Dezember 7, 2020
Von Kollektiv.26 Autonome Gruppe Ulm
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Am 25.11. haben wir mit mehreren anderen Gruppen eine Soli-Kundgebung fĂŒr den Dannenröder Forst veranstaltet. Es kamen etwa 100 Menschen. Auch das Thema des achtspurigen Ausbau der Adenauer BrĂŒcke lokal hier in Ulm wurde angeschnitten. Eine erste Position dazu haben wir in dem gemeinsamen Text mit der GrĂŒnen Jugend, Young and Queer und der Linken Ulm veröffentlicht.

Hier ein paar EindrĂŒcke der Kundgebung und unsere RedebeitrĂ€ge.

Redebeitrag I – Kollektiv.26

Dass wir inmitten einer globalen, menschengemachten Klimakrise die Zerstörung eines nachhaltig bewirtschafteten Mischwaldes zulassen, ist nicht nur komplett absurd, sondern auch unfassbar grausam. 
Somit habe ich kurzerhand beschlossen, selbst an den Dannenröder Forst zu fahren. Als ich dort ankam, hing dort am Eingang ein riesiges Transparent, auf dem stand „Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“.
Jeden Tag um 5 Uhr morgens beginnt die Besetzung der BĂ€ume durch die WaldschĂŒtzenden. Kurz nach Sonnenaufgang fahren dann mehrere hundert Polizist*innen vor, bereit, bei der Vernichtung der Natur zu unterstĂŒtzen.
WĂ€hrend den Aktivist*innen auf den BĂ€umen trotz 5 Paar Hosen und mehreren WĂ€rmedecken immer kĂ€lter wird, mĂŒssen sie dabei zuschauen, wie schrittweise ein intaktes Ökosystem fĂŒr den Bau einer Autobahn gerodet wird. Wie dĂŒnne Streichhölzer werden die mehrere Hundert Jahre alten BĂ€ume und mĂŒhsam erbaute Barrikaden durch die Harvester umgeknickt.
Mit ihnen die liebevoll erbauten BaumhÀuser, das Zuhause von Waldbewohnenden und ein kleines bisschen auch die Hoffnung auf eine klimagerechte Welt.

Dass unsere Klimapolitik nicht so weitergehen kann, ist schon lange bekannt. Diese Einsicht treibt Besetzende an, solidarisch durch zivilen Ungehorsam ein in sich selbst widersprĂŒchliche System in Frage zu stellen.
Statt dafĂŒr Anerkennung zu erhalten, dass sie durch ihren krĂ€ftezehrenden Einsatz die Lebensgrundlage von Mensch und Nicht-Mensch zu verteidigen versuchen, sind sie Todesangst ausgesetzt.
Durch rĂŒcksichtsloses Verhalten seitens der Polizei kam es schon mehrmals zu lebensgefĂ€hrlichen Situationen. Am Sonntagmorgen, den 15.11. zerschneidet ein Beamter ein Stahlseil auf Kopfhöhe, woraufhin eine Aktivistin 5m in die Tiefe stĂŒrzt und schwer verletzt ins Krankenhaus kommt. Mittlerweile befindet sich der Mensch außer Lebensgefahr – und eine Ermittlung wegen fahrlĂ€ssiger Körperverletzung gegen den Polizisten ist am Laufen. 
Nur einen einzigen Tag spĂ€ter kam es erneut zu einem Vorfall: Obwohl mehrere Menschen Forstarbeitenden zuriefen, dass sich jemand zwischen zwei BĂ€umen an einem Seil befinde, wird ein Baum gefĂ€llt. Daraufhin fĂ€llt dessen Krone in die Traverse und der WaldschĂŒtzende erlebt einen Pendelsturz ĂŒber mehrere Meter. Normalerweise hĂ€tte dies einen Bodensturz bedeutet, der einzige Grund, warum es nicht dazu kam, war, dass sich der Aktivist doppelt gesichert hatte. Trotzdem kann auch allein ein derartiger Pendelsturz zu einer QuerschnittslĂ€hmung, schwerwiegenden inneren Blutungen und schlussendlich zum Tod fĂŒhren.

Wie kann es sein, dass bei einer RĂ€umung, bei welcher, ich zitiere die hessische Polizei, „die Sicherheit der Menschen an oberster Stelle“ steht, es zu derartigen VorfĂ€llen kommt? Jeden Tag werden immer mehr sicherheitsrelevante Strukturen zerschnitten, wĂ€hrend sich Menschen darauf befinden. Dass durch dieses fahrlĂ€ssige Handeln bisher hierdurch niemand gestorben ist, spiegelt mehr GlĂŒck wieder, als eine sichere RĂ€umung. 

Besetzende haben sogar bereits in einem Brief grundsĂ€tzliche Baustrukturen zu ihren Baumhausdörfern offengelegt, in welchem beschrieben wird, wo sich Sicherheitsseile befinden. Normalerweise wĂ€re es absolut kontraproduktiv, solche Details offenzulegen, da sie streng genommen eine schnellere Rodung ermöglichen. Scheinbar haben aber KlimaschĂŒtzende mittlerweile das Vertrauen darin verloren, dass bei der RĂ€umung körperlichen Unversehrtheit gewĂ€hrleistet wird.
 
Was sagt es ĂŒber unsere Gesellschaft aus, wenn Menschen, die die Lebensgrundlage auf diesem Planeten zu retten versuchen, auf Basis veralteter und lĂŒckenhafter VertrĂ€ge mit UnterstĂŒtzung der schwarz-grĂŒnen Landesregierung unter Einsatz von Elektrotasern mit einer abgegebenen Spannung von bis zu 50.000Volt in 25m Höhe von den BĂ€umen gezogen werden?
Wie viel physischer und psychischer Schaden ist nötig, bis diese Rodung gestoppt wird?

Es geht bei der Besetzung um die Verteidigung und den Aufbau einer Welt, die den bevorstehenden ökologischen kollaps ĂŒberleben kann.
Liegen die PrioritĂ€ten bei Profitstreben und einem kapitalistischen Wirtschaftssystem oder nicht viel eher bei den BedĂŒrfnissen aller Lebewesen und ökologischer KreislĂ€ufe?

In meinen Augen sollte Klimaaktivismus im Sinne aller Menschen kein Verbrechen sein. In diesem Kontext möchte ich auch noch darauf hinweisen, dass in genau diesem Moment seit Ende Oktober 7 Umweltaktivist*innen in der JVA Frankfurt inhaftiert sind, nachdem sie sich im solidarischen Protest an einer AutobahnbrĂŒcken abgeseilt haben. BegrĂŒndet wird die Inhaftierung mit Fluchtgefahr. Alle sieben Gefangenen sind isoliert und mĂŒssen bis zu 23h am Tag alleine verbringen. Zudem berichtet die Rote Hilfe, dass die Gefangenen alle ein- bis eineinhalb Stunden nachts durch anleuchten geweckt werden, aufgrund einer angeblichen Suizidgefahr. 
 
Wir befinden uns im Jahr 2020, laut dem EU-Klimawandeldienst haben alleine dieser Januar, Mai und September globale Hitzerekorde aufgestellt. WĂ€hrenddessen kĂ€mpft die Politik gegen die Menschen, die im Sinne meiner, deiner und eurer Zukunft versuchen, den Dannenröder Wald im Ganzen zu schĂŒtzen.
Es wird im medialen Diskurs von RealitÀtsverlust der AktivistInnen gesprochen. Aber so, wie wir jetzt Leben geht es nicht mehr lang weiter.
Diese bloße Tatsache macht den Wunsch nach einem radikalen Systemnwandel nicht realitĂ€tsfern, sondern  ganz im Gegengeil wirklichkeitsnah.

Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, dem Widerstand nachzukommen. Jeder einzelne kann gemĂ€ĂŸ seiner Möglichkeiten im Großen wie im Kleinen aktiv werden, angefangen beim Unterschreiben von Petitionen, Sach- und Geldspenden, Briefe an die WaldschĂŒtzenden schicken, anderen Leuten davon erzĂ€hlen oder auch selbst vor Ort mithelfen. Denn wie die Besetzenden richtig erfasst haben „Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“

Redebeitrag II – Young and Queer Ulm

Hallo, ich bin Julia von Young and Queer Ulm. Young and Queer kann heute leider nicht vor Ort dabei sein, dennoch möchten auch wir uns mit den Aktivist*innen im Dannenröder Forst solidarisch erklĂ€ren. Umwelt- und Queeraktivismus sind nicht unbedingt getrennte Bereiche und wir von Young & Queer setzen uns dementsprechend auch fĂŒr Umweltthemen ein, besonders im Angesicht der immer weiter voranschreitenden globalen Klimakrise.

Diese sorgt bereits jetzt fĂŒr spĂŒrbar mehr Naturkatastrophen, zwingt Menschen zur Flucht und sorgt fĂŒr ein stark beschleunigtes Artensterben. Dass uns nur noch wenig Zeit bleibt und wir jetzt sofort radikale Maßnahmen ergreifen mĂŒssen, um die Klimakrise zu stoppen, sollte auch den meisten Politiker*innen klar sein. Warum eine schwarz-grĂŒne Regierung dieses Projekt genehmigt hat, und damit nicht nur zulĂ€sst, dass 100 Hektar Wald zerstört werden, sondern auch die dringend nötige Verkehrswende nur weiter aufhĂ€lt und verlangsamt, ist fĂŒr uns unverstĂ€ndlich.

Der Erhalt des Dannenröder Forsts ist in Zeiten der Klimakrise nicht nur fĂŒr die Menschen vor Ort wichtig, deren Trinkwasserversorgung durch die Autobahn gefĂ€hrdet wird, oder fĂŒr die vielen Tiere und Pflanzen, denen er einen Lebensraum bietet, sondern fĂŒr uns alle. Denn die Klimakrise wird uns alle treffen. Wenn wir den Schaden noch begrenzen wollen und das in Gang setzen unaufhaltbarer RĂŒckkopplungseffekte vermeiden wollen, mĂŒssen wir jetzt sofort ernsthafte Maßnahmen ergreifen, um unsere Treibhausgas-emissionen zu reduzieren. Eine neue Autobahn zu bauen, obwohl dies erwiesenermaßen dazu fĂŒhrt, dass mehr Auto gefahren wird und es mehr Verkehr gibt, ist das genaue Gegenteil davon.

Vor zwei Monaten war ich selbst im Dannenröder Forst, und auch wenn ich nur fĂŒr sehr kurze Zeit dort sein konnte, hat es viel in mir ausgelöst. Zum einen Begeisterung darĂŒber, wie viele Menschen dort waren, um sich fĂŒr den Erhalt des Dannenröder Forsts einzusetzen. Ob beim Waldspaziergang, auf der Mahnwache vor dem Wald oder im Wald selbst. Bewunderung und Dankbarkeit fĂŒr all die Aktivist*innen, die sich seit Jahren fĂŒr den Dannenröder Forst einsetzen und seit ĂŒber einem Jahr einen Teil davon besetzen und so bereits einmal eine Rodung verhindern konnten. Auch vor zwei Monaten rechneten bereits alle damit, dass die RĂ€umung jederzeit beginnen könnte. So empfand ich auch viel Traurigkeit und Wut beim Anblick der ganzen BĂ€ume, die bereits fĂŒr die Rodung markiert waren. Vor allem aber hat es mich berĂŒhrt, was fĂŒr einen Ort die Aktivist*innen im Dannenröder Forst geschaffen hatten. Überall wurde deutlich, dass Menschen hier solidarisch miteinander leben und sich MĂŒhe geben, einen rĂŒcksichtsvollen, diskriminierungsarmen und inklusiven Raum zu schaffen, im dem sich jeder wohl fĂŒhlen kann. Es gab klar gekennzeichnete RĂŒckzugsorte fĂŒr weibliche und queere Personen, und PinnwĂ€nde mit Informationen und Anregungen um Themen wie Sexismus, Rassismus und andere Diskriminierungsformen, die in unserer jetzigen Gesellschaft immer noch sehr prĂ€sent sind, zu reflektieren. Dadurch wurde fĂŒr mich noch einmal deutlicher, wie wichtig es ist, den Kampf gegen die Ausbeutung der Natur mit anderen KĂ€mpfen fĂŒr soziale Gerechtigkeit zusammen zu denken.

In unserem aktuellen patriarchalen, kapitalistischen Wirtschaftssystem werden nicht nur die natĂŒrlichen Ressourcen unserer Erde ausgebeutet, sondern auch Menschen, besonders im globalen SĂŒden und marginalisierte Gruppen. Um diese Ausbeutung und damit auch die Klimakrise zu stoppen, brauchen wir deshalb einen Systemwandel und SolidaritĂ€t. Viele queere Menschen erfahren in unserer Gesellschaft Diskriminierung und Ausgrenzung. Das Hinterfragen von gesellschaftlichen heteronormativen und auch kapitalistischen Normen ist fĂŒr viele von uns deshalb nichts neues. Und es sind die gleichen Normen, die gleiche Idee von Dominanz gegenĂŒber anderen Menschen und der Natur, die auch zur Ausbeutung und Zerstörung eben dieser fĂŒhren. Wie die Aktivist*innen im Dannenröder Forst wollen wir uns deshalb fĂŒr eine Abschaffung dieser ausgrenzenden und ausbeuterischen Normen in unserer Gesellschaft und unserem Wirtschaftssystem einsetzen. Dabei ist der Kampf um den Erhalt des Dannenröder Forsts sehr wichtig, da dieses Projekt deutlich zeigt, dass unser aktuelles System oft Entscheidungen hervorbringt, die nicht fĂŒr den Erhalt unserer Lebensgrundlage am besten wĂ€ren, sondern fĂŒr die wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen wie der Automobilindustrie. Das muss sich Ă€ndern! SolidaritĂ€t mit Aktivist*innen im Dannenröder Forst und ĂŒberall!“ #dannibleibt #dannenröderforst

Redebeitrag III – Einzelperson

Es geht nicht nur um die A49.  Es geht nicht nur um den Danni. Es geht nicht nur um einen Wald. Nichtmal nur um eine klimagerechtere Welt.

Es geht um eine andere Art des Lebens. Des Umgangs von Mensch mit Natur, von Mensch mit Mensch. Es geht um andere Konzepte des Zusammenlebens. Die Baumhausdörfer, die Barrios stehen fĂŒr mehr als nur eine Verkehrswende. Sie stehen fĂŒr queerfeministische, antispezistische, antifaschistische, antikapitalistische, hierarchiefreie Ideen.

Und diesen Ideen wird dort der Atem geraubt, indem die Polizei mit schwerem GerĂ€t die Aktivisti von den BĂ€umen reißt. Und ihnen ihr Zuhause zerstört. Die Gewalt des Staates ist dort allgegenwĂ€rtig. Aktivisti mit blauen Flecken, verdrehten Handgelenken, bis hin zu schwersten Verletzungen. Aber auch eine enorme psychologische Gewalt. Die Angst nicht mehr heil aus dieser Aktion herauszukommen, da irgendein Cop das Seil durchschneidet, an dem dein Leben hĂ€ngt. Androhung von Gewalt, wenn mensch nicht freiwillig mitlĂ€uft. Erniedrigung, Schikanen, Repression. Und den Cops ist es scheißegal, dass sie dort mit Leben spielen. Dass sie dort nichts als VerwĂŒstung hinterlassen, wo ĂŒber Monate liebevoll eine Gemeinschaft aufgebaut wurde.

Es tut weh. Es tut weh, nachts im Schutze der Dunkelheit mit TrĂ€nen in den Augen nur noch TrĂŒmmer von den Strukturen vorzufinden, von denen mensch am Tage gerĂ€umt wurde.

Was bleibt ist Wut, verzweifelte Wut. Die nerven liegen blank.

Dabei ist der Danni eigentlich ein unvorstellbar schöner Ort. Wo Menschen sich zusammenfinden ihre Ideale zu verteidigen. Wo Ideen gelebt werden, fĂŒr die mensch woanders höchstens belĂ€chelt wird. Wo Anwohner:innen und Aktivisti nebeneinander stehen. Wo Geschichten und Begegnungen entstehen, die fĂŒr Leben bedeutsam sind.

Um diesen Ort zu bewahren, braucht es unbedingt SolidaritÀt mit den Menschen dort. Mit den Aktivisti, mit den Anwohner:innen, all denen, die dort die Besetzung ermöglichen. Doch es braucht halt auch Menschen. Es braucht Material, es braucht Essen. Es braucht Kraft und es braucht Mut. Und was es vor allem braucht ist einen Rodungstopp.

Da helfen keine warmen Worte, keine SolidaritÀtsbekundungen oder leere Versprechungen. Da muss gehandelt werden. Denn die Möglichkeiten wÀren da, nur der Wille fehlt.

Und das macht mich wĂŒtend.

Denn Es geht nicht nur um die A49, nicht nur um den Danni. Es geht um unsere Zukunft und darum, wie wir leben wollen.




Quelle: Kollektiv26.blackblogs.org