Februar 27, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Die Bundesstrafanstalt in Terre Haute, Indiana hatte den Ruf, das rassistischste und brutalste GefĂ€ngnis im gesamten BundesgefĂ€ngniswesen zu sein. Die Stadt Terre Haute selbst war dafĂŒr bekannt, in den 1920ern einer der stĂ€rksten StĂŒtzpunkte des Ku Klux Klans [(KKK)] im mittleren Westen gewesen zu sein. Wie ich spĂ€ter herausfand waren viele der GefĂ€ngniswĂ€rter*innen Mitglieder des Klans oder Sympathisant*innen. Als ich im Sommer 1970 in dieses GefĂ€ngnis kam, gab es keine schwarzen WĂ€rter*innen.

Der berĂŒhmteste Insasse, der in den frĂŒhen 1960ern Zeit in diesem GefĂ€ngnis abgesessen hatte, war der Rock’n Roll SĂ€nger der 50er-Jahre Chuck Berry und angeblich sprach er noch Jahre danach nur abfĂ€llig ĂŒber den Staat Indiana und sagte er wĂŒrde niemals ein Konzert in der Stadt Terre Haute geben. Ich weiß nicht, ob das stimmt.

Üblicherweise ist Rassismus eines der besten Werkzeuge des GefĂ€ngnispersonals, um unbestĂ€ndige GefĂ€ngnispopulationen zu kontrollieren. Der GefĂ€gnisdirektor und seine WĂ€rter*innen halten rassistische Anfeindungen bewusst aufrecht, indem sie GerĂŒchte verbreiten und provozieren und sie lassen Gruppen wie dem KKK und der Aryan Brotherhood [1] im GefĂ€ngnis freie Hand, schwarze Gefangene zu verstĂŒmmeln oder zu ermorden. Sie nutzen die rassistischen weißen Gefangenen, die sich selbst und andere beschrĂ€nken und bieten ihnen im Gegenzug Privilegien und das flĂŒchtige GefĂŒhl, „der weißen Rasse“ dabei zu „helfen“, die Kontrolle zu bewahren. Auf diese Weise sperrt das System weiße ein und nutzt sie zugleich fĂŒr die eigene UnterdrĂŒckung. Die GefĂ€ngnisangestellten können sich in der Regel darauf verlassen, aus einem bestĂ€ndigen Vorrat rassistischer Mörder und Schergen der weißen GefĂ€ngnispopulation rekrutieren zu können. Aber ein wichtiger Teil des Plans ist es, antirassistische weiße kleinzuhalten oder zum Schweigen zu bringen, um sicherzustellen, dass alle weißen der faschistischen Linie folgen. Ohne diese Gleichförmigkeit wĂŒrde der ganze Plan nicht funktionieren.

Jahrelang wurden zahlreiche schwarze Insassen in Terre Haute sowohl von weißen GefĂ€ngnisinsassen, als auch von WĂ€rter*innen zusammengeschlagen oder getötet. Das weiß ich von Geschichten, die mir schwarze Gefangene in Atlanta erzĂ€hlt hatten. TatsĂ€chlich lebten die schwarzen Gefangenen in Terre Haute in stĂ€ndiger Angst vor den weißen. Ich sage „lebten“, weil sich die Dinge zu Ă€ndern begonnen hatten, als ich dorthin kam.

Eine gruppe junger, militanter schwarzer Gefangener hatte eine Organisation namens Afro-American Cultural Studies Program (AACSP, [dt. etwa Afro-Amerikanisches Kulturwissenschafts-Programm, Anm. d. Übers.]) gegrĂŒndet, die sich wöchentlich traf, um ĂŒber schwarze Geschichte und Kultur und auch ĂŒber aktuelle Ereignisse zu diskutieren. Die GefĂ€ngnisangestellten hassten diese Gruppe, aber mussten diese gewĂ€hren lassen, wegen einer Klage gegen den GefĂ€ngnisdirektor und das Bundesamt fĂŒr GefĂ€ngnisse. Aber der GefĂ€ngnisdirektor, John Tucker, verkĂŒndete, dass er, wenn diese anfangen wĂŒrden, „militant zu handeln“, die GrĂŒndung eines Ku Klux Klan Ablegers fĂŒr die rassistischen weißen Insassen gewĂ€hren wĂŒrde – als ob diese nicht lĂ€ngst heimlich einen gegrĂŒndet hĂ€tten! GefĂ€ngnisdirektor Tucker hatte den wohlverdienten Ruf, Ă€ußerst brutal zu schwarzen Gefangenen zu sein. Die Ă€lteren Schwarzen erzĂ€hlten uns „Jungspunden“ alle möglichen Horrorgeschichten ĂŒber Tucker und ĂŒber die Schwarzen, die ĂŒber die Jahre von weißen WĂ€rter*innen oder Insassen getötet oder verstĂŒmmelt worden waren. Schwarze MĂ€nner waren gehĂ€ngt, niedergestochen, in eine Dreschmaschine geworfen, mit Kabeln ausgepeitscht, bei lebendigem Leibe in ihrer Zelle verbrannt und auf jede andere vorstellbare Art und Weise ermordet worden. Tucker hatte sogar eine Gruppe weißer Insassen, die als seine SchlĂ€ger und Auftragskiller gegen weiße fungierten, die sich weigerten seine rassistische Linie zu verfolgen. Aber die „Jungspunde“ und besonders die schwarzen Gefangenen der AACSP ließen sich nicht einschĂŒchtern und schworen, dass sie sich bis zu ihrem Tod verteidigen wĂŒrden. Kurz nachdem ich im GefĂ€ngnis angekommen war, trat ich ihnen bei.

Auf einem ihrer Treffen, dass sie immer donnerstags abhielten, fragte ich, was ich tun mĂŒsse, um beizutreten. Der Mann, der das Treffen moderierte, ein kleiner, dunkler, kahlköpfiger Bruder aus Detroit, dessen Namen Nondu war, sagte zu mir, dass aktiv teilzunehmen alles ist, was nötig sei. Ich wurde allen BrĂŒdern dort vorgestellt – insgesamt rund 50 – aber besonders Karenga, einem großen, aber freundlichen Bruder aus Cincinnati, zusammen mit seinem GefĂ€ngnisrap-Partner, einem relativ kleinen Bruder namens Desumba und dann Hassan und Nondu von Detroit, die alle die hauptsĂ€chlichen AnfĂŒhrer des AACSP waren. Sie und die anderen Mitglieder hießen mich alle in der Gruppe willkommen und behandelten mich, als ob ich zur Familie gehöre. Kerenga, der Vorsitzende der Gruppe wurde sogar mein bester Freund und rettete mir bei mehr als einer Gelegenheit das Leben.

Alle diese BrĂŒder hatten rasierte Köpfe und waren beeinflusst von Ron Kerenga, der kulturellen nationalistischen Figur der 1960er und dem aus Cleveland, Ohio stammenden schwarzen Nationalisten Ahmed Evans (der mit Nondu Latham, seinem zweiten Kommandeur, eine lebenslange Haftstrafe im StaatsgefĂ€ngnis von Ohio absaß, weil sie 1968 mehrere Polizisten getötet hatten), aber ihr grĂ¶ĂŸter Einfluss war Malcolm X. Ich war kein besonderer Fan von Ron Karenga, der AnfĂŒhrer einer Gruppe aus Los Angeles namens „US“ (United Slaves) war, die in die Morde zweier Black Panther Party Mitglieder im Jahr 1969 verwickelt war und angeblich an weiteren FĂ€llen von sich gegenseitig zerstörender Gewalt gegen die Black Panther Party beteiligt war. Die Panther glaubten, dass Karenga ein Polizeiagent sei oder die Verbrechen aus irgendwelchen politischen, sektirerischen GrĂŒnden wissentlich zugelassen hatte. Aber meine ursprĂŒnglichen Zweifel hielten mich nicht davon ab, beim AACSP mitzumachen. Es wurde meine alles verzehrende Passion im GefĂ€ngnis und ich wĂŒrde kĂ€mpfen und sterben um es zu verteidigen. TatsĂ€chlich hĂ€tte ich fast dieses grĂ¶ĂŸte Opfer gebracht.

Wir mussten sowohl gegen die rassistischen AutoritĂ€ten, als auch gegen die weißen Gefangenen im Namen der schwarzen GefĂ€ngnispopulation kĂ€mpfen, von denen viele so eingeschĂŒchtert waren, dass sie schwiegen. Wir waren unerschrocken und wagemutig und fĂŒhrten praktisch einen Guerillakrieg, um uns an den Mördern schwarzer MĂ€nner zu rĂ€chen, egal ob es sich dabei um WĂ€rter*innen oder Insassen handelte. Die weißen hassten und fĂŒrchteten uns, weil wir uns gnadenlos verteidigten und Rassisten bestraften. Es gab keine Gnade. Unsere Vergeltung war immer prompt und blutig.

RevolutionĂ€re Schwarze wie wir kannte man in Terre Haute nicht und es verĂ€nderte den status quo, als wir anfingen uns zur Wehr zu setzen. Viele der Gefangenen waren weiße Radikale, die fĂŒr ihren Antimilitarismus im GefĂ€ngnis saßen und sie begannen daraufhin, andere weiße zu bilden. Die antirassistische Organisation durch weiße Radikale war wichtig, weil sie gewĂ€hrleistete, dass weiße Gefangene nicht lĂ€nger vom Klan indoktriniert und eingeschĂŒchtert wurden, wie das in diesem GefĂ€ngnis 35 Jahre lang gewesen war. Diese Bildungsarbeit hĂ€tten die schwarzen RevolutionĂ€re nicht in diesem Maße alleine leisten können; Gefangene begannen damit, BĂŒcher von der Schwarzen Kultur Bibliothek auszuleihen und an gemeinsamen politischen Studiengruppen teilzunehmen, um theoretisch zu verstehen wie Rassismus uns alle unterdrĂŒckte: Schwarze und andere Nicht-Weiße als UnterdrĂŒckte, weiße als UnterdrĂŒcker. Sie verstanden nun, wie der Klan jahrelang die Befehle der GefĂ€ngniswĂ€rter*innen ausgefĂŒhrt hatte, ebenso wie die weißen Arbeiter*innen in der Gesellschaft die Befehle der Kapitalist*innen befolgen. Faschistische Politik wurde nicht nur unpopulĂ€r, sondern auch unsicher.

WĂ€rter*innen, die an das alte Regime gewöhnt waren, beschlossen plötzlich in „Ruhestand“ zu gehen und rassistische Insassen bettelten darum, in andere GefĂ€ngnisse verlegt zu werden. Der GefĂ€ngnisdirektor und sein Personal waren Ă€ußerst beunruhigt aber machtlos, irgendetwas zu unternehmen aus Angst davor, einen ausgewachsenen Aufstand auszulösen, der auch WĂ€rter*innen und Personal in großer Anzahl töten wĂŒrde. Die GefĂ€ngniswĂ€rter*innen realisierten, dass sie die Kontrolle verloren und verfielen in Panik. Allen WĂ€rter*innen war klar, dass eine Revolte unvermeidlich sei, sobald der Rassismus ĂŒberwunden wĂ€re.

Dann, im September 1971 brach der GefĂ€ngnisaufstand von Attica im Hinterland von New York aus und richtete die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf das GefĂ€ngnissystem der USA. RevolutionĂ€re Gefangene – Schwarze, Latinos und weiße – hatten das GefĂ€ngnis ĂŒbernommen und GefĂ€ngniswĂ€rter*innen in Attica als Geiseln genommen. Das schĂŒchterte das GefĂ€ngnispersonal ĂŒberall in den Vereinigten Staaten ein. Es brachte auch die GefĂ€ngniskĂ€mpfe voran und machten sie zu einem brandaktuellen Thema.

Sogar nach der Repression von Attica brachen ĂŒberall im Land Rebellionen in Sympathie mit dem Aufstand in Attica aus, auch in Terre Haute, wo zum ersten Mal Schwarze, weiße und Hispanische Gefangene gegen die GefĂ€ngniswĂ€rter*innen revoltierten. GebĂ€ude wurden niedergebrannt oder in die Luft gesprengt, Menschen versuchten auszubrechen, Streiks und industrielle Sabotage fanden statt und im Hochsicherheits-L-Trakt brachen verzweifelte FaustkĂ€mpfe zwischen WĂ€rter*innen und Gefangenen aus, zusammen mit anderen, beinahe tĂ€glichen Akten des Widerstands.

GefĂ€ngnisdirektor Tucker und sein Personal gerieten in Panik und beeilten sich, einen neuen FlĂŒgel von Hochsischerheitszellen im L-Trakt aufzubauen, um die „Störelemente“ seines GefĂ€ngnisses zu beherbergen. Außerdem versuchte er, eine Konfrontation, einen „Rassenkrieg“ unter den Insassen zu provozieren, aber das funktionierte nicht, weil wir die meisten Rassisten verjagt hatten und Allianzen mit den progressiven weißen und Latino-Gefangenen geschlossen hatten. Diese Gefangene, von denen viele in revolutionĂ€rer Politik geschult worden waren, fielen nicht auf diese alten Tricks herein.

Der GefĂ€ngnisdirektor konnte die weißen Gefangenen, die nun an unserer Seite gekĂ€mpft und gelitten hatten, nicht ĂŒberzeugen, den alten rassistischen Hassköder zu schlucken. Sie wussten, dass sie Gefangene waren und sie wĂŒrden weiße Privilegien nicht akzeptieren oder den Klan wiederauferstehen lassen, um dem Direktor zu helfen, das GefĂ€ngnis zu fĂŒhren. Diese weißen Menschen erhoben sich gegen ihre Herren und waren völlig verĂ€ndert. Sie sahen nicht lĂ€nger irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und dem GefĂ€ngnisdirektor, nicht einmal ihr „Weißsein“. Die schwarze GefĂ€ngnispopu- lation hatte ihre Angst und Unsicherheit ĂŒberwunden und war zur Spitze und zum RĂŒckgrat einer ernsthaften Bedrohung fĂŒr die organisierte rassistische Gewalt und Repression geworden, die so viele Jahre unangefochten geherrscht hatte.

Frustriert wies Tucker daraufhin seine WĂ€rter*innen an die AnfĂŒhrer des AACSP auszumachen und in die neue Sicherheitsabteilung zu werfen. Aber wir hatten uns auf diese EventualitĂ€t vorbereitet und entschieden, nicht ohne zu kĂ€mpfen unterzugehen. Das erste Mal, als sie kamen, um unsere AnfĂŒhrer zu holen, verursachte das eine zwölf Stunden wĂ€hrende Pattsituation, als wir einen der GefĂ€ngnistrakte ĂŒbernahmen, in dem die meisten von ihnen untergebracht waren, die TĂŒren mit Sprengfallen aus Sprengstoff und anderen Fallen versahen und die WĂ€rter*innen dieses Traktes als Geiseln nahmen. Die Gefangenen bewaffneten sich mit Speeren, Messern, hausgemachtem Dynamit und anderen Waffen.

Als Trucker erkannte, wie ernst die Situation geworden war, handelte er eine Waffenruhe mit uns aus, indem er uns versprach unsere sogenannten Grundrechte zu wahren und den AnfĂŒhrer*innen Anhörungen zu gewĂ€hren, anstatt sie kollektiv in Isolationshaft zu werfen und uns eine Amnestie fĂŒr unseren Protest garantierte. Aber diese Vereinbarung fĂŒr Amnestie und Anhörungen mit Rechtsbeistand von außerhalb wurde gebrochen, sobald die AutoritĂ€ten die Kontrolle ĂŒber die Institution wiedererlangt hatten. Alle bekannten AnfĂŒhrer der AACSP und ihre weißen und Lateinamerikanischen VerbĂŒndeten wurden ergriffen und in Hochsicherheitszellen eingeschlossen. Die WĂ€rter*innen waren bereits sehr zufrieden mit sich, dass sie die Gefahr gebannt hĂ€tten und dass die Abwesenheit der obersten AnfĂŒhrer die Gruppe zerschlagen wĂŒrde. Aber im Gegenteil zögerte die Gruppe kein bisschen. Wir hatten AACSP als eine Organisation mit mehreren Ebenen von AnfĂŒhrern ins Leben gerufen; es gab keinen einzelnen AnfĂŒhrer. Sobald also die ursprĂŒnglichen AnfĂŒhrer weggesperrt worden waren, ĂŒbernahm die zweite Ebene. Ich wurde PrĂ€sident und die anderen Posten wurden schnell mit einer neuen Welle an AnfĂŒhrern besetzt. Wir setzten den Kampf fort, trafen uns weiterhin wöchentlich und versandten einen montalichen Newsletter, um unseren UnterstĂŒtzer*innen von draußen und der Presse mitzuteilen, was gerade vor sich ging.

Wir hatten immer einige Programme um Gefangenen zu helfen: Eine Bibliothek radikaler und schwarzer BĂŒcher, politische Bildungskurse, Lese- und Schreibkurse und Berufsausbildungen und wir fĂŒhrten diese Angebote fort. Wir forderten sogar, dass uns die WĂ€rter*innen erlaubten, unseren AnfĂŒhrern in den Isolationszellen BĂŒcher und andere Materialien zukommen zu lassen. Die WĂ€rter*innen mussten uns gewĂ€hren lassen, da sie sahen, dass sie zuvor gescheitert waren uns zu zerschlagen.

Schließlich, nach mehreren Monaten dieser Pattsituation, versuchten die WĂ€rter*innen erneut, uns zu provozieren, indem sie einen der AnfĂŒhrer in Isolationshaft angriffen, Bruder Hassan. Er wurde heftig zusammengeschlagen, nachdem er sein Essen beanstandet hatte, in das einer der WĂ€rter gespuckt und seine Nase geschnĂ€utzt hatte. Wir forderten ein Ende dieser BelĂ€stigungen, ließen Petition herumgehen und klagten vor dem lokalen Gerichtssystem. Auch wenn wir die WĂ€rter*innen nicht wie sie es sich vorgestellt hatten, angriffen, nahmen sie uns dennoch fest, indem sie behaupteten, wir wĂŒrden „planen“ einen Tumult auszulösen. In Wahrheit hatten sich die WĂ€rter*innen diese „Verschwörung“ ausgedacht, um zu versuchen unsere Organisation zu zerschlagen und diese harten Sicher- heitsvorkehrungen zu rechtfertigen.

Wir wurden alle in die speziellen Sicherheitszellen im L-Trakt geworfen und durften diese nur zum Duschen und wenn wir in die Rechtsbibliothek wollten, verlassen. 23 Stunden tĂ€glich waren wir in diese Zellen gesperrt, die ungefĂ€hr so groß sind, wie dein Badezimmer. Die WĂ€rter*innen verspotteten uns, indem sie uns rassistisch beleidigten und ihre Nasen in unser Essen schnĂ€utzten und hineinspukten. Sie taten das in deiner Anwesenheit in der Hoffnung, dass du dich beschweren wĂŒrdest, um eine Entschuldigung zu haben, dich einen „Klugscheißer Nigger“ zu nennen und dich zusammenzuschlagen. Sie rotteten sich zusammen und schlugen Gefangene blutig, ganz besonders die, die sie nicht ausstehen konnten.

Nach einer Diskussion unter den Genossen im Trakt beschlossen wir gegen diese ZustĂ€nde zu rebellieren, bevor die Dinge schlimmer wĂŒrden und jemensch getötet werden wĂŒrde. Hassan war so heftig verprĂŒgelt worden, dass er genĂ€ht werden musste und eine RĂŒckenstĂŒtze benötigte. Eines Tages, als sie die TĂŒr öffneten, um mich in die Rechtsbibliothek zu bringen, stieß ich die Handschellen zur Seite, sprang aus der Zelle, schlug einen der WĂ€rter mit meiner Faust ins Gesicht und stach den anderen mit einem Messer in die HĂŒfte. Ich versuchte sie dazu zu zwingen, die SicherheitstĂŒr zu öffnen, um alle Gefangenen raus zu lassen, aber der WĂ€rter, der die SchlĂŒssel hatte, rannte und warf diese aus dem Fenster in einen Gang. Also war ich mit ihnen gefangen und beschloss aus Frustration unsere WĂ€rter*innen zu töten, die uns seit Wochen gepeinigt hatten.

Ich sprang auf den WĂ€rter, den ich ins Gesicht geschlagen hatte und stach ihm mehrere Male in die Seite, bis das Messer zerbrach. Er schrie: „Töte mich nicht! Töte mich nicht! Ich habe eine Frau und drei Kinder.“ Ich schlug ihn wieder und wieder, bis er auf den Boden stĂŒrzte. Dann hob ich einen Auswringer auf, um ihm seinen SchĂ€del zu zertrĂŒmmern, aber der andere WĂ€rter griff mich von hinten an. Ich drehte mich um, um ihn in den Brustkorb zu schlagen und dann begannen wir zu ringen. Unterdessen sprang das Schwein vom Boden auf und sprĂŒhte mir Pfefferspray ins Gesicht. Ich hatte mir außerdem die Stirn an dem Auswringer aufgeschlagen und Blut schoss in meine Augen und nahm mir die Sicht. Ich kĂ€mpfte in blinder Wut weiter!

Unterdessen waren die anderen WĂ€rter*innen auf dem Gang alamiert worden und rannten mit Riot-Equipment in den Trakt. Sie begannen auf mich einzuprĂŒgeln, aber die anderen Gefangenen im Trakt zerbrachen ihre Zellenfenster und begannen Kaffeetassen, GlasgefĂ€ĂŸe und andere Dinge auf die Riot-Gruppe zu werfen, als sie begannen, mich die FĂŒĂŸe voran aus dem Trakt zu schleifen, als wĂ€re ich ein lebloses Tier. Aber sie hatten mehr Angst als ich, diese GegenstĂ€nde durch die Luft auf sie zufliegen zu sehen, deshalb hielten sie sich zurĂŒck, mich vor den anderen Insassen zu verprĂŒgeln.

UngefĂ€hr sechs WĂ€rter*innen schleiften mich den Gang hinunter in die Krankenabteilung, wo sie mich in eine Zelle zur „psychischen Beobachtung“ im zweiten Stock warfen. Sie behandelten mich, asl ob ich „verrĂŒckt“ geworden wĂ€re. Sie rissen mir alle meine Kleider vom Körper und warfen mich dann nackt in die Zelle. Es gab kein Bett, keine Laken, keine Toilette oder auch nur ein Waschbecken, an dem ich mir mein Gesicht hĂ€tte waschen können – nur eine TĂŒr, ein Fenster und ein Loch in der Wand, in dem ich „mein GeschĂ€ft erledigen“ könne und der Boden und die WĂ€nde waren durchgehend gepolstert, entweder um die „verrĂŒckten“ Insassen abzufedern, wenn sie selbst versuchten, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen oder um die GerĂ€usche der SchlĂ€ge der WĂ€rter*innen zu dĂ€mpfen, wenn sie Gefangene verprĂŒgeln.

FĂŒr die Dauer einer Woche, die ich in dieser Zelle verbrachte, bekam ich weder Kleidung, noch Essen und außer zu den Gelegenheiten, zu denen sie die ZellentĂŒr öffneten, um mich mit einem Hochdruck-Wasserstrahl abzuspritzen und dann das Fenster zu öffnen, um mich in der frostigen Luft frieren zu lassen, war ich Tag und Nacht alleine. Ich fing mir infolgedessen eine LungenetzĂŒndung ein und starb fast. Als sie sahen, dass ich ernsthaft krank war und dass die anderen Gafangenen im Falle meines Todes revoltieren wĂŒrden, sahen sie zu, dass ich medizinische Behandlung bekam. Sie arrangierten es, mich in das GefĂ€ngniskrankenhaus in Springfield, Missouri zu bringen. Aber auch wenn die WĂ€rter*innen, die meine Verlegung veranlasst hatten, gehofft hatten, die AufstĂ€nde zu beenden, ging dieser Plan nicht auf. Auch wenn die WĂ€rter*innen schließlich die Kontrolle von den „AufstĂ€ndischen“ zurĂŒckerlangten, war das GefĂ€ngnis nie wieder wie frĂŒher. Wegen der vereinten Gefangenenpopulation in Terre Haunt, gab es noch Jahre spĂ€ter immer wieder Streiks und gewalttĂ€tige Proteste im GefĂ€ngnis. Die Vereinigung der Gefangenen machte viele Dinge möglich: Die GrĂŒndung der Gefangenengewerkschaft von Indiana, die fĂŒr bessere Arbeits- und Lebensbedingungen kĂ€mpfte, ein Ende der rassistisch motivierten Morde und Organisation durch Gruppen wie den Klan und natĂŒrlich allgemein bessere Behandlung der Gefangenen. Einige der brutalsten WĂ€rter*innen wurden entlassen oder verurteilt, nachdem sie Gefangene zusammengeschlagen oder gefoltert hatten; So etwas war noch nie zuvor passiert.

Auch wenn ich noch viele Jahre der Qualen in Springfield, Marion (Illinois) und anderen GefĂ€ngnissen erleben sollte, habe ich das alles ĂŒberlebt. Ich erinnere mich an viele Dinge aus diesen 15 Jahren GefĂ€ngnis, aber der Kampf in Terre Haute und wie sogar weiße, die zuvor dem Klan gefolgt waren, viele Jahre lang mit den Schwarzen gegen die GefĂ€ngniswĂ€rter*innen revoltiert hatten, ist eine Sache, die ich niemals vergessen werde.

[1] Die Aryan Brotherhood (dt. „Arische Bruderschaft“) ist eine 1967 im San Quentin State Prison gegrĂŒndete, rassistische und neonazistische Organisation, die heute in vielen GefĂ€ngnissen der USA existiert. Mitglieder der Aryan Brotherhood sollen fĂŒr rund 18% der in US-GefĂ€ngnissen verĂŒbten Morde verantwortlich sein, fast ausschließlich aus rassistischen Motiven [Anm. d. Übers.].

Entnommen aus Ausbruch. In offener Feindschaft mit jeder Knastgesellschaft.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de