Februar 18, 2021
Von Paradox-A
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Schon im Kindergarten gehörte ich zu denjenigen, die sich lieber stundenlang selbst mit Bauklötzern beschĂ€ftigten, als schreiend im Rudel durch die Gegend zu rennen. Meine spĂ€tere exzessive Logophase ging dann mit Zeichnungen ĂŒber allerlei stadtplanerischen Projekten einher. Ich erinnere mich an die Zeichnung von einer Gemeinde, die in sich autark sein sollte – mit aufgelisteten Aufgaben, TĂ€tigkeitsfeldern und Institutionen, die ich mit etwa zwölf Jahren angefertigt habe. Meine Oma sagte spöttisch dazu: Das ist ja wie im Kommunismus! Sie hatte nicht ganz unrecht, aber der Vergleich zum FrĂŒhsozialisten Charles Fourier wĂ€re angemessener gewesen – immerhin war ich vor allem auf das Entwerfen ĂŒberschaubarer Kommunen aus und nicht auf Terraformingprojekte, die komplette Seen austrockneten etc..

Meine megalomanischen ZĂŒge waren wiederum nicht so ausgeprĂ€gt wie bei Fourier bzw. wurden sie frĂŒhzeitig zusammengestutzt. Ehrlicherweise muss ich aber auch zugegeben, dass mir schlichtweg die Ressourcen und die Macht fehlen, um gigantische Großprojekte anzuleiern. Und ich wurde auch kein Architekt, wie mir im Alter von vier prophezeit worden war. Nun ja, um mit Ü-30 dann noch am Anarchismus festzuhalten, dazu gehört zugegeben schon die FĂ€higkeit, sich einiges vorstellen zu können, was der RealitĂ€t widerspricht und sie in Frage stellt. Doch wie beim Surrealismus, handelt es sich beim utopischen Denken ja keineswegs um etwas „unrealistisches“, sondern Vorstellungen, welche sich aus der wahrgenommenen Welt ableiten, sie darum auch â€žĂŒber-realistisch“ reflektieren.

Wie auch immer, ein gewisses – aber Ă€ußerst gebrochenes Faible – fĂŒr futuristische Großprojekte ist mir erhalten geblieben. Aber durch eine Kritik am FortschrittsverstĂ€ndnis, den fĂŒr sie erforderlichen Ungleichheiten und nicht zu letzt der patriarchalen Hybris, die Welt nach den eigenen Vorstellungen zu formen, handelt es sich lediglich noch um Fragmente.

Um dies besser einordnen zu können, scheint ein Blick auf die kapitalistische Konkurrenz sinnvoll. Projekte, die von Superreichen vorgeschlagen werden, damit versuchen den Trend der Zeit zu folgen und zukĂŒnftige Entwicklungen zu antizipieren, um langfristig wettbewerbsfĂ€hig sein zu können.

Da gibt es beispielsweise das Seasteading Institute ( https://www.seasteading.org) in welchem ultra-kapitalistische Bonzen-Kinder davon trĂ€umen, schwimmende StĂ€dte fĂŒr Reiche zu errichten. Diese wĂŒrden sich dann außerhalb nationalstaatlicher HoheitsgewĂ€sser befinden, sodass die globale Oberklasse wunderbar ihre Steuern hinterziehen und ihr Leben genießen könnte. WĂ€hrend das Festland verbrannt und verseucht ist, bewundert man so wie schön und luxuriös das Leben auf dem Meer sein kann. Das eine oder andere Kriegsschiff privater Söldnertruppen darf zum Schutz dieser wundersamen Eilande natĂŒrlich nicht fehlen.

Erst vor Kurzem stellte der saudi-arabische Prinz Mohammed bin Salman das Gigaprojekt „Neom“ vor, eine Terraformingprojekt im Nordosten des WĂŒsten- und Ölstaates. Die Stadt „The Line“ (https://www.neom.com) soll dabei ĂŒber 40 Kilometer vom Meer bis in die Berge gegraben werden und verschiedene Untereinheiten mit einer U-Bahn verbinden. Unterhalb der Erde spielt sich ĂŒberhaupt die ganze Reproduktion des smartcity-Lebens ab, wo Bedienstete fĂŒr die Oberschicht die Waren hin und herschleppen, sodass man mit diesen lĂ€stigen AktivitĂ€ten an der begrĂŒnten OberflĂ€che nicht belĂ€stigt wird. Die einzelnen Stadtteile sind dann so untergliedert, dass man Schulen, Ärzte, BĂŒros usw. bequem per Fuß erreichen kann und keine Autos innerhalb der linienförmigen Hightech-Stadt notwendig sind. Touristisch lĂ€sst sich das Öko-Bonzen-Projekt natĂŒrlich auch gut verkaufen. Daneben soll jedoch auch ein Teil der Sharia ausgesetzt werden, sodass anzunehmen ist, das Königreich strebt zur Modernisierung an, seiner Elite nun auch offiziell einen lockereren Lebenswandel zu ermöglichen, als dem Rest der Bevölkerung, welche unter der religiös-fundamentalistischen Fuchtel weiterhin darben wird. Wie es eben solche Großprojekte an sich haben, wurde schon einmal mindestens ein lokaler Bauer, dessen Familie seit Generationen in der Gegend lebt, öffentlichkeitswirksam erschossen, weil er zu Widerstand gegen die Umsiedlung aufrief. Doch davon wird die globale Elite, welche sich dort ganzjĂ€hig zur Entspannung versammelt sicherlich nichts erfahren.

Als Drittes noch ein Ding, was mir persönlich gut gefĂ€llt – wenn es denn nicht so verdammt kapitalistisch laufen wĂŒrde. Der „Manta-Katamaran“ der Firma Sea Cleaners (https://www.theseacleaners.org) die sich zu dem Zweck gegrĂŒndet hat, technische Lösung fĂŒr die gesellschaftliche Herrschaft ĂŒber die Natur zu finden. Ihre Ausbeutung steht auf der einen Seite, doch darum geht es hier nicht. Was der Eroberer zurĂŒcklĂ€sst ist schließlich verbrannte Erde – in diesem Fall: vermĂŒlltes Meer. Mindestens 17t PlastikmĂŒll werden pro Minute in die Meere geschwemmt. Das sind 9-12 Millionen Tonnen jĂ€hrlich. Die durch Ökofans und Unternehmen finanzierte und betriebene Hightech-Boote sollen vor allem in KĂŒstengewĂ€ssern unterwegs sein und mit tatsĂ€chlich recht innovativen Technologien PlastikmĂŒll aufsammeln, recyceln und umweltfreundlich verbrennen, sodass der Energiebedarf der Schiffe durch seine AktivitĂ€t deckt. Das klingt nett.

Wenn es stimmt, dass jeder dieser Schiffe jĂ€hrlich 10.000 Tonnen Plastik recyclen wĂŒrde, dann brĂ€uchte es bei einer NeuvermĂŒllung der Meere (bei angenommenen 10 Mio. t jĂ€hrlicher Verschmutzung) nur 1000 solcher Schiffe, um bei Null rauszukommen – und somit an der Produktionsweise und ihren Folgen nichts grundlegend Ă€ndern zu mĂŒssen. Das klingt eigentlich machbar. Hypothetisch angenommen, Plastik wĂŒrde sich nicht in Mikroplastik unter 1 mm GrĂ¶ĂŸe zersetzen und könnte nachtrĂ€glich weiter aufgesammelt werden. So wĂŒrden nur 1000 weitere Katamarane in nur 10 Jahren das Plastik der letzten 10 Jahre eingesammelt haben.

Okay, zugegeben, jetzt bin ich etwas durcheinander gekommen. Aber ein Anfang zur Renaturierung des Planeten wĂ€re gemacht. Technische Lösungen werden diese nicht lösen, sondern nur die Aufhebung staatlich-kapitalistischer Herrschaft und ein anderes gesellschaftliches NaturverhĂ€ltnis. Und dennoch ist die Renaturierung der Erde eine wesentliche Aufgabe, fĂŒr welche auch im libertĂ€ren Sozialismus Lösungen gefunden werden mĂŒssen.




Quelle: Paradox-a.de