Juni 12, 2022
Von InfoRiot
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Potsdam- Die kommunale Bauholding Pro Potsdam will fĂŒr Hunderte KriegsflĂŒchtlinge aus der Ukraine ab nĂ€chstem Jahr bis zu 400 Wohnungen in seriell gefertigten Typenbauten errichten. Damit soll der Potsdamer Wohnungsmarkt entlastet werden. Die sechs Standorte dafĂŒr liegen in den Wohngebieten Stern und Schlaatz sowie im Ortsteil Golm. Die PlĂ€ne stellten OberbĂŒrgermeister Mike Schubert (SPD) und Pro Potsdam-Chef Bert Nicke am Freitag der Presse vor. Demnach sollen mehr als 70 Millionen Euro investiert werden, die die Pro Potsdam ĂŒber Kredite bezahlen und das Rathaus ĂŒber das Anmieten der HĂ€user refinanzieren will.

Vorgesehen sind HĂ€user in Modulbauweise. Dabei werden RĂ€ume aus Beton oder Holz in der Fabrik vorgefertigt und dann vor Ort montiert, was kĂŒrzere Bauzeiten mit weniger LĂ€rm und mehr Kostensicherheit ermöglicht. FĂŒr drei solcher Projekte seien schon PlanungsauftrĂ€ge vergeben, sagte Nicke.

Mehrgeschosser geplant

Demnach könnten so bis Mitte nĂ€chsten Jahres zwei bis zu viergeschossige HĂ€user mit einmal 22 und einmal bis zu 70 Wohnungen auf zwei heutigen Garagenstandorten in der Gluckstraße und am Patrizierweg errichtet werden. Hier stehe die KĂŒndigung der Garagen ohnehin an, hieß es. Weitere kurzfristige Planungen betreffen den Eichenweg in Golm: Dort soll auf einem brach liegenden Ex-Sportplatz ein Dreigeschosser mit 78 Wohnungen errichtet werden. Kurzfristig realisieren lassen sollen sich auch mehrere Dreigeschosser mit bis zu 80 Wohnungen am KossĂ€tenweg neben dem Bahnhof Golm – auf diesem Areal der Pro Potsdam waren bisher Wohnungen fĂŒr Gastforscher der Wissenschaftsparks geplant. Genannt wurden auch 45 Wohnungen in einem FĂŒnfgeschosser am Schlaatzer Wieselkiez. Kurzfristig öffnen werden demnĂ€chst zwei weitere Wohncontainer an der Pirschheide und der Zeppelinstraße fĂŒr je 50 Personen.

Dass solche Projekte innerhalb des kommenden Jahres bezugsfertig errichtet werden könnten, liege auch an Entscheidungen der Bundesregierung, hieß es. So seien fĂŒr den Bau von FlĂŒchtlingswohnungen Erleichterungen beschlossen worden – sei es bei der Schaffung von Baurecht oder einfacheren Ausschreibungsregelungen. Angesichts des Zustroms von FlĂŒchtlingen mĂŒsse man aber auch Wohnungen in einem Umfang bauen, wie Potsdam es noch nie erlebt habe, sagte Schubert. Rund 3000 Ukrainer:innen sind kurzfristig in der Stadt untergekommen, drei Viertel davon bei Privatvermietern, andere zum Beispiel in der Metropolishalle. Schubert sagte, ihm sei vor allem eine nachhaltige Nutzung der Neubauten wichtig – dass UnterkĂŒnfte spĂ€ter dem normalen Wohnungsmarkt zur VerfĂŒgung gestellt werden könnten.

OberbĂŒrgermeister Mike Schubert (SPD)Foto: S. Stache /dpa

Zum Ende einer Woche, in der Schubert nach einer kritischen PNN-Analyse zur Lage im Rathaus und seinem FĂŒhrungsstil unter Druck geraten war, wirkte die kurzfristig einberufene Pressekonferenz fĂŒr den OberbĂŒrgermeister wie ein Podium, seine Rolle bei den Planungen darzustellen. Er habe sich schon 2016 – damals noch als Sozialdezernent – in Hamburg und MĂŒnchen angesehen, wie sich mit spezieller Bauweise, kommunalen GrundstĂŒcken und erleichterten gesetzlichen Bedingungen zĂŒgig neue Wohnungen schaffen lassen, sagte Schubert.

Betroffene noch außen vor

Die Pressekonferenz war vom Rathaus am frĂŒhen Freitagmorgen so eilig einberufen worden, dass viele Betroffene die weitreichenden PlĂ€ne fĂŒr die FlĂŒchtlingswohnungen noch nicht kennen – zum Beispiel der Ortsbeirat in Golm. Hier werde man noch informieren mĂŒssen, sagte Schubert. Pikant daran: Am heutigen Samstag findet ein lang geplanter Workshop statt – und zwar zum Thema, wie die seit Jahren von Misstrauen geprĂ€gte Zusammenarbeit zwischen den OrtsbeirĂ€ten in Potsdams Norden und der Stadtverwaltung wieder eine etwas solidere Vertrauensbasis erhalten kann.

Muss ein Parkplatz weichen?

Auch sind Teile der Planungen, die bisher nur am Mittwochabend im nicht-öffentlichen Teil des Hauptausschusses den Stadtverordneten vorgestellt worden waren, lĂ€ngst nicht abschließend geklĂ€rt. So soll am Standort Newton-/ Ziolkowskistraße – wo sich bisher ein grĂ¶ĂŸerer Parkplatz fĂŒr das Wohngebiet Stern befindet – ein Sechsgeschosser mit bis zu 109 Wohnungen gebaut werden, direkt neben dort schon bestehenden Plattenbauten. Dort mĂŒsse das Baurecht noch geklĂ€rt werden, sagte Nicke. Auch die Kosten seien hier noch unklar, so der Pro Potsdam-Chef. FĂŒr die anderen fĂŒnf Standorte rechne man mit Gesamtkosten von 70 Millionen Euro, die ohne Fördermittel nur ĂŒber Kredite gestemmt werden können.

FĂŒr den Standort Newtonstraße brachte Schubert die Idee ins Spiel, dort Stelzenbauweise zu nutzen – damit Fahrzeuge dennoch unter den neuen Wohnungen stehen könnten. Zumindest eine Reihe ParkplĂ€tze mĂŒsste auch fĂŒr besagten FĂŒnfgeschosser am Rande des Wieselkiezes weichen. Wann Anwohner dazu offiziell informiert werden, blieb am Freitag offen.

Diverse “Zielkonflikte”

Schubert machte deutlich, dass er sich der „Zielkonflikte“ bei dem Vorhaben bewusst sei – nicht nur in Bezug auf die wegfallenden Garagen und ParkplĂ€tze. Denn das Integrationskonzept der Stadt sieht eigentlich eine Unterbringung von FlĂŒchtlingen in normalen Wohnungen vor – und nicht in extra errichteten HĂ€usern. Man könnte sich da auch bessere Modelle vorstellen, rĂ€umte Schubert zwar ein. Allerdings seien die Förderinstrumente des Bundes, mit deren Hilfe schneller gebaut werden kann, nur auf die Nutzung fĂŒr FlĂŒchtlingsunterkĂŒnfte zugeschnitten. Die sechs Standorte seien immerhin allesamt in gut angebundenen Stadtteilen geplant, was auch bei der Integration helfen könne. Zugleich seien auch soziale Hilfs- und Beratungsangebote vor Ort vorgesehen, sagte Nicke.




Quelle: Inforiot.de