März 15, 2023
Von Contraste
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Warum kaum etwas so aufmerksamkeits- und sinnstiftend ist wie gut gemachte, inhaltlich niveauvolle und spektakuläre Protestformen. Ein Kommentar.

Jörg Bergstedt, Projektwerkstaat Saasen

Die »Letzte Generation« ist in aller Munde. Ihre Aktionen polarisieren – und viele derer, die Macht oder Kapital in ihren Händen halten, schimpfen auf die Aktivist*innen. Neben strafrechtlichen Drohungen fordern sie, zu zurückhaltenderen Aktionsformen zurückzukehren. Ist das gerechtfertigt? Oder zeigt die Aufregung eher, dass solche provokanten Aktionen gerade das Salz in der Suppe politischer Proteste sind? Was wären die Atomproteste ohne Schienenblockaden und Bauplatzbesetzungen? Was der Widerstand gegen die Agrogentechnik ohne Feldbefreiungen und -besetzungen? Wo ständen wir in der Kohleausstiegsdebatte, wenn es die Besetzung des Hambacher Forstes und die Baggerbesetzungen nicht gegeben hätte? Und wie wäre die Aufarbeitung der Nazivergangenheit führender Personen in Politik und Verwaltung verlaufen, wenn Beate Klarsfeld es nicht geschafft hätte, auf das Podium des CDU-Parteitages zu gelangen und den Ex-NSDAPler und dann Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger öffentlich zu ohrfeigen?

Offenbar braucht politischer Protest direkte Aktionen, also ein provokantes, aufmerksamkeitserzeugendes Eingreifen in die gesellschaftlichen Abläufe, um wirksam zu werden. Dieser Effekt wird weiter verstärkt, wenn die Staatsmacht eingreift: Polizeigewalt, spektakuläre Räumungen von Besetzungen oder Blockaden, Inhaftierungen und Strafprozesse werden in Medien mitunter umfangreicher dargestellt als die auslösende Aktion selbst. Daraus lässt sich folgern, dass Regelübertritte zusätzlich helfen können. Diese Überzeugung liegt dem klassischen Konzept des zivilen Ungehorsams zugrunde, welches sich aber hinsichtlich der spektakulären Elemente in diesem Regelübertritt erschöpft. Noch mehr Wirkung entfalten die Aktionen, die auf mehrere Arten spektakuläre Elemente enthalten, zum Beispiel zusätzlich durch eine erhebliche störende Wirkung oder durch ein Design der Aktion, das starke Bilder für Betrachter*innen und Medien erzeugt.

Dennoch gibt es mehrere Einschränkungen. Erstens: Direkte Aktion ist nicht alles. Sie kann Aufmerksamkeit erzeugen. Die aber wäre sinnlos, wenn dann nicht auch niveauvolle Inhalte vermittelt werden. Das können politische Forderungen, Kritik an Vorhaben und Planungen oder, besonders anspruchsvoll, gesamtgesellschaftliche Utopien sein. Hier zeigen Aktionsgruppen, die spektakuläre Aktionen fahren, oft bedauerliche und unnötige Schwächen. Wer eine reine Holzplantage besetzt, um gegen eine neue Autofabrik von Tesla zu demonstrieren, aber dann nichts anderes zu äußern hat als das Mitleid mit den Bäumen in der Nadelwaldmonokultur, vertut eine große Chance. Wenn eine Gruppe von Atomkraftgegner*innen den Castorzug per Einbetonierblockade für viele Stunden aufhält und alle Kameras auf die Aktion gerichtet sind, dann aber nur ein Transpi mit »Castor stoppen« zu sehen ist, bleibt die Sache auch hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dass die »Letzte Generation« jetzt Sprecher*innen zwar vor ein Millionenpublikum bringt, aber dann nur »Tempolimit und 9-Euro-Ticket« sagt, ist ebenfalls schade.

Zweitens: Die größte Wirkung im politischen Protest hat nie die einzelne Handlung, also auch nicht eine noch so spektakuläre, massiv störende oder sonst auffällige Aktion, sondern stets die Mischung vieler verschiedener Aktionsformen. Provokante Aktionen sind darin ein Teil, ohne die es schwer würde, die nötige Aufmerksamkeit zu erreichen. Sie sind aber oft nicht direkt anschlussfähig für die breite Bevölkerung in ihren Ängsten um öffentliches Ansehen, Arbeitsplatz oder was auch immer. Es macht daher Sinn, eine politische Kampagne stets als eine »Welt, in der viele Welten Platz haben« zu begreifen – also die Übertragung dieser bekannten Zapatista-Vision auf die politische Organisierung. Das ist ein Aufruf an alle, Unterschiedlichkeiten zu ertragen und Organisierungsmodelle zu entwickeln, die solche Vielfalt und dann möglichst viel Kooperation und Kommunikation in ihr erzeugen. Die ständige Zurschaustellung der eigenen Label oder Kontonummern dürfte dabei eher schädlich wirken, weil es Konkurrenzkämpfe erzeugt und das eigentliche Thema in den Hintergrund rückt. Zudem macht es eine Kooperation auf Augenhöhe schwierig mit denen, die auf solche Eigenwerbung verzichten.

Fazit: Bilder bewegen die Welt. Provokante Aktionen, die emanzipatorische Ideen transportieren, sind starke Bilder. Daher: Ein Oscar für die Hambi-, Danni-, Lützi- und alle direkten Aktionen.

Der Autor ist seit Jahrzehnten in verschiedenen politischen Themen aktiv und oft an spektakulären Aktionsformaten beteiligt. In Kürze erscheint sein Buch zur Bedeutung von provokanten Aktionen im Büchner-Verlag (Marburg). Seinen Vortrag zum Thema »Provokante Aktionen« hält er gern auf Einladung.

Link: https://provokante-aktionen.siehe.website

Titelbild: Schon 15 Jahre liegen die Feldbesetzungen gegen die Agrogentechnik zurück. Sie waren der bisher erfolgreichste Protest gegen eine profitgetriebene neue Technologie. Das Bild zeigt die Besetzung im Jahr 2008 nahe Groß Gerau (Südhessen). Foto: Projektwerkstatt-Archiv




Quelle: Contraste.org