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Die Revista BUNĂ – Zeitschrift fĂŒr Befreiung und Emanzipation – nicht nur in RumĂ€nien ist eine unregelmĂ€ĂŸig erscheinende und unabhĂ€ngige Zeitschrift auf deutsch, die sich mit der Situation der rumĂ€nischen Gesellschaft auseinandersetzt, um eine breitere Berichterstattung zu ermöglichen. Neben der Print-Ausgabe gibt es auch den Blog Revista BUNĂ, auf dem regelmĂ€ĂŸig Artikel veröffentlicht werden. Martin von der Revista BUNĂ hat der DA ein paar Fragen beantwortet.

DA: Wie ist es zu der Idee gekommen, die BUNĂ zu veröffentlichen?

M: Der Gedanke, eine Zeitschrift ĂŒber die gesellschaftliche Situation in RumĂ€nien herauszugeben, entstand um 2013. Die erste Ausgabe der BUNĂ ist dann 2014 erschienen. Die am Projekt beteiligten Menschen wollten mehr Informationen ĂŒber die rumĂ€nische Gesellschaft, ihre Geschichte, die sehr unbekannte anarchistische Szene und die sozialen KĂ€mpfe und Auseinandersetzungen im deutschsprachigen Raum bekannt machen. Die Berichterstattung zu RumĂ€nien erfolgte ĂŒber viele Jahrzehnte fast nur mit dem eingeschrĂ€nkten Blick bĂŒrgerlicher Journalist:innen und Wissenschaftler:innen. Nur wenige Journalist:innen berichteten wirklich kritisch oder ĂŒber die zahlreichen „blinden Flecken“, wie z.B. die Judenverfolgungen, den historischen Antisemitismus, die Rolle deutscher HerrschaftshĂ€user und Unternehmen bei der AusplĂŒnderung des Landes und seiner natĂŒrlichen Rohstoffe, ganz zu schweigen von den revolutionĂ€ren und aufrechten Menschen und Persönlichkeiten, die es in RumĂ€nien auch zu allen Zeiten gab. Erst durch das Aufkommen von neuen sozialen Medien hat sich das etwas zum Besseren gewandelt. Es gibt kein Informationsmonopol mehr, auch wenn die bĂŒrgerlichen, pro-kapitalistischen Medien und Autor:innen nach wie vor sehr dominierend sind. RumĂ€nien ist ein geopolitisch/militĂ€risch und ökonomisch wichtiges Land in den PlĂ€nen zahlreicher Wirtschaftsunternehmen, Regierungen und auch der NATO.

Die BUNĂ hatte von Anfang an den Anspruch soziale RealitĂ€ten zu benennen und zwar ausgehend von unserer LebensrealitĂ€t als lohnabhĂ€ngige, ausgebeutete Menschen. Niemand lebt in Freiheit und WĂŒrde, wenn er unter Kapitalismus und Staat leben muss. Die BUNĂ basiert daher nicht nur auf anarchistischen Überzeugungen von individueller Freiheit und Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und gegenseitiger SolidaritĂ€t, sondern auch auf einem Klassenstandpunkt und der Gegnerschaft zu Kapitalismus, Ausbeutung, Religion und Hierarchie. Wir vertreten einen revolutionĂ€ren Anspruch. Das ist fĂŒr viele Menschen ungewöhnlich, die aufgrund ihres Interesses an RumĂ€nien auf uns stoßen und keine besondere politische oder anarchistische „Vorbildung“ haben. Wir sind immer bemĂŒht, in unseren BeitrĂ€gen Fakten, Wirkung und mögliche Perspektive zusammenzubringen und zusammen zu denken.

NatĂŒrlich ist jede Verbesserung der realen Lebenssituation zu begrĂŒĂŸen. Aber Reformen reichen eben nicht aus, um allen Menschen ein wĂŒrdevolles und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, wenn dadurch neue AbhĂ€ngigkeiten und Barrieren errichtet werden. Nehmen wir dafĂŒr als Beispiel die Kanalisation. Es ist gut, wenn eine funktionierende Kanalisation geschaffen wird, wie sie in großen Teilen der lĂ€ndlichen Gebiete noch nicht vorhanden ist. Doch in vielen FĂ€llen sind die Kosten dafĂŒr so hoch, dass sich Menschen fĂŒr den Bau oder Anschluss an eine solche Kanalisation verschulden. Auch die Wasser- und Stromkosten in RumĂ€nien sind massiv angestiegen und die Bezahlung der Rechnungen ist vielerorts ein echtes Problem und hat die Einstellung der Versorgung zur Folge. Insofern ist es gut, dass eine vernĂŒnftige Kanalisation geschaffen wird, doch die finanzielle LeistungsfĂ€higkeit darf nicht zum Ausschlussgrund fĂŒhren oder der Maßstab sein. Menschliches Leben muss Vorrang vor Profit haben.

Doch zurĂŒck zur Zeitschrift: Der Verlag Barrikade in Hamburg hatte sich 2014 ohne Zögern bereit erklĂ€rt, die Zeitschrift zu verlegen. Das hat uns sehr gefreut. Und die Zusammenarbeit mit den Genossen ist sehr gut. Doof ist nur, dass wir es bislang nicht geschafft haben, öfters zu erscheinen. Angepeilt war eine Erscheinungsweise von zwei Ausgaben pro Jahr. Dies haben wir bislang nur im Jahr 2016 hinbekommen.

Die persönlichen BezĂŒge zu RumĂ€nien sind von Mitarbeiter:in zu Genoss:in recht vielfĂ€ltig. Es gibt Menschen, die dorthin ausgewandert sind und andersrum, die in den Westen gegangen sind. Es gibt Menschen, deren Partner:innen aus RumĂ€nien stammen. Und es gibt Menschen, die dort aufgewachsen sind und leben. Es ist fĂŒr mich immer wieder erstaunlich, wie viele Verbindungen es durch alle Generationen hinweg aus Deutschland und Österreich nach RumĂ€nien gibt. Das ist ein großer Schatz an Wissen und Erfahrungen.

Auf dem Blog erscheinen hin und wieder TerminankĂŒndigungen, wenn es Veranstaltungen oder VortrĂ€ge gibt. Ansonsten stellen wir einige der BeitrĂ€ge aus den Heften nach einer gewissen Zeit online.

DA: Wer ist an ihr beteiligt und wie funktioniert der Redaktionsprozess?

M: Die BUNĂ hat eine Endredaktion, die sich auch Gedanken ĂŒber die Inhalte der jeweiligen Ausgaben macht und dann gezielt Leute dafĂŒr anspricht. Zu diesem Umfeld an Mitarbeitenden gehören verschiedene Menschen mit verschiedenen Schwerpunkten und Interessengebieten. Teilweise werden wir auch angefragt, etwas zu veröffentlichen oder ĂŒber ein Ereignis oder eine Kampagne zu berichten. Wir stimmen uns untereinander ab und haben die Freiheit, keine Zeitschrift einer Organisation zu sein und von daher nicht an bestimmte Organisationsvorgaben gebunden zu sein. Wir sind unabhĂ€ngig von Organisationen und Gruppen, auch wenn manche Redakteur:innen und Mitarbeiter:innen in einer Organisation oder Gruppe organisiert sind. Wir arbeiten gerne und gut mit Menschen aus RumĂ€nien, Deutschland und Österreich zusammen. In die Schweiz gibt es auch Kontakte, aber eine Mitarbeit an der Zeitschrift hat sich daraus (noch) nicht entwickelt.

DA: Bringt ihr die Zeitschrift auch auf RumÀnisch heraus? Wie seid ihr vor Ort vernetzt?

M: Die BUNĂ erscheint nur auf Deutsch. Wir ĂŒbersetzen hin und wieder interessante BeitrĂ€ge aus dem RumĂ€nischen. Die erste Ausgabe enthielt auch ein paar BeitrĂ€ge in Englisch. Diese Zweisprachigkeit konnten wir aber nicht fortsetzen. In RumĂ€nien unterhalten wir Kontakte in verschiedene StĂ€dte, darunter Bukarest und Cluj-Napoca, aber auch zu Menschen, die in kleinen Gemeinden in lĂ€ndlichen Gebieten leben.

DA: In der vorletzten Ausgabe vom Sommer 2018 habt ihr ein Interview mit dem anarchistischen Kollektiv A-casa aus der Stadt Cluj (Transsilvanien) veröffentlicht. Ist das Projekt eher eine Seltenheit oder gibt es andere Ă€hnliche Projekte? Wie können anarchistische Gruppen hier das Kollektiv unterstĂŒtzen?

M: Das A-casă ist leider eine echte Seltenheit und daher umso wichtiger zu unterstĂŒtzen. Menschen aus dem A-casă beteiligen sich auch an dem anarchistischen Verlag Editura Pagini Libere. Dieser veröffentlicht in einer thematischen Vielzahl viele tolle Sachen und widmet sich sowohl aktuellen Themen und Ereignissen wie auch der Forschung nach den anarchistischen Spuren in RumĂ€nien. Sie unternehmen auch Lesungen und haben 2019 Bakunins „Gott und der Staat“ in einer neuen, großartigen Edition herausgegeben. In Bukarest existiert seit 2010 die Biblioteca Alternativa sowie der kooperativ organisierte Veranstaltungsort MACAZ, in der Lesungen, VortrĂ€ge und Feiern durchgefĂŒhrt werden. In beiden StĂ€dten gibt es sicherlich die am deutlichsten wahrnehmbaren öffentlichen anarchistischen AktivitĂ€ten. Das A-casă bezeichnet sich als explizit auf anarchistischen Prinzipien basierend, wĂ€hrend die Biblioteca Alternativa politisch weiter gefasst ist. Neben libertĂ€ren Menschen und Ideen finden sich dort aber auch Marxisten und Menschen mit Sympathien fĂŒr den elitĂ€ren Freiheits- und Arbeiterfeind Lenin. Ich denke, das Beste ist immer, den direkten Kontakt zu suchen, wenn man unterstĂŒtzend tĂ€tig sein möchte. Besuche oder eine Veranstaltung können gute Möglichkeiten sein, sich besser kennenzulernen. Das A-casă hat einen eigenen Blog, auf dem man sich einen Eindruck ĂŒber die AktivitĂ€ten verschaffen kann. (https://acasa.blackblogs.org)

DA: Du bist mit einigen BeitrÀgen, vor allem in der aktuellen Ausgabe vom Sommer 2020 vertreten, was treibt dich an, dich Themen wie Nationalismus und Faschismus zu widmen?

M: Generell und kurz gesagt: Nationalismus ist ein Gift, das keinen positiven emanzipatorischen Zielen dient und den Menschen auf seine Abstammung reduziert und mit Stereotypen belegt. Nationalismus grenzt ab und schließt aus. Faschismus ist Terror und Vernichtung von Freiheit, Geist, IndividualitĂ€t, Persönlichkeit und ganzer Völker. Er ist absolute Herrschaft und Kontrolle weniger MĂ€chtiger ĂŒber uns viele. Er propagiert die LĂŒge der Volksgemeinschaft, in welcher Ausbeuter und Ausgebeutete zum angeblichen Wohl der Allgemeinheit zusammenwirken sollen. Ein Blick in die Geschichte Italiens oder Deutschlands zeigt, dass dem nie so war. Nationalismus und Faschismus sind Todfeinde jeder freiheitlichen, auf Gleichberechtigung und Gleichheit basierenden Gedanken und Gesellschaften. Sie bringen nur Tod, Krieg und Genozid.

Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus als junger Mensch machte mich zum Antifaschisten. Doch war mir auch recht bald klar, dass ein reiner Antifaschismus keine Perspektive beinhaltet, wenn er nicht mit anarchistischen Grundwerten verbunden ist. Außerdem kann man sich im Kampf gegen den Faschismus nicht auf den Staat oder das BĂŒrgertum verlassen. Der grĂ¶ĂŸte Gegensatz zum Faschismus ist eine anarchistische Gesellschaft, in der Menschen frei und selbstbestimmt in Gleichberechtigung und SolidaritĂ€t miteinander leben können und in der die grundlegenden BedĂŒrfnisse aller durch gemeinsames, bedarfsorientiertes Arbeiten befriedigt sind.

In RumĂ€nien werden seit vielen Jahrzehnten nationalistische Vorstellungen massiv durch Regierungen, „Bildungseinrichtungen“ und Massenmedien verbreitet. Das war in der Monarchie ebenso der Fall, wie unter den Kommunisten und seit 1989 den „Demokraten“. Dazu kommt noch die extrem nationalistische rumĂ€nisch-orthodoxe Kirche. Bis heute ist der Nationalismus allgegenwĂ€rtig in SchulbĂŒchern, Kirchen und Medien. Besonders stigmatisiert werden Roma und Juden. Der Antisemitismus war in RumĂ€nien seit dem 19. Jahrhundert extrem weit verbreitet und findet sich noch heute. Nicolae Iorga gilt bis heute als „der“ verehrte Historiker RumĂ€niens. Nach ihm sind zahlreiche Schulen und Institutionen benannt, ein Geldschein ziert sein Konterfei. Dabei war er wenig mehr als ein Chronologist und vor allem Nationalist, Sozialistenhasser und fĂŒhrender Kopf der 1895 in Dresden gegrĂŒndeten „Antisemitischen Internationale“. Über den Nationaldichter Mihai Eminescu und dessen Nationalismus, AuslĂ€nder- und Judenfeindlichkeit muss man auch sprechen.

Die Aufarbeitung der eigenen faschistischen Vergangenheit wird bekĂ€mpft und diffamiert. Deswegen war es mir eine wirkliche Freude, das Buch „Wie RumĂ€nien rumĂ€nisch wurde“ des Professors Lucian Boia in der aktuellen Ausgabe der BUNĂ zu besprechen. Denn er widerlegt sachlich und wissenschaftlich jahrzehntealte nationalistische LĂŒgen, beschreibt die bĂŒrokratischen staatlichen Manipulationen ĂŒber Volksgruppen und Religionsgemeinschaften und zeigt RumĂ€nien, wie es wirklich war und teils noch ist: multiethnisch. Seine Studie ist sehr wichtig und ich wĂŒnsche ihr grĂ¶ĂŸte Verbreitung. Auch bei meiner Auseinandersetzung und Forschung ĂŒber die anarchistische und syndikalistische Arbeiter:innenbewegung in RumĂ€nien ist der Kampf gegen den Nationalismus und spalterische nationalistische GefĂŒhle und Strömungen immer prĂ€sent.

Die historische, anarchistische und syndikalistische Bewegung hatte sich nahezu immer deutlich und klar gegen den Nationalismus und Antisemitismus positioniert. Der populĂ€re, charismatische Arbeiter und syndikalistische Protagonist Ștefan Gheorghiu hat auf Versammlungen, in Reden und Artikeln den rumĂ€nischen Nationalismus attackiert und die Phrasen vom „rumĂ€nischen Vaterland“, dessen Ziel das GlĂŒck aller RumĂ€nen sei, in alle Einzelteile zerlegt. Er ist immer fĂŒr die Einheit aller Arbeiterinnen und Arbeiter eingetreten, unabhĂ€ngig ihrer ethnischen Herkunft. Da er sicherlich der populĂ€rste authentische „ArbeiterfĂŒhrer“ RumĂ€niens war, kamen die Kommunisten nach ihrem Machtantritt nicht darum herum, ihn fĂŒr ihre Zwecke zu vereinnahmen. U.a. benannten sie ihre Eliteschule nach ihm. Seine deutlichen anti-nationalistischen, anti-patriotischen und anarcho-syndikalistischen Überzeugungen wurden aber aus den Veröffentlichungen ĂŒber ihn herauszensiert.

Wenn ein Mensch heute positive (emanzipatorisch-anarchistische) gesellschaftliche VerĂ€nderungen anstrebt und sich damit auseinandersetzt, was andere vor ihm getan haben, welchen Schwierigkeiten sie gegenĂŒberstanden und womit sie erfolgreich waren, dann ist die Auseinandersetzung mit dem militanten Leben von Ștefan Gheorghiu und seinen KampfgefĂ€hrt:innen und KampfgefĂ€hrten ein großer Gewinn.

DA: Wie schÀtzt du die Situation in RumÀnien in Bezug auf faschistischen Vereinigungen derzeit ein?

M: RumĂ€nien ist generell eine sehr konservative Gesellschaft mit all den angeblich „traditionellen Werten“ von Familie, Ehe und tradiertem GeschlechterrollenverstĂ€ndnis sowie patriotischer „Grundeinstellung“. Hier können die Faschisten schon seit jeher leicht andocken. Denn sie stellen diese Strukturen nicht in Frage, sondern greifen auf sie zurĂŒck und nutzen sie als Basis zur Propagierung ihrer weitergehenden Ziele. Zu dieser Gemengelage zĂ€hlt auch der sehr große negative Einfluss der RumĂ€nischen Orthodoxen Kirche, die offene Faschisten (LegionĂ€re) in den eigenen Reihen hat. Die Kirche, christliche Vereinigungen, „LebensschĂŒtzer“, Faschisten und andere Nationalisten haben sich erst vor wenigen Jahren in einer großen Kampagne mit dem Namen „Koalition fĂŒr die Familie“ zusammengeschlossen, um zu verhindern, dass Menschen gleichen Geschlechts heiraten könnten! Diese Koalition fĂŒhrte einige große Demonstrationen durch und erhielt UnterstĂŒtzung von verschiedenen Prominenten. Die relative juristische Gleichstellung homosexueller Paare in einigen europĂ€ischen LĂ€ndern gilt ihnen als Untergangszenario „christlicher und rumĂ€nischer Werte“.

Wir haben in der Ausgabe vom Sommer 2018 darĂŒber berichtet. Sie versuchen damit, eine gesellschaftliche Stimmung zu zementieren, die sich zuvorderst gegen Homosexuelle richtet, aber auch alle anderen bedroht, die sich nicht der herrschenden Norm unterordnen können und wollen. Dass die Kampagne vorerst scheiterte, liegt daran, dass sie nicht genĂŒgend Unterschriften fĂŒr die Zulassung einer landesweiten Abstimmung ĂŒber eine VerfassungsĂ€nderung sammeln konnten. Schon in den Jahren vor GrĂŒndung dieser Koalition gab es regelmĂ€ĂŸig – teils auch gewalttĂ€tige – Proteste gegen den Christopher Street Day in Bukarest. Nazi-Skins und Orthodoxe Priester attackierten Menschen, die fĂŒr gleiche Rechte eintraten.

Zu Beginn der 2000er Jahre wurden Anarchist:innen in Craiova von Faschisten und Polizei gleichermaßen terrorisiert. Zu Beginn der 2010er Jahre mussten sich Anarchist:innen in der Stadt Iași demselben Terror erwehren. In beiden StĂ€dten gab es öffentliche anarchistische AktivitĂ€ten, die zumindest in Iași den Charakter der Subkultur verlassen hatten, soziale Probleme aufgriffen, sich unter Arbeiter:innen bemerkbar machten und anarchistische Alternativen artikulierten. In beiden StĂ€dten sahen aktive Menschen keine andere Lösung fĂŒr sich, als durch Migration nach West-Europa diesem Terror zu entkommen. Mich haben die Genoss:innen in Iași und ihre Hingabe an die Sache sehr beeindruckt.

Blickt man auf die ideologischen faschistischen Formationen, findet man eine Vielzahl von ihnen. Oft sind ihre fĂŒhrenden Köpfe untereinander zerstritten. Teilweise gibt es Versuche Allianzen zu schließen. Die meisten stellen sich in die Traditionslinie der historischen Eisernen Garde, die eine einflussreiche, gewalttĂ€tige Massenbewegung in RumĂ€nien war und sich stark auf die christliche Religionslehre, den Antisemitismus, Anti-Sozialismus und die Orthodoxe Kirche bezog. Dazu zĂ€hlen beispielsweise die aktivistische Noua Dreapta (Neue Rechte) und die eher traditionellere Struktur um den selbsternannten Bukarester „FĂŒhrer der LegionĂ€re“, Serban Suru. Offen faschistische Literatur findet sich in den meisten Buchhandlungen. Es gibt einige themenbezogene spezielle legionĂ€re Vereinigungen, u.a. von Angehörigen ehemaliger faschistisch-legionĂ€rer Gefangener in den Arbeits- und Todeslagern der Kommunisten nach 1944. Diese können sich in öffentlichen GebĂ€uden wie RathĂ€usern treffen oder werden in Schulklassen und TV-Diskussionsrunden eingeladen. Dort tragen sie zu dem herrschenden Bild bei, dass es Widerstand gegen den zurecht verhassten autoritĂ€r-kommunistischen Staat vornehmlich durch LegionĂ€re und Faschisten gegeben hĂ€tte.

Über die Streiks von Arbeiter:innen in verschiedenen StĂ€dten oder die GrĂŒndung einer unabhĂ€ngigen klassenkĂ€mpferischen Gewerkschaft wĂ€hrend der unterdrĂŒckerischen Herrschaft der extrem nationalistischen Kommunistischen Partei RumĂ€niens und die danach folgenden Repressionswellen wird selten informiert. Ebenso wenig wie beispielsweise ĂŒber den rumĂ€nischen Anarchisten Nicolas Trifon, der sich in den 1970er Jahren in Opposition gegen die KPR begab und 1977 schließlich das Land verlassen musste. Er lebt heute in Paris. Letztes Jahr ist das Buch „Nicolas Trifon – un parcurs libertar“ ĂŒber ihn im bereits erwĂ€hnten Verlag Editura Pagini Libere erschienen.

Blickt man auf die parlamentarische Ebene, dann finden sich extreme Nationalisten nicht nur in den offen faschistischen LegionĂ€rsvereinigungen, sondern auch in demokratischen Parteien wie den Sozialdemokraten (PSD) oder Nationalliberalen (PNL). Bis vor wenigen Jahren war im Parlament zudem die nationalistische GroßrumĂ€nien-Partei (PRM) vertreten, eine Verbindung von Nationalkommunisten und Faschisten. Sie hatte ĂŒber zwei Jahrzehnte eine stabile StammwĂ€hlerschaft und ist heute noch von regionaler Bedeutung. Neu eingezogen ist mit den Wahlen von Dezember 2020 die rechtsextrem-christliche Partei Allianz fĂŒr die Vereinigung der RumĂ€nen (AUR). Sie wurde mit 535.831 Stimmen viertstĂ€rkste Kraft. Bemerkenswert ist, dass sie auch von den sog. „AuslandsrumĂ€nen“, also rumĂ€nischen Staatsangehörigen, die in anderen, meist europĂ€ischen LĂ€ndern leben und arbeiten, sehr viele Stimmen erhalten hat. So hat sie in Italien die meisten Stimmen der rumĂ€nischen WĂ€hler:innen erhalten, in Spanien kam sie auf den zweiten Platz. In beiden LĂ€ndern gibt es zudem Sektionen der militant-faschistischen Organisation Noua Dreapta, die selbst zu den Wahlen angetreten ist. In Deutschland steht Noua Dreapta mit der NPD in Verbindung. RumĂ€nische Faschisten sind nahezu weltweit vernetzt, mit Schwerpunkten in den romanisch-sprachigen LĂ€ndern wie Spanien, Italien und Frankreich.

Angemerkt werden muss, dass es sich bei den Wahlen vom Dezember um jene mit der historisch niedrigsten Wahlbeteiligung seit 1989 handelt (33,2%). Welche LegitimitĂ€t hat solch ein Parlament? Welche Akzeptanz der Staat? Viele Menschen in RumĂ€nien haben kein Vertrauen in Politik, Politiker, Parteien und das bestehende System. AlltĂ€gliche Korruption und Inkompetenz, beginnend auf den höchsten staatlichen Ebenen bis hinunter zu lokalen Gemeindeverwaltungen, sind immer wieder AnlĂ€sse fĂŒr Massendemonstrationen. Faschisten können hier noch viel zu oft andocken und sind auf den Demonstrationen geduldet. Der bekannte historische legionĂ€re FĂŒhrer Corneliu Codreanu galt und gilt als Feind der Korruption und als ein selbstgenĂŒgsamer Asket. Viele, gerade auch Jugendliche, sehen in ihm einen Idealisten. Vor vier Jahren war die Hymne einer skandinavischen Nazi-Band ĂŒber ihn unter SchĂŒler:innen weitverbreitet.

Der reaktionĂ€re und faschistische Teil der Gesellschaft in RumĂ€nien ist schichtenĂŒbergreifend organisiert und vielfĂ€ltig. Mit ihren Kampagnen erreichen sie viele Menschen. Sie besetzen Themen, bestimmen teils die öffentliche Meinung und können ihre Inhalte in alle Generationen transportieren. RumĂ€nische Faschisten betreiben zahlreiche Blogs und Webseiten und sind sehr aktiv in den sozialen Medien. Wer sich intensiver mit der aktuellen faschistischen Bewegung in RumĂ€nien und der offiziellen Geschichtsaufarbeitung, u.a. mit der rumĂ€nischen Beteiligung am Holocaust, auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich die BeitrĂ€ge von William Totok in der taz (Eine Zeitung, die ich sonst nie empfehle) und einen Blick in die BUNĂ, wo immer wieder ĂŒber aktuelle Entwicklungen informiert wird.

DA: Gibt es schon thematische Ideen fĂŒr die nĂ€chste Ausgabe?

M: Die achte Ausgabe wird in KĂŒrze erscheinen. Ich denke, dass wir wieder einige interessante BeitrĂ€ge zusammengestellt haben. U.a. veröffentlichen wir eine Studie zur Geschichte des Anarcha-Feminismus in RumĂ€nien. Wir fĂŒhrten Interviews mit GeflĂŒchteten aus Afghanistan, die aktuell in Timișoara gestrandet sind, sowie mit den GenossInnen des Anarchiva, eines anarchistischen Archivs in RumĂ€nien. Weitere BeitrĂ€ge behandeln den Widerstand von Arbeiterinnen und Arbeitern im Pflege- und Gesundheitswesen in RumĂ€nien und die großartige Initiative zur Selbstorganisation von PflegerInnen aus RumĂ€nien und der Slowakei in Österreich. Wir erinnern an die Ermordung von Alexandra Măceșanu und Luiza Melencu vor zwei Jahren und die Rolle von Polizei, Mafiaclans, Staat und Patriarchat dabei. Eine der Fragestellungen lautet: Was können wir tun, wenn die Polizei keine Hilfe ist? Wie immer finden sich Infos rund um die anarchistische und syndikalistische Bewegung, nicht nur in RumĂ€nien. In den letzten beiden Ausgaben waren wir aufgrund des begrenzten Platzes nicht in der Lage, unsere sehr gern gelesenen Kurznachrichten ĂŒber Ereignisse und Entwicklungen in RumĂ€nien und Moldawien zu veröffentlichen. Dieses Mal haben wir das abermals nicht geschafft. FĂŒr die neunte Ausgabe sind diese Nachrichten aber fest eingeplant.

Und wir freuen uns, wenn Leser:innen der DA durch dieses Interview ein Interesse an der BUNĂ entwickeln und schicken gerne ein kostenloses Probeheft zu. (Email: barrikade@gmx.org)

Weitere Informationen findet ihr hier.

Beitragsbild: Titelbild der Revista BUNĂ. Ausgabe Nr. 7 Sommer 2020




Quelle: Direkteaktion.org