August 21, 2021
Von SchwarzerPfeil
392 ansichten
Download als eBook oder PDF:

WĂ€hrend die TĂŒrkei die jesidische Bevölkerung in Sindschar bombardiert, ist es unsere Pflicht, in SolidaritĂ€t gegen die tĂŒrkische Aggression und zur UnterstĂŒtzung des Strebens der jesidischen Bevölkerung nach lokaler Autonomie zu mobilisieren.

Verfasst von Meghan Bodette im RoarMag. Meghan ist eine unabhĂ€ngige Forscherin mit Fokus auf die TĂŒrkei, Syrien und kurdische Angelegenheiten.

Der August ist ein Monat der Trauer fĂŒr die jesidische Gemeinschaft in der irakischen Provinz Sindschar. Am 3. August 2014 rĂŒckte ISIS in das Gebiet vor und versuchte, die jesidische Bevölkerung vollstĂ€ndig auszurotten. MĂ€nner und Ă€ltere Frauen wurden getötet, jĂŒngere Frauen und MĂ€dchen wurden in die sexuelle Sklaverei gezwungen, und Jungen wurden gezwungen, ISIS-KĂ€mpfer zu werden. Diejenigen, die es schafften zu entkommen, waren tagelang auf dem Dschabal Sindschar [Gebirgskamm im Irak] gefangen, mit wenig Nahrung und Wasser. Bis heute können viele der damals vertriebenen Jesid_innen nicht in ihre HĂ€user zurĂŒckkehren, und viele gefangene Frauen und Kinder bleiben vermisst.

Doch diesen August konnten die Jesid_innen, die den Genozid vor sieben Jahren ĂŒberlebt haben, nicht in Ruhe trauern. Am Montag, den 16. August, als die Welt mit der Übernahme Afghanistans durch die Taliban beschĂ€ftigt war, ermordete die TĂŒrkei einen angesehenen jesidischen MilitĂ€rkommandanten, Said Hassan Said, wĂ€hrend er auf dem Weg zu einem Treffen mit dem irakischen Premierminister in Sindschar war. Und am Dienstag bombardierten tĂŒrkische Kampfflugzeuge wiederholt ein Krankenhaus im Dorf Sikeniye und töteten vier verwundete KĂ€mpfende der Sindschar-Widerstandseinheiten (YBƞ), die dort behandelt wurden, sowie vier Angestellte des Gesundheitswesens.

Diese Angriffe sind Teil eines Musters tĂŒrkischer Angriffe in der Region, die bis ins Jahr 2017 zurĂŒckreichen, etwas mehr als ein Jahr nachdem Sindschar von der ISIS-Kontrolle befreit wurde. Obwohl die TĂŒrkei nie gegen ISIS im Irak gekĂ€mpft hat, bedrohen sie weiterhin die Gemeinde, die mehr als jede andere von den GrĂ€ueltaten der ISIS betroffen ist — was viele vor Ort fragen lĂ€sst, ob die zweitgrĂ¶ĂŸte Armee der NATO versucht, das zu beenden, was die ISIS begonnen hat.

Die TĂŒrkei rechtfertigt ihre Angriffe auf Sindschar mit der angeblichen PrĂ€senz der PKK — einer bewaffneten kurdischen Gruppe, die fĂŒr Demokratie, kurdische Rechte und Dezentralisierung in der TĂŒrkei kĂ€mpft.

Die PKK hat in der Tat eine wichtige Rolle in der jĂŒngeren Geschichte von Sindschar gespielt. Sie war die erste bewaffnete Kraft, die auf die Angriffe der ISIS im Jahr 2014 reagierte. Ihr oberster Kommandeur kĂŒndigte in der Nacht zum 4. August eine Intervention an, Tage bevor die Luftangriffe begannen. Die humanitĂ€re Mission der Gruppe dort brach schließlich die ISIS-Belagerung des Dschabal Sindschars und ermöglichte zehntausenden jesidischen Menschen die Flucht nach Syrien, wo die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) sicheres Geleit gewĂ€hrleisteten und die Demokratische Autonome Verwaltung Lager fĂŒr GeflĂŒchtete einrichtete.

Sie blieben fĂŒr die nĂ€chsten Jahre in der Region, halfen bei der Befreiung Sindschars von ISIS und bildeten lokale Jesid_innen aus, um ihre eigenen bewaffneten KrĂ€fte zu bilden. Dies war etwas, was kein anderer Akteur im Irak tun wĂŒrde. Die Regionalregierung Kurdistans hatte die jesidische Bevölkerung im Hinblick auf den Vormarsch der ISIS entwaffnet, und ihr militĂ€risches Personal floh in den Tagen vor dem Angriff aus der Provinz. Auch die irakische Zentralregierung hatte die jesidische Bevölkerung vernachlĂ€ssigt.

Die PKK verbreitete auch die politischen Prinzipien, die im Mittelpunkt ihres Kampfes standen: Selbstbestimmung und Frauenbefreiung. Viele jesidische Frauen griffen zu den Waffen und schlossen sich der YJƞ an, einem reinen Frauenzweig der YBƞ, unterstĂŒtzt von den weiblichen KĂ€mpfenden der YJA-STAR, dem militĂ€rischen FrauenflĂŒgel der PKK, und der YPJ. Eine zivile Regierung, die Demokratische Autonome Verwaltung Sindschars, wurde 2015 gegrĂŒndet, basierend auf dem basisdemokratischen konföderalistischen Modell, das zur gleichen Zeit in Nordsyrien umgesetzt wurde.

Anfang 2018 zog die PKK ihre bewaffneten KrĂ€fte auf Wunsch der Bevölkerung von Sindschar zurĂŒck. Was heute dort verbleibt, sind die YBƞ, die YJƞ und die Demokratische Autonome Verwaltung — alles Institutionen, die aus lokalen Jesid_innen bestehen, die sich selbst verwalten und verteidigen wollen.

Obwohl sie von der militĂ€rischen UnterstĂŒtzung der PKK profitiert haben und deren politische Philosophie teilen, haben sie kein Interesse daran, die tĂŒrkische Regierung zu bekĂ€mpfen. Sie fordern Frieden, Demokratie und Koexistenz im Sindschar und die grundsĂ€tzliche Zusicherung, dass sich so etwas wie der ISIS-Angriff nie wiederholen wird. Ihre Forderung nach Autonomie steht im Einklang mit dem irakischen Recht, und ihre StreitkrĂ€fte sind bis zu einem gewissen Grad in die irakischen Strukturen integriert worden.

Der wahre Grund, warum die TĂŒrkei die organisierten Jesid_innen von Sindschar ins Visier nimmt, ist, dass sie einen Plan fĂŒr Demokratie, Selbstbestimmung und Überleben haben — und eine schwache, aber reale Chance, diesen in die Tat umzusetzen.

Minderheiten daran zu hindern, politische Macht und Sicherheit zu erlangen, ist ein primĂ€res Ziel der tĂŒrkischen Politik im Irak und in Syrien, seit 2011 neue Konflikte in der Region begannen, angeheizt durch rechtsextremen Nationalismus und wachsende islamistische Stimmung. Hier fand die TĂŒrkei ein gemeinsames Interesse mit ISIS: Viele der ethnischen und religiösen Gemeinschaften, die die Terrorgruppe massakrierte und verfolgte, haben vorher Ă€hnliche GrĂ€ueltaten durch den tĂŒrkischen Staat und das Osmanische Reich erlebt.

Die jesidische Bevölkerung war keine Ausnahme: Die meisten, die einst innerhalb der Grenzen der modernen TĂŒrkei lebten, sind lĂ€ngst ins Ausland geflohen. Der tĂŒrkische PrĂ€sident Recep Tayyip Erdoğan sah daher keine Notwendigkeit, die Dschihadisten davon abzuhalten, im Irak das zu tun, was die osmanische und tĂŒrkische UnterdrĂŒckung lange zuvor in der TĂŒrkei getan hatte. Stattdessen ließ die TĂŒrkei, wĂ€hrend ISIS im Sindschar einen Genozid beging, auslĂ€ndische ISIS-Rekruten durch ihre Grenzen strömen.

Die tĂŒrkischen militĂ€rischen AktivitĂ€ten im Sindschar begannen erst lange nachdem ISIS besiegt war. Im April 2017 bombardierten sie das Gebiet zum ersten Mal und trafen dabei jesidische und kurdische MilitĂ€rpositionen sowie einen lokalen jesidischen Radiosender.

Nachfolgende Angriffe dort zielten auf fĂŒhrende Persönlichkeiten der PKK und des Kampfes der YBƞ zur Befreiung der Region von ISIS. Im August 2018 wurde das Mitglied der Jesidischen Gesellschaftskoordination und des Exekutivrats der KCK, Zeki Shengali, auf dem RĂŒckweg von einer Gedenkveranstaltung fĂŒr die Opfer des ISIS-Massakers in Kocho ermordet. Ein Jeside aus der TĂŒrkei, der sich in den 1980er Jahren der PKK angeschlossen hatte und nach dem Genozid nach Sindschar ging, um bei der Verteidigung des Gebiets und dem Wiederaufbau einer Zivilregierung zu helfen. Im Januar 2020 wurde der YBƞ-Kommandant Zerdesht Shengali, der seit 2015 in wichtigen KĂ€mpfen gegen ISIS kĂ€mpfte, zusammen mit drei weiteren YBƞ-KĂ€mpfenden bei einem weiteren tĂŒrkischen Angriff getötet.

Auch PKK-Kommandeure, die den Kampf der Gruppe gegen ISIS im Sindschar anfĂŒhrten und seitdem woanders kĂ€mpfen, wurden angegriffen. Agit Civyan, verantwortlich fĂŒr die PKK-KrĂ€fte im Sindschar wĂ€hrend des Kampfes gegen ISIS, und Dilsher Herekol, der seine Einheit von nur 12 MĂ€nnern im August 2014 in den Sindschar fĂŒhrte, um die Rettungsaktion zu beginnen, wurden beide Ende 2020 in der TĂŒrkei im Kampf getötet.

Die TĂŒrkei hat ihre Angriffe auf Jesid_innen und die Menschen, die sie verteidigten, nicht auf den militĂ€rischen Bereich beschrĂ€nkt. Erdoğan ist ein begeisterter BefĂŒrworter eines Abkommens zwischen der KRG und der irakischen Zentralregierung vom Oktober 2020, das, wie geschrieben, die Demokratische Autonomische Verwaltung auflösen und die YBƞ und YJƞ entwaffnen wĂŒrde.

Das Abkommen geht nicht auf die VersĂ€umnisse beider Regierungen ein, die zu den Ereignissen von 2014 gefĂŒhrt haben, und es saßen keine Jesid_innen mit am Tisch, als es getroffen wurde. Es ist wahrscheinlich, dass tĂŒrkische Beamte mehr Einfluss auf die Bestimmungen des Abkommens hatten, als die Bevölkerung, die es betreffen wĂŒrde. Auch die USA und die UN-Gremien lobten das Abkommen.

Zusammengenommen deuten diese Aktionen darauf hin, dass die TĂŒrkei Sindschar verwundbar, unverteidigt und politisch entmachtet sehen will — so wie es am Vorabend des ISIS-Angriffs war. Die internationale Gemeinschaft scheint nur allzu bereit, sie dabei zu unterstĂŒtzen.

WĂ€hrend die Vereinten Nationen, die EuropĂ€ische Union und die Vereinigten Staaten die GrĂ€ueltaten der ISIS gegen das jesidische Volk als Genozid anerkannt haben, schweigen sie, wenn die TĂŒrkei die Überlebenden bombardiert. Diese Woche war keine Ausnahme: WĂ€hrend verzweifelte Menschen bis spĂ€t in die Nacht arbeiteten, um Leichen aus den TrĂŒmmern des Sikeniye-Krankenhauses zu ziehen, hat keine einzige auslĂ€ndische Regierung die Angriffe verurteilt.

Als die Vereinigten Staaten eine ErklĂ€rung abgaben, sagten sie nur, dass sie „sich der Presseberichte ĂŒber die tĂŒrkischen Operationen im Nordirak bewusst sind“ und forderten die TĂŒrkei auf, die irakische SouverĂ€nitĂ€t zu respektieren. Dies war eine schwache Verurteilung, aber eine perfekte Zusammenfassung der internationalen GleichgĂŒltigkeit, der die Opfer der tĂŒrkischen Kriegsverbrechen ausgesetzt sind.

Die Demokratische Autonome Verwaltung Sindschars weiß genau, wer sie in Gefahr gebracht hat. „Wir möchten an dieser Stelle festhalten, dass die Angriffe der letzten zwei Tage ein neues Glied in der Kette des Genozids im Sindschar sind. Dies sind keine alltĂ€glichen Angriffe“, sagten sie in einer ErklĂ€rung am Mittwochmorgen. „Wir wissen genau, worauf die Feinde des Jesidentums abzielen und welche Botschaft sie damit aussenden wollen.“

„Die Grundlage dafĂŒr ist das Abkommen vom 9. Oktober 2020, das zwischen dem Irak, der KDP und dem tĂŒrkischen Staat beschlossen wurde. Unser Volk hat dieses Abkommen von Anfang an als Genozid bezeichnet und mit vehementem Widerstand fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt“, fuhren sie fort.

Gleichzeitig versprachen sie, gegen zukĂŒnftige Bedrohungen standhaft zu bleiben. „Sindschar wird nicht kapitulieren, sondern Widerstand leisten und sich befreien.“

In dieser Angelegenheit verdienen die Menschen von Sindschar nichts weniger als weltweite UnterstĂŒtzung. Viele Regierungen und Institutionen sind mitschuldig an den Angriffen der TĂŒrkei auf die Jesid_innen. Die SolidaritĂ€t mit den Überlebenden des Genozids, die darum kĂ€mpfen, wieder auf die Beine zu kommen und ihr Schicksal selbst zu bestimmen, muss ebenso global sein.

BĂŒrger_innen westlicher LĂ€nder, die mit der TĂŒrkei verbĂŒndet sind, mĂŒssen ihre Regierungen auffordern, die UnterstĂŒtzung fĂŒr die endlosen Kriege des Erdoğan-Regimes zu beenden. Die legitimen lokalen Forderungen nach Anerkennung und Autonomie, die von den Menschen im Sindschar vorgebracht werden, sollten aufgewertet werden. Wenn wir wollen, dass „nie wieder“ mehr als eine Floskel ist, mĂŒssen wir sicherstellen, dass die TĂŒrkei nicht die Überlebenden der ISIS-Verbrechen ins Visier nehmen darf — und dass das jesidische Volk frei ist, seine Zukunft in seiner historischen Heimat aufzubauen, ohne die drohende Gefahr weiterer GrĂ€ueltaten.

Folge uns!
Artikel und Übersetzungen von der Gruppe SchwarzerPfeil

Übersetzungen bedeuten nicht automatisch Zustimmung mit dem Inhalt.

Folge uns auf Mastodon: @schwarzerpfeil@antinetzwerk.de

SchwarzerPfeil
Folge uns!
Download als eBook oder PDF:



Quelle: Schwarzerpfeil.de