Juni 28, 2021
Von Emrawi
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Anlass war ein Vorfall, bei welchem eine Frau, die zur Reinigung eines Hauses angestellt war, von ihrem „Arbeitgeber“ eingesperrt und wiederholt sexuell missbraucht wurde. Die Nachbar*innen riefen zwar die Polizei, aber diese weigerte sich, einzugreifen. Sie sind stets bereit, ein besetztes Haus zu stĂŒrmen oder Menschen auf einem öffentlichen Platz anzugreifen, schrecken allerdings davor zurĂŒck, die TĂŒr eines Hauses der Mittelschicht aufzubrechen, so dass der Vergewaltiger entkommen konnte und auf freiem Fuß verbleibt.

Dieser Horror entwickelte sich zudem im Schatten eines laufenden und fĂŒr Schlagzeilen sorgenden Falles, in welchem ein „achtbarer“ griechischer Mann, ein Airline-Pilot, seine (viel jĂŒngere) Frau ermordete und anschließend behauptete, sie sei von Immigranten getötet worden, ein kalkulierter rassistischer Trick, dem die griechische Polizei, indem sie im nationalen Fernsehen „hartgesottene migrantische Kriminelle“ beschuldigte, nicht nur zustimmte, sondern sogar aktiv handelte, indem sie einen georgischen Mann ohne Papiere entfĂŒhrte und ihn tagelang zusammenschlug, um ihm ein GestĂ€ndnis abzuringen.

Es scheint fast zu offensichtlich, um es nochmal klar und deutlich auszusprechen, und dennoch ist das oben beschriebene ein Beispiel fĂŒr die Verflechtung von Gender und Klasse, EthnizitĂ€t und Nationalismus, sowie fĂŒr die SchlĂŒsselrolle, welche die Polizei bei der Aufrechterhaltung dieser brutalen Hierarchien einnimmt.

Wie bei so vielen VorfĂ€llen von geschlechtsspezifischer Gewalt, ob tödlich oder nicht, war der TĂ€ter eben das, was meist am tödlichsten ist: „der Herr des Hauses“. Ein Graffiti, welches in der Nachbarschaft entdeckt wurde, fasst ihn kurz und bĂŒndig zusammen: „Guter Junge. Pilot. Orthodoxer Christ. Femizid.“

Die Polizei reagierte auf die EnthĂŒllung der Schuld des Ehemannes, indem sie erneut im TV auftrat und anderen MĂ€nnern, die möglicherweise ebenfalls ihre Frauen ermorden wollen, RatschlĂ€ge erteilte, wie sie besser damit durchkommen könnten als dieser. Hierbei handelt es sich weder um einen Scherz noch um eine Übertreibung.

WĂ€hrend sich die Mainstream-Berichterstattung zu diesen beiden FĂ€llen auf das konzentrierte, was man als „karzerale“ Sichtweise bezeichnen könnte – warum wurden diese MĂ€nner nicht VERHAFTET und EINGESPERRT? – versammelten sich die Frauen von Athen an mehreren Abenden hintereinander in enormer StĂ€rke, nicht nur um ihre Wut auszudrĂŒcken, sondern auch um direktere, systematischere LösungsansĂ€tze gegen die tĂ€glich an Frauen ausgeĂŒbten Gewaltexzesse zu finden.

Der Demonstrationszug am Dienstagabend begann mit BeitrĂ€gen von Redner*innen und Sprechchören. Bereits im Vorfeld waren die umliegenden Blöcke mit militanten feministischen Graffiti in griechischer und englischer Sprache ĂŒbersĂ€t worden. Einmal in Bewegung, wurde die Menge an Graffiti so gewaltig, dass die KĂŒnstler*innen im hinteren Teil der Demo Probleme hatten, ĂŒberhaupt noch freie FlĂ€chen zu finden! Viele feministische, anarcha-feministische, polizeifeindliche und queere Slogans und Symbole waren dabei zu entdecken. Einige, welche mir aufgefallen sind, waren TOTE MÄNNER VERGEWALTIGEN NICHT, TÖTET VERGEWALTIGER, TREIBT DAS PATRIARCHAT AB, TREIBT DEN KAPITALISMUS AB, DIE POLIZEI SCHÜTZT MICH NICHT – MEINE FREUNDE TUN DAS, und die unvergĂ€ngliche Zeile SAG ANSTELLE VON „ICH LIEBE DICH“, „FICK DIE POLIZEI“.

Sehr bewegend fand ich außerdem das Graffiti mit der Aufschrift LASS UNS ALLE ZU AUFSTÄNDISCHEN, RÄUBER*INNEN, SABOTEUR*INNEN WERDEN.

Es gab unzĂ€hlige Aufkleber und FlugblĂ€tter sowie wĂŒste Sprechchöre (auf Griechisch). Im Folgenden findet ihr Übersetzungen einiger dieser großartigen Rufe:

„Das Patriarchat vergewaltigt und tötet, auf der Straße und zu Hause. Wir werden den Staat und das Patriarchat abfackeln.“

„Glorreicher griechischer Mann, auf deinem Grab werden wir das allergrĂ¶ĂŸte Festival feiern.“

„Der Vergewaltiger wird nicht aus dem Osten herkommen, er wird aus Ekali und Koponi stammen.“ (Griechische Nachbarschaften)

„Das, das, das ist genau das Richtige: Tritte mit 12cm-AbsĂ€tzen, um dich aufzuhĂŒbschen.“

„Griechenland, stirb, damit wir leben können. Zur Hölle mit der Familie! Zur Hölle mit dem Vaterland!“

„Zwei Meter, zwei Meter unter der Erde, gibt es fĂŒr jeden Vergewaltiger ein Zuhause.“

„Schwule, Transen, Lesben, Priester*innen der Schmach. Wir sind stolz, die Schande der Nation zu sein.“

„Auf den Straßen, auf den PlĂ€tzen, in allen Vierteln: Migrant*innen, ihr seid nicht allein!“

Die Bereitschaftsbullen der MAT hefteten sich an die Fersen der Demonstration, wobei es allerdings zu keinen direkten ZusammenstĂ¶ĂŸen kam, obwohl einige Teilnehmer*innen die typisch griechische Multitasking-Methode praktizierten, sich noch wĂ€hrend des wegjoggens vor der Polizei eine Kippe zu drehen.

Frauen, die Graffiti sprĂŒhen, sind hier kein exotischer Anblick, aber der Prozentsatz der gesamten SprĂŒhereien (und des Zerschlagens von Geldautomaten und des AnzĂŒndens von Bengalos usw.), welcher bei dieser Demo von Frauen durchgefĂŒhrt wurde, lag bei bzw. bei nahezu 100%. Es war sehr ergreifend zu beobachten, wie Frauen sich gegenseitig SprĂŒhdosen weiterreichten oder, wenn einer mal mitten im Satz die Dose ausging, eine andere Frau einsprang, um den Slogan zu vervollstĂ€ndigen.

Obwohl auf der Demonstration eine starke anarchistische PrĂ€senz zu verzeichnen war, war diese dennoch nicht ausschließlich anarchistisch; es beteiligten sich Kommunist*innen, Autonome und andere, im Übrigen gab es unter den Teilnehmer*innen einige Diskussionen darĂŒber, was ins Visier genommen werden sollte und was nicht – z.B. ob „lokale Gewerbe“ von einer Renovierung verschont bleiben sollten. Dabei handelte es sich um GesprĂ€che unter den Frauen; MĂ€nner, welche versuchten, ihre Meinung dazu anzubringen wurden zurĂŒckgewiesen.

Der Demonstrationszug endete auf dem Merkouri-Platz, auf welchem ein Genosse namens Dimitris Armakolas 2018 beim AufhĂ€ngen eines Banners zur UnterstĂŒtzung eines politischen Gefangenen sein Leben ließ: https://itsgoingdown.org/on-the-passing-of-anarchist-comrade-dimitris-armakolas/

Nachdem Ende des Umzuges brannte mitten auf der Straße ein MĂŒllcontainer – dabei handelte es sich um einen Recycling-MĂŒllcontainer, welcher schlussendlich schmolz und dann gĂ€nzlich in sich zusammenfiel.

In Anbetracht der nutzlosen konsumpolitischen Ablenkung, die das „Recycling“ im Angesicht der Klimaapokalypse zu bieten hat, bildet ein abgefackelter Recycling-MĂŒllcontainer eine brauchbare Schlussanalogie fĂŒr jene Antwort, welche diese große, kraftvolle Demonstration auf den uralten und andauernden Krieg gegen Frauen darbot: Anstatt Reformismus und staatlichen Lösungen, fackeln wir die Scheiße lieber ab.




Quelle: Emrawi.org