Oktober 16, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Erstmals erschienen in der amerikanischen Zeitschrift „Politics“ MĂ€rz 1947. Übersetzung von Jörg-Anselm Asseyer, erschienen in Willy Huhn „Trotzki der gescheiterte Stalin“, Karin Kramer Verlag, Berlin (1973). Wurde zum 80. Jahrestag von dem Kronstadt-Aufstand (1921) anonym wiederveröffentlicht (2001).

Inhalt:
1. Bolschewismus und Stalinismus
2. Konkurrenten um die Macht
3. Die Bolschewisten und die SpontanitÀt der Massen
4. Die Partei-“maschinerie“
5. Trotzki, ein Apoleget des Stalinismus
6. Das Resultat: Staatskapitalismus

Bolschewismus und Stalinismus, Paul Mattick 1947

Der angebliche Zweck der Stalin-Biographie Trotzkis1 besteht darin, zu zeigen, „wie eine Persönlichkeit dieser Art sich herausbildete und wie sie durch widerrechtliche Aneignung zu einer solchen Ausnahmestellung gelangte“. Der wahre Zweck des Buches ist jedoch, zu zeigen, warum Trotzki die Machtstellung, die er zeitweilig innehatte, verlor und warum er -Trotzki – eher als Stalin Lenins Nachfolger hĂ€tte sein sollen. Vor Lenins Tod hieß es gewöhnlich: „Lenin und Trotzki“; Stalins Name hatte ohne Ausnahme nahe oder vollkommen am Ende der Liste der fĂŒhrenden Bolschewiki gestanden. Bei einer Gelegenheit hatte Lenin sogar vorgeschlagen, seine eigene Unterschrift hinter die Trotzkis zu setzen. Kurzum, das Buch hilft erklĂ€ren, warum Trotzki der Ansicht war, „dass er der natĂŒrliche Nachfolger Lenins sei“, und das Buch ist in der Tat eine Biographie von beiden, von Stalin und auch von Trotzki.

Alle AnfĂ€nge sind natĂŒrlich klein, und der Bolschewismus Lenins und Trotzkis unterscheidet sich vom heutigen ebenso, wie Hitlers brauner Terror vor 1933 von dem Nationalsozialismus des 2. Weltkrieges verschieden waren. Das es im „Arsenal“ des Stalinismus nichts gibt, was nicht auch in dem Lenins und Trotzkis gefunden werden könnte, das wird durch die frĂŒhen Schriften Trotzkis selbst bezeugt. So stellt Trotzki – wie Stalin – Zwangsarbeit als ein „sozialistisches Prinzip“ vor. Ebenso war auch er davon ĂŒberzeugt, dass kein ernsthafter Sozialist dem Arbeiterstaat das Recht streitig machen wĂŒrde, seine Hand an den Arbeiter zu legen, der sich weigere, seine Arbeitskraft zur VerfĂŒgung zu stellen. Es war Trotzki, der sich beeilte, den „sozialistischen Charakter“ der Ungleichheit zu betonen, da – wie er sagte „diejenigen Arbeiter, die mehr fĂŒr das Allgemeininteresse als andere tĂ€ten, dadurch das Recht auf einen grĂ¶ĂŸeren Anteil am Sozialprodukt erhielten als die Faulen, die NachlĂ€ssigen und die Saboteure“. Er – Trotzki – war der Überzeugung, dass alles getan werden mĂŒsse, „um die Entwicklung der RivalitĂ€t in der SphĂ€re der Produktion zu unterstĂŒtzen.“ Selbstredend war dies alles als das „sozialistische Prinzip“ der „Übergangsperiode“ gedacht. Es werde durch objektive Schwierigkeiten auf dem Wege der vollstĂ€ndigen Sozialisierung erzwungen. Es sei nicht das Verlangen, sondern die Notwendigkeit da, die Parteidiktatur zu verstĂ€rken, bis sie zur Abschaffung selbst solcher Handlungsfreiheiten fĂŒhrte, die in der einen oder anderen Form durch den bĂŒrgerlichen Staat gewĂ€hrt sind. Jedoch auch Stalin kann die „Notwendigkeit“ als Entschuldigung anfĂŒhren.

Um andere Argumente gegen den Stalinismus als seine persönliche Antipathie gegen einen Konkurrenten in parteiinternen KĂ€mpfen zu finden, war Trotzki gezwungen, politische Differenzen zwischen sich selbst und Stalin, sowie zwischen Stalin und Lenin zu entdecken, um seine Behauptung stĂŒtzen zu können, dass die Dinge ohne Stalin in Russland und sonst wo anders gelaufen wĂ€ren.

Es konnte gar keine „theoretischen“ Differenzen zwischen Lenin und Stalin geben, da das einzige theoretische Werk, das den Namen des letzteren trĂ€gt, von Lenin inspiriert und unter dessen direkter Kontrolle entstanden war. Und wenn Stalins „Naturell“ die zentralisierte Parteimaschine „erheischte“, so war es doch Lenin, der den perfekten Apparat fĂŒr ihn konstruierte, so dass auch in dieser Hinsicht keine Unterschiede aufkommen konnten. In der Tat war Stalin, solange Lenin aktiv war, kein Hindernis fĂŒr letzteren, wie unbequem auch immer er fĂŒr die „Nummer zwei der Bolschewiki“ gewesen sein mag.

Dennoch muss ein Unterschied zwischen Leninismus und Stalinismus bestehen, um Trotzkis sogenannten „Sowjetischen Thermidor“2 zu erklĂ€ren; vorausgesetzt natĂŒrlich, dass es einen solchen Thermidor ĂŒberhaupt gegeben hat. Zu diesen Punkt hat Trotzki vier verschiedene Versionen darĂŒber geliefert, wann er – der Thermidor – stattgefunden haben soll; aber in seiner Stalin-Biographie umgeht er die Frage des Zeitpunktes zugunsten der simplen Feststellung, dass dieses Problem etwas mit den „wachsenden Privilegien fĂŒr die BĂŒrokratie“ zu tun habe. Das bringt uns jedoch nur zur frĂŒhen Periode der bolschewistischen Diktatur zurĂŒck, welche Lenin und Trotzki gleichermaßen damit beschĂ€ftigt fand, die StaatsbĂŒrokratie zu schaffen und ihre Effizienz durch Vermehrung ihrer Privilegien zu erhöhen.

Konkurrenten um die Macht

Die Tatsache, dass der unerbittliche Machtkampf erst nach Lenins Tod ans Licht der Öffentlichkeit gelangte, lĂ€sst etwas anderes vermuten als den sowjetischen Thermidor. Sie zeigt klar an, dass zu dieser Zeit der bolschewistische Staat stark genug oder in einer solchen Position war, dass er bis zu einem gewissen Grad sowohl den russischen Massen als auch der internationalen Bourgeoisie Nichtbeachtung schenken konnten. Die aufsteigende BĂŒrokratie begann, sich sicher zu fĂŒhlen, dass Russland ganz und gar ihr gehöre; der Kampf um die „Rosinen“ der Revolution trat in seine allgemeinere und ernstere Phase.

Alle Gegner in diesem Kampf betonten die Notwendigkeit der Diktatur angesichts der ungelösten WidersprĂŒche zwischen „Arbeitern“ und „Bauern“, der ökonomischen und technologischen RĂŒckstĂ€ndigkeit des Landes im ganzen und der fortwĂ€hrenden Gefahr des Angriffs von außen. Aber im Rahmen dieser Errichtung der Diktatur konnten alle möglichen Argumente vorgebracht werden. Der Machtkampf der sich entfaltenden herrschenden Klasse drĂŒckte sich in politischen Programmen aus: fĂŒr oder gegen die Interessen der Bauern, fĂŒr oder gegen die BeschrĂ€nkung der BetriebsrĂ€te, fĂŒr oder gegen eine offensivere Politik auf internationaler Ebene. Hochtrabende Theorien wurden aufgestellt mit der RĂŒcksicht auf das Wohlwollen der Bauernschaft, die Beziehung zwischen BĂŒrokratie und Revolution, die Frage der Rolle der Partei, und sie erreichte ihren Höhepunkt in der Trotzki-Stalin-Kontroverse ĂŒber die „permanente Revolution“ und in der Theorie des „Sozialismus in einem Land“.

Es ist sehr gut möglich, dass die Streitenden an ihre eigenen Phrasen geglaubt haben; jedoch handelten sie alle – trotz ihrer theoretischen Differenzierungen – gleich, wenn sie es mit einer realen Situation zu tun hatten. Um ihren eigenen BedĂŒrfnissen nachzukommen, drĂŒckten sie natĂŒrlich dieselben Sachverhalte mit verschiedenen Begriffen aus. Wenn Trotzki zur Front eilt – zu allen Fronten -, verteidigt er nur das Vaterland. Stalin dagegen wird zur Front „hingezogen, weil er hier zum ersten Male mit der vollendetsten Verwaltungsmaschinerie, der MilitĂ€rmaschinerie arbeiten konnte“, fĂŒr die Trotzki ansonsten – das sei nebenbei gesagt – alle Ehre beansprucht. Wenn Trotzki fĂŒr Disziplin plĂ€diert, dann zeigt er seine „harte Hand“; wenn Stalin dasselbe tut, handelt er plump. Wenn die blutige UnterdrĂŒckung der Rebellion von Kronstadt eine „tragische Notwendigkeit“ war, ist Stalins Niederschlagung der georgischen UnabhĂ€ngigkeitsbewegung gleichzusetzen mit der Art eines „großrussischen Russifizierers, der rĂŒcksichtslos ĂŒber die Rechte seines eigenen Volkes als Nation hinweggeht“. Und umgekehrt: von Trotzki gemachte VorschlĂ€ge wurden von Stalins ParteigĂ€ngern falsch und konterrevolutionĂ€r genannt; wenn sie jedoch unter Stalins Schirmherrschaft ausgefĂŒhrt wurden, zĂ€hlten sie bald als zusĂ€tzlicher Beweis der Weisheit des großen FĂŒhrers.

Um den Bolschewismus und in einem engeren Sinne den Stalinismus verstehen zu können, reicht es nicht aus, die kĂŒnstlichen und oftmals dĂŒmmlichen Kontroversen zwischen Stalinisten und Trotzkisten zu verfolgen. Im Grunde umfasst die russische Revolution mehr als nur die bolschewistische Partei. Sie – die russische Revolution – wurde sogar nicht einmal von organisierten politischen Gruppen initiiert, sondern sie entstand durch spontane Massenreaktionen auf den Niedergang eines schon unsicheren ökonomischen Systems angesichts der militĂ€rischen Niederlage. Die Februar-AufstĂ€nde begannen mit der Hungerrevolten auf den MarktplĂ€tzen, Proteststreiks in den Fabriken und den spontanen SolidaritĂ€tserklĂ€rungen mit den Meuterern unter den Soldaten. Aber alle spontanen Bewegungen in der modernen Geschichte wurden begleitet von organisierten KrĂ€ften. Sobald der Zusammenbruch des Zarismus drohte, betraten Organisationen die Szene mit Parolen und bestimmten politischen Zielen.

Wenn Lenin vor der Revolution Organisation stĂ€rker als SpontaneitĂ€t betont hatte, so lag das an den rĂŒckstĂ€ndigen Bedingungen in Russland, welche spontanen Bewegungen einen rĂŒckstĂ€ndigen Charakter verliehen. Selbst die politisch fortgeschrittenen Gruppen boten nur beschrĂ€nkte Programme an. Die Industriearbeiter verlangten nach kapitalistischen Reformen Ă€hnlich denen, derer sich die Arbeiter in den kapitalistisch entwickelten LĂ€ndern erfreuten. Die Kleinbourgeoisie und wichtige Schichten der Kapitalistenklasse wollten eine westliche bĂŒrgerliche Demokratie. Die Bauern forderten Land in einer kapitalistischen Landwirtschaft. Obwohl fortschrittlich fĂŒr Russland, waren diese Forderungen doch die Essenz der bĂŒrgerlichen Revolution.

Die neue liberale Februar-Regierung versuchte, den Krieg fortzusetzen. Aber es waren gerade die Bedingungen des Krieges, wogegen die Massen rebellierten. Alle Reformversprechen innerhalb des fĂŒr Russland gegebenen Rahmens dieser Zeit und innerhalb der imperialistischen Machtbeziehungen mussten leere Phrasen bleiben; es gab keine Möglichkeit, die spontanen Bewegungen in die von der Regierung gewĂŒnschten KanĂ€le zu lenken. In einem neuen Aufstand kamen die Bolschewisten zur Macht, nicht auf dem Wege einer „zweiten Revolution“, sondern durch einen erzwungenen Regierungswechsel. Diese Machtergreifung wurde erleichtert durch das mangelnde Interesse, das die aufrĂŒhrerischen Massen an der bestehenden Regierung zeigten. Der Oktober-Coup war, wie Lenin sagte, „leichter, als eine Feder aufzuheben“. Der endgĂŒltige Sieg wurde „praktisch durch Unterlassung erreicht. Nicht ein einziges Regiment schickte sich an, die russische Demokratie zu verteidigen. 
 Der Kampf um die höchste Gewalt ĂŒber ein Reich, das ein Sechstel der Erde umfasste, wurde zwischen erstaunlich kleinen KrĂ€ften auf beiden Seiten, in der Provinz ebenso wie in den beiden HauptstĂ€dten, entschieden“.

Die Bolschewiki versuchten nicht, die alten Bedingungen wiederherzustellen, um sie zu reformieren, sondern erklĂ€rten selbst ihre Zustimmung zu den konkreten Ergebnissen der der Vorstellung nach rĂŒckstĂ€ndigen spontanen Bewegungen: der Beendigung des Krieges, der Arbeiterkontrolle ĂŒber die Industrie, der Enteignung der herrschenden Klassen und der Aufteileilung des Landes. Und so blieben sie an der Macht.

Die vorrevolutionĂ€ren Forderungen der russischen Massen waren zurĂŒckgeblieben aus zwei GrĂŒnden: sie waren in den meisten kapitalistischen Nationen lange verwirklicht, und sie konnten nicht mehr verwirklicht werden angesichts der bestehenden Weltlage. Zu einer Zeit, wo der Konzentrations- und Zentralisationsprozeß des Weltkapitalismus den Niedergang der bĂŒrgerlichen Demokratie fast ĂŒberall zuwege gebracht hat, war es nicht mehr möglich, sie neu in Russland zu installieren. Wenn die laizzefaire-Demokratie nicht mehr zur Diskussion stand, dann ebenso alle Reformen innerhalb der Kapital-Arbeit-Beziehungen, gewöhnlich bezeichnet mit Sozialgesetzgebung und Trade-Unionismus. Die kapitalistische Landwirtschaft war ebenfalls ĂŒber das Aufbrechen der feudalen Grundlagen und die Produktion fĂŒr den kapitalistischen Markt hinaus zur Industrialisierung der Landwirtschaft und ihrer konsequenten Einbeziehung in den Konzentrationsprozess des Kapitals vorangeschritten.

Die Bolschewisten und die SpontanitÀt der Massen

Die Bolschewiki beanspruchen keine Alleinverantwortung fĂŒr die Revolution. Sie schenkten der Tatsache der spontanen Bewegung volle Beachtung. Selbstredend unterstrichen sie dabei die klare Tatsache, dass Russlands vorherige Geschichte, welche die bolschewistische Partei einschloss, den unorganisierten Massen eine Art unbestimmte revolutionĂ€ren Bewusstseins verliehen hatte, und sie hielten nicht mit der Behauptung zurĂŒck, dass ohne ihre FĂŒhrung der Lauf der Revolution anders ausgesehen und höchstwahrscheinlich zur Konterrevolution gefĂŒhrt hĂ€tte. „Wenn die Bolschewiki nicht die Macht ergriffen hĂ€tten“, schreibt Trotzki, „hĂ€tte die Welt eine russische Bezeichnung fĂŒr „Faschismus“ vor dem Marsch auf Rom gehabt.“

Aber die konterrevolutionĂ€ren Versuche der traditionellen KrĂ€fte schlugen nicht wegen irgendeiner bewussten Lenkung der spontanen Bewegungen fehl, nicht wegen Lenins „scharfen Auge, das die Situation richtig ĂŒberblickte“, sondern wegen der Tatsache , dass diese Bewegungen nicht von ihrer eigenen Zielrichtung abgebracht werden konnten. Wenn man den Begriff ĂŒberhaupt gebrauchen will, dann war die mögliche Konterrevolution im Russland von 1917 jenes in der Revolution selbst Angelegte, d. h. in der Möglichkeit, die die Revolution den Bolschewiki bot, eine zentralgelenkte gesellschaftliche Ordnung zur Fortsetzung der kapitalistischen Scheidung der Arbeiter von den Produktionsmitteln und zur Wiederherstellung Russlands als einer imperialistischen Konkurrenzmacht zu schaffen.

WĂ€hrend der Revolution fielen die Interessen der rebellierenden Massen und die der Bolschewiki bis zu einem bemerkenswerten Grad zusammen. Neben dieser temporĂ€ren InteressenidentitĂ€t bestand ebenso eine tiefe Übereinstimmung zwischen den Sozialisierungskonzepten der Bolschewiki und den Konsequenzen der spontanen Bewegungen. Zu „rĂŒckschrittlichen“ fĂŒr den Sozialismus, aber ebenso zu weit vorangeschritten fĂŒr den liberalen Kapitalismus, konnte die Revolution nur in der folgerichtigen Form des Kapitalismus enden, die die Bolschewiki als Vorbedingung des Sozialismus ansahen, namentlich im Staatskapitalismus.

Indem sie sich mit den spontanen Bewegungen, die sie nicht kontrollieren konnten, identifizierten, gewannen die Bolschewiki Kontrolle ĂŒber diese Bewegungen, sobald sie sich selbst in der Realisation ihrer unmittelbaren Ziele erschöpft hatten. Es gab viele solcher Ziele, die in verschiedenen Gegenden verschieden erreicht worden waren. Verschiedene Schichten der Bauernschaft befriedigten verschiedene Nöte und WĂŒnsche oder sie fehlten darin, sie zu befriedigen. Ihre Interessen hatten jedoch keine wirkliche Verbindung mit denen des Proletariats. Die Arbeiterklasse selbst war in verschiedene Gruppen mit einer Mannigfaltigkeit der spezifischen Nöte und der allgemeinen Vorstellungen gespalten. Die Kleinbourgeoisie hatte wieder andere Probleme zu lösen. Kurz, es gab eine spontane Einheit gegen die Bedingungen des Zarismus und des Krieges, aber es gab keine Einheitlichkeit in den unmittelbaren Zielen und der zukĂŒnftigen Politik. Es war nicht allzu schwer fĂŒr die Bolschewiki, diese soziale Trennung dafĂŒr auszunutzen, ihre eigene Macht aufzubauen, die schließlich stĂ€rker als die gesamte Macht der Gesellschaft wurde, weil sie niemals mit der Gesellschaft als Ganzes konfrontiert wurde.

Wie die anderen Gruppen, die sich in der Revolution behaupteten, preschten auch die Bolschewiki vorwĂ€rts, um ihr bestimmtes Ziel zu erreichen: die Kontrolle der Regierung. Dieses Ziel war weitreichender als das, das die anderen anvisierten. Es implizierte einen nimmerendenden Kampf, ein stĂ€ndiges Gewinnen und Wiedergewinnen von Machtpositionen. Die Bauerngruppen beruhigten sich nach der Aufteilung des Landes, die Arbeiter kehrten als Lohnarbeiter in die Fabriken zurĂŒck, die Soldaten kehrten zum Leben als Bauer oder Arbeiter zurĂŒck, da sie nicht fĂŒr ewig im Land umherziehen konnten, aber fĂŒr die Bolschewiki begann der Kampf erst wirklich mit dem Erfolg der Revolution. Wie alle Regierungen schließt auch die der Bolschewiki die Unterwerfung aller sozialen Schichten unter ihre AutoritĂ€t ein. Indem langsam alle Macht und die Kontrolle in ihren HĂ€nden zentralisierten, waren die Bolschewiki bald in der Lage, die Politik zu bestimmen. Ein weiteres Mal wurde Russland vollstĂ€ndig nach den Interessen einer besonderen Klasse organisiert, der privilegierten Klasse, in dem entstehenden System des Staatskapitalismus.

Die Partei-“maschinerie“

All dies hat nichts mit Stalinismus und „Thermidor“ zu tun, sondern es reprĂ€sentiert die Politik Lenins und Trotzkis genau von dem Tage an, an dem sie an der Macht kamen. In dem Bericht zum 6. Kongress der RĂ€te 1918 beklagte sich Trotzki, dass „nicht alle Sowjet-Arbeiter verstanden hĂ€tten, dass unsere Regierung zentralisiert sei und dass alle von oben getroffenen Anordnungen endgĂŒltig sein mĂŒssten 
 Wir werden gnadenlos mit den Sowjet-Arbeitern sein, die noch nicht begriffen haben; wir werden sie entlassen, aus unseren Reihen entfernen und sie mit Repressionen anhalten.“ Trotzki erklĂ€rt jetzt, dass diese Worte auf Stalin gezielt waren, der seine AktivitĂ€ten im Krieg nicht richtig koordinierte, und wir sind geneigt, ihm zu glauben. Aber um wie viel mehr mĂŒssen sie an Alle gerichtet gewesen sein, die nicht einmal zur „zweiten Garnitur“ gehörten, sondern ĂŒberhaupt keinen Rang in der Sowjet-Hierarchie hatten! Wie Trotzki berichtet, gab es schon „eine scharfe Spaltung zwischen den in Bewegung befindlichen Klassen und den Interessen der Parteiapparate. Sogar die Kader der bolschewistischen Partei, die sich des Vorzugs einer außergewöhnlichen revolutionĂ€ren Übung erfreuten, waren schließlich geneigt die Massen zu missachten und ihre eigenen Sonderinteressen mit denen des Apparats zu identifizieren von dem Tage des Sturzes der Monarchie an.“

Trotzki hĂ€lt natĂŒrlich dagegen, dass die in dieser Situation implizierten Gefahren durch die Wachsamkeit Lenins und durch objektive Bedingungen abgewendet wurden, die die „Massen revolutionĂ€rer als die Partei und die Partei revolutionĂ€rer als den Apparat“ machen. Aber der Apparat wurde von Lenin eingefĂŒhrt. Sogar vor der Revolution funktionierte das Zentralkomitee der Partei, wie Trotzki ausfĂŒhrt, fast regelmĂ€ĂŸig und war vollstĂ€ndig in den HĂ€nden Lenins. Und um so mehr nach der Revolution. Im FrĂŒhling 1918 „erlitt das Ideal des ‚demokratischen Zentralismus‘ weitere Revisionen, da in der Tat die Macht in Regierung wie Partei in Lenins HĂ€nden lag und in denen des unmittelbaren Gefolges der bolschewistischen FĂŒhrer vereinigt wurde, die nicht offen eine andere Meinung vertraten und seine WĂŒnsche ausfĂŒhren“. Da die BĂŒrokratie dennoch Fortschritte machte, muss der Stalinistische Apparat das Ergebnis eines Versagens von seitens Lenins gewesen sein.

Zwischen dem Herrscher ĂŒber den Apparat und dem Apparat auf der einen Seite und dem Apparat und den Massen auf der anderen Seite zu unterscheiden, impliziert, dass nur die Massen und ihre SpitzenfĂŒhrer wirklich revolutionĂ€r waren und dass Lenin und die revolutionĂ€ren Massen spĂ€ter von Stalins Apparat verraten wurden, welcher sich sozusagen selbstĂ€ndig machte. Obwohl Trotzki solche Differenzierungen benötigt, um seine eigenen politischen Interessen zu rechtfertigen, haben diese keine tatsĂ€chliche[n] Grundlage[n]. Abgesehen von einigen gelegentlichen Bemerkungen gegen die Gefahren der BĂŒrokratisierung, welche fĂŒr die Bolschewiki das gleiche waren wie die gelegentlichen KreuzzĂŒge bĂŒrgerlicher Politiker fĂŒr einen ausgewogenen Staatshaushalt, hat sich Lenin bis zu seinem Tod niemals kritisch gegen den Parteiapparat und seine FĂŒhrung, also gegen sich selbst gewandt. Was fĂŒr eine Politik auch gemacht wurde, sie erhielt Lenins Segen, solange er an der Spitze des Apparates war; und er starb im Besitz dieser Position.

Lenins „demokratische“ Absichten sind legendĂ€r. NatĂŒrlich war der Staatskapitalismus unter Lenin verschieden von dem unter Stalin, weil die diktatorischen Vollmachten des letzteren grĂ¶ĂŸer waren – dank Lenins Versuch, sich seine eigene aufzubauen. Dass Lenins Rolle weniger terroristisch war als die Stalins, ist fragwĂŒrdig. Wie Stalin, reihte auch Lenin all seine Opfer unter die Bezeichnung „konterrevolutionĂ€r“ ein. Ohne die Statistiken ĂŒber die unter beiden Regimen Gefolterten und Getöteten zu vergleichen, wollen wir zugeben, dass das bolschewistische Regime unter Lenin und Trotzki nicht stark genug war, solche stalinistische Ausmaße anzunehmen wie Zwangskollektivierung und Arbeitslager als Grundlagen ökonomischer und politischer StaatsfĂŒhrung. Nicht Absicht, sondern SchwĂ€che zwangen Lenin und Trotzki zu der sogenannten „Neuen ökonomischen Politik“ (NÖP, Abk.), d. h. zu Konzessionen an die Interessen des Privateigentums und zu einem grĂ¶ĂŸeren Lippenbekenntnis zur Demokratie. Bolschewistische „Toleranz“ gegenĂŒber nicht-bolschewistischen Organisationen wie den SozialrevolutionĂ€ren in der frĂŒhen Phase von Lenins Herrschaft entsprang nicht – wie Trotzki behauptet – den „demokratischen“ Neigungen Lenins, sondern aus der UnfĂ€higkeit, alle nicht-bolschewistischen Organisationen sofort zu vernichten. Die totalitĂ€ren ZĂŒge von Lenins Bolschewismus nahmen in demselben Maße zu, wie seine Kontrolle und politische Macht wuchsen. Dass sie den Bolschewisten durch die „konterrevolutionĂ€re“ AktivitĂ€t aller nicht-bolschewistischen Arbeiterorganisationen aufgezwungen wurden – wie Trotzki behauptet -, das kann selbstredend nicht ihre weitere Zunahme nach dem Zusammenbruch der verschiedenen nicht-konformistischen Organisationen erklĂ€ren. Ebenso konnte es auch nicht Lenins Bestehen auf der VerstĂ€rkung totalitĂ€rer Prinzipien in den außerrussischen Organisationen der Kommunistischen Internationale erklĂ€ren.

Trotzki, ein Apoleget des Stalinismus

Da er den nicht-bolschewistischen Organisationen Lenins Diktatur nicht vorwerfen kann, erzĂ€hlt Trotzki, „dass diejenigen Theoretiker, die zu beweisen versuchen, dass das gegenwĂ€rtige totalitĂ€re System der UdSSR gebunden ist an die scheußliche Natur des Bolschewismus selbst“, die Jahre des BĂŒrgerkrieges vergessen, „welche einen unauslöschlichen Eindruck bei der Sowjet-Regierung hinterließen aufgrund der Tatsache, dass sehr viele Administratoren, eine beachtliche Schicht von ihnen, sich daran gewöhnt hatte, zu kommandieren und bedingungslose Unterwerfung unter ihre Befehle verlangte“. Auch Stalin, so fĂ€hrt er fort, „wurde durch die Umgebung und UmstĂ€nde des BĂŒrgerkriegs geprĂ€gt, gemeinsam mit der ganzen Gruppe, die ihm spĂ€ter seine persönliche Diktatur zu etablieren half“. Der BĂŒrgerkrieg wurde jedoch von der internationalen Bourgeoisie vom Zaune gebrochen. Und so finden die hĂ€sslichen Seiten des Bolschewismus unter Lenin, ebenso wie unter Stalin, ihren hauptsĂ€chlichen und letztlichen Grund in der Feindschaft des Kapitalismus gegenĂŒber dem Bolschewismus, welcher, wenn auch ein Ungeheuer, so doch nur ein sich wehrendes Ungeheuer, das nur aus Selbstverteidigung tötet und foltere.

Und so fĂŒhrt Trotzkis Bolschewismus zwar weitschweifig, aber dennoch trotz seiner SĂ€ttigung mit Hass auf Stalin am Ende nur zu einer Verteidigung des Stalinismus als der einzig möglichen Selbstverteidigung Trotzkis. Das erklĂ€rt die OberflĂ€chlichkeit der ideologischen Differenzen zwischen Stalinismus und Trotzkismus. Die Unmöglichkeit, Stalin anzugreifen, ohne Lenin anzutasten, macht weiterhin Trotzkis große Schwierigkeit als Oppositioneller verstĂ€ndlich. Trotzkis eigene Vergangenheit und seine Theorien schließen fĂŒr seinen Teil die Initiierung einer Bewegung links vom Stalinismus aus, und verdammt den „Trotzkismus“, eine reine Sammlungsagentur fĂŒr erfolglose Bolschewiki zu bleiben. Als solche konnte er sich außerhalb Russlands behaupten wegen des unaufhörlichen Kampfes um die Macht und Positionen in der sogenannten „kommunistischen“ Weltbewegung. Aber er konnte keine Bedeutung erlangen, weil er nichts anzubieten hatte als die Ersetzung einer Politikergarnitur durch die andere. Die trotzkistische Verteidigung Russlands im 2. Weltkrieg war klare Folge der ganzen frĂŒheren Politik dieses Ă€rgsten, aber auch loyalsten Gegners Stalins.

Trotzkis Verteidigung des Stalinismus erschöpft sich nicht darin, zu zeigen, wie der BĂŒrgerkrieg die Bolschewiki von Dienern zu Herren der Arbeiterklasse machte. Er verweist auf die wichtigere Tatsache, dass es „das Gesetz der BĂŒrokratie auf Leben und Tod sei, die Nationalisierung der Produktionsmittel und des Landes zu bewachen“. Das heißt, dass „trotz der schauerlichsten bĂŒrokratischen Verzerrungen die Klassenbasis der UdSSR proletarisch bleibt“. Eine Zeitlang – notieren wir – hat Stalin Trotzki beunruhigt. Im Jahre 1921 war Lenin durch die Frage aufgewĂŒhlt, ob die NÖP nur eine „Taktik“ oder eine „Evolution“ bedeute. Das die NÖP privatkapitalistische Tendenzen unterstĂŒtzte, sah Trotzki in der wachsenden stalinistischen BĂŒrokratie „nichts anderes als die erste Stufe bĂŒrgerlicher Restauration“. Aber seine Sorgen waren unbegrĂŒndet; „der Kampf gegen die Gleichheit und die Etablierung von tiefen gesellschaftlichen Unterschieden waren insofern unfĂ€hig, das sozialistische Bewusstsein der Massen oder die Nationalisierung der Produktionsmittel und des Landes zu eliminieren, welche die grundlegenden gesellschaftlichen Eroberungen der Revolution darstellen“. Stalin hatte natĂŒrlich nichts damit zu tun, denn der russische Thermidor wĂŒrde zweifellos eine neue Ära der Herrschaft der Bourgeoisie eröffnet haben, wenn diese Herrschaft sich nicht in der ganzen Welt als ĂŒberholt erwiesen hĂ€tte.

Das Resultat: Staatskapitalismus

Mit dieser letzten Feststellung Trotzkis nĂ€hern wir uns der Grundlage des Punktes, der hier zur Diskussion steht. Wir haben vorher gesagt, dass die konkreten Ergebnisse der Revolution von 1917 weder sozialistisch noch bĂŒrgerlich, sondern staatskapitalistisch waren. Trotzki meinte, dass Stalin die staatskapitalistische Natur der Wirtschaft zugunsten der bĂŒrgerlichen Ökonomie zerstören wĂŒrde. Das sollte der Thermidor bedeuten. Der Niedergang der bĂŒrgerlichen Wirtschaftsordnung hinderte Stalin daran, dies zu vollenden. Alles, was er tun konnte, bestand darin, die hĂ€sslichen ZĂŒge seiner persönlichen Diktatur einer Gesellschaft aufzuprĂ€gen, die von Lenin und Trotzki aufgebaut worden war. In diesem Sinne hat der Trotzkismus ĂŒber den Stalinismus gesiegt, obwohl Stalin immer noch den Kreml besetzt hĂ€lt.

Alles dies hĂ€ngt von einer Gleichsetzung des Staatskapitalismus mit dem Sozialismus ab. Und obwohl einige der SchĂŒler Trotzkis in letzter Zeit die Unmöglichkeit der weiteren Gleichsetzung herausgefunden haben, war Trotzki an diese Gleichsetzung gebunden, da sie Anfang und Ende des Leninismus bedeutet und in einem weiteren Sinne Anfang und Ende der ganzen sozialdemokratischen Weltbewegungen, von der der Leninismus nur der realistischere Teil war; realistisch hinsichtlich Russlands. Was von dieser Bewegung unter „Arbeiterstaat“ verstanden wurde und immer noch verstanden wird, ist HerrschaftsausĂŒbung durch die Partei; was mit „Sozialismus“ gemeint ist, ist Nationalisierung der Produktionsmittel. Indem der politischen Kontrolle der Regierung die Kontrolle ĂŒber die Wirtschaft hinzugefĂŒgt wird, tritt die totalitĂ€re Herrschaft ĂŒber die gesamte Gesellschaft voll und ganz in Erscheinung. Die Regierung sichert ihre totalitĂ€re Herrschaft durch die Partei, welche die soziale Hierarchie aufrechterhĂ€lt und selbst eine hierarchische Institution ist.

Diese Idee des „Sozialismus“ beginnt jetzt diskreditiert zu werden, aber einzig aufgrund der Erfahrung von Rußland und Ă€hnlich – wenn auch weniger stark – der von anderen LĂ€ndern. Was vor 1914 unter Machtergreifung verstanden wurde – entweder friedlich oder gewaltsam –, war die Inbesitznahme der Regierungsmaschinerie, indem man die eine gegebene Gruppe von Verwaltungsleuten und Gesetzgebern durch eine andere ersetzte. Ökonomisch gesprochen sollte die „Anarchie“ des kapitalistischen Marktes durch eine geplante Produktion unter Staatskontrolle ersetzt werden. Da der sozialistische Staat per Definition ein „gerechter“ Staat wĂ€re, der durch die Massen auf dem Wege demokratischer Prozesse kontrolliert wĂŒrde, gab es keine Veranlassung anzunehmen, daß seine Entscheidungen sich gegen die sozialistischen Ideale wenden wĂŒrden. Diese Theorie reichte aus, um Teile der Arbeiterklasse in mehr oder weniger machtvollen Parteien zu organisieren.

Die Theorie des Sozialismus kam auf das Verlangen nach einer zentralisierten ökonomischen Planung im Interesse aller herunter. Der Zentralisationsprozess, der mit der Kapitalakkumulation selbst einhergeht, wurde als eine sozialistische Tendenz angesehen. Der wachsende Einfluss von „Arbeit“ im Staatsapparat wurde als ein Schritt in Richtung auf den Sozialismus begrĂŒĂŸt. Aber in Wirklichkeit zeigte der Zentralisationsprozess des Kapitals etwas anderes als seine Selbsttransformation in gesellschaftliches Eigentum an. Er war identisch mit der Auflösung der laisez-faire-Ökonomie und demzufolge mit dem Ende des traditionellen Wirtschaftszyklus als dem Regulator der Wirtschaft. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Ă€nderte sich der Charakter des Kapitalismus. Von dieser Zeit an befand er sich unter stĂ€ndigen Krisenbedingungen, die nicht auf dem Wege „automatischer“ MarktvorgĂ€nge gelöst werden konnten. Monopolistische Regelungen, Staatsinterventionismus, nationale Wirtschaftspolitik schoben die Last der Krise den kapitalistisch unterentwickelten LĂ€ndern in der Weltwirtschaft zu. Alle „Wirtschafts“politik wurde imperialistische Politik, die zweimal in weltweiten Konflikten kumulierte.

In der Situation ein zusammengebrochenes wirtschaftliches und politisches System zu rekonstruieren, bedeutete, es diesen neuen Bedingungen anzupassen. Die bolschewistische Sozialisationstheorie kam dieser Notwendigkeit auf bewundernswertem Wege nach. Um die nationale Macht Russlands wiederherzustellen, war es notwendig, auf radikale Art das zu tun, was in den westlichen Nationen nur ein evolutionĂ€rer Prozess gewesen war. Selbst dann wĂŒrde es einige Zeit in Anspruch nehmen, die LĂŒcke zwischen Russlands Wirtschaft und der der westlichen MĂ€chte zu schließen. Unterdessen diente die Ideologie der sozialistischen Bewegung als Schutz. Der sozialistische Ursprung des Bolschewismus kam besonders der staatskapitalistischen Restauration in Russland zugute. Seine organisatorischen Prinzipien, die die Partei in eine gut funktionierende Institution verwandelt hatten, wĂŒrden die Ordnung im Lande ebenso gut wiederherstellen.

Die Bolschewiki waren natĂŒrlich ĂŒberzeugt davon, dass das, was sie in Russland aufbauten, wenn nicht der Sozialismus, so doch das NĂ€chstbeste fĂŒr den Sozialismus sei, da sie den Prozess vollendeten, der in den westlichen Nationen nur erst der Haupttrend der Entwicklung war. Sie hatten die Marktwirtschaft abgeschafft und die Bourgeoisie enteignet. Ebenso hatten sie vollstĂ€ndige Kontrolle ĂŒber die Regierung erlangt. FĂŒr die russischen Arbeiter hatte sich jedoch nichts geĂ€ndert; sie sahen sich nur einer neuen Gruppe Bossen von Politikern und Ideologen gegenĂŒber. Ihre Position kam der Position der Arbeiter in den kapitalistischen LĂ€ndern zu Kriegszeiten gleich. Staatskapitalismus ist eine Kriegsökonomie, und alle außerrussischen ökonomischen Systeme wandelten sich in Kriegswirtschaften, in staatskapitalistische Systeme, die den imperialistischen Notwendigkeiten des modernen Kapitalismus angepasst sind. Andere Nationen amten nicht alle Neuerungen des russischen Staatskapitalismus nach, sondern nur die, die am besten den spezifischen Notwendigkeiten bei ihnen entsprachen. Der zweite Weltkrieg fĂŒhrte zu einer weiteren Entfaltung des Staatskapitalismus auf weltweiter Ebene. Die Besonderheiten der verschiedenen Nationen und ihre spezifische Situation im Weltmachtrahmen sorgten fĂŒr eine große Verschiedenheit der Entwicklungsprozesse zum Staatskapitalismus.

Die Tatsache, dass Staatskapitalismus und Faschismus nirgendwo in einheitlicher Weise groß wurden oder werden, versorgte Trotzki mit dem Argument, dass der grundlegende Unterschied zwischen Bolschewismus, Faschismus und Kapitalismus klar und einfach sei. Dies Argument betont notwendigerweise OberflĂ€chlichkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung. In allen grundlegenden Aspekten sind alle drei Systeme identisch und reprĂ€sentieren nur verschiedene Stufen derselben Entwicklung – eine Entwicklung, die auf die Manipulierung der Masse der Bevölkerung durch diktatorische Regierung in mehr oder wenig er autoritĂ€rer Form abzielt, um die Regierung und die privilegierten sozialen Schichten, welche sie stĂŒtzen, zu sichern und um solche Regierungen zu befĂ€higen, an der internationalen Wirtschaft teilzuhaben durch Vorbereitung von Krieg, durch KriegfĂŒhren und durch Profitieren vom Krieg.

Trotzki konnte es sich nicht erlauben, im Bolschewismus nur einen Aspekt des weltweiten Trends zu einer faschistischen Weltwirtschaft zu sehen. Auch (noch) so spĂ€t wie 1940 blieb er bei der Ansicht, dass der Bolschewismus 1917 in Russland das Aufkommen des Faschismus verhindert hĂ€tte. Es sollte jedoch seit langem klar sein, dass alles, was Lenin und Trotzki in Russland verhindert haben, der Gebrauch einer nicht-marxistischen Ideologie fĂŒr die faschistische Rekonstruktion von Russland war. Da die marxistische Ideologie des Bolschewismus nur staatskapitalistischen Zielen diente, hat sie sich auch diskreditiert. Von jedem Standpunkt, der das kapitalistische System der Ausbeutung hinter sich lĂ€sst, sind Stalinismus und Trotzkismus beide Relikte der Vergangenheit.

Paul Mattik (1947)




Quelle: Panopticon.blackblogs.org