Oktober 14, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Eine kurze Einleitung:

Im Jahr 2007 veröffentlichten in Frankreich einige Agenten der imaginĂ€ren Partei einen Text mit dem Titel « An einen Freund » [A un ami], als Vorwort zum Buch « Auguste Blanqui, Maitenant il faut des armes », herausgegeben von La Fabrique. Es handelt sich um einen durchgehenden Lobgesang auf den autoritĂ€ren Sozialisten und aufstĂ€ndischen Verschwörer Blanqui. Zu unserem Misslieben kursiert diese feierliche Wiederausgrabung mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum. Übersetzt von den immer gleichen, zu Appellisten konvertierten Pro-Situationisten, zeigt sie nur allzu deutlich die Neigungen des Denkens, das die siamesischen Drillinge Tiqqun-Aufruf-Der kommende Aufstand verbindet. Hinter der metaphysischen oder emotional-poetischen Ebene, auf der die Frage der AutoritĂ€t stets geschickt umgangen wird, haben diese Agenten offenbar keine MĂŒhe damit, sich in eine Begeisterung fĂŒr Blanqui zu stĂŒrzen. Blanqui, der eiserne Verfechter des revolutionĂ€ren Staates, der autoritĂ€ren Insurrektion, der geheimen Avantgarde, der organisatorischen Disziplin, des taktischen Opportunismus ― ach, aber wie ergreifend, kraftvoll, stilvoll, einfach und praktisch er doch war



Louis Auguste Blanqui (1805-1881) hat uns bestenfalls eine Parole und ein Buch hinterlassen. Erstere ist jenes Ni Dieu, Ni MaĂźtre [Weder Gott noch Meister], welches der Zeitschrift den Titel gab, die im November 1880, einige Monate vor seinem Ableben von ihm gegrĂŒndet wurde. Letzteres ist das faszinierende L’eternitĂ© par les astres [Ewigkeit durch die Sterne], Betrachtungen ĂŒber die Existenz von parallelen Welten und die ewige Wiederkehr. Ein Schlachtruf und ein philosophisches Werk ĂŒber Astronomie: das ist alles von Blanqui, was es verdient, aufbewahrt zu werden. Den Rest, von seinen anderen Zeitschriften (wie La Partie est en Danger [Das Vaterland ist in Gefahr]) bis zu seiner avantgardistischen und autoritĂ€ren Politik, den lassen wir gerne auf dem MĂŒllhaufen der Geschichte.

Doch nicht alle teilen diese Ansicht, so sehr, dass sich einige vor kurzem darum bemĂŒhten, diesen Namen, der fĂŒr die Vergessenheit bestimmt schien, wieder zu Ehren zu fĂŒhren. Seine Wiederentdeckung wurde initiiert von den energischsten und flexibelsten Subversiven autoritĂ€rer PrĂ€gung, geschickt in der Kunst, den Geist der Zeit zu wittern. Angesichts des immer stĂ€rkeren Zerfalls dieser Gesellschaft, angesichts des fortwĂ€hrenden Aufloderns der Flammen der Unruhen, haben sie festgestellt, dass es wahrscheinlicher (und auch wĂŒnschenswerter) ist, dass sich um die Ecke eine Insurrektion anbahnt, und nicht ein Wahlsieg der extremen Linken (welche im Übrigen vor der Aufgabe stehen wĂŒrde, eine Situation zu verwalten und zu lösen, aus der es keinen schmerzlosen Ausweg gibt). Nun, von diesem Standpunkt aus gesehen wĂ€ren sie ernsthaft Gefahr gelaufen, diesen LĂŒmmeln von Anarchisten das Feld zu ĂŒberlassen, die einzigen, die die insurrektionellen Perspektiven nie aus den Augen verloren haben, selbst nicht in den grauesten Jahren der sozialen Befriedung. Die linken Vorfahren der sozialen Kritik, ihre sogenannten «Klassiker», konnten von keiner großen Hilfe sein, da sie ihren Glanz schon vor langer Zeit verloren haben. Nachdem ihnen mehr als ein Jahrhundert lang kleine Altare errichtet wurden, nachdem aus ihrem Gedankengut strahlende LeuchttĂŒrme inmitten eines revolutionĂ€ren Sturms gemacht wurden, der im schĂ€ndlichsten aller SchiffsbrĂŒche endete, bieten ihre Namen keine Garantie mehr. Im Gegenteil, sie provozieren wahre allergische Abwehrreaktionen. Blanqui, der vergessene Blanqui, der grĂ¶ĂŸte Vertreter des autoritĂ€ren Insurrektionalismus, besitzt also alle Eigenschaften, um als eine alternative, originelle und charismatische historische Referenz zu dienen, ganz auf der Höhe der kommenden Zeit.

Marx, der die Sessel des British Museum warm hielt, um zu erklĂ€ren, was der Mehrwert oder die Subsumtion des Kapitals ist, oder Lenin, der im Zentralkomitee daran arbeitete, den Triumph der ParteibĂŒrokratie vorzubereiten, seien wir ehrlich, entflammen keine grossen Sachen mehr. Aber Blanqui, großer Gott, was fĂŒr ein Mann! Da ist zunĂ€chst sein Leben – als Protagonist von vielen insurrektionellen Versuchen, mit dem Übernamen l’EnfermĂ© [Der Eingeschlossene], da er mehr als 33 Jahre hinter den Mauern der GefĂ€ngnisse des französischen Empires verbracht hat –, ein Leben, das so viel bedingungslosen Respekt hervorruft, dass sich jede potenzielle Kritik, wenn nicht zur Stille, so zumindest zur Vorsicht verleitet sieht. Und dann ist da seine explosive militante Haltung, seine unaufhörliche Agitation und sein inbrĂŒnstiger Aktivismus, begleitet von einer einfachen und unmittelbaren Sprache, die ein kommunistisches Denken ausdrĂŒckt, das fĂŒr den kalten marxistischen Ökonomismus unempfĂ€nglich ist. Und hierin liegt heute seine Anziehungskraft. Bei der mangelnden Nachsichtigkeit, in diesen Zeiten, in denen sich die Blicke nur schĂ€rfen, um Allianzen zu finden, kann Blanqui von etwas allen geschĂ€tzt werden: von den AntiautoritĂ€ren, denen es nach Aktion dĂŒrstet, wie von den AutoritĂ€ren, denen es an Diszplin mangelt. Er kann die perfekte Synthese der zwei Geisteshaltungen darstellen, die im Laufe der Geschichte die revolutionĂ€re Bewegung zusammengesetzt und geteilt haben. Und wenn er seinerzeit von den Gelehrten des wissenschaftlichen Sozialismus (welche seine guten Absichten anerkannten, ihm aber im Grunde dieselben Fehler vorwarfen, die sie auch Bakunin anlasteten) etwas herablassend behandelt wurde und ihn die Feinde jeglicher AutoritĂ€t entschieden bekĂ€mpften, so hat er heute – mitten im Zerfall der Bedeutung – alle Karten in der Hand, um Revanche zu nehmen.

Denn Blanqui ist nicht nur der permanente und feurige Agitator (und hier werden die LibertĂ€ren ohnmĂ€chtig vor GefĂŒhlen), er ist auch der permanente und berechnende FĂŒhrer (und hier brechen die Waisen des Staatskommunismus in Applaus aus). Er vereinigt den Mut der Barrikaden mit dem MĂ€rtyrertum des GefĂ€ngnisses, sein Blick verloren in der Erforschung des Firmaments. Er formuliert keine großen theoretischen PlĂ€ne, keine raffinierten Ausarbeitungen, die unverdaulich sind fĂŒr die verkĂŒmmerten MĂ€gen von heute, er gibt Instruktionen fĂŒr den Aufstand. Er verlangt keine tiefgehenden Gedanken, ihm genĂŒgen die unmittelbaren Reflexe. Er ist die perfekte revolutionĂ€re Ikone, um auf den heutigen Markt gestellt zu werden, heute, da die komplexen Systeme, ĂŒber denen man sich den Kopf zerbricht, nicht mehr willkommen sind. Heute will man intensive, konsumierbare Emotionen. Und Blanqui langweilt nicht mit abstrakten Diskursen, er ist ein praktischer Typ, er ist direkt, einer von jenen, denen man zuhört, einer, von dem alle etwas zu lernen haben, dem man sich also anvertraut. Darum wurde er wieder ausgegraben. Weil er von den vielen Verkörperungen der revolutionĂ€ren Diktatur der einzige ist, dem es möglich ist, als faszinierender Abenteurer durchzugehen, ohne sich gleich als klĂ€gliche Machtfigur zu entlarven. Mit eineinhalb Jahrhunderten VerspĂ€tung ergreift Blaunqui das Herz von allen. HĂ€tte er ein Facebook-Profil, wĂŒrde er eine Welle von «Like» auslösen.

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Seine Wiederaufwertung verlockt auch aufgrund seiner Aktionstaktik. In letzter Zeit, habt ihr da gesehen, wie die Arbeiterklasse die Bourgeoisie terrorisiert, oder eher, wie sich ein LĂ€cheln auf den Gesichtern der Industriebosse zeigt? Habt ihr bemerkt, wie das Proletariat fĂŒr seine Emanzipation kĂ€mpft, oder eher, wie es die Hitzköpfe an die Polizei ausliefert? Habt ihr gehört, wie die Straßen vor aufstĂ€ndischen Massen dröhnen, die auf den PrĂ€sidentschaftspalast zustĂŒrmen, oder eher vor Fanmassen, die zum Stadion rennen? Habt ihr festgestellt, wie sich die Ausgebeuteten fĂŒr die radikale Gesellschaftskritik begeistern, oder eher fĂŒr die letzte Folge einer Reality-Show? Bartolomeo Vanzetti erinnert sich in seinen Memoiren an die nĂ€chtlichen Stunden, die er ĂŒber den BĂŒchern verbrachte, Stunden, die er mit Entschlossenheit dem Schlaf entriss, der ihn von den ErmĂŒdungen der Arbeit erholen sollte. Er war ein Arbeiter, doch seine freie Zeit widmete er dem Studium: um zu verstehen, um zu wissen, um kein Rohmaterial zu bleiben, das vom RĂ€derwerk des Kapitals (oder von der Dialektik irgendeines Intellektuellen) in die Falle gelockt wird. Heute haben die Augenringe der Arbeiter ganz andere GrĂŒnde. Darum ist es fĂŒr jene, die sich am laufenden sozialen Krieg beteiligen wollen, notwendig, sich folgende Offensichtlichkeit bewusst zu halten: die Massen kĂŒmmern sich nicht um die Revolution.

Aber das ist jetzt kein Problem mehr, wirklich, und wisst ihr warum? Weil Blanqui sich nicht um die Massen kĂŒmmerte. Er brauchte sie nicht. Ihm genĂŒgte eine erleuchtete, fĂ€hige, kĂŒhne Elite, die bereit ist, im richtigen Moment einen gut kalibrierten Schlag zu versetzen. Die Massen wĂŒrden sich dann, wie ĂŒblich, der vollendeten Tatsache anpassen. Kurz gesagt: selbst mitten in der heutigen kapitalistischen Entfremdung gibt es noch Leute, die uns wieder Hoffnung geben. Die Leninisten sind ĂŒberholt, sie, die nicht einsehen, dass es nichts mehr nĂŒtzt, die große Partei aufzubauen, die fĂ€hig ist, die Ausgebeuteten zu fĂŒhren. Auch die Anarchisten sind ĂŒberholt, sie, die so dumm sind, dass sie nicht merken, dass es kein Bewusstsein mehr gibt, das es unter den Ausgebeuteten zu verbreiten gilt, um zu vermeiden, dass sie in die HĂ€nde der Parteien fallen. Was nĂŒtzt, ist, was sein kann, in anderen Worten, eine Handvoll subversiver Verschwörer, die imstande sind, die richtige Strategie auszuarbeiten und umzusetzen. Ein Handgriff und die soziale Frage ist gelöst! Man muss schon zugeben – Blanqui ist der richtige Mann, wiederentdeckt zur richtigen Zeit, von Menschen, die nichts als die Richtigen sein können.

So richtig, dass sie sich gut davor hĂŒten, das Gedankengut von Blanqui in seiner Essenz in Betracht zu ziehen, ein Gedankengut, das unter sehr vielen Aspekten verabscheuenswert ist. Und das wissen sie. Seine imaginĂ€ren Freunde sind sich dessen in einem solche Grade bewusst, dass sie sich darauf beschrĂ€nken, die Kraft, den Stil, das GefĂŒhl und die Entschlossenheit zu loben (alles bewundernswerte QualitĂ€ten, zweifellos, die jedoch wenig ĂŒber die Person aussagen, die sie besitzt: auch Napoleon, Mussolini oder Bin Laden hĂ€tten sich damit rĂŒhmen können). Seine realen Freunde jedoch, wie der Kommunarde Casimir Bouis, der ĂŒbrigens sein Verleger war, hegten keine Zweifel am Grund des Prestiges von Blanqui: «er ist der kompletteste Staatsmann, den die Revolution besitzt.» Ja, die blanquistische Kraft, der blanquistische Stil, das blanquistische GefĂŒhl und die blanquistische Entschlossenheit – alles Dinge, die im Dienste eines sehr prĂ€zisen politischen Projekts stehen: die Eroberung der Macht. Und dies vergessen zu machen, wird selbst seinem ĂŒberraschenden Astronomiebuch und selbst seiner treffendsten Parole niemals gelingen.

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Wer weiß, warum unter all diesen braven Leuten, die das Loblied auf einen Verschwörer der Vergangenheit anstimmen wollen, auf einen BarrikadenkĂ€mpfer, auf einen Verfolgten, der Einfluss auf die Bewegung hatte, keinem der Name Bakunin in den Sinn kam? Weil Bakunin als DĂ€mon der Revolte in Erinnerung behalten wurde, weil er ein Synonym fĂŒr absolute Freiheit ist, wĂ€hrend Blanqui vielmehr ein Synonym fĂŒr Diktatur ist. Bakunin wĂŒnschte «die Anarchie», Blanqui verkĂŒndete die «geordnete Anarchie» (ist es nicht entzĂŒckend, dieses Adjektiv?). Bakunin berief sich auf «die Entfesselung der bösen Leidenschaften», Blanqui schrieb vor, dass «kein militĂ€risches Manöver vor dem Befehl des Chefkommandanten stattfinden darf und die Barrikaden nur an den von ihm aufgezeigten Orten errichtet werden» (der selbsterkorene Chefkommandant war, das versteht sich von selbst, natĂŒrlich er). Bakunin suchte unter den Verschwörern jemanden, «der voll und ganz davon ĂŒberzeugt war, dass das Aufkommen der Freiheit mit der Existenz von Staaten unvereinbar ist. Er muss darum die Zerstörung aller Staaten wollen, zusammen mit jener aller religiösen, politischen und sozialen Institutionen, darunter: die offiziellen Kirchen, die stehenden Armeen, die Ministerien, die UniversitĂ€ten, die Banken, die aristokratischen und bĂŒrgerlichen Monopole. Dies, damit auf deren Ruinen endlich eine freie Gesellschaft entstehen kann, die sich nicht mehr wie heute von oben nach unten und vom Zentrum zur Peripherie, durch die Einheit und die erzwungene Konzentration organisiert, sondern ausgehend vom freien Individuum, vom freien Zusammenschluss und von der autonomen Kommune, von unten nach oben und von der Peripherie zum Zentrum, durch die freie Föderation.» Blanqui suchte jemanden, der auf die Frage, ob «das Volk sich gleich nach der Revolution selbst regieren können wird?» antworten wĂŒrde: «Da der soziale Zustand faulig wurde, brauchen wir heroische Gegenmittel, um zu einem gesunden Zustand zu gelangen: das Volk wird fĂŒr eine gewisse Zeit eine revolutionĂ€re Macht benötigen.» Er suchte jemanden, der womöglich seine direkten Anordnungen ausfĂŒhren wĂŒrde, wie «die Errichtung des [staatlichen] Monopols an Stelle aller vertriebenen Bosse
 Vereinigung im Staatsbesitz aller beweglichen GĂŒter und Liegenschaften der Kirchen, der Gemeinwesen und der Kongregationen beider Geschlechter sowie ihres Strohmanns
 Neuorganisation des BĂŒrokratiepersonals
 Ersetzung aller direkten oder indirekten BeitrĂ€ge durch eine direkte, progressive Steuer auf die Erbschaften und das Einkommen
 Regierung: Pariser Diktatur.»

Wenn Bakunin und Blanqui im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht einfach zwei RevolutionÀre unter vielen anderen waren, wenn ihre Namen so viel Ruf erlangt haben, dann ist das, weil sie die Verkörperung von zwei unterschiedlichen und gegensÀtzlichen Ideen waren, weil sie vor der ganzen Welt die beiden möglichen Gesichter der Insurrektion darstellten: die anarchistische Insurrektion gegen den Staat und die autoritÀre Insurrektion zugunsten eines neuen Staates (erst eines republikanischen, spÀter eines sozialistischen und schliesslich eines kommunistischen).

Sich dem einen oder dem anderen nahe zu fĂŒhlen, stellt an sich auch heute noch eine unmissverstĂ€ndliche Wahl einer Seite dar.

FĂŒr Blanqui ist der Staat das treibende Instrument der sozialen Transformation, da «das Volk nur unter dem Antrieb der großen Gesellschaft des Staates aus der Knechtschaft herauskommen kann, und man braucht ziemlichen Mut, das Gegenteil zu behaupten. Der Staat hat letztlich keine andere legitime Aufgabe als diese.» In seiner Kritik der proudhonistischen Ideen behauptete er, dass ihm jegliche Theorie, die beabsichtigt, das Proletariat zu emanzipieren, ohne auf die AutoritĂ€t des Staates zurĂŒckzugreifen, ein Hirngespinst zu sein scheint; schlimmer noch, es könnte sich «vielleicht» um einen Verrat handeln. Nicht, dass er so naiv war, sich Illusionen zu machen. Er war ganz einfach davon ĂŒberzeugt, dass, «obwohl jede Macht von Natur aus unterdrĂŒckend ist», der Versuch, ohne sie auszukommen oder sich ihr geradewegs entgegenzustellen, darauf hinausliefe, «die Proletarier davon zu ĂŒberzeugen, dass es einfach sei, mit gefesselten FĂŒssen und HĂ€nden zu laufen.»

Wer also versuchen wĂŒrde, die Wiederaufwertung des EnfermĂ© als ein Interesse an der Praktik der Insurrektion durchgehen zu lassen, als eine technische Notwendigkeit ohne jegliche gemeinsame Perspektive, der wĂŒrde lĂŒgen, in gutem Wissen, dass er lĂŒgt (mit Ausnahme selbstverstĂ€ndlich der tölpelhaften LibertĂ€ren, ĂŒber die es die MĂŒhe nicht wert ist, Worte zu verlieren). Denn Blanqui suchte durchaus nach einer Übereinkunft Â«ĂŒber den Kernpunkt, womit ich die praktischen Mittel meine, welche die ganze Revolution letzten Endes ausmachen», er selbst aber verbarg die Verbindung nicht, die das Handeln mit dem Denken vereint: «aber die praktischen Mittel leiten sich von den Prinzipien ab und hĂ€ngen auch von der EinschĂ€tzung der Menschen und der Dinge ab.» Einer seiner berĂŒhmtesten Texte, jene Instructions pour une prise d’armes [Deutscher Titel: Instruktionen fĂŒr den Aufstand], die auch nach den Situationisten noch immer viele junge Intellektuelle und angehende GenerĂ€le einer neuen Roten Armee faszinieren, ist nicht bloss ein Handbuch fĂŒr AufstĂ€ndische. Nicht zufĂ€llig wurde er bereits 1931 von der Zeitschrift Critique Social publiziert, weniger, weil sie von dessen «anachronistischer, strikt „militĂ€rischer“ Seite» angezogen war, sondern, um den «Wert dieses wichtigen Beitrags zur Kritik der anarchistischen Auflehnungen» zu betonen. TatsĂ€chlich sind diese Instruktionen eine unablĂ€ssige Rechtfertigung der Notwendigkeit einer AutoritĂ€t, die fĂ€hig ist, einer Freiheit ein Ende zu setzen, die als kontraproduktiv betrachtet wird. Sie sind der empörte Schrei eines Mannes der Ordnung im Anblick von so viel Unordnung – « kleine Banden laufen herum, entwaffnen die WĂ€chterkorps oder nehmen den Arkebusier die Waffen und das Schießpulver ab. All dies passiert, ohne Abstimmung noch FĂŒhrung, ganz nach der Laune der individuellen Fantasie.» Dieser Text ist eine Anklageschrift gegen «den Fehler der volkstĂŒmlichen Taktik, der sichere Grund der Desaster. Keine FĂŒhrung und auch kein allgemeines Kommando, nicht einmal ein Abstimmung aufeinander unter den KĂ€mpfenden
 Die Soldaten handeln nur nach ihrem eigenen Kopf.»

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Zusammengefasst: Wenn die Insurrektion trotz des Mutes und des Enthusiasmus derjenigen, die sich an ihr beteiligen, niedergeschlagen wird, dann liegt das daran, dass es «an Organisation mangelt. Ohne Organisation, keine Chance auf Erfolg.» Das wird auch stimmen, aber wie erlangt man diese Organisation, diese Koordination, diese Abmachung unter den AufstĂ€ndischen? Durch die horizontale, im Voraus stattfindende und möglichst weite Verbreitung eines Bewusstseins, einer Aufmerksamkeit, einer Intelligenz gegenĂŒber den Erfordernissen des Moments (libertĂ€re Hypothese), oder durch die vertikale Einrichtung eines einheitlichen Kommandos, welches die Gehorsamkeit von allen verlangt, jenen allen, die bis anhin in Unwissenheit gehalten wurden (autoritĂ€re Hypothese)? Blanqui hat diesbezĂŒglich natĂŒrlich seine zu gebenden praktischen Instruktionen: «Eine militĂ€rische Organisation, vor allem wenn sie auf dem Schlachtfeld improvisiert werden muss, ist keine kleine Sache fĂŒr unsere Partei. Sie erfordert ein Chefkommando und, in einem gewissen Grade, die ĂŒbliche Reihe von Offizieren aller RĂ€nge.» Mit dem Ziel, «diesen stĂŒrmischen Auflehnungen von zehntausend isolierten Köpfen, die nach Zufall, in Unordnung, ohne irgendeinen Gesamtgedanken, alle in ihrer Ecke und nach ihrer Fantasie handeln», ein Ende zu bereiten. Blanqui gibt sich nicht damit zufrieden, sein Rezept zu liefern: «Es muss noch einmal wiederholt werden: die Bedingung sine qua non des Sieges ist die Organisation, die Ganzheit, die Ordnung und die Disziplin. Es ist zweifelhaft, dass die Truppen einer organisierten und mit dem gesamten Apparat einer Regierungsgewalt agierenden Insurrektion lange standhalten können.» Darin liegt das Wesen der blanquistischen Praxis der Insurrektion: eine Organisation ohne Erbarmen gegenĂŒber dem Feind, die jedoch in ihrem Inneren Ordnung und Disziplin durchzusetzen weiss, nach dem Modell des Apparats einer Regierungsgewalt.

Dieser Kasernengestank löst in uns nur Grauen und Verachtung aus. Und sollte ĂŒber der Kaserne auch eine rote oder schwarz-rote Fahne flattern, so wird sie immer ein Ort des Zwangs und der Abstumpfung bleiben. Eine Insurrektion, die, anstatt sich mit losen ZĂŒgeln in Freiheit zu entwickeln, stramme Haltung vor einer AutoritĂ€t einnimmt, wĂ€re bereits im Voraus geschlagen, sie wĂ€re die schlichte Vorstufe eines Staatsstreichs. GlĂŒcklicherweise kann man gegenĂŒber dieser unheimlichen Möglichkeit stets auf die berauschende Freude der Revolte vertrauen, die, einmal ausgebrochen, imstande ist, alle Berechnungen dieser Strategen ĂŒber den Haufen zu werfen.

Maurice Dommanget, der Blanqui ein ganzes Leben voller Hingabe gewidmet hat, berichtete ĂŒber die Stimmung, die in Paris wĂ€hrend des insurrektionellen Versuchs vom 12. Mai 1839 herrschte: «Blanqui versuchte, Befehle zu geben, die beginnenden Desertationen zu verhindern, die «Masse zu organisieren», was eine schwierige Aufgabe war, angesichts der Tatsache, dass ihn fast niemand kannte. Alle schrien. Alle wollten das Sagen haben. Und niemand gehorchen. Zu diesem Zeitpunkt spielte sich ein recht lebhafter und symptomatischer Streit zwischen BarbĂšs und Blanqui ab, der bis dahin noch von niemandem bemerkt worden war. BarbĂšs beschuldigte Blanqui, sie alle gehen gelassen zu haben. Blanqui beschuldigte BarbĂšs, mit seinem langsamen Vorgehen alle entmutigt und die Abreise der Zaghaften und VerrĂ€ter provoziert zu haben.» In dem Moment, als die Insurrektion ausbricht, als die NormalitĂ€t plötzlich aufhört, die Möglichkeiten der Menschen zu zĂŒgeln, als alle das Sagen haben wollen, weil niemand mehr gehorchen will, verlieren die sogenannten Chefs jegliches Ansehen, mĂŒhen sie sich sinnlos ab, Befehle zu geben, und verstreiten sie sich schliesslich untereinander. Das Chaos der Leidenschaften war schon immer das beste und wirksamste Mittel gegen die Ordnung der Politik und wird es auch immer bleiben.

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Vielleicht ist der beste Weg, den tiefen Abgrund zu begreifen, der die autoritĂ€re Vorstellung der insurrektionellen Aktion von der antiautoritĂ€ren Vorstellung trennt, sie in derselben Zeit und im selben historischen Kontext miteinander zu vergleichen. Nichts ist diesbezĂŒglich lehrreicher als ein Vergleich zwischen Blanqui und Joseph DĂ©jaque, dem französischen Anarchisten, der verbannt wurde, nachdem er an den Tagen von 1848 teilgenommen hatte. Welches ist das Organisationsmodell, das von Blanqui vorgeschlagen wird? Eine pyramidenhafte, streng hierarchische Struktur, wie beispielsweise seine SociĂ©tĂ© des Saisons [Gesellschaft der Jahreszeiten], die dem insurrektionellen Versuch des Mai 1839 vorausging: ihr erstes Element war die Woche, die aus sechs Mitgliedern bestand und einem Sonntag untergeordnet war; vier Wochen bildeten einen Monat, der unter dem Befehl eines Juli stand; drei Monate bildeten eine Saison, die von einem FrĂŒhling angefĂŒhrt wurde; vier Saisons bildeten ein Jahr, das von einem revolutionĂ€ren Agenten kommandiert wurde; und diese revolutionĂ€ren Agenten bildeten zusammen ein geheimes Exekutivkomitee, das den anderen Mitgliedern nicht bekannt war und dessen oberster General niemand anderes als Blanqui sein konnte. Im entscheidenden Moment, als endlich die Insurrektion ausgerufen wurde, verbreitete das Komitee der SociĂ©tĂ© des Saisons einen Aufruf an das Volk, in welchem es ihm mitteilte, dass «die provisorische Regierung militĂ€rische FĂŒhrer gewĂ€hlt hat, um den Kampf anzufĂŒhren: diese FĂŒhrer kommen aus euren RĂ€ngen; folgt ihnen, sie werden euch zum Sieg fĂŒhren. Es wurden gewĂ€hlt: Auguste Blanqui, Chefkommandant » Dass die darauf folgenden Erfahrungen ihn seine Ideen nicht Ă€ndern liessen, das beweisen, neben den bereits genannten Instructions pour une prise d’armes aus dem Jahr 1868, seine sociĂ©tĂ© rĂ©publicaine centrale von 1848, sowie die Phalange und ihre klandestinen Kampfgruppen von 1870. Sein ganzes Leben hörte Blanqui nie auf, sich gegen die amtierende Regierung zu verschwören, aber stets auf eine militĂ€rische, hierarchische und zentralisierende Weise, stets mit dem Ziel, ein comitĂ© de salut publique [Wohlfahrtsausschuss] an der Spitze des Staates zu errichten.

DĂ©jaque hingegen wies in den Anmerkungen zur Question rĂ©volutionnaire (1854) auf die Möglichkeit und die dringende Notwendigkeit hin, mit geheimen Gesellschaften zum Angriff ĂŒberzugehen, wĂ€hrend er zur Schaffung kleiner autonomer Gruppen antrieb: «Dass jeder RevolutionĂ€r unter denen, deren ZuverlĂ€ssigkeit er am höchsten einschĂ€tzt, einen oder zwei andere Proletarier wie er erwĂ€hle. Und mögen alle – in Gruppen zu dritt oder zu viert, die untereinander nicht verbunden sind und getrennt operieren, damit die Aufdeckung einer der Gruppen nicht zur Festnahme der ĂŒbrigen fĂŒhrt – mit dem gemeinsamen Ziel der Zerstörung der alten Gesellschaft handeln.» Auf dieselbe Weise erinnerte er auf den Seiten seiner Zeitung Le Libertaire (1858) daran, wie, dank dem Zusammentreffen zwischen Subversiven und gefĂ€hrlichen Klassen, «der soziale Krieg alltĂ€gliche und universelle Proportionen annimmt
 Wir ergĂ€nzen uns, wir, der Plebs der WerkstĂ€tten, mit einem neuen Element, dem Plebs der KnĂ€ste
 Jeder von uns wird weiterhin gemĂ€ss seinen Begabungen rebellieren können.» Dort, wo Blanqui das Volk «einlud», eine Manövriermasse zu sein, eingereiht, diszipliniert und den Befehlen seiner selbsterklĂ€rten Chefs gehorchend, wendete sich DĂ©jaque an jeden einzelnen Proletarier, um ihn, auf der Grundlage der eigenen FĂ€higkeiten und Begabungen, und gemeinsam mit den Komplizen, mit denen er die grĂ¶ĂŸte AffinitĂ€t verspĂŒrt, zur befreienden Aktion anzutreiben. Es verwundert also nicht, dass eben dieser DĂ©jaque das diktatorische Bestreben von Blanqui bereits gebrandmarkt hatte: «Die RegierungsautoritĂ€t, die Diktatur, ob sie sich Kaiserreich oder Republik, Thron oder Sitz, Retter der Ordnung oder Wohlfahrtsausschuss nennt; ob sie heute unter dem Namen Bonaparte oder morgen unter dem Namen Blanqui existiert; ob sie aus Ham oder Belle-Ile kommt; ob sie in ihrem Wappen einen Adler oder einen ausgestopften Löwen hat
 die Diktatur ist nichts als die Vergewaltigung der Freiheit durch die korrumpierte Manneskraft, durch die Syphilitiker.»

Auch hier gilt, sich dem einen oder dem anderen nahe zu fĂŒhlen ist nicht gleichgĂŒltig und stellt eine unmissverstĂ€ndliche Wahl einer Seite dar.

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Da ist schliesslich noch ein letzter Aspekt von Blanqui, der einem aufmerksamen, raubgierigen Auge, die MĂŒhe wert scheinen musste, ihn wieder auszugraben – sein Opportunismus. WĂ€hrend er ein gewisses Desinteresse fĂŒr die theoretischen Fragen und eine starke Widmung einzig den materiellen Problemen der Insurrektion zur Schau stellte, ist Blanqui der Pionier einer Tendenz, die heute in den subversiven Kreisen ziemlich in Mode ist: der Taktikismus (der skrupellose Gebrauch von Manövern und Tricks, um von anderen zu bekommen, was man sich wĂŒnscht) im Namen der Taktik (die Anwendungs- und Manövriertechnik von militĂ€rischen Mitteln). Die Spezialisten von Blanqui verwenden im Allgemeinen den Begriff Eklektizismus [Vielseitigkeit], um sein gewandtes und eigennĂŒtziges hin und her Springen zwischen verschiedenen Positionen zu beschreiben. Seine Konzeption der Insurrektion als Resultat eines strategischen Zuges, und nicht als soziales Ereignis, brachte ihn zur Schlussfolgerung, dass der Zweck alle Mittel heiligt. FĂŒr ihn zĂ€hlte nicht die Art und Weise, sondern das Resultat, mit anderen Worten, die effektive Eroberung der politischen Macht. Deshalb versuchte er 1848, trotz seiner Vorliebe fĂŒr Verschwörungen, eine demokratische Bewegung zu leiten, die fĂŒr eine Wahlbeteiligung war. Wie sein Kamerad Edouard Vaillant, der bereits beim Kongress der Ersten Internationale vom September 1871 in London sein Sprecher war, erinnerte: «Das Werk der Revolution war die Zerstörung der Hindernisse, die ihr den Weg versperrten: ihre erste Aufgabe war es‚ « die Bourgeoisie zu entwaffnen und das Proletariat zu bewaffnen», das Proletariat mit allen KrĂ€ften der eroberten, politischen Macht zu bewaffnen, die dem Feind entrissen wurde. Zu diesem Zweck mussten die RevolutionĂ€re zum Ansturm auf die Macht ĂŒbergehen, auf allen Wegen gegen sie aufmarschieren: Agitation, Aktion, Parlament, etc
 Sie haben sich nicht im «MustergefĂ€ngnis» irgendeines Dogmatismus eingeschlossen. Sie haben keine Vorurteile.»

Diese Abwesenheit von «Vorurteilen» – die dazumals, jenseits jeglicher Betrachtung von ethischer KohĂ€renz, zumindest Intuitionen waren, die von einem Minimum an Intelligenz diktiert wurden – hatte Blanqui zu manchmal peinlichen Resultaten gefĂŒhrt. 1879, wenige Jahre nachdem er gewettert hatte, dass «dem verheerenden Prestige der entscheidungstreffenden Versammlungen ein Ende gesetzt werden muss», versuchte er erfolglos, sich in Lyon als Abgeordneter wĂ€hlen zu lassen. Um dieses löbliche insurrektionelle Projekt zu verwirklichen, fragte er seinen Freund Georges ClĂ©menceau um Hilfe, der damals ein radikaler republikanischer Abgeordneter war, dem er schrieb: «Werden sie im Abgeordnetenhaus der Mann der Zukunft, der Chef der Revolution. Es hat es seit 1830 weder geschafft noch gekonnt, einen zu finden. Der Zufall gibt ihm einen, enthaltet ihn ihm nicht.» Nun, wie bekannt ist, wird ClĂ©menceau tatsĂ€chlich eine grosse Karriere machen. Zuerst wurde er Senator, danach Innenminister und letztendlich zweimal PrĂ€sident des Rates. Mit seiner blutigen Repression von Streiks und Revolten, die in verschiedenen proletarischen BlutbĂ€dern mĂŒndeten, mit seiner erbarmungslosen Jagd auf Subversive jeder Couleur und Tendenz, ohne von seinem Interventismus wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs zu sprechen, wird er sich den Übernamen «erster Bulle von Frankreich» erobern. Man kann nicht sagen, dass Blanqui sehr weitsichtig war, als er den kĂŒnftigen Chef der Reaktion fragte, Chef der Revolution zu werden! Aber eigentlich ist das gar nicht so merkwĂŒrdig. Er hatte in ClĂ©menceau den Stoff eines politischen FĂŒhrers erkannt. Es gelang ihm nicht, zu verstehen, dass die Macht das Grab der Revolution ist.

Darum haben wir keinen Grund, dem Kadaver dieses aufstrebenden Diktators Ehrerbietung zu erweisen. Abgesehen vielleicht von jenem Slogan und jenem Buch, bleibt seine Erinnerung ekelerregend. Ekelerregend wie seine Macht als Staatsmajor, sein militĂ€rischer Stil, sein Kasernengeist, seine Entschlossenheit in Mimetik («Seine Freunde waren davon ĂŒberzeugt, dass die in ihm dominierende Persönlichkeit, die eines Generals war», schrieb sein guter Freund Dommanget). Mögen doch seine Bewunderer, die alten oder neuen FĂŒhrer der Partei der staatlichen Insurrektion, in seinem Grab wĂŒhlen und voller Emotionen seine AusdĂŒnstungen einatmen. Bei den heutigen ErdstĂ¶ĂŸen, wer weiß, ob sie da nicht zusammen mit ihrem Meister verschĂŒttet werden – Ewigkeit durch den Schlamm.

Biografische Notiz

Louis Auguste Blanqui (1805 – 1881) hat mehr als 30 Jahre seines Lebens im GefĂ€ngnis verbracht (daher auch sein Übername «L‘enfermé», der Eingesperrte). Nicht so sehr, weil er die Macht zerstören wollte, sondern weil er unablĂ€ssig danach trachtete, selbst, im Namen der Emanzipation des Pöbels, die Macht zu ergreifen. Nach einem Studium in Recht und Medizin schliesst sich Blanqui 1824 einer der Carbonari Gruppen an, geheime revolutionĂ€re Gesellschaften mit einem liberalen und patriotischen Programm, die stark zur Vereinigung von Italien beigetragen haben. Die Carbonari Gruppen liegen dem modernen republikanischen Nationalismus in Italien zugrunde. 1830 beteiligt sich Blanqui an der Juli-Revolution in Paris, wonach in Frankreich eine konstitutionelle Monarchie gegrĂŒndet wird. 1939 findet in Paris eine blanquistisch inspirierte Insurrektion statt, worin der geheime Bund der SociĂ©tĂ© des Saisons, welche unter dem Befehl von Blanqui steht und stark hierarchisiert ist, eine Rolle ersten Ranges spielt. Daraufhin wird Blanqui zum Tode verurteilt, eine Verurteilung, die spĂ€ter in LebenslĂ€nglich umgewandelt werden wird.

WĂ€hrend der Revolution von 1848, bei der es wĂ€hrend der Insurrektion zu einem Zusammenstoss zwischen der republikanischen Bourgeoisie und dem rebellischen Proletariat von Paris kam, wird Blanqui aus dem GefĂ€ngnis freigelassen. SpĂ€ter wird er in seinen berĂŒhmten «Instructions pour une prise d‘armes» den chaotischen und dezentralisierten Charakter der proletarischen Insurrektionen in Paris stark unter die Lupe zu nehmen: laut ihm sei nur ein zentralisiertes und diszipliniertes Organ imstande, die Insurrektion «zu einem guten Ende» zu fĂŒhren. Blanqui beteiligt sich an den Ereignissen von 1848 ĂŒbrigens als FĂŒhrer der Geheimgesellschaft «SociĂ©tĂ© RĂ©publicaine Centrale». Nach dem Massaker des Pariser Proletariats wird er von der neuen bĂŒrgerlichen Macht weggesperrt.

1865 bricht er aus und kehrt 1869 infolge einer allgemeinen Amnestie nach Frankreich zurĂŒck. Inzwischen ist die Zahl seiner AnhĂ€nger so sehr angewachsen, dass man von einer wahren blanquistischen Partei sprechen konnte, unterteilt und strukturiert in verschiedene Sektionen.

1870 unternehmen Blanqui und seine Kameraden noch einmal zwei erfolglose Versuche von bewaffneten AufstĂ€nden: einen zum Zeitpunkt der Bestattung eines Journalisten, der ermordet wurde, und einen, bei dem eine Kaserene in Ansturm genommen wurde und Waffen entwendet wurden. WĂ€hrend die soziale Spannung in Paris unablĂ€ssig ansteigt, lĂ€sst Thiers, der Chef der französischen Regierung, Blanqui am 17. MĂ€rz 1871 verhaften und wegsperren. Ein Tag spĂ€ter bricht in Paris eine allgemeine Insurrektion aus und «beginnt» die Pariser Kommune. Blanqui sitzt in der Zelle, wird aber dennoch zum Mitglied der Kommune gewĂ€hlt. Eine Vorschlag fĂŒr einen Gefangenenaustausch wird von der Zentralregierung verweigert. Marx wird spĂ€ter behaupten, dass es ein Blanqui war, an dem es der Kommune fehlte; mit anderen Worten, an einem autoritĂ€ren Chef, der sich an strikt militĂ€rische und politische Vorstellungen der Insurrektion hĂ€lt und sie auf zentralistische Weise organisiert.

Ebenso wie viele andere wird Blanqui nach der Niederlage der Kommune deportiert. Erst 1879 wird er wieder freigelassen. Zwei Jahre spÀter wird er sterben.

Blanqui, oder besser, die Ideologie des Blanquismus, wird oft als klassisches Beispiel einer autoritĂ€ren Vorstellung der Revolution genannt: diese sollte unter dem Antrieb einer kleinen Gruppe von Verschwörern durchgefĂŒhrt werden, welche die Macht ergreifen. Ist diese einmal erobert, wĂŒrden die Verschwörer mittels des Staates den Sozialismus einfĂŒhren. Es ist nicht schwierig, zu sehen, inwiefern die bolschewistischen Auffassungen der Revolution, die unter anderem von Lenin ausgearbeitet wurden, eine Fortsetzung der blanquistischen Tradition sind.




Quelle: Schwarzerpfeil.de