November 9, 2022
Von Indymedia
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Am Samstag, den 5 November öffneten sich die Türen wie angekündigt um 19.00 im Centro Sociale für die Ausstellung: “20 Jahre Bambule – Räumung – Protest – Widerstand”.

Geplant war mit einem inhaltlichen Beitrag um ca. 19.20 zu beginnen. Nach 10 min. war der Saal aber schon so voll, dass die Ausstellungsstellwände beiseite gräumt werden mussten. Viele Menschen, auch aus Berlin, Hannover …. und Dänemark angereiste, strömten in die Ausstellung. Viele, die auf Bambule oder anderen Wagenplätzen leb(t)en und Aktive der Proteste von vor 20 Jahren.

Der kurze Eröffnungsbeitrag wurde gehalten:

“Bambule Begrüßung:

Hallo, wir begrüßen alle Freund:innen und Gäste am heutigen Abend. Wir bedanken uns ganz herzlich beim Centro und allen Gruppen, die die Ausstellung mittragen.

Unser Ablaufplan: nach der Begrüßung werden H. und B. ein kurzes Statement zu den Bildern, und wer wir sind, abgeben.
UND Dann kommt der Chor

Bambule,
gestern vor 20 Jahren begann die Räumung des Bauwagenplatzes BAMBULE.
Gegen die Räumung entwickelten sich sehr schnell Proteste gegen die Stadtregierung aus CDU, FDP und der Partei Rechtsstaatlicher Offensive.
Losgetreten wurde eine Bewegung, die in 300 Tagen mehr als 180 Protest- Kultur- und Straßenaktionen umsetzte.
Der Protest wurde von vielen Foto-/Filmdokumentarist:innen visuell eingefangen.
Die hier zu sehende Auswahl aus mehr als 3.000 Bildern und mehr als 30 Stunden Filmmaterial spiegelt die Stimmung auf den Aktionen und die Vielfältigkeit/Pluralität des Protestes und Widerstandes.
An dieser Stelle sei allen Aktiven gedankt für die Bereitschaft “Ihr” Material zur Verfügung zu stellen.

Wie war die Situation – ein Teileinblick
6 der Bauwagenplätze in Hamburg hatten Verträge, davor waren vom SPD-Grünen Senat mehrere Bauwagenplätze gegen “Hausprojekte für Familien” ausgespielt worden – Gentrifizierung war das Schlagwort der Stunde.
Bis heute gibt es in Hamburg keine rechtliche Grundlage für den dauerhaften Bestand von Bauwagenplätzen. Obwohl stadtplanerisch in Hamburg-Barmbek in das Neubaugebiet des Pergolenviertel ein Bauwagenplatz 2015 mit eingeplant wurde – erwartbar zu denkbar schlechten Bedingungen, da die Baubehörde die Pläne unter ihrer Ägide hatte, gibt es kein politisches Zugeständnis eines Hamburger Senat auf dauerhaften Bestand für Bauwagenplätze.

Der Anfang
Nach unserer Recherche wurde 1993 der Bauwagenplatz Bambule im Vorwerkstift/Karoviertel eingerichtet, da die von der Stadt neu gegründete Stadtentwicklungsgesellschaft STEG (mittlerweile privatrechtlich) als Befriedungsprojekt der Stadt Hamburg keine Ersatzwohnungen für die zu sanierende Markststr. 107 im Karoviertel zur Verfügung stellen konnte.
Schnell erließ dafür der SPD-geführte Senat ein Gesetz, dass es Bauwagenplätzen in Hamburg möglich machte, befristet zugelassen zu werden.
Da die Bewohner:innen nicht nur Sanierungsobjekte der STEG, sondern auch eigenständig politisch denkende und handelnde Menschen waren, entwickelte sich der Bauwagenplatz zum Lebensraum und Gegenkonzept herkömmlicher Wohnverhältnisse. Sie  waren Teil einer emanzipatorischen Linken, die “alternativ” zu den herrschenden neoliberalen Marktradikalisierungskonzepten leben wollten.
Das Recht auf Wohnen wurde bewusst für Bauwagenplätze eingefordert.

Die Entwicklung 2002
Unbearbeitete Ressentiments und Verharmlosung der “rechten Gefahr” durch die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft machten den politischen Aufstieg eines, hauptsächlich durch die bürgerlichen Medien skandalisierten, rechtspopulistischen Amtsrichter namens Roland Barnabas Schill möglich.
Im Herbst 2002 wählten mehr als 20% der Bürger:innen die Rechtsstaatliche Offensive mit Schill als Aushängeschild. Die bürgerliche konservative Mitte (CDU) verlor Stimmen und hatte nichts Besseres zu tun, als mit der Rechten Rechtsstaatlichen Offensive und der FDP regieren zu wollen.
Schill kündigte an, alle Bauwagenplätze in seiner Amtszeit als Hamburger Innensenator räumen lassen zu wollen. Somit war klar, dass es unter diesem Senat zu großen sozialen Einschnitten kommen würde und dass alle Bauwagenplätze in Hamburg von Räumung bedroht waren.
Grundlage war der Gesetzestext des rot-grünen Senat zum Wohnen und Leben in Bauwägen in Hamburg, der sich dadurch auszeichnete, so schwammig zu sein, dass Rechtspopulisten damit Politik machen konnten. Somit konnten weiterhin die Bauwagenplätze mit Repression und Zwangsmaßnahmen überzogen und, je nach politischer Stimmung, geräumt werden.
Die Konsequenz
Als Erstes traf es den Bauwagenplatz Bambule, der per Verfügung am 4.11.2002 geräumt werden sollte. Die Bewohner:innen der Bambule verließen friedlich den Platz im Vorwerkstift, aber mit der Forderung einen alternativen sozial nahen neuen Standort beziehen zu können. Sie seien nicht aus der Welt und hätten, wie alle Menschen, ein Anrecht auf Wohnen.

Die Antwort
Autonom, frei und gemeinsam, ungezwungen, kollektiv und radikal formierte sich der Widerstand auf allen Ebenen der linken und kulturellen politischen Öffentlichkeit – weit ins liberale Lager hinein. Der Widerstand gipfelte in mehr als 180 Aktionen in 300 Tagen: bunte kraftvolle Proteste, Demonstrationen, Kundgebungen, Streetfußball-Tunieren, Militanz, Einkaufswagenrennen, Videoscreenings, Blockaden und Fluten der Innenstadt zum bürgerlichsten aller Unterwerfungsfesten: Weihnachten.
Auch aus diesen Protesten ist das Centro Sociale 2008 mit hervorgegangen.
 
Die Innenbehörde, der Staatsschutz und der Hamburger Verfassungsschutz lieferten die Gefahrenprognosen für einen martialischen gewaltvollen Knüppel- und Repressionsapparat, der jeden Widerstand mit brutalster Gewalt ersticken wollte. Das Filmmaterial legt davon Zeugnis ab.
Die Auswahl der Exponate der Ausstellung zeigen ganz bewußt den linken politisch-aktivistischen Teil der Auseinandersetzung.

In diesem Klima fehlender solidarischer Ethik, rechter Ressentiments, der Machtgelüste konservativer bürgerlicher Bünde konnte Schill, ein reaktionärer Amtsrichter, politische Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen bis heute spürbar sind.

Am Ende war der Erfolg doch auf unserer Seite: der Rechtspopulist Schill musste seinen Platz räumen und das Regierungsbündnis platzte. 2004 gewann die CDU, 2008 kam schwarz-grün. Danach rot/rot-grün ….undsooooweiterr.

Hier sei noch mal daran erinnert: Bis heute gibt es in Hamburg keine rechtliche Grundlage für den dauerhaften Bestand von Bauwagenplätzen.
Das gilt es weiterhin durch zu setzen.

An dieser Stelle und zum Schluss begrüßen wir “den Chor”, über dessen Zusage, hier zu brillieren, wir uns sehr gefreut haben.
Danke für Eure Aufmerksamkeit”

und danach kam “Der Chor” (ungeanhte Gesangsdarbietungen) mit großer Stimmenkraft und fühlte den schon vollen Saal mit Klangkunst.

Wir freuen uns über den gelungen Auftakt der Ausstellungswoche.

Zur Finissage wird ein inhaltlicher Beitrag von Katrin Brandt (Geschaftsfüherein und Architektin des alternativen Sanierungs- und Wohnungsbauträger Stattbau) zum Aspekt der Stadtplanung unter marktkapitalistischen Bedingungen und Verdrängung von “alternativen” Wohn- und Lebensformen vorgetragen werden.
Danach wünschen wir uns einen gemütlichen Ausklang – vielleicht gibt es Interesse an den Ausstellungexponaten …

Auch an dieser Stelle noch mal ein großes Dankeschön an Alle die diese Ausstellung möglich machten. Es gibt zaghafte Anfragen für weitere Ausstellungsorte und wir hoffen, das diese Ausstellung ein wenig wandert – so wie die Wägen ziehen.




Quelle: De.indymedia.org