Januar 26, 2022
Von Indymedia
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Die Verhandlung begann an diesem Tag mit fast einstĂŒndiger VerspĂ€tung in Anwesenheit des Nebenklagevertreters Tripp.

Der erste geladene SachverstĂ€ndige, Dr. Sebastian Lippold vom LKA Sachsen, brachte eine PrĂ€sentation mit, die die Schritte der Auswertung beleuchten sollte. ZunĂ€chst fĂŒhrte dies zu Unmut bei der Verteidigung, da Bilder aus dieser PrĂ€sentation nicht digital vorliegen und dies fĂŒr die Verteidigung relevant ist, zumal zuvor ein Antrag gestellt wurde, derartige Unterlagen zur VerfĂŒgung gestellt zu bekommen. Der Vorsitzende SchlĂŒter-Staats gab an, dies seien nur Serviceleistungen und Hilfestellungen, es sei nicht von Nöten, diese fĂŒr die Befragung bereits gesichtet zu haben. Die Verteidigung bekĂ€me die Unterlagen spĂ€ter in digitaler Form.

Dr. Lippold erklĂ€rte zunĂ€chst Begrifflichkeiten, die fĂŒr die Auswertung der DNA relevant seien und veranschaulichte dies anhand seiner PrĂ€sentation. Er stellte dar, welche Bereiche untersucht wĂŒrden, um die DNA zuzuordnen und was dafĂŒr von Nöten wĂ€re. FĂŒr die Analyse seien DNA-Elemente notwendig, die eine gewisse QualitĂ€t aufweisen.

Das LKA Sachsen nutzt drei verschiedene DNA-Kits zur Untersuchung, bei denen unterschiedlich viele Merkmalsysteme untersucht werden. Beim ersten Kit „Nonaplex“ sind es acht, bei den anderen beiden (ESX, ESS) jeweils sechzehn. Die DNA wird in einem sogenannten Elektropherogramm bildlich in sogenannten Peaks dargestellt, die Höhe der AusschlĂ€ge gibt die SignalstĂ€rke, also die Menge der vorhandenen Proteine in einem Merkmalsystem an. Der sogenannte Summationseffekt könne dazu fĂŒhren, dass die Peaks deutlich höher dargestellt werden, wenn zwei Personen identische Merkmale in einem System aufweisen. Bei mehr als einer verursachenden Person sei es demnach auch nicht möglich, eindeutig Spuren zuzuordnen. Im hiesigen Fall lag die DNA des GeschĂ€digten vor, die dazu genutzt worden sein soll, eventuelle andere Verursacher:innen besser zu filtern.

Die untersuchte MĂŒlltĂŒte, welche am Tatort gefunden worden sein soll, wurde an verschiedenen Stellen untersucht und es wurden zunĂ€chst drei Spurproben entnommen. Hierzu wurden Bilder der TĂŒte gezeigt und angegeben, wo welche Probe abgenommen worden sei. Der Knoten, durch den die TĂŒte verschlossen war, wurde von außen und innen untersucht, außerdem seien Abriebe an der Aussenseite der TĂŒte grob entnommen worden. Die entnommenen Proben wĂ€ren Mischspuren mit mehr oder weniger eindeutigen Ergebnissen. Bei einer der Spuren soll nach Abgleich mit der DAD (DNA-Analyse-Datei) die DNA eines weiteren Beschuldigten, aber aktuell nicht Angeklagten im hiesigen Verfahren, gefunden worden sein. Bei den anderen Spuren sei die Menge der DNA sehr gering und laut der Aussage des SachverstĂ€ndigen wĂ€ren Spuren von mindestens drei bis vier Personen enthalten, sodass eine weitere Analyse laut seiner EinschĂ€tzung nicht zielfĂŒhrend wĂ€re. Der Grund dafĂŒr seien stochastische Effekte, kurz: eine zu hohe Zahl an zufĂ€lligen AusschlĂ€gen im Elektropherogramm, die keine eindeutigen Erkenntnisse ermöglichen wĂŒrden.

Nach knapp zwei Stunden wurde die Befragung fĂŒr die Mittagspause unterbrochen und die Verhandlung um 13:25 Uhr fortgesetzt.

Im zweiten Teil der Befragung ging es zunĂ€chst um die ErlĂ€uterung der Termini Drop-Out und Drop-In, wobei ersteres wesentlich hĂ€ufiger auftrete, als letzteres. Der SachverstĂ€ndige Dr. Lippold versuchte die Drop-Outs anhand des Beispiels einer Fruchtbowle darzustellen und erklĂ€rte, dass wenn es nur 3 Kirschen in der Bowle gĂ€be und alle anderen FrĂŒchte wesentlich hĂ€ufiger vorkĂ€men, wĂ€re die Wahrscheinlichkeit auch wesentlich höher, mit einer Schöpfkelle keine der Kirschen aus der Bowle zu fischen. In diesem Beispiel stehen die FrĂŒchte fĂŒr Allele und die Kirschen wĂ€ren somit Allele, die fehlen wĂŒrden, was bedeute, dass ein Merkmalsystem ausfallen wĂŒrde.

Drop-Ins kĂ€men sehr viel seltener vor, seien aber möglich. Hierbei wĂŒrden Allele auftauchen, welche eigentlich nicht da seien und es sei sehr unwahrscheinlich, dass ein Drop-In in der Replikation vorkĂ€me.

Im Anschluss ging es um die Einschluss-Ausschluss-Wahrscheinlichkeit, die sich auf die relative HĂ€ufigkeit in der Population bezieht. Hierbei wird anhand der Merkmale analysiert, wie viele Personen in einer bestimmten Population diese Merkmale teilen, wie sich also die Allele statistisch in der Bevölkerung verteilen und wie hoch dementsprechend die Wahrscheinlichkeit ist, dass es sich um eben diese Person handeln könnte. Laut Dr. Lippold hĂ€tten diese Berechnungen kaum eine Aussagekraft und wĂŒrden aufgrund der schwierigen Interpretation heute kaum noch praktiziert.

Anschließend ging es um die Einstufung der Ergebnisse einer DNA-Untersuchung und die Lesart dieser. Die Beurteilungen „nicht auszuschließen“ oder „in Betracht zu ziehen“ werden von den SachverstĂ€ndigen selbst vorgenommen und orientieren sich nur an Empfehlungen der Spurenkommission, können aber eben individuell unterschiedlich ausfallen. Nicht auszuschließen seien vor allem Teilprofile, bei denen nicht in allen sechzehn Merkmalsystemen Allele vorlĂ€gen. Hinzu kommen Abstufungen in der QualitĂ€t der Spuren, also zum einen Mischspuren, Spuren mit schwer oder nicht reproduzierbaren Allelen und Spuren mit Degradationseffekten, verursacht durch verschiedene Ă€ussere EinflĂŒsse. Hieraus ergeben sich Spurentypen, die nach der QualitĂ€t der Spur bezeichnet werden. Die drei Typen sind A, B und C, wobei A ein Einzelverursacher ist, also eine qualitativ hochwertige Spur vorliegt und C eben eine Spur schlechter QualitĂ€t bedeute.

Im Folgenden wurde der SachverstĂ€ndige von der Verteidigung vor allem zu den vorliegenden Spuren befragt, kurz unterbrochen durch das Eintreten den Nebenklagevertreters Martin Kohlmann. Dr. Lippold vermutete, dass die vorliegenden Spuren Hautkontaktspuren seien. Hierzu fĂŒhrte er aus, dass es verschiedene Parameter gĂ€be, um festzustellen, ob es sich um primĂ€re oder sekundĂ€re Spuren handeln wĂŒrde, zu welchen beispielsweise die OberflĂ€chenbeschaffenheit des SpurentrĂ€gers zĂ€hlen wĂŒrde, aber auch die Kontaktzeit und die Art der Spur selbst.

Bei dem SpurentrĂ€ger hier sei festgestellt worden, dass dieser zunĂ€chst von der Spurensicherung in einer TĂŒte verpackt wurde, welche Geruchsspuren sichere, um diese einem Mantrailerhund zuzufĂŒhren, was auch geschehen sei. Erst danach wurde der SpurentrĂ€ger in die fĂŒr die DNA-Auswertung typische TĂŒte verpackt, die sicherstellen soll, dass der SpurentrĂ€ger nicht kontaminiert und trocken bleibt. Auf die Frage hin, ob dieses Umverpacken und der Kontakt mit dem Hund eine Auswirkung auf die Spuren haben könnte, musste der SachverstĂ€ndige eingestehen, dass dies möglich sei. Tierische Spuren wĂŒrden nicht untersucht werden, da die DNA-Kits automatisiert humane Spuren filtern wĂŒrden, der Hund könnte jedoch trotz dessen als SpurenĂŒbertrĂ€ger humaner DNA gelten.

In Bezug auf die QualitĂ€t der Mischspur konnte insgesamt festgestellt werden, dass die vorhandenen Werte sehr niedrig und keineswegs optimal fĂŒr eine Auswertung seien.

Zu der Frage wie Spuren abgeglichen werden, meinte der SachverstĂ€ndige, dass es verschiedene Möglichkeiten gĂ€be. Es gĂ€be einen Meldebogen, wenn eine qualitativ hochwertige Spur vorlĂ€ge und dieser wĂŒrde in die DAD eingespeist und abgeglichen. Zudem gĂ€be es Rechercheprofile, die in der Regel eine Teilspur beinhalten, die mit der DAD abgeglichen, jedoch nicht dort gespeichert werden wĂŒrde. Dieser Abgleich kann jedoch mehrfach erfolgen.

Zuletzt erklĂ€rte der SachverstĂ€ndige noch das Prozedere, um die DNA von einem SpurentrĂ€ger zu entnehmen und wie diese dann fĂŒr die Weiterverarbeitung aufbereitet werden wĂŒrde.

Um 15:55 Uhr wurde der SachverstÀndige Dr. Lippold entlassen und nach einer kurzen Unterbrechung sein Kollege Dr. Salomo in den Saal gerufen.

Der zweite SachverstĂ€ndige, Dr. Karsten Salomo vom LKA Sachsen, war der erste der drei SachverstĂ€ndigen, der die MĂŒlltĂŒte als SpurentrĂ€ger untersuchte.

ZunĂ€chst erlĂ€uterte er im Detail und anhand der Bilder der TĂŒte, wo und wie die Spuren entnommen worden seien und er stellte heraus, dass es im Bereich unterhalb des Knotens keine Überschneidungen mit den Spuren auf und in dem Knoten gegeben hĂ€tte.

Auch er erklÀrte erneut und noch detaillierter, wie die DNA nach der Entnahme gereinigt und extrahiert wird und dass bei den vorliegenden Spuren der Optimalwert dessen, was an Material nötig wÀre, wesentlich unterschritten worden sei.

Nach seiner ersten Auswertung der Spuren, habe er auf die weitere Verarbeitung verzichtet, da eben nicht genĂŒgend Material vorhanden gewesen sei und auch kein Vergleichsmaterial vorgelegen hĂ€tte. Sie hĂ€tten lediglich die DNA des GeschĂ€digten gehabt und auch die Mitarbeitenden der Kriminaltechnik hĂ€tten ihre Spuren hinterlegt, um diese bei den Untersuchungen berĂŒcksichtigen zu können.

Der Vorsitzende wurde im Zuge der Befragung sichtlich unruhig, da sich abzeichnete, dass diese nicht mehr am heutigen Tag abgeschlossen werden wĂŒrde und auch die Bundesanwaltschaft war hörbar erschöpft, da OStAin Geilhorn mehrfach vergaß ihr Mikro auszuschalten und alle mit Schnauben und Husten ihrerseits behelligte.

Somit wurde der SachverstĂ€ndige fĂŒr den morgigen Prozesstag erneut geladen und um 17:15 die Sitzung geschlossen.




Quelle: De.indymedia.org