Oktober 20, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Andreas Speit
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 189 – MĂ€rz / April 2021

#Geschichte

Antifa Magazin der rechte rand
Braune Ökos / Heimatschutz © Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Sie pflegen Fauna und Flora, hĂŒten Land und Vieh, bemĂŒht ökologisch und artgerecht. Sie bieten BiogemĂŒse und -obst auf BiomĂ€rkten und in BiolĂ€den an oder leben nachhaltig und konsumfrei. Im GesprĂ€ch mit ihnen kann der KĂ€ltestrom der modernen Gesellschaft, des Waren- und Kapitalverkehrs beklagt werden, die Entfremdung von uns selbst und die Entfernung zum Wahren. Am Wochenende können sie aber auch bei einer »Querdenken«-Demonstration oder an einem NPD-Infostand zu sehen sein: braune Ökos.

Seit Beginn der Proteste gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zur BekĂ€mpfung der Corona-Pandemie fallen alte AffinitĂ€ten wieder auf. Die Differenzen zwischen ökologischen Konzepten von Links und Rechts verschwimmen. Verschwörungsnarrative ĂŒber Zwangsverchippung und -impfung offenbaren: »lechts und rinks« kann »velwechsert« werden – wie Ernst Jandel mahnte. Mit »Die Kehre« versucht Chefredakteur Jonas Schick, der aus der »IdentitĂ€ren Bewegung« kommt, in den anhaltenden Diskurs ĂŒber Ökologie einzugreifen. 2020 erschien die erste Ausgabe des Viermonatsmagazins, das eine WebprĂ€senz flankiert. Die »Zeitschrift« will die »Ökologie aus ganzheitlicher Perspektive betrachten«, heißt es, um »der aktuell stattfindenden Verengung auf den â€čKlimaschutzâ€ș« entgegenzuwirken. Eine »Lehre von der gesamten Umwelt« mĂŒsse »Kulturlandschaften, Riten und Brauchtum, also auch Haus und Hof« mit einschließen. Kurz und knapp skizziert Schick den Vierklang von rechter Ökologie: Umweltschutz = Naturschutz = Tierschutz = Volksschutz.

Schon in der Lebensreformbewegung des 19. Jahrhunderts beklagten Publizisten und Philosophen die Industrialisierung und Urbanisierung. Das Reflexivwerden der Moderne löste gerade im aufkommenden BĂŒrger*innentum eine »Entzauberung der Welt« (Max Weber) aus. In der Kritik an dem sich anbahnenden Kapitalismus, der Mensch und Natur verwerte und entwerte, wurden Rationalismus und SĂ€kularisierung verstĂ€rkt hinterfragt. Doch nicht die Macht- und BesitzverhĂ€ltnisse wurden als ursĂ€chlich fĂŒr die Ausbeutung des Menschen, der Tiere und Natur ausgemacht. Vielmehr lehnten Teile des BĂŒrger*innentums den Materialismus als Ideologie, die RationalitĂ€t und Ökonomisierung aller LebenssphĂ€ren vorantreibe, ab und wendeten sich einer Verzauberung der Welt durch SpiritualitĂ€t, Naturmystik und Volksmythos zu. Die »Moderne als unvollendetes Projekt« (JĂŒrgen Habermas) erschien damals schon als vollendet und gescheitert. Im Selbstbild sahen sie sich als die »letzten Menschen«, dem gegenĂŒber der »Fachmensch ohne Geist« und »Genußmensch ohne Herz« (Max Weber) aufgekommen sei. Die Moderne machten diese Publizisten und Philosophen in der radikalsten Abwehr als »jĂŒdisches Projekt« (Shulamit Volkov) aus.

Ernst Rudorff

Bereits 1897 setzte Ernst Rudorff Naturschutz mit Heimatschutz gleich. Der Komponist, MusikpĂ€dagoge und NaturschĂŒtzer prĂ€gte in zwei Artikeln im »Grenzbote« unter dem Titel »Heimatschutz« und »Abermals Heimatschutz« den Begriff nachhaltig mit, der durchaus auch kulturelle Bedeutung erhalten sollte. Rudorff lieferte quasi das Programm fĂŒr die Heimatschutzbewegung. 1904 grĂŒndete er den »Bund Heimatschutz«, den VorlĂ€ufer des heutigen »Bund Heimat und Umwelt in Deutschland« mit etwa 500.000 Mitgliedern. Im Aufruf von 1903 zur GrĂŒndung hieß es: »Schaffen wir also einen sich ĂŒber ganz Deutschland erstreckenden Bund aller Gleichgesinnten, denen es darum zu tun ist, deutsches Volkstum ungeschĂ€digt und unverdorben zu erhalten und was davon unzertrennlich ist: die deutsche Heimat mit ihren DenkmĂ€lern und der Poesie ihrer Natur vor weiterer Verunglimpfung zu schĂŒtzen«. 233 Personen des damaligen öffentlichen Lebens unterzeichneten. Frauen sowie JĂŒdinnen und Juden lehnte Rudorff als Unterzeichnende ab. Der »romantische Geist«, wie Rudorff im rechten Diskurs verehrt wird, beklagte stets die Verunglimpfung des »Vaterlandes« durch Verkuppelung, Flurzusammenlegung und GrundstĂŒcks- beziehungsweise Bauspekulationen. Den Tourismus verachtete er, weil dieser das menschliche BedĂŒrfnis des Naturgenusses zu einem »geschĂ€ftlichen Betrieb« mache. Rudorff betont: »Die Natur ist zur Sklavin erniedrigt, der ein Joch abstrakter Nutzungssysteme, das ihr völlig fremd ist, gewaltsam aufgezwĂ€ngt, deren LeistungsfĂ€higkeit ausgepreßt wird bis auf den letzten Tropfen«. Das entspreche der »Gesamtstimmung unserer Zeit, die ohne jedes VerstĂ€ndnis fĂŒr ideale Bestrebungen ausschließlich in dem Jagen nach Ă€ußerem Glanz und Effekt, nach Bequemlichkeit und materiellem Genuß befangen« sei. Natur und Kultur werden als organische Einheit gedacht, in der eine ursprĂŒngliche Natur und ureigene Kultur angenommen wird. Das sittlich Gute der Natur- und Kulturlandschaft möchte Rudorff dann auch gleich vor fremden Menschen und Sitten bewahren. So fragt er: »Kann man denn Dinge und Menschen nicht lassen, wo sie hingehören?«. Und er antwortet selbst: »Den Ideen eines heimatfremden Internationalismus« wĂŒrde »mit unserer Gleichmacherei geradezu in die HĂ€nde« gearbeitet. Die Grundsteine einer völkischen Ökologie sind frĂŒh gelegt. Im Gegensatz zur Moderne wird eine vorindustrielle Welt mit StĂ€nden und Bauernschaft entworfen. In ihr ist der Mann auch noch Mann und die Frau noch Frau.

Martin Heidegger

Dieses vormoderne Idyll schwebte auch Martin Heidegger vor. Jonas Schick, der Herausgeber von »Die Kehre«, bezieht sich mit der Namenswahl auf den zutiefst antisemitischen Philosophen. In dem 1951 veröffentlichten Vortrag »Die Technik und die Kehre« beklagt Heidegger die Wirkung der Technologie, in der er eine fatale Gefahr sah. Am Horizont erkennt er aber die Möglichkeit einer Kehre. Im Nationalsozialismus sah er eine Möglichkeit zur Umkehr, zur Befreiung von der Moderne. Und war spĂ€ter enttĂ€uscht, da diese radikale Kehre nicht kam. Viele NaturschĂŒtzer*innen begrĂŒĂŸten aber den Nationalsozialismus bis zum Ende. Eine »hohe Zeit« des Naturschutzes, schwĂ€rmte Hans Klose, Leiter der »Reichsstelle Naturschutz«. Denn am 26. Juni 1935 erfĂŒllt sich mit dem Reichsnaturschutzgesetz eine ihrer Hoffnungen. Klose schrieb die Vorlage, nach 1945 leitete er die »Zentralstelle fĂŒr Naturschutz und Landschaftspflege«.

In »Die Kehre« greift Alexander Gauland mit dem Verweis, dass »Ökologie« nicht alleine »Naturschutz, sondern auch (
) Denkmalschutz« sei, die alte Argumentation wieder auf. Im Sommer 2020 verweist der Bundestagsfraktionsvorsitzende der »Alternative fĂŒr Deutschland« im Interview auch auf die lange Tradition einer »konservativen Ökologie« und möchte zwischen »konservativem Umweltschutz« und »linkem Klimaschutz« unterscheiden. Mit Bezug auf Rudorff betont »Die Kehre« ebenso, dass »Naturschutz, Heimatschutz, ökologische Technikkritik« einst »Kernthemen der Rechten gewesen« waren. In den 1970er Jahren hĂ€tte die »grĂŒne Bewegung« die »zu Technokraten verkommenen â€čKonservativenâ€ș« aber »ihrer â€čKronjuwelenâ€ș« beraubt«.

Herbert Gruhl

Bei der GrĂŒndung der Partei Die GrĂŒnen hofften rechte NaturschĂŒtzende allerdings neuen Einfluss zu gewinnen. Der »ökologische Verrat« begann fĂŒr sie aber mit dem HerausdrĂ€ngen von Herbert Gruhl. Der Autor des Umweltbestsellers »Ein Planet wird geplĂŒndert« von 1975 sowie frĂŒherer Vorsitzender des Bundes fĂŒr Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND), ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter und GrĂŒnder der »GrĂŒnen Aktion Zukunft« war ein Star der grĂŒnen Bewegung. In seinem Bestseller schrieb er jedoch schon, dass die Einwanderungspolitik der »europĂ€ischen Völker« eine »sagenhafte Dummheit« sei – was wohl viele Linksgerichtete lange ĂŒberlesen haben mĂŒssen. Ein Jahr vor seinem Tod warnte er 1992 in seinem Buch »Himmelfahrt ins Nichts« davor, dass »viele Kulturen in einem Raum zusammengemixt werden«. Der Wert des Gemisches sinke »mit zunehmender Durchmischung«. In einer »RTL Plus«-Show fĂŒhrte Gruhl am 14. April 1992 im StreitgesprĂ€ch auf die Vorhaltung aus, ob das nicht die These vom »unwerten Leben« sei: »Das ist ein Gesetz der Entropie, das wir besonders in der Ökologie haben, und dieses Gesetz gilt auch fĂŒr menschliche Kulturen.«. Die alte Sorge von Rudorff vor dem »Fremden« klingt durch. Gruhl schĂ€tzen rechte Ökolog*innen heute immer noch gerade wegen des Verbindens von Naturschutz und Einwanderung.

Heft 4, die Winter-Ausgabe 2020 von »Die Kehre«, hat als Schwerpunkt: »Migration«. »Kaum ein PhĂ€nomen wird im insbesondere von den GrĂŒnen geprĂ€gten ökologischen Diskurs in der Bundesrepublik derart ausgespart wie die ökologischen Auswirkungen allgemein angestiegener MobilitĂ€t und Massenmigration«, heißt es auf der Webseite und »das beginnt bei der IKEAisierung der Einrichtungen (
) und endet bei der Anhebung des Konsumniveaus der Millionen â€șFlĂŒchtlingeâ€č, die seit dem Sommer 2015 nach Europa strömten, wodurch sich ihr ökologischer Fußabdruck erheblich vergrĂ¶ĂŸerte«. In diesem Kontext auch nicht selten: Ein »Schrumpfen der Gesamtbevölkerung« wird befĂŒrwortet und sofort der »Verzicht der Deutschen auf Nachwuchs« beklagt. Das Idyll einer vormodernen Gemeinschaft statt moderner Gesellschaft bleibt das Ideal – Allianzen zwischen »Blut & Boden« liegen nah.




Quelle: Der-rechte-rand.de