November 27, 2020
Von Rigaer94
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Erinnern wir uns, dass vor einigen Monaten die da oben uns
SolidaritĂ€t diktierten, ein Wort, dass fĂŒr uns Rebellion und
soziale WĂ€rme bedeutet, fĂŒr sie jedoch nur die Aufrechterhaltung
des kapitalistischen Zahnrades durch die Mitarbeit voneinander
isolierter Individuen. In einem Moment wie heute frĂŒh – inmitten
der Pandemie – zeigte sich diese Heuchelei, die Unmenschlichkeit
der herrschenden VerhÀltnisse erneut klar und deutlich.

Ein
Mensch, der in den letzten Monaten eine Bleibe unter einem Balkon in
der Rigaer Straße fand, wurde bei Minusgraden von einem massiven
Aufgebot einer gesamten Einsatzhundertschaft, behelmter Bullen,
Hubschrauber, Ordnungsamt und BSR gerÀumt. Ein Einsatz, der mehrere
tausend Euros gekostet haben wird.

Die
angekĂŒndigte SolidaritĂ€t unserer kleinen rebellischen Strukturen
riefen offenbar viel Angst in der Polizeibehörde aus. So konnten die
Menschen des Nordkiezes kurz nach 6 Uhr beobachten, wie Wannen die
Straße besetzten. Einsatzleiter war auch hier wieder einmal Pohl vom
Abschnitt 51, eben genau jener, der stets mit seinen EinsÀtzen gegen
die Rigaer94 auf die Schnauze fÀllt, zuletzt im Juli diesen Jahres.

Sicher
hatten sich die HĂŒter der Ordnung gedacht, dass die frĂŒhe Stunde es
ihnen ermöglichen wĂŒrde, den Einsatz ungesehen durchfĂŒhren zu
können. Dieser Plan ging jedoch nicht auf. Das sicher frĂŒheste
Kiezradio in der Geschichte der Rigaer Straße nahm sich heraus, die
Nachbarschaft noch vor den meisten Weckern ĂŒber die Geschehnisse zu
informieren.

Dass
die Liebig34 den rebellischen Strukturen fehlt, wurde einmal mehr
dadurch deutlich, da sich die gesamte Aufmerksamkeit der Bullen auf
den kleinen Straßenabschnitt zwischen Liebig- und Zellestraße
konzentrieren konnte. Dementsprechend fingen sie auch bald an die
Leute vor der TĂŒr der Rigaer94 zu schikanieren und nach einer
Anmeldung zu fragen. Da ihrem Auftreten mit Ignoranz begegnet wurde,
versuchten die Bullen sich Aufmerksamkeit durch Festnahmen zu
ergattern. Einige konnten solidarisch verhindert werden, eine Person
wurde jedoch mitgenommen und musste nach einem Platzverweis die
Straße verlassen. Nachdem ein wenig Farbe von umliegenden DĂ€chern
auf die Bullen flog, erschien wenig spÀter ein Helikopter, der eine
Stunde lang die Nachbarschaft im Tiefflug terrorisierte. Auch wurde
die Einheit vor der TĂŒr der Rigaer94 daran erinnert, dass es dort
ungemĂŒtlich fĂŒr sie werden kann. Auf sie entleerten sich einige
Feuerlöscher.

Wie
gewohnt, ließ es sich die bĂŒrgerliche Presse im Nachgang nicht
nehmen, die polizeiliche Version der Geschehnisse unhinterfragt zu
ĂŒbernehmen und das ĂŒbliche Bild des „verwahrlosten“ Obdachlosen
zu zeichnen. Von „Camp“ zu sprechen anstatt einer Unterkunft, von
„MĂŒll“ und vermeintlichen Beschwerden von Anwohner*innen. Hier
im Kiez hört mensch jedoch andere Geschichten: Viele fragten immer
wieder nach was gebraucht wĂŒrde, brachten Thermoskannen mit Tee
vorbei, setzten sich dazu oder grĂŒĂŸten einfach mit einem herzlichen
LĂ€cheln. Die Bleibe war ein Teil des Kiezes, so wie sich unter den
Balkonen und in den angrenzenden Parks immer wieder wohnungslose
Menschen einfanden, die die NĂ€he zu einer Nachbarschaft suchten, in
der nicht Alle, aber Einige ein gesundes Abwehrverhalten gegen Bullen
und Ordnungsamt aufweisen.

So
reiht sich diese Berichterstattung in den Sozialchauvinismus ein, der
schon mit dem Brief des Ordnungsamtes begonnen wurde und nun auf
mehreren Ebenen die LegitimitÀt eines widerlichen staatlichen
Einsatzes untermauern soll. NatĂŒrlich gilt auch unter der
rot-rot-grĂŒnen Regierung, die gnadenlose Law-and-Order Politik der
Stadt der Reichen. Der zynische Beipackzettel der RĂ€umungsankĂŒndigung
mit den Adressen einiger NotunterkĂŒnfte, ignoriert die Stimmen
derjenigen, die immer wieder darauf hinweisen, dass ihnen in diesen
UnterkĂŒnften jegliche Selbstbestimmung genommen wird und sie sie
deswegen nicht aufsuchen. Es soll also einzig und allein der
unmenschlichen Fratze des Staates ein sozialer Anstrich gegeben
werden, wÀhrend noch vor wenigen Wochen eine Besetzung wohnungsloser
Menschen in der Habersaathstraße gerĂ€umt wurde. Oder um es mit den
Worten des gerĂ€umten Menschen zu sagen: „Die Polizei tritt
Menschenrechte mit FĂŒĂŸen. Wortwörtlich.“

Nach vier Stunden zogen sich BSR, Ordnungsamt und schließlich auch die Bullen zurĂŒck. Im Kiez verblieben mĂŒde aber auch lĂ€chelnde Gesichter, der alltĂ€glichen Grausamkeit des kapitalistischen Normalzustands zumindest nicht vereinzelt, sondern gemeinsam etwas entgegengesetzt zu haben. In ihnen lebt die widerstĂ€ndige Geschichte weiter, wĂ€hrend die Besen der BSR schon einen Zustand herstellten, der den nunmehr aufgewachten Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Jobcenter oder zum Einkaufen die RealitĂ€t vor ihren Augen verwischen soll.




Quelle: Rigaer94.squat.net