anderen ist weggelaufen und in einen Wald. Als wir in den Wald kamen, haben wir uns dann hinter BĂ€umen versteckt. Wir waren sieben MĂ€dchen und haben gewartet, bis die Kolonne vorbeimarschiert ist, bis man sie nicht mehr gesehen hat, und dann sind wir alleine weiter gezogen.

Sie haben uns umarmt und gesagt: “Wir helfen euch, wir helfen euch weiter!”

Das war nicht einfach. Wir haben dann natĂŒrlich unsere StrĂ€flingskleidung ausgezogen, wir hatten ja die Zivilkleidung da drunter. Wir wollten auf keinen Fall, dass irgendwelche deutsche Menschen sehen, das sind Gefangene. Wir hatten ja auch kein Vertrauen zu den Menschen und haben gedacht: Mein Gott, wenn die wissen, dass wir aus dem KZ kommen, dann schicken die uns wieder zu der Kolonne zurĂŒck.

Wir wussten nicht wohin, aber wir sind einfach gegangen und kamen dann auf eine Landstraße und haben gesehen, dass da ganz viele FlĂŒchtlinge waren. Das waren FlĂŒchtlinge, die von Berlin aus kamen, die sind wahrscheinlich vor den Russen geflĂŒchtet. Und dann sind wir mit denen ein StĂŒck gegangen, haben uns aber getrennt von ihnen, weil wir zu einem deutschen Bauer rein gegangen sind. Wir haben ihn gebeten, dass wir dort ĂŒbernachten können, in der Scheune. Der Bauer war sehr nett, der hat uns in der Scheune ĂŒbernachten lassen und hat uns sogar einen ganzen Eimer voll mit Pellkartoffeln geschenkt. Die haben wir natĂŒrlich schnell aufgefuttert, weil wir unheimlich hungrig waren.

Am nĂ€chsten Morgen stand der Bauer auf seinem Hof und sagte zu uns: “So, ihr könnt euch jetzt aussuchen, wohin ihr gehen wollt. Auf der linken Seite sind die Russen, auf der rechten Seite sind die Amerikaner.” Wir haben nicht gewusst: Was sollen wir eigentlich jetzt machen, wo sollen wir hingehen? Aber dann wurde uns diese Entscheidung abgenommen, weil wir in der Ferne amerikanische Panzer gesehen haben. Und da haben wir uns dann verabschiedet von dem Bauern und uns bedankt und sind dort hingelaufen. Die haben uns hochgehievt auf den Tank, und wir haben ihnen gleich unsere Nummer auf dem Arm gezeigt. Das war die Nummer, die uns eingebrannt wurde in Auschwitz. Und dann haben die uns umarmt und gesagt: “Wir helfen euch, wir helfen euch weiter.” Sie sind zurĂŒck gefahren, sie haben also gedreht, in das ­kleine StĂ€dtchen LĂŒbsch.

Die amerikanischen und russischen Soldaten haben sich umarmt und gekĂŒsst.

Und dann mussten wir erzĂ€hlen. Und da ich sehr gut Englisch sprechen konnte, habe ich ihnen alles Mögliche erzĂ€hlt von Auschwitz. Zum Beispiel habe ich ihm erzĂ€hlt, dass ich in Auschwitz im MĂ€dchenorchester war und ich Akkordeon gespielt habe – und so wahrscheinlich mein Leben gerettet wurde.

Dann hat es vielleicht ‘ne halbe Stunde gedauert und plötzlich kam ein amerikanischer Soldat und brachte mir ein Akkordeon und sagte zu mir: “So, das schenk ich Dir.” Ich weiß nicht, woher er das hatte. Aber auf jeden Fall hat er es mir geschenkt. Es war aber sehr schwer, dieses Akkordeon, aber ich hab’s mitgeschleppt ‘ne zeitlang. Wir haben dann gesungen, in diesem Restaurant, und die deutschen Menschen, die dort erst waren, sind alle weggegangen.

Plötzlich, als wir so zusammen saßen, da hörten wir einen furchtbaren Krach auf der Straße und wir haben gesagt: “Mein Gott, was ist das denn?” Dann sind wir raus und sahen, wie die Rote Armee einmarschiert ist. Und die haben gerufen: “Kapitulation, der Krieg ist aus! Hitler ist tot!” Wir haben uns natĂŒrlich total gefreut darĂŒber. Und die amerikanischen Soldaten und russischen Soldaten, die haben sich umarmt und gekĂŒsst, das kann man heute gar nicht mehr glauben. Aber es war so. Die waren so glĂŒcklich, dass der Krieg zu Ende war.

Das war am 8. Mai. Dann haben beide, die Russen und die Amerikaner, gesagt: Also, das muss gefeiert werden, auf der Stelle! Neben diesem Hotel, da war der Marktplatz und dann sind wir alle auf diesen Marktplatz gegangen. Ich mit meinem Akkordeon, die MĂ€dchen und auch die russischen und die amerikanischen Soldaten. Und ein russischer Soldat und ein amerikanischer Soldat, die sind in irgendein GeschĂ€ft gegangen und haben ein Hitlerbild rausgeholt, ein großes Hitlerbild. Und dann wurde das von dem Amerikaner und dem russischen Soldaten angezĂŒndet. Und wir alle, alle MĂ€dchen und auch die Russen, haben um dieses brennende Bild getanzt.

Das war fĂŒr mich ein neuer Anfang. Das war meine zweite Geburt.

Und ich hab’ da gestanden und hab’ gespielt. Ich habe Akkordeon gespielt. Alles, was mir so in den Sinn kam. “Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie fliehen vorbei, wie nĂ€chtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein JĂ€ger erschießen, es bleibet dabei, die Gedanken sind frei.” Ja, das haben wir gesungen. Die russischen Lieder habe ich im KZ in RavensbrĂŒck gelernt. Da habe ich nĂ€mlich mit diesen russischen Frauen zusammen gearbeitet, bei Siemens. Und die haben mir Lieder beigebracht. Ich kann mich erinnern an ein Lied. Das erzĂ€hlt die Geschichte von einem russischen Soldaten, der seiner Frau ein rotes Halstuch nach Hause schickt. Als Lebenszeichen wahrscheinlich.

Das war meine Befreiung. Und es war eine großartige Sache. Ich habe immer gesagt und das sage ich auch heute so in Schulen, wenn ich mein Leben erzĂ€hle: “Das war fĂŒr mich ein neuer Anfang. Das war meine zweite Geburt!”

Esther Bejarano – Aufgezeichnet von Felix Kuballa fĂŒr die WDR-Reihe ‘Mein Kriegsende’.




Quelle: De.indymedia.org