Mai 25, 2021
Von Paradox-A
338 ansichten


Lesedauer: 5 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blÀttle.de

Bild: Oxford Circus Anarchy. / shando. (CC BY-SA 2.0 cropped)

In einem Band von 2019 versammeln die herausgebenden Professor*innen Christine Magerski und David Roberts 15 akademische AufsÀtze unter dem Thema der anarchistischen Kulturrebellion.

Hierbei folgen sie der universitĂ€ren Gepflogenheit vor allem ĂŒber bestimmte Aspekte zu schreiben und zu urteilen, statt etwa zunĂ€chst die Perspektive von Anarchist*innen einzunehmen, die auch heute Kultur produzieren. Sprich in „Kulturrebellen – Studien zur anarchistischen Moderne“ wird leider eine recht grobe Konstruktion „des“ Anarchismus vorgenommen, die an vielen Stellen bei einer nĂ€heren Kenntnis des Anarchismus als soziale und politische Bewegung zu wĂŒnschen ĂŒbrig lĂ€sst. Dementsprechend wird auch in der Einleitung suggeriert, dass er Anarchismus spĂ€testens nach der Niederschlagung der Spanischen Revolution politisch irrelevant geworden wĂ€re und seine Wiederentdeckung im Zuge der 68er-Bewegung vor allem in der kulturellen Dimension stattgefunden hĂ€tte.

Es ist unbestritten, das die politische Wirkungsmacht des Anarchismus vor allem im deutschsprachigen Raum nach Ende der 1920er Jahre ziemlich gering war. Dies trifft vor allem zu, wenn man fairerweise die radikalen FlĂŒgel der Neuen Sozialen Bewegungen, wie etwa der Anti-AKW-Bewegung oder die zweite Welle der Frauenbewegung nicht pauschal als anarchistisch deklariert. Weiterhin stimmt es, dass anarchistische Tendenzen in kultureller Hinsicht fortwĂ€hrend einen Stand hatten und Anarchist*innen im Kulturbereich ein Refugium fanden und finden.

Problematisch ist die Rahmung von Magerski und Roberts jedoch deswegen, weil sie implizit zu einer Entpolitisierung des VerstÀndnisses von Anarchismus beitragen und damit die falsche Annahme seiner politische UnzulÀnglichkeit reproduzieren, gerade indem sie im in der kulturellen Dimension eine gewisse Bedeutung zugestehen. Dieser Blickwinkel ist im Grunde genommen analog zu jenem geformt, welcher anarchistische Aktivist*innen infantilisiert, wenn diese konkrete Utopien formulieren, wÀhrend sie mit ihm gleichzeitig dÀmonisiert werden, wo Privateigentum nicht respektiert oder sich gegen staatliche Repression zur Wehr gesetzt wird.

Warum finden sich im Sammelband keine BeitrĂ€ge zur anarchafeministischen Utopie wie sie in den anspruchsvollen Kompositionen und Musikvideos der KĂŒnstlerin Björk zum Ausdruck kommen? Warum wird die Punkbewegung nicht diskutiert? Warum nicht die radikale Kritik, welche die Band Pussy Riot in ihren Performances entwickelte – und die gerade deswegen hochgradig politisch wirkte? Wie ist die performative und konfrontative Aktionsform der „Rebel Clown Army“ zu deuten – Ist sie noch Kunst oder schon Politik? Ist sie avantgardistisch oder populĂ€r?

Warum lesen wir darin weder von den kulturellen Ausdrucksformen der zeitgenössischen feministischen Bewegung Lateinamerikas, die ganz zu weiten Teilen anarchistisch inspiriert ist, noch ĂŒber die historischen Bildungs- und Kulturvereine der libertĂ€r-sozialistischen Bewegung? Auf den Punkt gebracht: Warum wird im Sammelband letztendlich die eigentlich interessante Frage umschifft, worin die produktiven Schnittstellen zwischen anarchistisch beeinflussten kulturellen Formen und ihren politischen Implikationen bestehen? Beziehungsweise warum wird nicht dargestellt, welche kulturellen Erzeugnisse Menschen hervorbringen, die sich politisch-weltanschaulich als Anarchist*innen begreifen? Die Antwort ist vermutlich in der Form akademischer Wissensproduktion, sowie der sozialen Position der Beitragenden zu suchen.

Dabei sind viele BeitrĂ€ge im Einzelnen durchaus informiert und fĂŒr sich genommen interessant. Das zeigt sich beispielsweise in den Texten „Anarchismus – BohĂšme – Avantgarde. Zum Konnex dreier Denkfiguren der Moderne “ (Christine Magerski), „Von der dadaistischen Anti-Kunst zur politischen Aktion. Erwin Piscators Kampf gegen die ReprĂ€sentation “ (Franz-Josef Deiters), „Anarchismus als Fluchtpunkt der ’68er Kulturrevolution “ (Ivana Perica) oder „Wie die Utopie zum anarchistischen Roman wurde. Michael Moorcocks Zeitnomaden-Trilogie und die kritische Utopie “ (Peter Seyferth). Was wiederum BeitrĂ€ge darin zu suchen haben, welche von Friedrich Nietzsche oder Walter Benjamin handeln oder das VerhĂ€ltnis von Wahnsinn und Kunst besprechen, bleibt unklar.

Ebenso hat sich Daniel Loicks anschliessender Beitrag zu den „Aufgaben einer anarchistischen Sozialtheorie“ eher im Sammelband verirrt, in dem VerhĂ€ltnis von Kultur und Politik kein Thema ist. Die drei darin formulierten Gedankenanstösse („Von der gegenseitigen Hilfe zur Sym-Poiesis“, „Von der freien Vereinbarung zur Transformative Justice“ und „Vom Anarcho-Kommunismus zu den feministischen Commons“) sind meines Erachtens nach insofern diskussionswĂŒrdig, als dass mit ihnen unterstellt wird, dass die erneuerten VerstĂ€ndnisse nicht selbst schon stark anarchistisch inspiriert wĂ€ren – und insofern nur zur Erneuerung der politischen Theorie des Anarchismus empfohlen werden können, wenn unterstellt wird, dass diese sich seit Kropotkin nicht weiter entwickelt hĂ€tte. Dankenswerterweise stellen sie VorschlĂ€ge dar, die zum mitdenken und weiterdenken einladen, statt blosse Wiedergaben zu sein.

Doch zeugen auch Loicks Gedanken von einer ungenĂŒgenden Kenntnis anarchistischer Tradition. So ist sein Gedanke der „Sym-Poiesis“ schon bei „naturalistischen“ Anarchist*innen wie ElisĂ©e Reclus oder Isaasáž± Puente angelegt. „Freie Vereinbarung“ stellt nicht allein den Modus zur Herstellung von „Gerechtigkeit“ dar, wenn Verletzungen geschehen, sondern die Grundlage des bewusst gestalteten sozialen Miteinanders ĂŒberhaupt. Schliesslich sind „feministische Commons“ in vielerlei Hinsicht eine sinnvolle zeitgemĂ€sse theoretische Entwicklung, selbstverstĂ€ndlich auch gegenĂŒber Kropotkins Konzeption. Über die Tatsache, dass Anarchismus fĂŒr die Abschaffung des Kapitalismus, der Klassengesellschaft und des Privateigentums steht, sollte Loick seine Leser*innen aber nicht hinweg tĂ€uschen. Interessanterweise begeht er mit seinen Empfehlungen den gleichen Fehler wie in seinem EinfĂŒhrungswerk (2017), wo er auf verkĂŒrzte Weise im Anarchismus ein liberales und ein soziales FreiheitsverstĂ€ndnis miteinander konkurrieren sieht und den Anarchist*innen dann einen neuartigen, „Àsthetischen“ Freiheitsbegriff empfiehlt – welchen jedoch bereits Bakunin 1871 entwickelte. So zeigt sich bei Loick par pro toto (auch wenn er darin deutlich besser als viele andere ist), dass spekulative akademische Interpretationen gegenwĂ€rtig wenig zur Aktualisierung der politischen Theorie des Anarchismus beitragen. Den Unterschied wĂŒrde eine umfassendere Kenntnis anarchistischer Theorie und Tradition, den sympathisierenden Kontakt zu anarchistisch inspirierten Personen (nicht nur in Gedanken und Worten, sondern in Taten und ihrem Leben), sowie die Bereitschaft, entgegen dem langweiligen akademischen Betrieb, Position zu beziehen, machen.

Allgemein sind verschiedene BeitrĂ€ge zu begrĂŒssen, welche sich anarchistischen Themen, Praktiken und GegenstĂ€nden widmen und sie dabei nicht völlig verkennen. Dies trifft grundsĂ€tzlich auch auf den Sammelband von Magerski und Roberts zu. Perspektiven, die ich persönlich wirklich fĂŒr relevant halte, weil sie nicht nur ein besseres VerstĂ€ndnisses der Kultur in der Moderne ermöglichten, sondern zu ihrer selbstorganisierten und selbstbestimmten Mitgestaltung einladen, kommen darin jedoch leider nur sehr wenige vor. Möglicherweise gibt darĂŒber jedoch auch ein Konzert in einem alternativen Zentrum mehr Aufschluss, als die LektĂŒre eines Buches.

Umgekehrt hingegen gĂ€lte es den eminent (anti)politischen, rebellischen Gehalt kultureller Praktiken in anarchistisch beeinflussten Szenen, wieder zu entdecken und im Sinne einer Gegen-Kultur neu zu beleben. Denn all zu oft haben sie sich verselbstĂ€ndigt und sind zu Selbstzwecken verkommen – eben weil sie immer wieder als blosse Subkultur statt im selben Zuge als (Anti)Politik dargestellt und verstanden werden.

Jonathan Eibisch

Christine Magerski / David Roberts (Hrsg.): Kulturrebellen – Studien zur anarchistischen Moderne. Springer VS; 1. Edition 2019. 322 Seiten. ca. SFr. 45.00 ISBN 3658222743




Quelle: Paradox-a.de