November 3, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Ja, es bringt nichts, sich mit anderen zu vergleichen. Jeder Lebensweg ist einzigartig. Manche Dinge können wir beeinflussen und verändern. Andere gilt es vor allem zu verstehen und zu akzeptieren. Wir sind Schöpfer*innen unserer eigenen Leben. Aber wir erschaffen uns unter Umständen, die wir uns nicht selbst gewählt haben. Dies führt auch zum grundsätzlichen Skandal auf dem die bestehende Gesellschaftsform beruht: Das Versprechen der Selbstentfaltung aller ist blanker Hohn, wenn die dafür erforderlichen Bedingungen und Mittel enorm ungleich verteilt sind. Wie soll ich mich selbst sinnvoll und eigenständig entfalten können, wenn andere in Heime gesperrt werden, an Grenzcamps ausharren müssen oder als Kanonenfutter verheizt werden? Emanzipatorische Selbstentfaltung kann sich nicht gegen andere richten und nicht in Abgrenzung vollziehen. Sie zielt vielmehr darauf ab, weniger Privilegierten Wege zu eröffnen und Entfaltungsmittel umzuverteilen, damit alle die Verfügung über ihre Leben erlangen. Dies ist ein Ideal, dem entgegen zu streben sich dennoch lohnt.

In der Mitte meines Lebens frage ich mich, was ich geschafft habe und was ich gern schaffen möchte. Auch dahingehend bringt es nichts, sich zu vergleichen. Aber vielleicht liegt das vor allem daran, weil der Vergleich in einer Konkurrenzsituation stattfindet, welche durch Kapitalismus und staatliche Anerkennungsmodi produziert wird. Stattdessen könnte man auch so herangehen sich von Personen, die etwas Ähnliches tun, inspirieren zu lassen. Sie sich zum Vorbild zu nehmen, wohl wissend, dass sie ihre eigenen Wege gegangen sind und dies motivieren soll, wiederum die eigenen Themen weiter zu verfolgen und den eigenen Stil zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang stoße ich bisweilen auf die Homepages von den paar anderen Personen, die im deutschsprachigen Raum als engagierte Intellektuelle der Bewegung wirksam sind. Was meine ich damit? Ich meine nicht jene wenigen, denen ihre intellektuellen Tätigkeiten primär zum Beruf geworden sind oder es schon immer waren. Sondern solche, die mit ihrem Denken, Schreiben und Sprechen verborgene Themen ans Licht bringen, in Debatten intervenieren, andere zu kritischen und selbständigen Denken anregen wollen und sich dabei nicht über andere erheben. Wie es möglich ist, sich ausgiebig intellektuellen Tätigkeiten zu widmen ohne sie und sich zu verkaufen, ist dabei ein schwer aufzulösendes Problem, für das es keine gute Lösung gibt, wenn man nicht reich geboren ist.

Daniel Kulla ist zum Beispiel ein Typ, der ähnlich wie ich (nur sehr viel ausgiebiger) durch die Lande tingelt und dabei im persönlichen Kontakt für eine vernünftige Weltsicht eintritt mit Themen, welche die Leute interessieren. Wer sich in anarchistischen Szenen bewegt wird früher oder später auch auf den kontroversen Jörg Bergstedt stoßen, der sehr viele praktische Texte im Umfeld der Projektwerkstatt Saaßen verfasst hat. Aus dem gleichen Jahrgang stammt Antje Schrupp, deren Gleichheitsfeminismus ich nicht unbedingt teile, deren Lebensweg und Engagement aber ebenfalls inspirierend ist. Jemand, die ebenfalls Freude am eigenständigen Denken hat und sich emanzipatorisch engagiert ist Anette Schlemm, die sich ebenso in öffentliche Debatten einmischt. Noch etwas aktivistischer unterwegs ist Hanna Poddig (https://de.wikipedia.org/wiki/Hanna_Poddig), die schon sehr früh eine gewisse Bekanntheit erlangt hat. In anderen Bereichen unterwegs ist Daniel Loick, der inzwischen Professor in Amsterdam ist und mit seinen Büchern und Beiträgen marginalisierte Themen aus der Versenkung holt. Und auch Jens Kastner hat sich die Umstände geschaffen fast jedes Jahr ein interessantes Buch zu veröffentlichen, auf das er Lust hat, so wirkt es. Jemand, der mein Alter hat, aber deutlich seriöser auftritt ist Christoph Wimmer. Ein Vergleich mit ihm verdeutlicht mir: Ja, man muss leider doch Bücher schreiben und veröffentlichen um als anerkannter Denker zu gelten und dann auch eingeladen zu werden.

Mit dieser kleinen Aufzählung wollte ich meine eigenen Überlegungen zur Rolle engagierter Intellektueller transparent machen. Es ließen sich noch mehr Personen finden. Beispiele von anderen, die vergleichbares machen, können helfen über den eigenen Lebensweg zu reflektieren und ihn bewusst zu gestalten. Das bedeutet auch nicht, dass ich uneingeschränkt Fan von den aufgezählten Leuten bin. Aber wertschätzen möchte ich ihre Tätigkeit dennoch.

Daneben handelt es sich aber auch über eine spezifische Berufsbranche, in welcher es umso mehr Verständigung, Abgleich und Vernetzung braucht, als das die Tätigkeiten der Intellektuellen häufig sehr einsam und langwierig sind. Und das gilt auch, wenn die jeweiligen Tätigkeiten nicht entlohnt werden. Was die genannten Autor*innen und mich verbindet, ist, dass Beruf hier im Sinne der Berufung gemeint ist. Personen sollen ihre Filme schieben und ihren Themen nachgehen, auf das sie zur Emanzipation aller beitragen mögen.




Quelle: Paradox-a.de