Mai 27, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Mbembe und TĂĄĂ­wĂČ diskutieren ĂŒber staatliche Zwangsgewalt, Technologisierung und algorithmischem Rassismus sowie den universellen Kampf fĂŒr raciale und ökologische Gerechtigkeit.

Via RoarMag

Achille Mbembe ist ein bahnbrechender Philosoph, dessen zahlreiche BĂŒcher seit Mitte der 1980er Jahre aufzeigen, wie die KolonialitĂ€t Demokratie, IdentitĂ€t und Moderne geprĂ€gt hat.

OlĂșfáșč́mi TĂĄĂ­wĂČ ist ein aufstrebender Denker, Schriftsteller und Aktivist, dessen theoretische Arbeit frei aus der Schwarzen radikalen Tradition und antikolonialem Denken schöpft. Er hat ausgiebig ĂŒber Klimagerechtigkeit geschrieben.

In diesem faszinierenden und weitreichenden GesprĂ€ch helfen sie uns, die moderne staatliche Zwangsgewalt zu verstehen, indem sie ihre Wurzeln im Kolonialismus zurĂŒckverfolgen und untersuchen, wie sie unsere heutigen Sicherheitsinstitutionen geprĂ€gt hat.


Warum ist dies ein Zeitalter steigender autoritĂ€rer staatlicher Kontrolle geworden? Vor ein paar Jahrzehnten schien es, als wĂŒrden wir uns mit dem Fall der Berliner Mauer von einer Welt des Autoritarismus wegbewegen. Es gab das GefĂŒhl, dass sich die Welt öffnete. Und doch scheinen wir heute in eine andere Richtung zu gehen. Wie verstehst du, was heute passiert?

Achille: Das ist eine sehr komplexe Frage. Eine Möglichkeit, es zu betrachten, ist, dass Kapitalismus und Demokratie schon immer im Streit lagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen beide Systeme zu einer Art Kompromiss. Es gab eine Art stillschweigenden Frieden, da die kolonialen Systeme beendet wurden, neue Staaten in ein globales System integriert wurden, auch wenn das System zutiefst hierarchisch blieb. Aber seit dem Ende des 20. Jahrhunderts mit der ersten Globalisierung und den anhaltenden Transformationen des Neoliberalismus wurden sowohl die Demokratie als auch in gewissem Maße der Staat selbst ausgehöhlt.

Durch eine Reihe von Mechanismen, wie z.B. Schulden, haben sich die Staaten bei den Konzernen und der Macht der Konzerne verschuldet. Was vom Staat ĂŒbrig bleibt, ist ein Zwangsapparat, der in den Dienst eines Wirtschaftssystems gestellt wird, dessen Hauptfunktion darin besteht, mit allem Leben zu handeln.

Zusammen mit einer technologischen Eskalation hat dies zu einer Beschleunigung der rĂ€uberischen Praktiken gefĂŒhrt. Die ErklĂ€rung fĂŒr die autoritĂ€re Wende, auch der sogenannten liberalen Demokratien, liegt im Schnittpunkt dieser multiplen Krisen: der rĂ€uberischen Aneignung des Lebens, der Technologisierung und der AusplĂŒnderung des Planeten.

OlĂșfáșč́mi: Ich sehe das ganz Ă€hnlich. Ich nehme an, das Einzige, was ich hinzufĂŒgen wĂŒrde, ist der grĂ¶ĂŸere Hintergrund der fĂŒnf oder so Jahrhunderte des Kolonialismus, wo die Kolonien unter einer sehr expliziten autoritĂ€ren Herrschaft standen und von expliziten Systemen der racialen Apartheid geleitet wurden.

Die Erwartung, dass wir uns auf eine Periode der liberalen Demokratie zubewegen, spiegelt eine außergewöhnliche Zeit wider, die auf geopolitischen Kampflinien zwischen den USA und der Sowjetunion basierte. Es wurde unsinnigerweise als freiheitsliebende liberale Demokratie gegen die freiheitshassenden kommunistischen Regime dargestellt, wobei ignoriert wurde, dass so viele Staaten unter direkter kolonialer, autokratischer, imperialer, racial-hierarchischer Kontrolle durch die sogenannten liberalen Demokratien standen.

Und als der geopolitische Kampf um die Herzen und Köpfe des Kalten Krieges nicht mehr im Spiel war, ist es nicht verwunderlich, dass das, was auf 1989 folgte, keine Periode ernsthafter liberaler Demokratie und Freiheit war, sondern eher uneingeschrĂ€nkte staatliche und private UnterdrĂŒckung.

Wie können wir also in diesem Kontext staatliche Zwangsgewalt und Gewalt, wie sie sich heute abspielt, am besten verstehen?

Achille: Es scheint mir, dass es verschiedene Arten von staatlicher Gewalt gibt, die bestimmten Bevölkerungsgruppen — Schwarzen, Minderheiten, Frauen, den SchwĂ€chsten — von der Polizei, den GefĂ€ngnissen, dem MilitĂ€r, dem Grenzschutz ĂŒberall zugefĂŒgt werden. Nennen wir es eine maschinelle Gewalt. Sie ist direkt, unmittelbar, sichtbar und oft mörderisch — wie wir bei George Floyd und Breonna Taylor gesehen haben. Die Liste ist endlos und es geschieht mit Massen von Menschen, die getötet, disloziert oder vertrieben werden.

Aber wir haben auch eine andere „langsame“ Gewalt, die entfernter, allmĂ€hlicher und weniger wahrnehmbar ist. Hier beziehe ich mich auf die Arbeit von Rob Nixon, der eine verzögerte, ĂŒber die Zeit verteilte Zerstörung beschreibt. Das ist es, wie ich Rassismus wahrnehme.

Wir haben also diese zwei Formen der Gewalt — die unmittelbare sichtbare Form und die langsame und verzögerte, die zusammen einen ZermĂŒrbungsapparat bilden, der nicht nur den Körper, sondern auch die Nerven angreift. Dieser Apparat wird auch immer mehr technologisiert, immer mehr algorithmisch. Algorithmischer Rassismus wird die Form des Rassismus sein, die wir in Zukunft erleben werden, ausbreitend und viral wie eine mutierte Kraft.

Der gegenwÀrtige Rassismus liegt in dieser Verbindung zwischen dem Radioaktiven und dem Viralen. Die Herausforderung wird sein, wie man das bekÀmpfen kann.

Könntest du also die Agent_innen dieser BrutalitÀt definieren, und welche verschiedenen Rollen spielen sie?

OlĂșfáșč́mi: Wir mĂŒssen verstehen, wozu Institutionen wie die Polizei gedacht sind. Ich denke, dass die Antwort auf diese Frage ziemlich klar ist. Sie sind aus Institutionen wie Sklav_innenpatrouillen und paramilitĂ€rischen Gruppen hervorgegangen, die dazu gedacht waren, die Arbeiter_innen zu disziplinieren und die Einwanderer_innen und Sklav_innen zu ĂŒberwachen und zu disziplinieren.

Mit anderen Worten, es geht ihnen hauptsÀchlich darum, Unsicherheit zu verteilen. Sie existieren nicht, um die Gesellschaft als Ganzes sicher zu machen; sie existieren, um bestimmte Menschen, bestimmte Elemente, bestimmte Gruppen innerhalb der Gesellschaft sicher zu machen, was etwas ganz anderes ist.

Und in Bezug auf andere Institutionen wie die Armee betrachte ich sie als unterschiedliche Institutionen, die die gleiche Funktion erfĂŒllen. Sie haben einige Unterschiede in Bezug darauf, wie sehr sie geographisch gebunden sind, aber diese Institutionen dienen grundsĂ€tzlich dem gleichen Zweck und teilen nicht ĂŒberraschend auch Taktiken, Informationen und Ressourcen.

Es gibt viele krasse Beispiele dafĂŒr, wie diese Institutionen Unsicherheit verbreiten, aber als nigerianischer Amerikaner und mit dem Aufkommen der #EndSARS-Proteste, macht es Sinn, auf Nigeria zu schauen. Afrobarometer hat kĂŒrzlich eine Umfrage durchgefĂŒhrt, in der mehr als drei Viertel der nigerianischen Befragten angaben, Bestechungsgelder an die Polizei zu zahlen. Viele von ihnen haben Bestechungsgelder gezahlt, nur um regelmĂ€ĂŸige UnterstĂŒtzung durch die Polizei zu bekommen, also ist es klar, dass es sich eher um eine Institution der Erpressung handelt, als um eine SicherheitsprĂ€senz. Es ist kaum eine Institution, die „dient und schĂŒtzt“, wie man hier in den Vereinigten Staaten sagt.

Wenn wir also diesen Aspekt staatlicher Zwangsgewalt als Verteilung von Sicherheit durch Verteilung von Unsicherheit betrachten, ist es nicht lĂ€nger widersprĂŒchlich, dass wir den Anstieg von militarisiertem Policing und KolonialitĂ€t zur gleichen Zeit sehen, in der der Wohlfahrtsstaat zurĂŒcktretet. Denn beides geht eigentlich in die gleiche Richtung, einige Menschen sicher zu machen, wĂ€hrend und durch die Aufrechterhaltung der Unsicherheit anderer Menschen.

Achille: Ich denke, was wir in verschiedenen Gesellschaften auf der ganzen Welt aufsteigen sehen, ist der Aufstieg des bewaffneten Rassismus. NatĂŒrlich ist bewaffneter Rassismus nichts Neues. Die Funktion der Polizei, der Armee, aller Zwangsarme des Staates muss innerhalb der rassistischen Architektur verstanden werden, in der sie entstanden ist.

Aber wir sehen eine zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Polizei und Armee, wo die Polizei noch nie so militarisiert war und wie eine Armee gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. In der traditionellen politischen Aufteilung kĂŒmmert sich die Armee um auslĂ€ndische Feind_innen und die Polizei um die innere Ordnung. Aber diese Trennungen brechen zusammen, genauso wie die Trennungen zwischen Polizei und Miliz.

Wir sind Zeug_innen einer weltweiten und universellen Neuordnung der Macht und diskriminierender Gewalt. Dies fĂŒhrt dazu, dass einige vorzeitig hingerichtet werden und andere nicht. Man könnte es auch Sicherheit oder Unsicherheit nennen, wie OlĂșfáșč́mi diskutiert hat. Es erinnert uns auch noch einmal daran, dass es im Kolonialismus geboren wurde, der das Labor war, in dem diese moderne Ordnung erprobt und entwickelt wurde.

In Bezug darauf, wohin sie sich entwickelt, denke ich, dass die Agent_innen der Brutalisierung dezentraler geworden sind, als sie es jemals zuvor waren und abstrakter. Sie gehen immer noch durch die traditionellen Apparate des Staates, wie die Polizei, die Justiz, das Inhaftierungssystem. Aber darunter liegt die zunehmende Rolle der Programmierung, da Zwang technologisiert wird.

In der Art und Weise, wie sie die BrutalitĂ€t umverteilt, ist die Programmierung abstrakt, da sie Menschen codiert. Dabei werden Menschen nicht nur in Zahlen verwandelt, sondern vielmehr in einen Code, in Daten, die gespeichert, zirkuliert und auch spekuliert werden können, auch vom Finanzkapital. Es gibt also eine Entmaterialisierung des Staates selbst, da er einige seiner Funktionen an diese Technologien abgibt, die zwar neutral erscheinen, es aber nicht sind. So haben wir zwar immer noch einen Cop, der einen Schwarzen in Minnesota packt und tötet, indem er ihm sein Knie auf den Hals legt, aber auch die Vernichtung derer, die als ĂŒberflĂŒssig gelten, wird an neue Maschinen ausgelagert.

Wie verstehen wir, wie sich das im Globalen SĂŒden abspielt, sowohl im Hinblick auf die koloniale Geschichte, aber auch auf postkoloniale FĂŒhrer_innen und Strukturen, die ihre Bevölkerungen weiterhin unterdrĂŒcken?

OlĂșfáșč́mi: In der lĂ€ngeren Geschichte des Kolonialismus war es fĂŒr Imperien immer schwierig, Macht außerhalb ihres eigentlichen geografischen und sozialen Terrains zu projizieren, daher haben sie immer versucht, Einheimische in mittlere FĂŒhrungspositionen zu rekrutieren und das Volk zu spalten, indem sie einen Teil der Bevölkerung ermĂ€chtigten. Der transatlantische Sklav_innenhandel hĂ€tte nicht stattfinden können, wenn er sich nur auf das europĂ€ische Wissen ĂŒber Handelsnetzwerke und soziale Beziehungen verlassen hĂ€tte.

Heute werden wichtige Aspekte der globalen sozialen Strukturen in Bezug auf die wirtschaftliche Produktion und die Verteilung des Reichtums auf multinationaler Ebene durch die Bretton-Woods-Institutionen und in Formen wie dem Doing Business Index entschieden. Ihr Ziel ist es, diese LĂ€nder wirtschaftlich zu liberalisieren, um die transnationale Governance des Kapitals in Form des Konzerns zu erleichtern. Es sind also Microsoft und Motorola und Alphabet und Stahlhersteller und das große Agrobusiness, die aus einer materialistischen Perspektive die Welt regieren. Solange wir uns damit nicht auseinandersetzen, glaube ich nicht, dass wir in der Lage sein werden, die Rolle des Staates zu verstehen.

Achille: Ich denke, OlĂșfáșč́mi hat es sehr gut erklĂ€rt. Obwohl es Wellen der Entkolonialisierung gegeben hat, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass selbst am Ende des 20. Jahrhunderts Orte wie SĂŒdafrika (und ein Großteil des sĂŒdlichen Afrikas) immer noch unter einer ziemlich bösartigen Form des Kolonialismus standen, dem Siedlerkolonialismus, der auf der Idee beruht, dass bestimmte „Rassen“ anderen ĂŒberlegen sind.

WĂ€hrend also eine Art Entkolonialisierung stattgefunden hat, bedeutet das nicht, dass der Kolonialismus beendet ist. Einige Teile der Welt sind immer noch unter kolonialer Besatzung. Aber noch wichtiger ist, dass die KolonialitĂ€t geblieben ist. Das ist ein Modus des Herrschens, in dem bestimmte Menschen als entbehrlich und doch unverzichtbar gelten. So hat die raciale Herrschaft funktioniert. Wir brauchen deine Muskeln, deine Arbeit, aber wir sind auch berechtigt, ĂŒber dich so zu verfĂŒgen, wie wir wollen. Diese Dialektik von Entbehrlichkeit und Unentbehrlichkeit beschleunigt sich heute und fĂŒhrt zu einer Politik des Aussetzens, einer Politik der VernachlĂ€ssigung.

Wie entkommen wir also dieser KolonialitĂ€t sowohl im SĂŒden als auch im Globalen Norden?

OlĂșfáșč́mi: Wir mĂŒssen eine wirkliche strukturelle Politik entwickeln. Die Lösung ist eindeutig nicht so einfach, wie jemanden an die Macht zu bringen, der so aussieht wie du. Das Problem mit der IdentitĂ€tspolitik ist, dass sie sich darauf konzentriert, wer schlecht und wer gut ist, wer die UnterdrĂŒckenden und wer die UnterdrĂŒckten sind, wer das Opfer und wer der_die Schikaneur_in ist. Aber jede bewusste Geschichte des Kolonialismus zeigt den Beitrag und die Kompliz_innenschaft von afrikanischen HĂ€ndler_innen, SklavenhĂ€ndler_innen und staatlichen BĂŒrokrat_innen. Wir mĂŒssen die strukturellen GrĂŒnde fĂŒr Herrschaft und Rassismus verstehen und eine weniger rĂ€uberische Form der Politik schmieden.

Wenn du dir zum Beispiel die Wohnungsunsicherheit oder die Inhaftierung hier in den USA oder international anschaust, wirst du krasse raciale Unterschiede sehen. Aber die GrĂŒnde dafĂŒr sind kompliziert und die Lösungen werden es auch sein. Wir mĂŒssen unsere politische Welt so strukturieren, dass wir die Sicherheit der anderen verteidigen, anstatt die Profitmargen einiger Leute zu verteidigen oder den Anspruch einiger Leute auf Kontrolle oder den Wunsch, eine koloniale Politik aufrechtzuerhalten, wie Achille erklĂ€rt hat.

Wie sollten sich soziale Bewegungen in diesem Kampf zum Staat verhalten? Angesichts der Macht der Konzerne und der MarktkrĂ€fte wird der Staat als wichtiges Bollwerk gesehen, um seine BĂŒrger_innen vor dem Kapital zu schĂŒtzen, doch wie wir besprochen haben, sind soziale Bewegungen auch der grĂ¶ĂŸten Gewalt durch den Staat ausgesetzt.

OlĂșfáșč́mi: Es ist richtig, dass es so etwas wie eine Spannung gibt, aber es lohnt sich darauf hinzuweisen, dass es nicht die Zwangsgewalt als solche ist, der sich die Bewegungen fĂŒr Gerechtigkeit entgegenstellen sollten. Die kubanischen RevolutionĂ€r_innen, die mosambikanische Befreiungsfront, die KĂ€mpfenden der Kapverden, Angola und Simbabwe haben alle Zwangsgewalt eingesetzt, um sich vom Kolonialismus zu befreien. Manchmal wird das GesprĂ€ch ĂŒber Zwangsgewalt im Gewand des Staates oder eines anderen ĂŒbermĂ€ĂŸig moralisiert. Macht im Allgemeinen ist ein Werkzeug, und wie wir es moralisch bewerten, hĂ€ngt davon ab, wie es eingesetzt wird und zu welchen Zwecken.

Nachdem das gesagt ist, denke ich, dass wir uns darauf konzentrieren sollten, Wege zu finden, um den Staat auszunutzen und genauer gesagt, die Unterschiede zwischen den Interessen des Staates und des Kapitals auszunutzen. Staat und Kapital waren in den letzten Jahrzehnten zu „kumpelhaft“, und die UnfĂ€higkeit der sozialen Bewegungen, den einen gegen den anderen auszuspielen, hat zum neoliberalen Konsens gefĂŒhrt. Und das hat zu einer Politik der Abtretung gefĂŒhrt und zu einer Schrumpfung der staatlichen Aufgaben ohne kompensatorische Gewinne fĂŒr die meisten Menschen auf der Erde.

Und so denke ich, dass die Forderung nach öffentlicher Kontrolle des Staates und nach der Zuweisung von Verantwortung an den Staat fĂŒr Rollen, die von rein extraktiven, korporativen, kolonialen Institutionen ĂŒbernommen wurden, eine gute taktische Option ist.

Was sind deiner Meinung nach einige der sich verÀndernden Dynamiken, die du im Zusammenhang mit staatlicher Zwangsgewalt in der Zukunft siehst?

Achille: In meinem Buch Critique of Black Reason habe ich mich auf etwas bezogen, das ich das „Schwarzwerden der Welt“ nannte. In der westlich-atlantischen Welt, wĂ€hrend der Plantagensklaverei, wurden Menschen, die als Schwarz galten, unter einer sehr spezifischen Vorschrift regiert, dem Code Noir, dem Schwarzen Code. Dies war ein juristischer Mechanismus, der es den Herrschenden erlaubte, sogenannte Schwarze Menschen auf eine Art und Weise zu behandeln, wie niemand sonst behandelt wurde.

Heute können wir sehen, dass der Neoliberalismus in der Krise ist und sich daher immer mehr auf einen illiberalen Staat verlassen muss, um seine Ziele zu untermauern. Das bedeutet, dass mehr und mehr Menschen unter diesem Code regiert werden. Immer mehr Menschen werden so regiert, als ob sie Schwarze wĂ€ren, mit allem, was das mit sich bringt: schamlose Gewalt, Entrechtung, Ausgesetztsein gegenĂŒber allen möglichen Risiken, vorzeitiger Tod.

Diese Universalisierung des Schwarzen Codes wird weitergehen, wĂ€hrend die Welt brennt, der Planet brennt, weil er seine Grenzen erreicht hat. Aufgrund des ökologischen Zusammenbruchs wird unsere Welt also immer unwirtlicher fĂŒr das Leben selbst. Wenn wir also ĂŒber die Bewohnbarkeit des Planeten nachdenken, dann mĂŒssen wir ernsthaft darĂŒber nachdenken, wie wir Konvergenzen zwischen dem Kampf gegen Rassismus und den ökologischen KĂ€mpfen zur Regeneration unseres Planeten schaffen können. Die beiden sind untrennbar miteinander verbunden.

Die dritte Dynamik wird der technologische Wandel sein, der zu unserem Biotop, Milieu oder Umwelt geworden ist, welche zunehmend definiert, wer wir sind und auch unsere Zukunft. Dies wird neue KĂ€mpfe um die RĂŒckeroberung der Technologie fĂŒr die menschliche Emanzipation wie auch fĂŒr die Emanzipation im Allgemeinen mit sich bringen. Wir brauchen eine Emanzipation, die Menschen und Nicht-Menschen einschließt, denn das Schicksal der Menschen ist heute mehr denn je an das Schicksal anderer Arten gebunden. Die Zeiten, in denen wir leben, erfordern ein Multi-Spezies-Projekt.

OlĂșfáșč́mi: Ich könnte dem, was Achille gesagt hat, nicht mehr zustimmen. Wenn ich könnte, wĂŒrde ich es aus einem Lufthorn ĂŒberall auf der Welt schreien.

Ich denke, die Analyse des Code Noir und die Art und Weise, wie er zu einer racial geschichteten Welt gefĂŒhrt hat, ist der SchlĂŒssel. Eine Sache, die die Leute zwar anerkennen, aber nicht in ihr mehr systemisches Bild zu integrieren scheinen, ist, dass tatsĂ€chlich Schwarz zu sein nicht unbedingt bedeutete, dass man versklavt war im Sinne der Leibeigenschaft. Es gab auch Populationen von befreiten Menschen, biraciale Menschen, die eine andere Mischung aus politischen EinschrĂ€nkungen und politischen Rechten erlebten. Doch Schwarz zu sein bedeutete, dass es dir passieren konnte und dass es sehr wahrscheinlich war, wenn du im falschen Teil der Welt im falschen Jahrhundert warst.

Das soll die Geschichte der racialen Herrschaft nicht schmĂ€lern, sondern die Natur des Systems verdeutlichen. Ähnlich verhĂ€lt es sich mit dem anderen Ende der racialen Hierarchie: Weiß zu sein bedeutete nicht, dass man das Sagen hatte, es bedeutete, dass es eine Untergrenze gab, ein Niveau der Arbeitsausbeutung, das man nicht unterschreiten durfte, dass man nicht als Eigentum behandelt werden durfte.

Ich denke, diese kategorischen Begriffe in probabilistische Begriffe umzuwandeln, hilft dabei, Ruth Wilson Gilmores Definition von Rassismus als Gruppenunterschiede und AnfĂ€lligkeit fĂŒr einen vorzeitigen Tod zu verstehen, ebenso wie Achilles Punkt, wie die Welt in einer Ära der ökologischen und klimatischen Krise schwĂ€rzer wird.

Viele der Rechte und Privilegien, die manche Menschen als in das Weißsein eingebaut betrachten, sind in Wirklichkeit abhĂ€ngig von der besonderen sozialen Struktur, in der sie leben, ihrem Reichtum und ihrer Macht, diese auf diskriminierende Weise zu verteilen. Nur weil die Vereinigten Staaten ĂŒber den Reichtum verfĂŒgen, konnten sie eine Mittelschicht schaffen, die ĂŒber wirtschaftliche Privilegien verfĂŒgt, die ĂŒber die rassifizierte Unterschicht hinausgehen. Rechte und Freiheit sind abhĂ€ngig von der Nation eines Volkes, seiner geopolitischen Position, die von der wirtschaftlichen Produktion abhĂ€ngt. Diese wiederum sind abhĂ€ngig vom Himmel, dem Regen, der Luft und dem Wasser, den Pflanzen und den Tieren, Dinge, die wir in diesem Jahrhundert nicht mehr als selbstverstĂ€ndlich ansehen können.

Und so sind die Rechte und der Schutz, von denen die Menschen denken, dass sie kategorisch in ihre Position in der sozialen Hierarchie eingebaut sind, in Wirklichkeit abhÀngig von der besonderen Art und Weise, wie sich die Welt entwickelt und auch verÀndert hat.

Die meisten von uns, die in der Lage sind, ihren Körper zu gebrauchen und ĂŒber die nötigen Ressourcen verfĂŒgen, hatten lange Zeit das Privileg, unmaskiert nach draußen zu gehen, und doch finden wir uns jetzt unfĂ€hig, die Dinge zu tun, von denen wir dachten, dass sie in unsere soziale Position eingebaut sind. Wir stellen fest, dass uns dieses erwartete Privileg aus GrĂŒnden, die mit den Geschehnissen in der natĂŒrlichen Welt und den Reaktionen unseres sozialen Systems zusammenhĂ€ngen, verweigert wird. Das wird zunehmend die Geschichte der Politik dieses Jahrhunderts sein.

Wir mĂŒssen erkennen, dass unser Schicksal mit dem Schicksal der gesamten menschlichen Spezies verbunden ist sowie mit unserer AbhĂ€ngigkeit von der grĂ¶ĂŸeren Ökologie, den Tieren, Pflanzen, der Luft und dem Wasser. Solange wir nicht erkennen, dass unsere Schicksale miteinander verbunden sind, werden wir in Schwierigkeiten sein.

Aber es gibt beruhigende Aktionen in diese Richtung. Um nur zwei Beispiele zu nennen: In den USA, wo ich lebe, gibt es spannende Trends in der Arbeiter_innenbewegung. Es gibt ein Wiederaufleben von „Bargaining for the Common Good“ (Verhandlungen fĂŒr das Gemeinwohl) — eine Praxis, bei der organisierte Arbeiter_innen ihre Vertragsforderungen in Partnerschaft mit und zum Nutzen einer breiteren Gemeinschaft stellen. Mehr noch: Letztes Jahr fĂŒhrten in Minneapolis tausende Mitglieder der Service Employees International Union (viele von ihnen waren Immigrant_innen aus LĂ€ndern wie Somalia, Nepal, Mexiko und Ecuador) das an, was manche als den „ersten Klimastreik“ in der Geschichte der USA bezeichnen: Sie verhandelten explizit ĂŒber Löhne, Geschlechterdiskriminierung und Änderungen der Arbeitsbedingungen, um die Kohlenstoffemissionen ihrer Arbeit zu senken.

In SĂŒdafrika gibt es Versuche, eine breitere, menschenzentrierte soziale und politische Ökologie aufzubauen: von GemeinschaftskĂŒchen und öffentlichen LebensmittelgĂ€rten an der University of the Free State bis hin zum breiteren Kampf fĂŒr ErnĂ€hrungssouverĂ€nitĂ€t im ganzen Land. Diese BemĂŒhungen scheinen mit dem Versuch der nationalen Climate Justice Charter (CJC), die Kontrolle der Konzerne ĂŒber das Wasser zu bekĂ€mpfen, von großer Bedeutung zu sein. Die CJC verbindet diese auch mit dem Gemeinschaftseigentum an erneuerbarer Energie. Zusammengenommen sind das wirklich lehrreiche KĂ€mpfe, von denen es sich lohnt zu lernen, denke ich. Und wenn wir davon lernen können, können wir eine Version davon finden, die in unserer Situation Sinn macht.

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~ Burn this world to build a new. ~

Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations und Technologiekritik, indigene Kulturen

Elany
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Quelle: Schwarzerpfeil.de