April 27, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Niemand sollte jemals arbeiten

Arbeit ist die Ursache nahezu allen Elends in der Welt. Fast jedes erdenkliche Übel geht aufs Arbeiten oder auf eine fĂŒrs Arbeiten eingerichtete Welt zurĂŒck. Um das Leiden zu beenden, mĂŒssen wir aufhören zu arbeiten.

Das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, Dinge zu tun. Vielmehr sollten wir eine neue Lebensweise schaffen, der das Spielen zugrunde liegt; sozusagen eine spielerische Revolution. Unter Spielen verstehe ich dabei ebenso Feierlichkeiten, KreativitĂ€t, Geselligkeit und vielleicht sogar Kunst. Spielen umfasst mehr als bloßes Kinderspiel, so wertvoll das auch sein mag. Ich fordere ein kollektives Abenteuer allgemeiner Freude in freiem und gegenseitigem Überschwang. Spielen hat nichts Passives an sich. Ohne Zweifel brauchen wir alle mehr Zeit fĂŒrs Faulsein und Herumlungern als gegenwĂ€rtig, unabhĂ€ngig vom Einkommen oder der BeschĂ€ftigung, doch wenn wir uns erst von der beschĂ€ftigungsbasierten Verausgabung unserer KrĂ€fte erholt haben werden, werden beinahe alle von uns wieder tĂ€tig werden wollen. Oblomowismus und Stachanowismus sind zwei Seiten derselben entwerteten Medaille.

Spielerisches Leben ist vollkommen inkompatibel mit der bestehenden Wirklichkeit. Das sagt alles ĂŒber die „Wirklichkeit“, das schwarze Loch, das dem Wenigen im Leben, das es noch vom bloßen Überleben unterscheidet, die Lebenskraft entzieht. Seltsamerweise – oder vielleicht auch nicht – sind alle alten Ideologien konservativ, weil sie an die Arbeit glauben. Manche von ihnen, wie der Marxismus oder die meisten Spielarten des Anarchismus, glauben an die Arbeit umso inbrĂŒnstiger, als sie an so wenig anderes glauben.

Die Liberalen wollen die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt beenden. Ich sage, wir sollten den Arbeitsmarkt abschaffen. Die Konservativen unterstĂŒtzen Gesetze fĂŒr ein Recht auf Arbeit. Mit Karl Marx eigensinnigem Schwiegersohn Paul Lafargue unterstĂŒtze ich das Recht auf Faulheit. Linke bevorzugen VollbeschĂ€ftigung. Ebenso wie die Surrealist*innen, abgesehen davon, dass ich es auch so meine, bevorzuge ich volle BeschĂ€ftigungslosigkeit. Die Trotzkisten agitieren fĂŒr die permanente Revolution. Ich agitiere fĂŒr permanente Gelage. Aber auch wenn alle Ideolog*innen (wie sie es tun) fĂŒr die Arbeit streiten – und nicht nur, weil sie beabsichtigen, andere Menschen die ihre verrichten zu lassen –, sind sie doch seltsam zurĂŒckhaltend, das zu sagen. Sie debattieren endlos ĂŒber Löhne, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, ProduktivitĂ€t und ProfitabilitĂ€t. Sie reden gerne ĂŒber alles, außer ĂŒber die Arbeit selbst. Diese Expert*innen, die uns anbieten, das Denken fĂŒr uns zu ĂŒbernehmen, teilen nur selten ihre Erkenntnisse ĂŒber die Arbeit mit uns, wo doch die Arbeit so bedeutend fĂŒr unser aller Leben ist. Unter sich streiten sie sich ein bisschen um Einzelheiten. Gewerkschaften und VorstĂ€nde stimmen darin ĂŒberein, dass wir unsere Lebenszeit fĂŒr unser Überleben verkaufen sollen, auch wenn sie sich ĂŒber den Preis streiten. Marxist*innen sind der Meinung, dass wir von BĂŒrokrat*innen geleitet werden sollten. Liberale sind der Meinung, dass wir von Unternehmern gefĂŒhrt werden sollten. Feminist*innen interessieren sich nicht fĂŒr die Art von Chef*innen, solange es Frauen sind. Alle diese Ideolog*innen haben ernste Differenzen hinsichtlich der Verteilung der Macht. Genauso klar ist, dass sie kein Problem mit Macht als solcher haben und dass sie uns alle am Arbeiten halten wollen.

Du magst dich fragen, ob ich Witze mache oder es ernst meine. Ich mache Witze und meine es ernst. Spielerisch zu sein bedeutet nicht notwendigerweise frivol zu sein und FrivolitĂ€t ist nicht gleichbedeutend mit TrivialitĂ€t. Sehr oft sollten wir FrivolitĂ€ten ernst nehmen. Ich möchte, dass das Leben ein Spiel ist – aber ein Spiel mit hohen EinsĂ€tzen. Ich will fĂŒr immer spielen.

Das Gegenteil von Arbeit ist nicht nur Faulheit. Kindlich und kindisch sind nicht dasselbe. So sehr ich die Lust der TrĂ€gheit schĂ€tze, so ist sie doch am Lohnendsten, wenn sie anderen Genuss und Zeitvertreib unterbricht. Genausowenig werbe ich fĂŒr das verwaltete, zeitlich begrenzte Sicherheitsventil namens „Freizeit“, nichts lĂ€ge mir ferner. Freizeit ist Nicht-Arbeit um der Arbeit willen. Freizeit ist die Zeit, die man damit verbringt, sich von der Arbeit zu erholen und der fieberhafte, aber hoffnungslose Versuch die Arbeit zu vergessen. Viele Menschen kehren so geschafft aus dem Urlaub zurĂŒck, dass sie es nicht erwarten können, wieder zu arbeiten, um sich zu erholen. Der Hauptunterschied zwischen Arbeit und Freizeit ist, dass du bei der Arbeit wenigstens fĂŒr deine Entfremdung und EntkrĂ€ftung bezahlt wirst.

Ich betreibe hier keine Wortklauberei. Wenn ich sage, dass ich die Arbeit abschaffen will, meine ich genau das, aber ich will mich nicht auf eigenartige Art und Weise ausdrĂŒcken. Meine Minimaldefinition von Arbeit ist Zwangsarbeit, also erzwungene ProduktivitĂ€t. Beide Bestandteile dieses Wortes sind zentral fĂŒr seine Bedeutung. Arbeit ist Produktion, die mithilfe von wirtschaftlichen oder politischen Mitteln erzwungen wird, durch Zuckerbrot oder Peitsche (Das Zuckerbrot ist letztlich auch nichts anderes als die Peitsche mit anderen Mitteln.) Aber nicht jede schöpferische TĂ€tigkeit ist Arbeit. Arbeit wird niemals um ihrer selbst Willen verrichtet, sie wird mit dem Ziel verrichtet, dass der*die Arbeiter*in (oder meistens jemand anderes) durch sie ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Leistung gewinnt. Das ist es, was Arbeit notwendigerweise ist. Sie zu definieren, bedeutet sie zu verachten. Aber Arbeit ist ĂŒblicherweise noch schlimmer, als ihre Definition verheißt. Die Herrschaftsdynamik, die der Arbeit innewohnt, entwickelt sich mit der Zeit weiter. In fortgeschrittenen Arbeitsgesellschaften, inklusive allen industriellen Gesellschaften, egal ob kapitalistisch oder „kommunistisch“, besitzt Arbeit immer auch andere Eigenschaften, die ihre AbsurditĂ€t noch weiter betonen.

Üblicherweise – und das gilt mehr noch als in kapitalistischen in „kommunistischen“ LĂ€ndern, wo der Staat beinahe als einziger Arbeitgeber auftritt und jede*r Arbeitnehmer*in ist –bedeutet Arbeit Anstellung, d.h. Lohnarbeit, was bedeutet, sich an den Dienstplan zu verkaufen. Dementsprechend arbeiten 95% der Amerikaner*innen, die arbeiten, fĂŒr jemand (oder etwas) anderen. In der UdSSR oder Kuba oder Jugoslawien oder irgendeinem anderen alternativen Modell, das man heranziehen will, nĂ€hert sich dieser Anteil 100% an. Lediglich in den umkĂ€mpften Bauernbastionen der Dritten Welt – Mexiko, Indien, Brasilien, TĂŒrkei – gibt es derzeit einen bedeutenden Anteil an Landwirten, die an den traditionelleren Organisationsmodellen der meisten Arbeiter*innen der letzten paar Jahrhunderte festhalten, der Zahlung von Steuern (= Lösegeld) an den Staat oder von Pacht an parasitĂ€re Landbesitzer*innen im Austausch dafĂŒr, ansonsten in Ruhe gelassen zu werden. Selbst dieses schlechte Abkommen erscheint mittlerweile verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig gut. SĂ€mtliche Industriearbeiter*innen (ebenso wie BĂŒroarbeiter*innen) sind Angestellte und stehen unter einer Art von Beobachtung, die ihre UnterwĂŒrfigkeit garantiert.

Aber die moderne Arbeit hat noch schlimmere Implikationen. Die Menschen arbeiten nicht einfach nur, sie haben „Jobs“. Eine Person erledigt eine produktive Aufgabe die ganze Zeit ĂŒber auf einer „sonst setzt es was“-Basis. Selbst wenn dieser TĂ€tigkeit auch nur ein QuĂ€ntchen ErfĂŒllung innewohnt (was zunehmend mehr Jobs nicht bieten können), so zerstört doch die Eintönigkeit ihrer verbindlichen Ausschließlichkeit jedes spielerische Potenzial. Ein „Job“, der die Energien einiger Personen fĂŒr einen naheliegenderweise begrenzten Zeitraum und fĂŒr den Spaß an der Sache zu mobilisieren vermag, ist fĂŒr diejenigen, die ihn 40 Stunden die Woche erledigen mĂŒssen, ohne Mitspracherecht darĂŒber, wie er erledigt werden sollte und zum Profit der EigentĂŒmer, die nichts zu dem Projekt beitragen und ohne die Möglichkeit, die Aufgaben unter denen, die tatsĂ€chlich daran arbeiten, aufzuteilen, nichts als eine BĂŒrde. Das ist die wirkliche Welt der Arbeit: Eine Welt des bĂŒrokratischen Pfuschs, sexueller BelĂ€stigung und Diskriminierung, eine Welt voller holzköpfiger Bosse die ihre Untergebenen, die – allen rational-technischen ErwĂ€gungen zufolge – eigentlich das Sagen haben sollten, ausbeuten und zu SĂŒndenböcken machen. Aber der Kapitalismus der realen Welt ordnet die rationale Maximierung der ProduktivitĂ€t und des Profits den Erfordernissen der organisatorischen Kontrolle unter.

Die EntwĂŒrdigung, die die meisten Arbeiter*innen in ihrem Job erfahren, ist die Summe allerlei DemĂŒtigungen, die als “Disziplin” bezeichnet werden können. Foucault hat dieses PhĂ€nomen verkompliziert, aber eigentlich ist es ganz simpel. Disziplin besteht aus der Gesamtheit an totalitĂ€rer Kontrollen am Arbeitsplatz – Überwachung, Fließband, festgelegte Arbeitsgeschwindigkeiten, Produktionsziffern, Ein- und Ausstempeln, etc. Disziplin ist das, was die Fabrik, das BĂŒro und der Laden mit dem GefĂ€ngnis, der Schule und dem Irrenhaus gemein haben. Sie ist etwas historisch Einzigartiges und Schreckliches. Sie ĂŒbersteigt die Möglichkeiten der dĂ€monischen Diktatoren der alten Zeiten wie Nero, Dschingis Khan und Iwan der Schreckliche. Ungeachtet all ihrer ĂŒblen Absichten hatten sie einfach nicht die geeignete Maschinerie, um ihre Subjekte so vollstĂ€ndig zu kontrollieren, wie es die modernen Despoten tun. Disziplin ist der spezifische, diabolische Kontrollmechanismus der Moderne, sie ist ein innovativer Eingriff, dem schnellstmöglich Einhalt geboten werden muss.

Das meine ich mit “Arbeit”. Spiel ist genau das Gegenteil. Spiel ist immer freiwillig. Was ansonsten Spiel wĂ€re, aber erzwungen wird, ist Arbeit. Das ist axiomatisch. Bernie de Koven hat Spiel als die “Aussetzung von Konsequenzen” definiert. Das ist dann unhaltbar, wenn es darauf hinauslaufen soll, dass Spiel konsequenzlos wĂ€re. Der Punkt ist nicht, dass Spielen keine Konsequenzen hĂ€tte. Das soll das Spiel bloß herabsetzen. Der Punkt liegt darin, dass die Konsequenzen, soweit es sie gibt, unbedeutend sind. Spielen und Schenken sind eng miteinander verwandt, sie sind die verhaltensbezogenen und transaktionalen Facetten des gleichen Impulses, des Spieltriebs. Sie teilen eine vornehme Verachtung gegenĂŒber Ergebnissen. Der Spieler zieht etwas aus seinem Spiel, deshalb spielt er. Aber die hauptsĂ€chliche Entlohnung ist die Erfahrung der AktivitĂ€t selbst (egal worin sie besteht). Einige ansonsten aufmerksame Beobachter*innen des Spiels, wie Johan Huizinga (Homo Ludens) definieren es als Spielespielen oder Regelbefolgen. Ich respektiere Huizingas Gelehrsamkeit, aber weise seine Befangenheit entschieden zurĂŒck. Es gibt viele gute Spiele (Schach, Baseball, Monopoly, Bridge) die regelbeherrscht sind, aber es gibt viel mehr zu spielen als nur Spiele. Unterhaltungen, Sex, Tanzen, Reisen – diese TĂ€tigkeiten sind nicht regelbeherrscht, aber sie fallen auf jeden Fall in die Kategorie des Spiels, wenn das irgendetwas tut. Und selbst mit Regeln lĂ€sst sich spielen, ebenso wie mit allem anderen.

Arbeit verspottet die Freiheit. Die offizielle Behauptung ist, dass wir alle Rechte haben und in einer Demokratie leben. Andere UnglĂŒckliche, die nicht so frei sind wie wir, mĂŒssen in Polizeistaaten leben. Diese Opfer mĂŒssen Befehle befolgen, egal wie willkĂŒrlich sie sind. Die AutoritĂ€ten behalten sie unter stĂ€ndiger Kontrolle. StaatsbĂŒrokrat*innen kontrollieren selbst die kleinsten Details ihres Alltags. Die Beamt*innen, die sie herumschubsen, mĂŒssen sich nur nach oben verantworten, öffentlich wie privat. Auf die eine oder andere Art und Weise wird jede Abweichung und jeder Ungehorsam bestraft. Denunzianten erstatten den AutoritĂ€ten regelmĂ€ĂŸig Bericht. All das gilt als etwas sehr Schlechtes.

Und das ist es schließlich auch, obwohl es nichts anderes ist als die Beschreibung des modernen Arbeitsplatzes. Die Liberalen und Konservativen, ebenso wie die LibertĂ€ren, die den Totalitarismus anklagen, sind Schwindler und Heuchler. In jeder moderaten ent-stalinisierten Diktatur gibt es mehr Freiheit als an einem durchschnittlichen amerikanischen Arbeitsplatz. In einem BĂŒro oder einer Fabrik kann man die gleiche Art von Hierarchien und Disziplin beobachten wie in einem GefĂ€ngnis oder in einem Kloster. TatsĂ€chlich haben Foucault und andere gezeigt, dass GefĂ€ngnisse und Fabriken etwa zur gleichen Zeit aufkamen und ihre Betreiber ganz bewusst Kontrollmechanismen beieinander abgeschaut haben. Eine Arbeiter*in ist eine Teilzeitsklav*in. Ihre Chef*in befiehlt ihr, wann sie aufzutauchen und zu gehen hat und was sie in der Zwischenzeit tun soll. Er sagt dir, wie viel Arbeit du zu erledigen hast und wie schnell. Es steht ihm frei, seine Kontrolle bis hin zu demĂŒtigenden Extremen auszuweiten, indem er, wenn er will, sogar die Kleidung, die du trĂ€gst, bestimmt und wie oft du auf die Toilette gehen darfst. Mit wenigen Ausnahmen kann er dich aus beliebigen GrĂŒnden oder grundlos feuern. Er lĂ€sst dich von Denunzianten und Vorgesetzten bespitzeln, er fĂŒhrt Akten ĂŒber jeden Angestellte*n. Ihm zu widersprechen wird “AufmĂŒpfigkeit” genannt, als wĂ€re eine Arbeiter*in ein ungezogenes Kind, und fĂŒhrt nicht nur zu deiner Entlassung, sondern es verwehrt dir auch das Arbeitslosengeld. Ohne das notwendigerweise bei ihnen gutzuheißen, ist es bemerkenswert, dass Kinder zu Hause und in der Schule ziemlich die gleiche Behandlung erfahren, und diese in ihrem Fall mit ihrer angeblichen Unreife gerechtfertigt wird. Was sagt das ĂŒber ihre Eltern und Lehrer*innen aus, die arbeiten?

Das erniedrigende System der Herrschaft, das ich hier beschrieben habe, beherrscht fast die HĂ€lfte der Wachzeit einer Mehrheit der Frauen und der ĂŒberwiegenden Mehrheit der MĂ€nner seit Jahrzehnten fĂŒr beinahe deren gesamtes Leben. Aus bestimmten GrĂŒnden ist es nicht allzu irrefĂŒhrend, unser System Demokratie oder Kapitalismus oder – noch besser – Industrialismus zu nennen, aber sein eigentlicher Name ist Fabrik-Faschismus oder BĂŒro-Oligarchie. Jede*r, die sagt, dass diese Menschen “frei” sind, lĂŒgt oder ist ein Idiot. Du bist, was du tust. Wenn du langweilige, dumme, monotone Arbeit verrichtest, dann stehen die Chancen gut, dass du darin endest, langweilig, dumm und monoton zu sein. Arbeit ist eine viel bessere ErklĂ€rung fĂŒr die schleichende Verblödung um uns herum, als selbst so bedeutende, verdummende Mechanismen wie das Fernsehen und die Bildung. Menschen, die ihr gesamtes Leben herumkommandiert werden, erst in der Schule, dann in der Arbeit und von der Familie zu Anfang und dem Pflegeheim am Ende umschlossen, sind an Hierarchien gewöhnt und psychologisch versklavt. Ihre Eignung zu Autonomie ist so verkĂŒmmert, dass ihre Angst vor Freiheit zu den wenigen rational begrĂŒndeten Phobien gehört. Ihr Gehorsamkeitstraining in der Arbeit pflanzt sich sowohl in den von ihnen begrĂŒndeten Familien fort, wo es das System auf mehr als nur eine Weise reproduziert, als auch in der Politik, der Kultur und allem anderen. Wenn die VitalitĂ€t der Menschen in der Arbeit erst einmal ausgetrocknet wurde, unterwerfen sie sich der Hierarchie und Expertise vermutlich auch in allen anderen Beziehungen. Sie sind ja daran gewöhnt.

Wir sind der Welt der Arbeit so verbunden, dass wir nicht in der Lage sind zu sehen, was sie mit uns macht. Wir mĂŒssen auf außenstehende Beobachter*innen aus anderen Zeiten oder anderen Kulturen zurĂŒckgreifen, um die ExtremitĂ€t und die Krankhaftigkeit unserer derzeitigen Situation zu erkennen. Es gab eine Zeit in unserer eigenen Geschichte, als die “Arbeitsehtik” unvorstellbar gewesen wĂ€re und möglicherweise lag Weber gewissermaßen richtig damit, ihr Erscheinen mit einer Religion zu vergleichen, dem Calvinismus, der, wenn er heute statt vor vier Jahrhunderten aufgekommen wĂ€re, sofort und passenderweise als Sekte bezeichnet worden wĂ€re. Wie dem auch sei, wir mĂŒssen uns nur der Weisheit der Antike bedienen, um uns ein Bild von Arbeit zu machen. Die Menschen der Antike sahen die Arbeit als das, was sie ist, und ihre Sicht dauerte so lange an, die calvinistischen Sonderlinge einmal ausgenommen, bis sie vom Industrialismus ĂŒber den Haufen geworfen wurde – aber nicht bevor diese die UnterstĂŒtzung ihrer Propheten erhielt.

Tun wir fĂŒr einen Moment so, als ob die Arbeit die Menschen nicht in verdummte Untertanen verwandeln wĂŒrde. Tun wir entgegen jeder plausiblen Psychologie und der Ideologie ihrer Verfechter*innen so, als ob sie keinerlei Auswirkung auf die Charakterbildung hĂ€tte. Und tun wir so, als wĂ€re die Arbeit nicht langweilig, ermĂŒdend und entwĂŒrdigend, wie wir alle wissen, dass sie es ist. Selbst dann wĂŒrde die Arbeit noch immer alle humanistischen und demokratischen AnsprĂŒche verspotten, alleine aus dem Grund, dass sie so viel Zeit verschlingt. Sokrates sagte, dass Handarbeiter schlechte Freunde und BĂŒrger abgĂ€ben, weil sie keine Zeit hĂ€tten, die Pflichten der Freundschaft und BĂŒrgerschaft zu erfĂŒllen. Er hatte Recht. Wegen der Arbeit schauen wir dauernd auf unsere Uhr, unabhĂ€ngig davon, was wir gerade machen. Das einzig “freie” an der sogenannten Freizeit ist, dass wir von unseren Bossen dafĂŒr nicht bezahlt werden. Freizeit dient hauptsĂ€chlich dazu, sich fĂŒr die Arbeit fertig zu machen, zur Arbeit zu gehen, von der Arbeit nach Hause zu gehen und sich von der Arbeit zu erholen. Freizeit ist ein Euphemismus fĂŒr die merkwĂŒrdige Art und Weise, auf die sich Arbeit als eine Ressource der Produktion nicht nur auf eigene Kosten vom und zum Arbeitsplatz transportiert, sondern auch die Hauptverantwortung fĂŒr ihrer Wartung und Reparatur ĂŒbernimmt. Kohle und Stahl tun das nicht. DrehstĂŒhle und Schreibmaschinen tun das nicht. Aber Arbeiter*innen tun das. Kein Wunder, dass Edward G. Robinson in einem seiner Gangsterfilme ausrief: “Arbeiten ist etwas fĂŒr Trottel!”

Sowohl Plato als auch Xenophon schreiben Sokrates die Wahrnehmung der destruktiven Auswirkungen der Arbeit auf die Arbeiter als BĂŒrger und Menschen zu und stimmen mit ihm darin offensichtlich ĂŒberein. Herodotus identifizierte die Verachtung der Arbeit als eine Einstellung der klassischen Griechen auf dem Höhepunkt ihrer Kultur. Um nur ein römisches Beispiel zu nennen: Cicero sagte, dass “wer auch immer seine Arbeit gegen Geld anbietet, sich selbst verkauft und sich in die Reihen der Sklaven begibt.” Seine FreimĂŒtigkeit ist heutzutage rar, aber zeitgenössische Vertreter*innen primitiver Gesellschaften, auf die wir es gewöhnt sind, herabzublicken, haben westliche Anthropologen erhellt. Die Kapauku aus Westpapua besitzen, Posposil zufolge, eine Vorstellung von Ausgeglichenheit des Lebens und arbeiten entsprechend nur jeden zweiten Tag, wĂ€hrend die ĂŒbrigen Tage dazu dienen “die verlorene Kraft und Gesundheit wiederzuerlangen.” Unsere Vorfahren waren sich selbst bis ins 18. Jahrhundert, als sie sich bereits auf dem Pfad unseres heutigen Dilemmas befanden, darĂŒber im Klaren, was wir heute vergessen haben, die Kehrseite der Industrialisierung. Ihre religiöse Zuneigung zu den “Blauen Montagen” – und die damit verbundene Etablierung einer de facto FĂŒnf-Tage-Woche rund 150 bis 200 Jahre vor ihrer rechtlichen EinfĂŒhrung – trieb die frĂŒhen Fabrikbesitzer zur Verzweiflung. Es dauerte ziemlich lange, bis sie sich der Tyrannei der Glocke, der VorgĂ€ngerin der Uhr, unterwarfen. TatsĂ€chlich war es notwendig, eine oder zwei Generationen lang erwachsene MĂ€nner durch Frauen, die an Gehorsam gewöhnt waren , und Kinder, die nach den industriellen BedĂŒrfnissen geformt werden konnten, zu ersetzen. Selbst die ausgebeuteten Bauern der alten Ordnung entrissen der Fronarbeit eine bedeutende Menge an Zeit. Lafargue zufolge bestand ein Viertel des Kalenders der französischen Bauern aus Sonntagen oder Feiertagen und Tschajanows Zahlen aus Dörfern des zaristischen Russlands – schwerlich eine fortschrittliche Gesellschaft – zeigen ebenfalls, dass zwischen einem Viertel und einem FĂŒnftel der Tage der Bauern der Ruhe gewidmet waren. Der ProduktivitĂ€t unterworfen fallen wir offensichtlich hinter diese rĂŒckschrittlichen Gesellschaften zurĂŒck. Die ausgebeuteten Muzhiks [russische Bauern des Zarenreichs] wĂŒrden sich fragen, warum wir ĂŒberhaupt arbeiten. Und wir sollten uns diese Frage auch stellen.

Um jedoch den vollen Umfang unseres Verfalls zu begreifen, mĂŒssen wir uns in den frĂŒhesten Zustand der Menschheit hineinversetzen, ohne Regierung und Eigentum, als wir als JĂ€ger*innen/Sammler*innen umherzogen. Hobbes bildete sich ein, dass das Leben damals scheußlich, roh und kurz gewesen sein mĂŒsse. Andere nehmen an, dass das Leben ein verzweifelter, unaufhörlicher Kampf ums Überleben gewesen sei, ein Krieg gegen die raue Natur mit Tod und Katastrophe, die die UnglĂŒcklichen oder alle, die den Herausforderungen des Kampfs ums Überleben nicht gewachsen waren, erwartete. TatsĂ€chlich war all das eine Projektion der Ängste um einen Zusammenbruch der Regierung von Gemeinschaften, die es nicht gewohnt waren, ohne auszukommen, wie das England zu Zeiten Hobbes wĂ€hrend des BĂŒrgerkriegs. Hobbes‘ Landsleute waren bereits mit alternativen Gesellschaftsformen in BerĂŒhrung gekommen, die andere Lebensweisen vorfĂŒhrten – besonders in Nordamerika –, aber schon diese waren zu weit von ihren Erfahrungen entfernt, um von ihnen verstanden zu werden. (Die niederen Klassen, die den Lebensbedingungen der Indianer nĂ€her standen, verstanden sie besser und fanden sie oft attraktiv. WĂ€hrend des gesamten 17. Jahrhunderts liefen englische Siedler*innen zu den StĂ€mmen der Indianer ĂŒber oder weigerten sich nach ihrer Gefangennahme im Krieg zurĂŒckzukehren. Unterdessen wanderten die Indianer ebensowenig in die weißen Siedlungen aus, wie Deutsche die Berliner Mauer von der Westseite her ĂŒberkletterten.) Die “Überleben des Bestangepassten”-Version – die Thomas-Huxley-Version – des Darwinismus war eine bessere Beschreibung der ökonomischen ZustĂ€nde des viktorianischen Englands als der natĂŒrlichen Selektion, wie der Anarchist Kropotkin in seinem Buch Gegenseitige Hilfe, ein Faktor der Evolution zeigte. (Kropotkin war ein Wissenschaftler – ein Geograph –, der reichlich unfreiwillige Gelegenheit fĂŒr Feldforschung hatte, als er nach Sibirien verbannt wurde: Er wusste, wovon er sprach.) Wie die meiste soziale und politische Theorie war die Geschichte, die Hobbes und seine Nachfolger*innen erzĂ€hlten, nichts anderes als eine uneingestandene Autobiografie.

Der Anthropologe Marshall Sahlins, der die Daten heutiger JĂ€ger*innen/Sammler*innen auswertete, nahm den Hobbes’schen Mythos in einem Artikel mit dem Titel “Die ursprĂŒngliche Überflussgesellschaft” auseinander. Sie arbeiten viel weniger als wir und ihre Arbeit lĂ€sst sich nur schwer von dem unterscheiden, was wir Spiel nennen. Sahlins folgerte, dass “JĂ€ger*innen/Sammler*innen weniger arbeiten als wir; und statt dass die Suche nach Nahrung eine anhaltende Plackerei ist, ist sie stĂ€ndig von MĂŒĂŸiggang unterbrochen und es gibt eine grĂ¶ĂŸere Menge an Schlaf pro Kopf und Jahr wĂ€hrend des Tages als in jeder anderen Gesellschaftsform.” Sie arbeiten durchschnittlich vier Stunden am Tag, wenn man davon ausgehe, dass sie ĂŒberhaupt “arbeiten”. Ihre “Arbeit”, wie sie uns erscheint, sei Facharbeit, die sowohl ihre geistigen als auch körperlichen FĂ€higkeiten trainiert; Hilfsarbeit im grĂ¶ĂŸeren Stil ist, wie Sahlins sagt, unmöglich außer im Industrialismus. Damit erfĂŒllt sie Friedrich Schillers Definition des Spiels als einzige Gelegenheit, bei der der Mensch seine vollstĂ€ndige Menschlichkeit erkennt, indem er beiden Seiten seiner doppelten Natur ihren Lauf lĂ€sst, dem Denken und Empfinden. Er drĂŒckt das folgendermaßen aus: “Das Thier arbeitet, wenn ein Mangel die Triebfeder seiner ThĂ€tigkeit ist, und es spielt, wenn der Reichthum der Kraft diese Triebfeder ist, wenn das ĂŒberflĂŒssige Leben sich selbst zur ThĂ€tigkeit stachelt.” (Eine moderne Version dessen – etwas zweifelhaft weiterentwickelt – ist Abraham Maslows Gegensatz von “Mangel” und “Wachstum” als Motivation.) Spiel und Freiheit sind, was die Produktion angeht, deckungsgleich. Selbst Marx, der (trotz all seiner guten Intentionen) in die produktivistischen Ruhmeshallen gehört, beobachtete, dass “das Reich der Freiheit in der Tat erst da beginnt, wo das Arbeiten, das durch Not und Ă€ußere ZweckmĂ€ĂŸigkeit bestimmt ist, aufhört.” Er konnte sich nicht dazu durchringen, diesen glĂŒcklichen Umstand als das zu erkennen, was er ist, die Abschaffung der Arbeit – immerhin ist es eher eine Anomalie, fĂŒr die Arbeiter zu sein, aber gegen die Arbeit –, aber wir können das tun.

Das Bestreben, zu einem Leben ohne Arbeit voranzuschreiten oder zurĂŒckzukehren, findet sich in jeder ernstzunehmenden Sozial- oder Kulturgeschichte des prĂ€industriellen Europas, darunter auch M. Dorothy Georges England im Umbruch und Peter Burkes PopulĂ€rkultur im frĂŒhen modernen Europa. Ebenfalls passend ist Daniel Bells Essay “Arbeit und ihr Unbehagen”, der erste Text, wie ich glaube, der die “Revolte gegen Arbeit” so ausfĂŒhrlich beschreibt und, wĂ€re er verstanden worden, ein wichtiges Korrektiv der sonstigen SelbstgefĂ€lligkeit der Sammlung, in der er erschienen ist, Das Ende der Ideologie. Weder Kritiker*innen noch Bewunderer*innen haben bemerkt, dass Bells Ende-der-Ideologie-These nicht das Ende der sozialen Unruhen bedeutete, sondern den Beginn einer neuen, unerforschten Phase, die von der Ideologie nicht gehemmt oder beeinflusst wird. Es war Seymour Lipset (in Political Man), nicht Bell, der zur selben Zeit verkĂŒndete, dass “die grundlegenden Probleme der industriellen Revolution gelöst worden” seien, nur wenige Jahre bevor die post- oder meta-industrielle Unzufriedenheit Lipset von der UniversitĂ€t Berkeley ins (vorĂŒbergehend) verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig ruhige Harvard vertrieb.

Wie Bell bemerkt, war Adam Smith in seinem Wohlstand der Nationen trotz all seinem Enthusiasmus fĂŒr den Markt und die Arbeitsteilung den Schattenseiten der Arbeit viel aufgeschlossener (oder ehrlicher gegenĂŒber) als Ayn Rand oder die Chicagoer Ökonomen oder irgendeine*r von Smiths modernen Immitator*innen. Smith beobachtete: “Der Intellekt des grĂ¶ĂŸten Teils der Menschen wird notwendigerweise von ihrer gewöhnlichen BeschĂ€ftigung geformt. Der Mann, der sein Leben damit verbringt, einige einfache TĂ€tigkeiten auszufĂŒhren 
 hat keine Gelegenheit seinen Intellekt zu schulen 
 Er wird fĂŒr gewöhnlich so dumm und ignorant wie ein Mensch nur werden kann.” Hier findet sich in wenigen, ungeschminkten Worten meine Kritik der Arbeit. Bell identifizierte bereits 1956, dem goldenen Zeitalter von Eisenhowers BeschrĂ€nktheit und amerikanischer SelbstgefĂ€lligkeit, das unorganisierte, unorganisierbare Unwohlsein seit den 1970ern als eines, das sich keine politische Strömung zunutze machen kann, als das, das im Regierungsbericht Arbeit in Amerika identifiziert wurde, als das, das sich nicht nutzen lĂ€sst und das deshalb ignoriert wird. Dieses Problem ist die Revolte gegen die Arbeit. Es kommt in keinem Text irgendeines Laissez-faire-Ökonomen – Milton Friedman, Murray Rothbard, Richard Posner – vor, weil es sich ihren Worten zufolge, wie es bei Star Trek heißt, “nicht berechnen lĂ€sst”.

Wenn all diese von der Liebe zur Freiheit bewegten Argumente die Humanist*innen nicht zu einer utalitaristischen oder selbst paternalistischen Wende bewegen mögen, so gibt es andere, die sie nicht ignorieren können . Arbeit ist eine GefĂ€hrdung unserer Gesundheit, um den Titel eines Buches zu zitieren. TatsĂ€chlich ist Arbeit Massenmord und Genozid. Arbeit wird die meisten Menschen, die diese Worte lesen, direkt oder indirekt umbringen. Zwischen 14.000 und 25.000 Arbeiter*innen werden in diesem Land jĂ€hrlich von ihrem Job getötet. Über zwei Millionen werden behindert. Zwanzig bis fĂŒnfundzwanzig Millionen werden jedes Jahr verletzt. Und all diese Zahlen basieren auf einer sehr konservativen Vorstellung davon, was ein Arbeitsunfall ist. Als solche zĂ€hlen sie die halbe Million FĂ€lle von Berufskrankheit jedes Jahr nicht mit. Ich habe ein medizinisches Lehrbuch ĂŒber Berufskrankheiten gefunden, das 1.200 Seiten umfasste. Und selbst das kratzt kaum an der OberflĂ€che. Die verfĂŒgbaren Statistiken zĂ€hlen die offensichtlichen FĂ€lle, wie die der 100.000 Bergarbeiter*innen, die eine Staublunge haben und von denen 4000 jedes Jahr sterben, eine viel höhere Sterblichkeitsrate als beispielsweise die von AIDS, die so große mediale Aufmerksamkeit erlangt. Das resultiert aus der unausgesprochenen Annahme, dass AIDS Perverse befallen wĂŒrde, die ihre Sittenlosigkeit kontrollieren könnten, wĂ€hrend Kohlebergbau eine unantastbare TĂ€tigkeit ist, die nicht in Frage gestellt wird. Was die Statistiken nicht zeigen, ist, dass Arbeit die Lebenserwartung von zehn Millionen Menschen verkĂŒrzt – was so viel wie Mord bedeutet. Man denke an die Ärzte, die sich in ihren 50ern zu Tode arbeiten. Man denke an all die anderen Workaholics.

Selbst wenn du, wĂ€hrend du tatsĂ€chlich arbeitest, nicht getötet oder verstĂŒmmelt werden magst, kann dir das auch auf dem Weg zu oder von der Arbeit passieren, wĂ€hrend du nach Arbeit suchst oder beim Versuch, die Arbeit zu vergessen. Die große Mehrheit der Opfer des Automobils waren entweder dabei, eine dieser fĂŒr die Arbeit obligatorischen TĂ€tigkeiten auszuĂŒben oder kollidierten mit denen, die es taten. Zu diesem ĂŒbermĂ€ĂŸigen LeichenzĂ€hlen mĂŒssen noch die Opfer der autoindustriellen Luftverschmutzung und des arbeitsinduzierten Alkoholismus und DrogenabhĂ€ngigkeit addiert werden. Sowohl Krebs als auch Herzkrankheiten sind moderne Beschwerden, die ĂŒblicherweise direkt oder indirekt auf Arbeit zurĂŒckgefĂŒhrt werden können.

Demnach institutionalisiert Arbeit Mord als eine Lebensweise. Die Menschen sind der Ansicht, dass die Kambodschaner*innen verrĂŒckt waren, sich selbst auszulöschen , aber sind wir denn anders? Das Pol-Pot-Regime hatte immerhin, wenn auch verschwommen, eine Vision einer egalitĂ€ren Gesellschaft. Wir töten Menschen in sechsstelliger Höhe (mindestens), nur um Big Macs und Cadillacs an die Überlebenden zu verkaufen. Unsere vierzig- bis fĂŒnfzigtausend jĂ€hrlichen Autobahnunfalltote sind Opfer, keine MĂ€rtyrer. Sie starben fĂŒr nichts – oder vielmehr starben sie fĂŒr die Arbeit. Aber Arbeit ist nichts, fĂŒr das es sich lohnt zu sterben.

Schlechte Neuigkeiten fĂŒr Liberale: regulatorisches Flickwerk ist in diesem Leben-und-Tod-Kontext sinnlos. Die Bundesbehörde fĂŒr Arbeitsschutz und Gesundheitsverwaltung (OSHA) war dazu gedacht, das Kernproblem des Ganzen, die Sicherheit am Arbeitsplatz, zu kontrollieren. Selbst bevor Reagan und der Oberste Gerichtshof sie lahmlegten, war die OSHA eine Farce. In der vorangehenden und (gemessen an heutigen Standards) generösen Finanzierung in der Carter-Ära konnte ein Arbeitsplatz statistisch nur etwa alle 46 Jahre von einem Inspektor der OSHA Besuch erwarten.

Staatliche Kontrolle der Wirtschaft ist keine Lösung. Arbeit ist, wenn ĂŒberhaupt, in den staatssozialistischen LĂ€ndern eher noch gefĂ€hrlicher als hier. Beim Bau der Moskauer U-Bahn wurden tausende russischer Arbeiter*innen getötet oder verletzt. Geschichten, die den vertuschten sowjetischen Nuklearkatastrophen nachhallen, lassen Times Beach und Three Mile Island wie Grundschul-LuftschutzĂŒbungen erscheinen. Deregulierung auf der anderen Seite hilft ebenfalls nicht und richtet möglicherweise sogar Schaden an. Von einem Gesundheits- und Sicherheitsstandpunkt betrachtet waren die Auswirkungen von Arbeit in den Tagen am Schlimmsten, als die Wirtschaft dem Laissez-faire [Wirtschaftsliberalismus des 19. Jahrhunderts, weitestgehend ohne staatliche Einmischung] am NĂ€chsten kam.

Historiker*innen wie Eugene Genovese haben ĂŒberzeugend argumentiert, dass – wie die BefĂŒrworter*innen der Sklaverei vor den Sezessionskriegen insistierten – die Lohnarbeiter*innen der Fabriken nordamerikanischer Staaten und Europas schlechter dran waren als die Sklav*innen der sĂŒdlichen Plantagen. Keine Neuordnung der Beziehungen von BĂŒrokrat*innen und GeschĂ€ftsleuten scheint einen besonderen Unterschied hinsichtlich der Produktion zu machen. Eine ernsthafte Umsetzung selbst der recht vagen Standards, die die OSHA in der Theorie umsetzen könnte, wĂŒrde die Wirtschaft vermutlich zum Stillstand bringen. Die GesetzeshĂŒter*innen scheinen das offensichtlich gutzuheißen, da sie nicht einmal versuchen, selbst die grĂ¶ĂŸten Übel anzugehen.

Was ich bisher gesagt habe, sollte kaum umstritten sein. Viele Arbeiter*innen haben die Schnauze voll von Arbeit. Es gibt hohe und wachsende Raten von Fehlzeiten, Fluktuation, Diebstahl am Arbeitsplatz und Sabotage, wilden Streiks und allgemeinem Blaumachen im Job. Es mag eine gewisse Bewegung in Richtung einer bewussten und nicht nur instinktiven Ablehnung von Arbeit geben. Und doch ist es vorherrschende Meinung, die nicht nur von Bossen und ihren Agent*innen geteilt wird, sondern auch unter Arbeiter*innen selbst weitverbreitet ist, dass Arbeit selbst unvermeidbar und notwendig ist.

Ich stimme dem nicht zu. Es ist nun möglich, Arbeit abzuschaffen und sie, soweit es nĂŒtzlichen Zwecken dient, durch eine Vielzahl neuer Arten freier AktivitĂ€ten zu ersetzen. Arbeit abzuschaffen macht es erforderlich, das in zweierlei Hinsicht zu tun: quantitativ und qualitativ. Einerseits, auf Seite des Quantitativen, mĂŒssen wir die Menge an Arbeit, die erledigt werden muss, massiv reduzieren. Derzeit ist die meiste Arbeit ĂŒberflĂŒssig oder schlimmeres und wir sollten uns ihrer einfach entledigen. Auf der anderen Seite – und ich denke, das ist der Knackpunkt der Angelegenheit und die revolutionĂ€re neue Abfahrt – mĂŒssen wir das, was als nĂŒtzliche Arbeit bleibt, in eine erfreuliche Vielfalt spielerischer und handwerklicher Zeitvertreibe verwandeln, die von anderen erfreulichen Zeitvertreiben ununterscheidbar sind, außer darin, dass sie stattfinden, um nĂŒtzliche Endprodukte zu erzeugen. Das sollte sie aber nicht weniger verlockend machen. Dann können all die kĂŒnstlichen Barrieren der Macht und des Eigentums fallen. Erzeugung kann zu Erholung werden. Und wir können alle damit aufhören uns voreinander zu fĂŒrchten.

Ich schlage nicht vor, dass die meiste Arbeit auf diese Art und Weise gerettet werden kann. Aber dann ist es die meiste Arbeit auch nicht wert, bewahrt zu werden. Nur ein kleiner und schwindender Anteil der Arbeit dient irgendeinem sinnvollen Zweck unabhĂ€ngig von der Verteidigung und Reproduktion des Arbeitssystems und seinen politischen und legalen AnhĂ€ngseln. Vor zwanzig Jahren haben Paul und Percival Goodman ĂŒberschlagen, dass nur fĂŒnf Prozent der damals erledigten Arbeit – und man kann annehmen, dass die Zahl, wenn sie denn stimmt, nun noch niedriger ist – unseren minimalen BedĂŒrfnissen nach Essen, Kleidung und Obdach diente. NatĂŒrlich handelt es sich dabei nur um eine informierte SchĂ€tzung, aber der grundsĂ€tzliche Punkt ist geradezu offensichtlich: Direkt oder indirekt dient die meiste Arbeit den unproduktiven Zwecken des Handels oder der sozialen Kontrolle. Aus dem Stegreif können wir Zehnmillionen von HĂ€ndler*innen, Soldat*innen, Managern, Bullen, Geistlichen, Bankern, AnwĂ€lt*innen, Lehrer*innen, Grundbesitzer*innen, Sicherheitsangestellten, Werbeleuten und alle, die fĂŒr sie arbeiten, befreien. Das verursacht einen Schneeballeffekt, da jedes Mal, wenn man ein großes Tier unproduktiv macht, man auch seine Lakaien und Untergebenen befreit. Dadurch implodiert die Wirtschaft.

Vierzig Prozent der ArbeitskrĂ€fte sind Angestellte, von denen die meisten einige der lĂ€stigsten und idiotischsten Jobs haben, die jemals irgendwer ausgeheckt hat. Ganze Branchen, die Bank- und Versicherungsbranche und die Immobilienbranche zum Beispiel, bestehen aus nichts anderem als nutzlosem Papier-Hin-und-Hergeschiebe. Es ist kein Zufall, dass der “tertiĂ€re Sektor”, der Dienstleistungssektor, wĂ€chst, wĂ€hrend der “sekundĂ€re Sektor” (die Industrie) stagniert und der “primĂ€re Sektor” (die Landwirtschaft) beinahe vollstĂ€ndig verschwindet. Weil Arbeit unnötig ist, außer fĂŒr diejenigen, deren Macht sie sichert, werden Arbeiter*innen von relativ nĂŒtzlichen zu relativ nutzlosen BeschĂ€ftigungen verschoben, um die öffentliche Ordnung sicherzustellen. Alles ist besser als Nichts. Deswegen kannst du nicht einfach nach Hause gehen, nur weil du frĂŒher fertig bist. Sie wollen deine Zeit, genug davon, um dich zu besitzen, selbst wenn sie fĂŒr das meiste davon keinerlei Verwendung haben. Warum sonst ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in den letzten fĂŒnfzig Jahren kaum mehr als um wenige Minuten gesunken?

Als nĂ€chstes können wir uns mit dem Fleischerbeil ĂŒber die produktive Arbeit selbst hermachen. Keine weitere Kriegsproduktion, Kernkraft, Junk Food, Damenhygiene-Deodorants – und vor allem keine weitere nennenswerte Autoindustrie. Gelegentlich ein Stanley Steamer oder ein Modell-T scheinen mir ok zu sein, aber der Auto-Erotizismus, von dem solche Seuchenherde wie Detroit und Los Angels abhĂ€ngen, steht außer Frage. Ohne es eigentlich beabsichtigt zu haben, haben wir buchstĂ€blich die Energiekrise gelöst, sowie die Umweltkrise und verschiedene andere unauflösliche soziale Probleme.

Schließlich mĂŒssen wir uns der bei weitem grĂ¶ĂŸten TĂ€tigkeit entledigen, der mit den meisten Stunden, der niedrigsten Bezahlung und einigen der nervtötendsten Aufgaben, die es gibt. Ich beziehe mich auf Hausfrauen, die Hausarbeit verrichten und Kinder aufziehen. Durch die Abschaffung von Lohnarbeit und der Erzielung vollstĂ€ndiger Arbeitslosigkeit untergraben wir die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung. Die Kernfamilie, wie wir sie kennen, ist eine unvermeidbare Adaption der Arbeitsteilung, die von moderner Lohnarbeit auferlegt wird. Das mag dir gefallen oder nicht, aber wie sich die Dinge im letzten oder den letzten beiden Jahrhunderten entwickelt haben, ist es ökonomisch sinnvoll, dass der Mann den Speck nach Hause bringt und die Frau die Scheißarbeit erledigt, um ihm einen Himmel in einer herzlosen Welt zu bieten und die Kinder in die Jugendkonzentrationslager namens “Schulen” abgeschoben werden, vor allem um sie der Mutter vom Leib, aber trotzdem unter Kontrolle zu behalten, aber nebenbei auch um die Angewohnheiten des Gehorsams und der PĂŒnktlichkeit zu erlangen, die fĂŒr Arbeiter*innen so wichtig sind. Wenn du dich des Patriarchats entledigen willst, musst du die Kernfamilie loswerden, deren unbezahlten “Schattenarbeit”, wie Ivan Ilich sagt, das Arbeitssystem möglich macht, das sie erfordert. Mit dieser Kein-Kern-Strategie ist die Abschaffung der Kindheit und das Schließen der Schulen verbunden. Es gibt in diesem Land mehr VollzeitschĂŒler*innen als VollzeitarbeitskrĂ€fte. Wir benötigen Kinder als Lehrer*innen, nicht als SchĂŒler*innen. Sie haben eine Menge zu der spielerischen Revolution beizutragen, weil sie besser darin sind, zu spielen, als Erwachsene. Erwachsene und Kinder sind nicht identisch, aber sie werden durch gegenseitige AbhĂ€ngigkeit gleich werden. Nur das Spiel kann diesen Generationenkonflikt ĂŒberbrĂŒcken.

Ich habe bisher noch gar nicht von der Möglichkeit gesprochen, die wenige verbleibende Arbeit durch Automatisierung und Kybernetisierung erheblich zu reduzieren. All die Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen und Techniker*innen, die von der BeschĂ€ftigung mit Kriegsforschung und geplanter Überalterung befreit wurden, könnten ihre Zeit gut damit verbringen, sich Mittel zur Eliminierung von Erschöpfung, Überdruss und Gefahren solcher AktivitĂ€ten wie denen des Bergbaus auszudenken. Zweifellos werden sie andere Projekte finden, in denen sie sich amĂŒsieren können. Vielleicht schaffen sie ein weltweites, allumfassendes Multimedia-Kommunikationssystem oder grĂŒnden Weltraumkolonien. Vielleicht. Ich selbst bin kein Maschinenfreak. Ich habe kein Interesse daran in einem Knopfdruck-Paradies zu leben. Ich will keine Robotersklav*innen, die alles fĂŒr mich erledigen; ich will die Dinge selbst tun. Meiner Meinung nach gibt es einen Platz fĂŒr Technologie zur Einsparung von Arbeit, aber nur einen bescheidenen Platz. Die historische und prĂ€historische Aufzeichnung ist nicht gerade vielversprechend. Als sich die produktive Technologie vom Jagen/Sammeln ĂŒber die Landwirtschaft zur Industrie entwickelte, wuchs die Arbeit, wĂ€hrend FĂ€higkeiten und Selbstbestimmung schwanden. Die weitere Entwicklung des Industrialismus hat das hervorgehoben, was Harry Braverman die EntwĂŒrdigung der Arbeit genannt hat. Intelligente Beobachter*innen waren sich dessen immer bewusst. John Stuart Mill schrieb, dass all die Eingriffe zur Arbeitseinsparung, die jemals erdacht wurden, nicht einen Augenblick Arbeit einsparten. Karl Marx schrieb, dass es möglich wĂ€re „Geschichte ĂŒber all die Erfindungen seit 1830 zu schreiben, die einzig zu dem Zweck gemacht wurden, das Kapital mit Waffen zur Niederschlagung der Arbeiterklasse zu versorgen.” Die enthusiastischen Technophilen – der Compte von Saint-Simon, Lenin, B. F. Skinner – waren auch immer unverschĂ€mte AutoritĂ€re; was so viel heißt wie Technokraten. Wir sollten den Versprechungen der Computer-Mystiker*innen mehr als nur skeptisch gegenĂŒberstehen. Sie arbeiten wie Hunde; da stehen die Chancen nicht schlecht, dass, wenn sie sich durchsetzen, der Rest von uns das ebenfalls tut. Aber wenn sie irgendwelche detaillierten BeitrĂ€ge haben, die den menschlichen Zwecken bereitwilliger dienen, als der Weg von High-Tech, dann lasst uns ihnen zuhören.

Was ich wirklich sehen möchte, ist Arbeit, die in Spiel verwandelt wurde. Ein erster Schritt wĂ€re es, die Vorstellung eines “Jobs” und einer “BeschĂ€ftigung” zu verwerfen. Selbst AktivitĂ€ten, die bereits einen gewissen spielerischen Gehalt haben, verlieren diesen, wenn sie zu Jobs reduziert werden, die zu erledigen bestimmte Menschen und nur diese Menschen gezwungen werden, unter Ausschluss aller anderen. Ist es nicht seltsam, dass Feldarbeiter*innen schmerzhaft auf den Feldern schuften, wĂ€hrend ihre klimatisierten Herr*innen jedes Wochenende nach Hause gehen und in ihren GĂ€rten herumwerkeln? Unter einem System der permanenten Lustbarkeit werden wir Zeug*innen eines Goldenen Zeitalters der Dilettant*innen werden, das selbst die Renaissance in den Schatten stellen wird. Es wird keine Jobs mehr geben, sondern nur Dinge, die getan werden mĂŒssen und Menschen, die sie tun.

Das Geheimnis, Arbeit in Spiel zu verwandeln, liegt wie Charles Fourier gezeigt hat, darin, nĂŒtzliche AktivitĂ€ten so zu arrangieren, dass ein Vorteil aus dem gezogen werden kann, was verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten zu tun genießen. Um es fĂŒr einige Menschen möglich zu machen, die Dinge zu tun, die sie genießen können, genĂŒgt es bereits, die IrrationalitĂ€ten und Verzerrungen, die diese AktivitĂ€ten belasten, wenn sie auf Arbeit reduziert werden, auszumerzen. Ich zum Beispiel wĂŒrde es genießen ein bisschen (nicht allzu viel) zu unterrichten, aber ich möchte keine gezwungenen SchĂŒler*innen und ich lege keinen Wert darauf, mich bei armseligen Pedant*innen fĂŒr eine Anstellung einzuschleimen.

Zweitens gibt es einige Dinge, die Menschen von Zeit zu Zeit gerne machen, aber nicht zu lange und ganz bestimmt nicht die ganze Zeit. Du magst es genießen fĂŒr einige Stunden zu babysitten, um mit Kindern zusammen zu sein, aber nicht so viel, wie ihre Eltern das tun. Unterdessen mögen die Eltern die Zeit, die du damit fĂŒr sie selbst frei machst, zutiefst schĂ€tzen, auch wenn sie quengelig werden, wenn sie allzu lange von ihrem Nachwuchs getrennt sind. Diese Unterschiede unter Individuen sind das, was ein Leben des freien Spielens möglich macht. Das gleiche Prinzip lĂ€sst sich auf viele andere TĂ€tigkeitsbereiche anwenden, ganz besonders auf die primĂ€ren. Obwohl viele Menschen es genießen zu kochen, wenn sie das wirklich in ihrer Freizeit tun können, gefĂ€llt ihnen das nicht, wenn sie damit nur menschliche Körper fĂŒr die Arbeit auftanken.

Drittens – wenn alles andere beim Gleichen bleibt – können einige Dinge, die, wenn du sie fĂŒr dich tust, oder in einer unerfreulichen Umgebung oder auf Befehl eines Vorgesetzten, unzufriedenstellend sind, zumindest fĂŒr eine Zeit lang angenehm sein, wenn dessen UmstĂ€nde verĂ€ndert werden. Das gilt gewissermaßen fĂŒr alle Arbeiten. Menschen wenden ihren andernfalls verschwendeten Einfallsreichtum auf, um so gut es eben geht, ein Spiel aus den am wenigsten einladenden Schind-Jobs zu machen. AktivitĂ€ten, die einen Reiz auf manche Menschen ausĂŒben, ĂŒben nicht immer einen Reiz auf alle anderen aus, aber jede*r hat schließlich zumindest potenziell eine Vielfalt an Interessen und ein Interesse an Abwechslung. “Alles einmal ausprobieren”, wie man sagt. Fourier war Meister darin, zu spekulieren, wie abnormale und perverse Neigungen in einer post-zivilisierten Gesellschaft Verwendung finden könnten, was er Hamonie nannte. Er war der Ansicht, dass der Kaiser Nero ganz umgĂ€nglich geworden wĂ€re, wenn er seinem Geschmack fĂŒrs Blutvergießen als Kind bei der Arbeit in einem Schlachthaus nachgegeben hĂ€tte. Kleine Kinder, die es bekanntermaßen genießen, sich im Dreck zu suhlen, könnten in “kleinen Scharen” organisiert werden, um Toiletten zu sĂ€ubern und den MĂŒll zu leeren, mit Medaillien, die an diejenigen verliehen werden, die sich besonders verdient gemacht haben. Ich argumentiere nicht fĂŒr genau diese Beispiele, aber fĂŒr das zugrundeliegende Prinzip, das, wie ich denke, absolut Sinn als eine Dimension einer insgesamt revolutionĂ€ren Transformation macht. Man behalte im Hinterkopf, dass wir nicht einfach die Arbeit, wie wir sie heute vorfinden, nehmen und sie den Menschen, die dafĂŒr geeignet sind, zuordnen, von denen dann tatsĂ€chlich einige pervers sein mĂŒssten. Wenn die Technologie bei all dem eine Rolle spielt, dann weniger die, Arbeit wegzuautomatisieren, als vielmehr die, neue Gefilde der Wieder-/Erschaffung zu eröffnen. Zu einem gewissen Grad mögen wir zur Handarbeit zurĂŒckkehren wollen, wie William Morris als wahrscheinliches und wĂŒnschenswertes Ergebnis einer kommunistischen Revolution betrachtete. Die Kunst wĂŒrde von den Snobs und Sammler*innen zurĂŒckgenommen werden, als ein spezialisiertes Fach-Catering eines elitĂ€ren Publikums abgeschafft und in ihren QualitĂ€ten der Schönheit und Schöpfung wiederhergestellt werden, hin zu dem ganzheitlichen Leben, das ihr von der Arbeit gestohlen wurde. Es ist ein ernĂŒchternder Gedanke, dass die griechischen GefĂ€ĂŸe, ĂŒber die wir Gedichte schreiben und die wir in Museen ausstellen, in ihrer Zeit genutzt wurden, um Olivenöl aufzubewahren. Ich bezweifle, dass mit unseren heutigen Artefakten in der Zukunft ebenso verfahren werden wird, wenn es ĂŒberhaupt eine gibt. Der Punkt ist, dass es in der Welt der Arbeit so etwas wie Fortschritt nicht gibt, wenn ĂŒberhaupt, dann nur das Gegenteil. Wir sollten nicht zögern, der Vergangenheit zu stehlen, was sie zu bieten hat, die Menschen der Antike verlieren dabei ja nichts und wir werden bereichert.

Die Neuerfindung des alltĂ€glichen Lebens bedeutet, die Grenzen unserer Karten zu ĂŒberschreiten. DarĂŒber gibt es, das ist wahr, mehr bildmĂ€chtige Spekulationen, als gemeinhin angenommen wird. Neben Fourier und Morris – und hier und da ein Hinweis selbst bei Marx – gibt es die Schriften von Kropotkin, der Syndikalisten Pataud und Pouget, der alten (Berkman) und neuen (Bookchin) Anarchokommunisten. Die Communitas der Goodman BrĂŒder ist beispielhaft dafĂŒr, zu zeigen, welche Formen aus bestimmten Funktionen (Zwecken) resultieren, und wenn man erst einmal ihre Nebelmaschinen abklemmt, lĂ€sst sich manches aus den Schriften der oft schwammigen VerkĂŒnder*innen der alternativen/angemessenen/vermittelnden/geselligen Technologie wie Schumacher und besonders Illich ziehen. Die Situationist*innen – beispielsweise vertreten durch Vaneigems Revolution des Alltags und in der Anthologie der Situationistischen Internationale – sind so schonungslos verspielt, dass sie anregend sind, selbst wenn sie niemals die Herrschaft der Arbeiter*innenrĂ€te durch die Abschaffung der Arbeit ersetzt haben. Aber lieber ihre Ungereimtheiten als irgendeine erhaltene linke Spielart, deren AnhĂ€nger*innen danach streben, die letzten Verteidiger*innen der Arbeit zu sein, da es, wenn es keine Arbeit gĂ€be, auch keine Arbeiter*innen gĂ€be und sie ohne die Arbeiter*innen niemanden hĂ€tten, den sie organisieren könnte.

So stehen die Arbeits-Abolitionist*innen recht alleine da. Niemand kann sagen, was aus der Entfesselung der kreativen Kraft, die in der Arbeit gebunden ist, entstehen könnte. Der ermĂŒdende Debattierzirkel-Streit der Freiheit gegen die Notwendigkeit mit seinem theologischen Unterton löst sich selbst in der Praxis, wenn die Produktion von Gebrauchswerten deckungsgleich mit dem Genuss erfreulicher Spiel-AktivitĂ€t ist.

Das Leben wird zu einem Spiel oder vielmehr vielen Spielen, aber nicht – wie es das heute ist – zu einem Nullsummenspiel. Eine ideale sexuelle Begegnung ist das Paradigma des produktiven Spielens. Die Beteiligten potenzieren gegenseitig ihre Lust, keine*r zĂ€hlt die Punkte und jede*r gewinnt. Je mehr du gibst, desto mehr bekommst du. Im spielerischen Leben wird sich das Beste am Sex auf den Großteil des tĂ€glichen Lebens ausdehnen. Allgemeines Spiel fĂŒhrt zu der Libidinisierung des Lebens. Umgekehrt kann Sex dadurch weniger vorrangig und verzweiflungsvoller und dafĂŒr spielerischer werden. Wenn wir es richtig anstellen, können wir alle mehr vom Leben bekommen als wir hineinstecken. Aber nur wenn wir ernsthaft spielen.

Keine*r sollte jemals arbeiten. Arbeiter dieser Welt
 entspannt euch!

Kurze Nachbemerkung der Herausgeber*innen

Auf den ersten Blick mag man sich fragen, warum sich dieser Text in einer Sammlung antizivilisatorischer Texte wiederfindet, denn wenngleich es sicherlich explizit antizivilisatorische Argumente in “Die Abschaffung der Arbeit” gibt, brechen andere Argumente wiederum nicht mit der Logik der Zivilisation und die letztliche Perspektive der beinahe institutionalisierten Verwandlung von Arbeit in Spiel erscheint sogar spezifisch zivilisatorisch zu sein, da sie einen gesamtgesellschaftlichen Blickwinkel einnimmt, aus dem heraus Arbeit demnach als Spiel zu organisieren wĂ€re.

Auf einer Metaebene jedoch scheint der Text trotz seines schon im Titel (“Abschaffung”) angelegten, transformativen Einschlags (auch) eine antizivilisatorische Perspektive zu entwickeln. Er begreift Arbeit als ein fundamentales Organisationsprinzip der Gesellschaft, das zugunsten einer TĂ€tigkeit, die als Spiel, also sozusagen vielleicht als ein Teil des Lebens, begriffen wird, aufgehoben werden mĂŒsse. Diese Aufhebung geht dabei mehr oder weniger mit einer grundlegenden ZerrĂŒttung der den Erfordernissen der Arbeit unterworfenen gesellschaftlichen Strukturen (inklusive der Kernfamilie und des Patriarchats, was uns so ein wenig optimistisch erscheint) einher. Was am Ende ĂŒbrig bleibt, sind diejenigen TĂ€tigkeiten, die den BedĂŒrfnissen und SehnsĂŒchten der Menschen entsprechen, vor allem denen nach Nahrung, Obdach und Kleidung. Und indem diese als spielerische TĂ€tigkeiten neu definiert und erkundet werden sollen, wird selbst ihre Erscheiungsform als Arbeit verworfen. Soweit die Grundstruktur des Textes. Und soweit kann dieser unserer Auffassung nach auch als eine Entwicklung einer antizivilisatorischen Perspektive im Hinblick auf Arbeit verstanden werden, weil er eben danach strebt, die organisatorische Kontrolle durch Arbeit, die als ein Aspekt des Zivilisationsprozesses betrachtet werden kann, aufzuheben.

Diese Entwicklung einer in ihren Konsequenzen implizit antizivilisatorischen Perspektive ausgehend von einer Kritik der Arbeit empfinden wir im Kontext dieser Sammlung von Texten, in der ansonsten oft umgekehrt, von einer Kritik an Zivilisation ausgehend, Institutionen wie Arbeit als dem Zivilisationsprozess dienlich kritisiert werden, als eine interessante Abwechslung. Auch wenn uns zugleich der durch den Text unterbreitete Vorschlag einer – verallgemeinerten – “revolutionĂ€ren Transformation” der Arbeit im Gegensatz zu ihrer Zerstörung in der Tendenz ein gewisses Unbehagen bereitet, weil sich dabei nur allzu leicht Gedankenkonstrukte einschleichen, die eine – in ihrer Tendenz immer zivilisatorische – allgemeine Organisierung der Gesellschaft erforderlich machen.

[1] Was sich an dieser Stelle vielleicht zu bemerken lohnt, ist, dass all diese Philosophen der griechischen und römischen Antike zwar auf Arbeit verĂ€chtlich herabgeblickt haben mögen, dies aber aus der Position der herrschenden Klasse taten, die die anfallenden Arbeiten ihrer Gesellschaft, die ihnen ihren erheblichen Wohlstand garantierte, mehr oder weniger vollstĂ€ndig von einer gigantischen Klasse aus Sklav*innen verrichten ließen. Zumindest finde ich, das dies im Hinterkopf behalten werden sollte, wenn man diese Philosophen und ihre Verachtung fĂŒr die Arbeit fĂŒr sein Argument heranzieht. (Anm. d. Übers.)

[2] Das erscheint mir eine recht eigenwillige, reduktionistische Deutung zu sein, insbesondere da ein Großteil der in Fabriken arbeitenden Frauen jung und ledig gewesen sein soll. Frauen verdienten in den frĂŒhen Textilfabriken – ebenso wie in anderen Bereichen des ökonomischen Lebens, in denen sie ĂŒberhaupt angestellt wurden – erheblich weniger als MĂ€nner, was zumindest die Frage aufwirft, ob Frauen nicht hĂ€ufig einfach die billigere Arbeitskraft waren. Sicher lĂ€sst sich aufgrund einer patriarchalen AusprĂ€gung der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade auch argumentieren, dass Frauen mehr an Herrschaft gewöhnt gewesen sein mögen, ihnen jedoch soweit jegliches subversive Potenzial abzusprechen, dass man behaupten könnte, durch ihre Anstellung in Fabriken wĂ€ren die Blauen Montage beseitigt worden, erscheint mir doch ein wenig klischeebehaftet und reduktionistisch und lĂ€sst zudem die sozioökonomischen VerhĂ€ltnisse außen vor, die dazu fĂŒhrten, dass Frauen sich etwa auch mit erheblich schlechteren Löhnen als MĂ€nner zufrieden geben mussten. (Anm. d. Übers.)

[3] Auch wenn man sich ein wenig fragen mag, warum einer*m daran gelegen sein sollte, die Humanist*innen zu ĂŒberzeugen, aber das mag vielleicht als eine Eigenheit des Textes verstanden werden. (Anm. d. Übers.)

[4] Gemeint ist vermutlich die Periode der Diktatur von Pol Pot von 1975 bis 1979 und der darauf folgende BĂŒrgerkrieg, wĂ€hrend der rund jede*r sechste Kambodschaner*in starb. (Anm. d. Übers.)

[5] Times Beach war eine Stadt mit rund 2200 Einwohner*innen in Missouri, die in den 1980er Jahren vollstĂ€ndig evakuiert und abgerissen wurde, nachdem der Entsorgungsunternehmer Russell Bliss mit Dioxin verseuchte Altölreste der Herstellung von Agent Orange fĂŒr den Vietnam-Krieg jahrelang auf den Straßen von Times Beach versprĂŒht hatte (Dazu war er ĂŒbrigens von der Stadt beauftragt worden. Das BesprĂŒhen unbefestigter Wege mit Altöl war eine gĂ€ngige Praxis, um Staubbildung zu verhindern.). Three-Mile Island war ein Kernkraftwerk in Pennsylvania, in dem sich 1979 eine partielle Kernschmelze ereignete, bei der rund ein Drittel des Reaktorblocks zerstört wurde. Folgen waren zahlreiche TodesfĂ€lle in der nĂ€heren Umgebung des Reaktors, sowie eine um bis zu 150 Prozent erhöhte Krebsrate, wie eine Langzeitstudie ermittelte. (Anm. d. Übers.)

[6] Ich denke hier reproduziert sich bereits das, was den schĂ€dlichen Charakter der Technologie ausmacht, nĂ€mlich ihr bestimmender Charakter fĂŒr menschliche Beziehungen. Ich bin kein*e Verfechter*in davon, in “gute” und “schlechte” Technologien zu unterteilen, sondern sehe vielmehr die Geschichte der Technologie und der ihr zugrundeliegenden philosophisch-naturwissenschaftlichen Grundannahmen, wie sie uns heute erzĂ€hlt wird, als eine einzige KontinuitĂ€t sozialer Kontrollmechanismen. Und doch wird vielleicht in der Unterscheidung dessen, was hier als “Verbesserung des Bergbaus” (zumindest wenn man einmal ganz fest die Augen davor verschließt, was der Bergbau an sich fĂŒr technologisch-soziale Implikationen haben mag) auf der einen Seite und der Etablierung eines “globalen Multimedia-Kommunikationssystems”, einer “Weltraumkolonisierung” und der Etablierung eines “Knopfdruck-Paradieses” auf der anderen Seite deutlich, was das Problem ist. Im letzteren Fall wird die Technologie stets zu einer TotalitĂ€t, deren Erfordernissen die sie umgebende lebendige Welt untergeordnet werden muss. Ihr Anspruch ist es nicht, eine Verbesserung zu erdenken, die mir vielleicht mein Leben leichter macht, sondern vielmehr ordnet sie die Welt neu gemĂ€ĂŸ ihres Paradigmas, stellt – um vielleicht einmal das sinnvollste der drei Beispiele aufzugreifen – beispielsweise ĂŒberall Funkmasten auf, verlegt hunderttausende Kilometer von Glasfaserleitungen, schießt Satelliten ins All, usw., usw., nur damit ich dann eine völlig abgeflachte Form der Kommunikation mit jeder beliebigen anderen Person am anderen Ende des Planeten eingehen könnte. Leichter macht dies mein Leben nicht, weil ich ja auch gar nicht wĂŒsste, was mir dies nun brĂ€chte, dafĂŒr – um mal nur beim Menschen zu bleiben – macht sie den hunderttausenden Menschen die die Infrastruktur verlegen und warten mĂŒssen, allerlei MĂŒhe. Aber nicht nur ihnen. Diese wiederum bedĂŒrfen gigantischer Mengen an Rohstoffen – wo ĂŒbrigens der Bergbau wieder ins Spiel kommt –, die wiederum von hunderttausenden von Menschen gewonnen und transportiert werden mĂŒssen, usw. Und am Ende hat sich diese Technologie schon damit den eigenen Bedarf geschaffen, weil nun plötzlich eine globale Abstimmung derjenigen, die die Infrastruktur in Europa planen, mit denjenigen, die in Latein- und SĂŒdamerika das erfoderliche Lithium gewinnen und denen, die dieses wiederum ĂŒber den Ozean transportieren werden, erforderlich wird. Praktisch, oder? Und schon haben wir wieder einen gigantischen Apparat, der neue Arbeiten schafft, um auf das Thema dieses Textes zurĂŒckzukommen. (Anm. d. Übers.)




Quelle: Anarchistischebibliothek.org