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„Die sogenannte neue Mittelschicht hat die Kritik am Arbeitsethos längst in ihren flexiblen und prekären Lebensentwurf integriert. Arbeitskritik auf der Höhe der Zeit müsste auch die New-Work-Ideologie angreifen“, fordert Stephan Maßdorf in einem Diskussionsbeitrag in der Wochenzeitung jungle.world. Dort arbeitet er auch gut heraus, wie die Entfremdungskritik der Alternativbewegung der 70er Jahre längst in die neue Managerkultur eingezogen ist und zu einer Waffe gegen die Lohnabhängigen wurde.

Mit diesen neuen Managermethoden hat sich Hermann Bueren in seinem im Kellner-Verlag erschienenen Buch „Bewegt Euch schneller“ auf fast 320 Seiten kenntnisreich auseinandergesetzt. Bueren war mehrere Jahre Betriebsrat in einem Druckereibetrieb, bevor er auf dem zweiten Bildungsweg Arbeits- und Betriebssoziologie studierte und im Bereich der gewerkschaftlichen Bildung arbeitete. In seinem Buch kritisiert er die verschiedenen Managermethoden aus der Perspektive der Lohnabhängigen. Im Zentrum seiner Untersuchung steht der Hype um die Agilität, heute das Markenzeichen eines aufgeschlossenen, modernen Unternehmens. „Bereits Mitte der 1980er Jahre hatte das Wort flexibel die gleiche Funktion wie heute agil“, schreibt Bueren und betont, dass es darum geht, die Lohnabhängigen durch stetiges Lernen und Anpassungsfähigkeit an die sich ständig verändernden Marktbedingungen anzupassen. Immer wieder unternimmt Bueren kurze Exkurse in die Geschichte der Managermethoden. Dabei geht er auf tayloristische Modelle in den USA, aber auch verschiedener Betriebsgemeinschaftsmodelle im NS-Deutschland ein und zeigt auf, dass es immer darum ging, möglichst viel Mehrwert aus der Arbeitskraft der Lohnabhängigen herauszuholen. Da wurde den Betriebspsycholog*innen schon vor Jahrzehnten klar, dass es besser gelingt, wenn dabei weniger äußerer Zwang dominiert, sondern die Menschen das Gefühl haben sollen, dass sie selber immer besser und immer schneller arbeiten wollen.

Für Solidarität und Klassenkampf kein Platz

Bueren entlarvt die Rhetorik und Propaganda dieser Managermethoden, denen es auch gelungen ist, Begriffe und Werte zu vereinnahmen, die auch in linken Kreisen beliebt sind. Dazu gehört der Begriff der Selbstorganisation. „Die Teams sollen sich frei und selbstorganisiert in einem Netzwerk mit anderen Teams des Unternehmens bewegen und austauschen können.“ Netzwerkähnliche Strukturen statt Herrschaftshierarchien seien daher die Grundlagen künftiger Unternehmensführung. Doch Bueren betont, dass damit nicht alte Träume der Arbeiter*innenbewegung umgesetzt werden. Vielmehr sollten die Lohnabhängigen selbstbestimmt die Ziele der Konzerne umsetzen. Klassenkampfgedanken und engagierte Interessenvertretung der Lohnabhängigen hat in dieser agilen Arbeitswelt natürlich keinen Platz. Gibt es Probleme im Betrieb, werden diese individualisiert. Mitarbeiter*innengespräche sollen dafür sorgen, dass die einzelnen Arbeiter*innen im Sinne des Unternehmens funktionieren. Wenn das nicht gelingt, gelten sie als Minderleister*innen, von denen sich das Unternehmen trennen muss. Dabei wird das Team als Begründung angeführt, dem es nicht mehr zumutbar sei, dass jemand, der oder die nicht genug Einsatz zeigt, weiter dort mitarbeiten kann. Bueren zeigt an vielen Beispielen auf, dass die Konflikte einer kapitalistischen Arbeitsorganisation in den einzelnen Lohnabhängigen verlagert werden. Der hat im Zweifel nicht ein Management sondern ein Team vor sich, vor dem er sich rechtfertigen muss, wenn er die geforderte Leistung nicht erbringen konnte.

Selbstorganisation statt agile Managerkultur

Doch Bueren bleibt nicht bei Ideologiekritik stehen. Er zeigt im letzten Teil des Buches auf, dass die Managerträume oft am proletarischen Eigensinn scheitern. Viele der agilen Arbeitsmethoden werden trotz oder wegen der Rhetorik von Selbstorganisation und Respekt von den Lohnabhängigen abgelehnt. Im letzten Kapitel unter dem programmatischen Titel „Anders arbeiten“ benennt Bueren Initiativen der proletarischen Selbstorganisation, die in den letzten Jahrzehnten aus den Fabriken kamen und eine Selbstorganisation der Beschäftigten allerdings nicht unter dem Vorgaben der kapitalistischen Profitmaximierung zum Ziel hatten. Er erinnert an die Plakat-Gruppe, einen Kreis oppositioneller Betriebsräte im Daimler-Benz-Werk von Untertürkheim, die in den 1970ern ihre Kolleg*innen fragten: „Was können wir eigentlich mit so einer Anlage anderes herstellen, als Achsen, Kurbelgehäuse und Zylinderköpfe für PKWs?“ Diese Fragestellung ist heute noch aktueller geworden und könnte die Basis einer Kooperation zwischen Arbeiter*innen- und Klimabewegung sein. Vorbild könnte die Kooperation zwischen außerparlamentarischer Linken, Beschäftigten des Rüstungskonzerns Lucas Aerospace und kritischen Wissenschaftler*innen sein, die in den frühen 1970er Jahren Modelle in Großbritannien für die Umwandlung eines Rüstungsbetriebs in eine Produktionsstätte für lebenswichtige Produkte entwickelte. Daher ist das Buch mehr als eine Kritik an kapitalistischen Managermethoden. Es regt an zu überlegen, wie eine Selbstorganisation am Arbeitsplatz, die nicht unter der Kontrolle des Managements erfolgt, aussehen könnte.

Beitragsbild: https://www.kellnerverlag.de/bewegt-euch-schneller.html




Quelle: Direkteaktion.org