Mai 24, 2020
Von Wildcat
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aus: Wildcat 105, FrĂŒhjahr 2020

NÀherInnen kÀmpfen!

Mit Update von 22.5.2020

Man muss nicht viel ĂŒber Bangladesch wissen, um zu verstehen, dass die Corona-Krise hier zu extremen Bedingungen fĂŒhren wird: Das Virus war ĂŒber zurĂŒckkehrende Arbeitsmigranten ins Land gekommen, mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Italien. Das Gesundheitssystem ist darauf kaum vorbereitet: FĂŒr die 170 Millionen Bangladeschis gibt es gerade mal 1170 Intensivbetten. Ende April gibt es, soweit man es einschĂ€tzen kann, noch relativ wenig Erkrankte und Tote, die Tendenz ist allerdings steigend.

Schon jetzt leiden Millionen Menschen unter den wirtschaftlichen Auswirkungen: der Export von Kleidung ist eingebrochen, generell sind die meisten Betriebe und GeschĂ€fte geschlossen. Tausende ArbeiterInnen in Europa verdienen kein Geld, das sie zurĂŒckschicken könnten, und in Bangladesch sitzen viele mit bestĂ€tigten Visa fest und können nicht ausreisen um ihre Arbeit anzutreten.1

»Wegen der Pandemie können wir uns weder einen neuen Job suchen, noch unsere Wohnung verlassen, die wir nicht mehr zahlen können«

FĂŒr viele bedeutet der Lockdown den Wegfall ihrer Einkommen: Nach der Studie einer NGO sanken die Einkommen von an der Armutsgrenze lebenden Haushalten im Vergleich zum Februar um etwa 71 Prozent. Im Durchschnitt geben diese Haushalte jetzt 25 Prozent weniger fĂŒr Lebensmittel aus. Stark ansteigende Lebensmittelpreise reduzieren die Einkaufsmöglichkeiten noch weiter. Plastisch ausgedrĂŒckt konnte sich ein normaler Rickschafahrer im Februar von seinem Tageseinkommen noch die Zutaten fĂŒr sechs bis sieben Portionen eines (sehr) einfachen Reis-Gerichts fĂŒr vier Personen leisten.2 Mitte April waren es nicht mal mehr zwei ganze Portionen. Dazu kommt, dass bis zum 13.4. nur vier Prozent der Bevölkerung ĂŒberhaupt Hilfen erhalten haben.

»Was bringt es, den Lockdown zu beachten, ohne was zu essen?«

In Dakha haben im April mehrfach Hunderte fĂŒr die Verteilung von Lebensmitteln in ihren Vierteln protestiert. Die von der Regierung aufgelegten Hilfsmaßnahmen, immerhin in Höhe von 8,9 Milliarden Dollar, kommen kaum bei den Armen und in den Slums an: die von Armee und NGOs verteilten Hilfspakete sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die meisten Hilfen von der Regierung oder von NGOs laufen ĂŒber GeldĂŒberweisungen, fĂŒr die man man ein Handy mit Guthaben braucht (was viele in der Krise nicht mehr bezahlen können) und ein mobiles Konto, was kaum jemand hat.

Immer wieder gibt es auch Proteste fĂŒr die Anerkennung als »Frontarbeiter«, denen die Regierung eine Krankenversicherung finanziert. Zuletzt haben sich Zollbeamten dafĂŒr eingesetzt, in diese Liste aufgenommen zu werden.

Die grĂ¶ĂŸten und wichtigsten Proteste bisher gingen von den NĂ€herInnen in der Bekleidungsindustrie aus. Wie fast alle ArbeiterInnen sehen sie sich einer doppelten Bedrohung ausgesetzt, dem Virus und der Krise, die ihre Jobs bedroht.

Schon Anfang MĂ€rz machten die ersten Fabriken zu, weil wegen der angeordneten Schließung der LĂ€den und KaufhĂ€user in den ZiellĂ€ndern Bestellungen storniert wurden und viele große Bekleidungsunternehmen wie Walmart, H&M und Primark sich weigerten, schon produzierte Waren anzunehmen oder zu bezahlen. Es geht dabei um AuftrĂ€ge im Wert von 3,17 Milliarden Dollar oder eine Milliarde KleidungsstĂŒcke in 1150 Fabriken mit 2,3 Millionen ArbeiterInnen (Stand: 24.4.20). Als Ende MĂ€rz ein Aufschrei durch westliche Medien ging, sahen sich einige große HĂ€ndler gezwungen, zumindest die Bezahlung der schon produzierten und in der Produktion befindlichen Waren zuzusagen. Aber die Verluste sind trotzdem massiv, dazu haben viele Unternehmer diese Gelder nicht an die Arbeiter weitergegeben.3

Am 26.3. wurden dann die meisten Fabriken auf Anordnung der Regierung bis zum 4. April geschlossen, viele ArbeiterInnen gingen fĂŒr diese Zeit aufs Land, um Geld zu sparen. Die Regierung verlĂ€ngerte den Lockdown zwar, aber Exportfabriken mit offenen AuftrĂ€gen durften die Produktion wieder aufnehmen. Das fĂŒhrte zu einer chaotischen MassenrĂŒckkehr der ArbeiterInnen in die Fabrikviertel. Weil große Teile des Nahverkehrs eingestellt waren, kamen sie zu Fuß, auf FahrrĂ€dern und Rikschas, mit horrenden Kosten fĂŒr die einzelne ArbeiterIn. Sie kamen auf Druck der Arbeitgeber zurĂŒck, auch die Angst um den Job spielte eine Rolle. Im Vordergrund standen aber die ausstehenden Löhne fĂŒr die vergangenen Monate, in einigen Fabriken war noch nicht mal der Februarlohn vollstĂ€ndig gezahlt worden. Angesichts der vielfachen ReisetĂ€tigkeit wurden alle Fabriken mit Strafandrohung wieder geschlossen.4

»Beendet die Erpressung der Unternehmer«

Die ArbeiterInnen waren nun wieder in den StĂ€dten – und natĂŒrlich wurden nach der erzwungenen Fabrikschließung die ausstehenden Löhne nicht ausgezahlt. Mindestens 36 große Exportfabriken haben den Lockdown arbeitsrechtlich als Katastrophenfall durchgefĂŒhrt: die Arbeiter haben dann nur auf 50 Prozent von Lohn und ZuschlĂ€gen Anspruch (und selbst das nur fĂŒr 45 Tage pro Jahr!). Bei Wiederaufnahme der Arbeit gilt der alte Arbeitsvertrag weiter und die ArbeiterIn behĂ€lt ihre höhere Lohnstufe.

Der Druck zu kĂ€mpfen war groß: Nach einer Befragung von 88 NĂ€herInnen aller Lohngruppen Anfang April waren 15 Prozent pleite und konnten nur noch anschreiben lassen, auch der Rest hatte nur noch Bargeld fĂŒr 16 Tage. Ein Drittel hat den Kauf von Lebensmitteln reduziert, 70 Prozent haben aufgehört Geld nachhause zu schicken, ihre Miete zu zahlen oder Zinsen zu bedienen. 43 Prozent der Befragten haben kein Geld mehr ein Handyguthaben zu kaufen.

Ohne sich von den QuarantĂ€ne-Regeln beschrĂ€nken zu lassen (die ArbeiterInnen in beengten WohnverhĂ€ltnissen mit viel zu wenig sanitĂ€ren Einrichtungen ohnehin nicht einhalten können), organisierten sie Proteste vor den Fabriken, die spĂ€testens ab dem 12.4. regelmĂ€ĂŸig bis zu 20 000 Menschen auf die Straßen brachten.

Meist sind es mehrere Hundert bis wenige Tausend, die vor den Fabriken die Lohnauszahlung und die RĂŒcknahme der Katastrophenregeln fordern. Den Protesten merkte man die Kampferfahrungen aus den letzten Jahren deutlich an. Fast nie bleiben ArbeiterInnen aus einer Fabrik allein, es kommen immer welche aus anderen Fabriken dazu. Gerade die ArbeiterInnen aus kleineren Fabriken werden dadurch sichtbarer.

Trotzdem haben die jetzigen Proteste einen anderen Charakter als in den letzten Jahren; offensichtlich sind es keine Streiks, aber auch die Zusammensetzung ist anders, weil weniger AnwohnerInnen aus dem Viertel dabei sind. HĂ€ufig setzen die Proteste die Blockade von Hauptstraßen und Autobahnen als strategisches Mittel ein. Und sie sind stĂ€rker von direkten Verhandlungen mit den Unternehmern begleitet, die meist indirekt durch die Polizei oder Politiker vor Ort gefĂŒhrt werden. Die Proteste laufen sehr geordnet ab, auch wenn manchmal ein Fenster oder eine TĂŒr zerstört wird, sind sie eigentlich friedlich. Umgekehrt setzt auch die Polizei stĂ€rker auf Deeskalation als sonst, nachdem bei einem Protest am 6.4. zwei Arbeiter bei einem TrĂ€nengaseinsatz in Panik vor einen LKW gelaufen und gestorben sind. Oft haben die ArbeiterInnen vieler Fabriken gemeinsam protestiert, in Gazipur kamen sie aus mindestens 25, in Ashulia aus ĂŒber 12 Fabriken.

»Warum gebt ihr den Unternehmern
Geld und nicht uns?«

Die Proteste waren teilweise erfolgreich: 1200 Fabriken zahlten bis zum 15.4. die offenen Löhne, am selben Tag reagierte die Regierung mit Zuckerbrot und Peitsche; sie verpflichtete die Unternehmer zur Lohnzahlung bei Strafandrohung und stellte sofort Kredite im Wert von 590 Millionen Dollar zur VerfĂŒgung. Etwa um den 20.4. hatten ĂŒber 96 Prozent der 2,5 Millionen ArbeiterInnen der zertifizierten Exportfabriken ihren Lohn erhalten. Aber niemand weiß, wie groß der Anteil der restlichen fast zwei Millionen ArbeiterInnen ist, die ihren Lohn noch nicht erhalten haben. Bis Anfang Mai hatten die ArbeiterInnen von mindestens 517 Fabriken ihren MĂ€rzlohn noch nicht erhalten.

Viele Entlassungen wurden bisher nicht zurĂŒckgenommen, in diesem Fall bekommen die ArbeiterInnen – wenn ĂŒberhaupt – nur die HĂ€lfte ihrer Löhne gezahlt. Deswegen war auch die zweite AprilhĂ€lfte von Protesten fĂŒr die volle Lohnzahlung und Wiedereinstellung bzw. die RĂŒcknahme der Betriebsschließung geprĂ€gt. Sie waren allerdings wesentlich kleiner (zum Höhepunkt wenige Tausend pro Protest), auch weil viele ArbeiterInnen wieder aufs Land gegangen sind, nachdem sie ihren Lohn bekommen hatten.

Bangladesch lÀuft

Ende April wurde der Lockdown gelockert, die Bekleidungsfabriken begannen wieder anzulaufen, bis zum 30.4. waren es mindestens 2000 Fabriken. Den Unternehmern geht es dabei vor allem um die Komplettierung schon in Produktion befindlicher AuftrĂ€ge, die sie nicht wegen Vertragsbruchs verlieren wollen. Obwohl sie zugesagt hatten, nur mit ArbeiterInnen von vor Ort zu produzieren, kam es wie schon Anfang April zur beschwerlichen massenhaften RĂŒckreise, getrieben von der Sorge, den wegen des Zuschlags fĂŒr das Fest des Fastenbrechens besonders hohen Aprillohn zu versĂ€umen. Die starken Proteste in den letzten Apriltagen forderten die volle Auszahlung der Löhne trotz der vielen Tage Stillstand. Zur Zeit scheinen sich die ArbeiterInnen in diesem Punkt weniger durchsetzen zu können. Die Regierung entschied, dass Entlassungen zurĂŒckgenommen und die Löhne zu 60 Prozent gezahlt werden sollen, wenn nicht gearbeitet wurde. Das wĂ€re ein RĂŒckschlag fĂŒr die ArbeiterInnen. Die UnternehmerverbĂ€nde warnten ihre Mitglieder direkt, dass sie sich nicht durch die Arbeiter drĂ€ngen lassen sollen, doch den vollen Aprillohn zu zahlen.

Auch andere Industrien fuhren die Produktion wieder hoch: am 26.4. öffneten z. B. acht von neun Jute-Fabriken in der Region Khulna. Insgesamt arbeiten in diesen Fabriken 30 000 ArbeiterInnen. Auch Landwirtschaft und Personenverkehr sollen langsam wieder aufgenommen werden.

Corona als Beschleuniger der Krise

VertreterInnen von NGOs und Gewerkschaften (die wegen ihrer geringen Mitgliederzahl und ihrer AbhĂ€ngigkeit von auslĂ€ndischer Finanzierungen oft faktisch auch NGOs sind) versuchen die Situation politisch zu nutzen, um die Regierung zu bewegen, einen Sozialstaat zu errichten. Dabei bedienen sie ihre eigenen Interessen: Höhere Verbreitung von Bankkonten, mehr Mikrokredite, mehr Einfluss der Gewerkschaften auf die Politik, 


In einem Land wie Bangladesch, wo ein Viertel der Bevölkerung unter der offiziellen Armutsgrenze lebt und wo es mehr als zehn Millionen Tagelöhner und sehr viele informelle ArbeiterInnen gibt, kann eine derartig lebensbedrohende Krise kaum ignoriert werden. Trotzdem ist es fraglich, ob es sozialstaatliche Maßnahmen geben wird: ohne starke KĂ€mpfe der ArbeiterInnen bestimmt nicht.

Die Wirtschaft war schon vor der Pandemie in einer deutlich spĂŒrbaren Krise: Die Exporte waren gesunken, ebenso die Gewinne der Landwirtschaft. Die Preise fĂŒr Staatgut waren gestiegen, die Großhandelspreise aber kaum, und die ProduktivitĂ€tssteigerungen der »grĂŒnen Revolution« der letzten Jahrzehnte sind schon lĂ€nger vorbei. Auch die Überweisungen der ArbeitsmigrantInnen im Ausland sind schon lĂ€nger rĂŒcklĂ€ufig.5

Besonders stark zeichnet sich die Krise in der Bekleidungsindustrie ab: Schon jetzt wird der Umsatzverlust 2020 auf sechs Milliarden Dollar geschĂ€tzt, und das nach dem schweren Krisenjahr 2019. Seit Jahren gab es hier einen ungebrochenen weltweiten Trend. Die ArbeiterInnen erkĂ€mpfen sich höhere Löhne, und trotzdem zahlen Marken- und Handelskonzerne weniger fĂŒr fertige Textilien.6

Nach der HĂ€ufung von Katastrophen wie dem Einsturz des »Rana Plaza« musste jeder Handelskonzern wegen des großen öffentlichen Drucks im Westen (besonders in Europa) irgendeiner Initiative zur Verbesserung der Bedingungen in den Fabriken beitreten. Die meisten dieser VerbĂ€nde sind nicht rechtsverbindlich, die großen europĂ€ischen wie der »Bangladesch-Akkord« allerdings schon. Dadurch ist eine neue Industrie entstanden. Fast kein Monat vergeht, in dem nicht ein mehr oder weniger unseriöser »Auditor« die Fabrik besucht, um sie zu ĂŒberprĂŒfen. Allerdings haben sich die Bedingungen in den asiatischen Fabriken in den letzten Jahren tatsĂ€chlich stetig verbessert.

Die doppelte Belastung, Lohnerhöhungen und Verbesserung der (baulichen) Arbeitsbedingungen, konnten die Fabrikbetreiber fĂŒr einige Zeit durch die Ausweitung der Produktion ausgleichen – hier scheint allerdings eine Grenze erreicht zu sein. Das trifft die Fabrikbetreiber in Bangladesch besonders hart: Im Unterschied zu anderen LĂ€ndern ist die Infrastruktur schlechter, die politische Lage chaotischer und die Industrie besonders stark darauf fokussiert, KleidungstĂŒcke nach vorgegebenen Schnittmustern billig zu produzieren. Die Möglichkeiten, die Einnahmen zu erhöhen, indem man auch die Schnittmuster entwickelt, mehr QualitĂ€tssicherung ĂŒbernimmt, Direktvermarktung betreibt, oder sich mit anderen Fabrikanten zusammenschließt, gibt es kaum. ZusĂ€tzlich ist die Konkurrenz in Vietnam, Kambodscha und Myanmar sehr viel stĂ€rker in die chinesischen Kapital- und Auftragsstrukturen eingebunden. Weil die EU, Hauptabnehmer von Kleidung aus Bangladesch, 2019 den Freihandel mit Vietnam zuließ, sanken die Kleidungsexporte erstmals, im zweiten Halbjahr kam es zu einer Welle von Fabrikschließungen. Diese Entwicklung wird nun durch Corona beschleunigt.

An anderen Textilstandorten ist die Situation Ă€hnlich: Auch in Myanmar, Kambodscha und Sri Lanka haben hunderte Fabriken wegen stornierter AuftrĂ€ge geschlossen, auch hier entwickeln sich Proteste. Insgesamt sind die Folgen zur Zeit schwer zu beurteilen. SchĂ€tzungen zufolge sollen die UmsĂ€tze der globalen Mode-Marken diese Jahr um 30 Prozent zurĂŒckgehen.

Klar ist jedenfalls, dass die Erfolge der NĂ€her­Innen in den Weltmarktfabriken in Asien durch die Krise gefĂ€hrdet sind. In den letzten Jahrzehnten haben sie einen besseren Lebensstandard erkĂ€mpft und dabei eine Angleichung der internationalen Produktionsbedingungen herbeigefĂŒhrt, auch wenn ihre Löhne noch ein gutes StĂŒck von europĂ€ischen Löhnen entfernt sind. Diese Erfolge werden sie ohne starke (internationale) KĂ€mpfe nicht halten können.

Update 22.5.2020

Seit der Fertigstellung des Artikels ist der Corona-Ausbruch in Bangladesch deutlich stĂ€rker geworden. Offiziell sind es mittlerweile insgesamt 432 Tote und 30205 Infizierte. Das Virus ist selbst im Rohingya-FlĂŒchtlingslager ausgebrochen. Auch FabrikarbeiterInnen haben sich angesteckt und es gibt Berichte, dass sich positiv Getestete durch schnelle RĂŒckkehr aufs Land der QuarantĂ€ne in der Stadt entziehen wollen. Hinzu kommt jetzt noch das Unwetter: Teile von Bangladesch sind durch den »Super-Zyklon« Amphan verwĂŒstet.

In dieser Situation verschlechtern sich die Lebensbedingungen weiter: Immer mehr StadtbewohnerInnen rutschen in die Armut ab. Einer NGO zufolge haben fast alle befragten Wanderarbeiterinnen seit Beginn des Lockdowns kein Einkommen mehr. 90 Prozent dieser Frauen arbeiteten im informellen Sektor, 70 Prozent von ihnen waren die Hauptverdienerin in ihrem Haushalt. Und selbst unter den relativ gut gestellten NĂ€herInnen sank das Haushaltseinkommen im Schnitt auf die HĂ€lfte.

Kein Wunder also, dass die KĂ€mpfe der NĂ€herInnen weitergehen. Im Zentrum steht die vollstĂ€ndige Auszahlung des traditionell besonders hohen Aprillohns, aber auch der MĂ€rzlohn und die Fabrikschließungen sind weiterhin Thema. Noch immer haben die ArbeiterInnen von ca. 120 Fabriken ihren MĂ€rzlohn nicht ausgezahlt bekommen, mindestens 420 Fabriken haben wegen Auftragsmangel die Produktion nicht wieder aufgenommen (davon sind etwa 100 dauerhaft zu). Von diesen Schließungen sind also etwa 500000 der ĂŒber vier Millionen BekleidungsarbeiterInnen betroffen.

Die Proteste auf den Straßen sind wieder grĂ¶ĂŸer geworden, und die Polizei versucht vermehrt, sie gewaltsam zu beenden, u.a. mit TrĂ€nengas. ArbeiterInnen mehrerer Fabriken kommen zusammen, , ab und zu sogar die eines ganzen Industriegebiets, teilweise waren Tausende auf den Straßen. Diesen Protesten schließen sich jetzt auch wieder andere Bewohnerinnen der Viertel an. Da in vielen Fabriken wieder gearbeitet wird, gibt es auch in den Betrieben wieder KĂ€mpfe: kurze Streiks, kurze Betriebsbesetzungen durch Sitzblockaden, DemonstrationszĂŒge durch die Fabriken… Die UnternehmerverbĂ€nde warnen vor einer Zunahme der Sabotage.

Ob die KĂ€mpfe erfolgreich sein werden, ist zur Zeit noch nicht absehbar. Bisher sind die Ergebnisse schwer einzuschĂ€tzen. Mindestens tausend Unternehmer haben in einer Befragung angegeben, dass sie nicht in der Lage seien, vor dem Fest des Fastenbrechens (23. Mai) irgendeine Zahlung zu leisten. In der letzten Woche haben sich deshalb die KĂ€mpfe nochmal intensiviert, zehntausende ArbeiterInnen kĂ€mpften jeden Tag. Das fĂŒhrte zu einer unĂŒbersichtliche Gemengelage aus Versprechungen, VorschĂŒssen, Zahlungen von Lohnteilen und vollen Löhnen. In etwa 3000 Fabriken wurde mindestens die HĂ€lfte des April-Lohns und Zulagen gezahlt. Viele ArbeiterInnen haben dennoch bislang keinen Lohn erhalten.

Bekleidungsindustrie im Vergleich

Es gibt mindestens 35 Millionen NĂ€herInnen weltweit, wahrscheinlich deutlich mehr. Viele von ihnen arbeiten in kleinen Klitschen, in der informellen Ökonomie oder der Heimindustrie. Hier werden die Bedingungen nicht direkt durch die erkĂ€mpften Mindestlöhne gesteuert, sondern indirekt durch die VerĂ€nderung des gesellschaftlichen Lohnniveaus.

Im Folgenden geht es aber um die Löhne der ArbeiterInnen in Fabriken, die vor allem fĂŒr den Weltmarkt produzieren. Die offiziellen Mindestlöhne sind hier die Untergrenzen, real verdienen die meisten ArbeiterInnen deutlich mehr, erst recht mit Überstunden. Ausnahme ist die TĂŒrkei, wor in den letzten Jahren zwischen 250000 und 400000 syrischen FlĂŒchtlinge oft ohne Arbeitserlaubnis in der Bekleidungsindustrie arbeiten. Befragungen von ArbeiterInnen zufolge verdient auch ein solcher Arbeiter zwar im Durchschnitt den Mindestlohn, aber die meisten Frauen (die unter den syrischen Bekleidungsarbeitern wohl in der Minderheit sind) verdienen weniger als den Mindestlohn. TĂŒrkische ArbeiterInnen verdienen aber mehr als den Mindestlohn.7

China
ArbeiterInnen: Sechs Millionen
Lohnuntergrenze: 2013: 1 450 RMB; 2019: 2 200 RMB (286 Euro)
Export: 158 Mrd. Euro

Indien
ArbeiterInnen: Sechs Millionen
Lohnuntergrenze: 2013: 4 334 INR; 2019: 8 609 INR (105 Euro)
Export: 17 Mrd. Euro

Bangladesch:
ArbeiterInnen: Vier Millionen
Lohnuntergrenze: 2013: 5 300 Taka; 2019 8 000 Taka (87 Euro)
Export: 28 Mrd. Euro

TĂŒrkei
ArbeiterInnen: Zwei Millionen
Lohnuntergrenze: 2013: 505-1 280 TLR; 2019: 2 030 TLR (261 Euro)
Export: 14 Mrd. Euro

Vietnam:
ArbeiterInnen: 1,5 Millionen
Lohnuntergrenze: 2013 72 Euro, 2019: 163 Euro
Export: 25 Mrd. Euro

Kambodscha
ArbeiterInnen: 750 000
Lohnuntergrenze: 2013: 70 Euro, 2019: 168 Euro
Export: 6,5 Mrd. Euro

Italien
ArbeiterInnen: 400 000
Lohnuntergrenze: 400 Euro (schwarz, MigrantIn) – 1 300 Euro (Tarif)
Export: 16,5 Mrd. Euro

Myanmar
ArbeiterInnen: 250 000
Lohnuntergrenze: 2013: 70 Euro, 2019: 93 Euro
Export: 2,3 Mrd. Euro

Bulgarien
ArbeiterInnen: 30 000
Lohnuntergrenze: 2013: 129 Euro; 2019: 261 Euro
Export: 1,7 Mrd. Euro

Deutschland
ArbeiterInnen: 31 000
Lohnuntergrenze: 2019: 1 800 Euro brutto
Export: 7,4 Mrd. Euro

[English version]

Fußnoten:

[1] In einer schweren Notlage befinden sich auch die ĂŒber eine Millionen Rohingya, die aus Myanmar nach Bangladesch geflohen waren. Die Regierung hat sich dazu entschieden, ihr FlĂŒchtlingslager komplett abzuriegeln, um es vor dem Virus zu schĂŒtzen. Ein Ausbruch wĂ€re dort völlig unkontrollierbar. Es gibt nur noch eine Notversorgung mit Lebensmitteln und die notwendigsten medizinischen Maßnahmen. Diese Versorgung wird von 20 Prozent der normalen HelferInnen durchgefĂŒhrt, die streng auf das Virus kontrolliert werden. Die LebensqualitĂ€t im Lager hat sich durch diese Maßnahmen drastisch verschlechtert.

[2] Viele der in diesem Artikel zitierten Zahlen stammen aus Studien, die NGOs oder Beratungsfirmen im Auftrag von NGOs produziert haben. Viele stehen in irgendeiner Verbindung zu BRAC, der »grĂ¶ĂŸten NGO der Welt«. BRAC besitzt eins der grĂ¶ĂŸten BankhĂ€user in Bangladesch, das wiederum mit bKash den wichtigsten Anbieter fĂŒr mobile Bankkonten besitzt. Andere wichtige Investoren bei bKash sind die Gates Foundation und Ali Pay. Diese NGOs nutzen ihren Einfluss in der Coronakrise, um ihr GeschĂ€ftsmodell auszubauen, wenn sie in den Situationsberichten immer wieder das Fehlen mobiler Bankkonten beklagen und vorschlagen, Hilfsmaßnahmen hauptsĂ€chlich ĂŒber diese Konten durchzufĂŒhren.

[3] Die Bekleidungsunternehmen sind sehr stark von der Krise getroffen, egal ob Primark, Adidas, H&M, etc. Sie haben AuftrĂ€ge abgesagt und Ă€hnliche Schritte versucht: Ladenmiete nicht bezahlen, Kurzarbeit, AnkĂŒndigung betriebsbedingter KĂŒndigungen. Gerade die Verweigerung der Ladenmieten kam nicht gut an, Adidas und andere mussten nach harscher öffentlicher Kritik zurĂŒckrudern.WĂ€hrend H&M die Zahlung der schon produzierten Textilien ziemlich schnell zusagte, hat Primark lange geglaubt, mit seiner ĂŒblichen Methode durchzukommen: einen Hilfsfonds aufsetzen, ohne etwas Konkretes zuzusagen. Doch nachdem selbst der Mutterkonzern von Primark heftig in die Kritik gekommen war, wurde am 20.4. die Zahlung zugesagt. Da Primark nicht online verkauft, ist das Unternehmen hĂ€rter getroffen als die anderen Marken, der Umsatzausfall liegt pro Monat bei 746 Millionen Euro.

[4] Es ist momentan nicht möglich, die wirkliche Zahl der entlassenen ArbeiterInnen abzuschĂ€tzen. Anfangs waren in den Medien Zahlen bis zu einer Million zu lesen. Dabei wurden allerdings entlassene und nicht bezahlte ArbeiterInnen gleichgesetzt. Klar ist, dass in mindestens 938 Fabriken ArbeiterInnen entlassen wurden, wenn man Firmenpleiten und Schließungen im Katastrophenfall zusammenrechnet.

[5] Über 12 Millionen Bangladeschis arbeiten im Ausland, 80 Prozent im Nahen Osten. Es wird geschĂ€tzt, dass die RĂŒcksendungen 2020 auf 14 Milliarden Dollar fallen werden, von 18 Milliarden 2019. Sie sind nach der Textilindustrie der zweitwichtigste Außenhandelsfaktor.

[6] In der Wildcat 97 haben wir die KĂ€mpfe bis Mitte 2014 ausfĂŒhrlich dargestellt und die direkten Auswirkungen von »Rana Plaza« beschrieben. In den letzten Jahren rĂŒckte die zunehmende Repression immer stĂ€rker in den Blick. Nachdem 2016 eine große Streikwelle ohne sichtbare Erfolge durch Repression beendet werden konnte, gab es in den zwei Jahren danach relativ wenige Streiks (Wildcat 102). Anfang 2019 setzte eine große, aber im Vergleich mit 2013 schwache Kampfwelle eine relativ geringe Mindestlohnerhöhung durch (Wildcat 103).

[7] Einer wichtigen Quelle sind die Materialien der Clean Clothes Campaign. FrĂŒher stellte sie oft Skandalisierung ĂŒber Genauigkeit und gab teilweise die Mindestlöhne zu niedrig an, heute sind ihre Materialien qualitativ sehr gut und oft mit Daten aus Arbeiterbefragungen unterfĂŒttert.




Quelle: Wildcat-www.de