April 25, 2022
Von Wildcat
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Brief aus China zur Situation im Lockdown

Hallo!

Ich möchte zwei englische Artikel mit Euch teilen, die zeigen wie es Wanderarbeitern im Lockdown ergeht. Der erste mit vier kurzen Berichten vom Lockdown im Wohnheim oder LKW zeigt, wie zu erwarten, Einkommensausfall, fehlende Versorgung mit Lebensmitteln, aber auch VernachlĂ€ssigung der Kontrolle von QuarantĂ€neauflagen. Auf einem Foto sieht man, dass es angeblich ein Siegel, einen Lockdownaufkleber ĂŒber TĂŒr und TĂŒrrahmen von Xus Wohnheim gibt, das ist der erste Interviewte. Damit dĂŒrften sie eigentlich nicht raus, aber können offenbar doch raus und in der Kantine essen. Bemerkenswert finde ich, dass er als angelernter Arbeiter 7000 RMB (z.Z. ĂŒber 1000 Euro) im Monat in der Autoteilefabrik verdient hat, dass er aber in Shanghai bei dem Lohn nichts ansparen kann.

Der zweite Artikel von NPR handelt von Wanderarbeitern, die als Covid-Arbeiter in QuarantĂ€nezentren oder fĂŒr Massentests anheuern. Stundenlöhne teils sehr gut, schlechte Behandlung, Betrug etc. und auch hier werden die Covid-Maßnahmen fĂŒr positiv Getestete nicht so streng beachtet.

Corona-MĂŒdigkeit in der chinesischen Bevölkerung, mangelhaftes Gesundheitswesen, gestiegene InfektiösitĂ€t des Virus
 Je lĂ€nger sich die Pandemie hinzieht und je umfassender die Lockdowns werden, desto schlechter skaliert die Null-Covid-Politik. Aber wie wird das enden?

Der aktuelle Corona-Ausbruch in Schanghai hat Anfang MĂ€rz begonnen. Nach und nach wurden Teile der 26-Millionen-Metropole unter Lockdown gesetzt, seit Anfang April quasi die gesamte Stadt. Das bedeutet vor allem Hausarrest, sehr viele Bewohner dĂŒrfen ihre Wohnung oder ihr WohngebĂ€ude nicht verlassen. Asymptomatische positive FĂ€lle, VerdachtsfĂ€lle und Kontakte ersten und zweiten Grades werden zwangsweise in QuarantĂ€nelagern isoliert. In Messehallen teilen sich Hunderte eine Handvoll Dixi-Klos, hausen auf Holzpritschen oder Feldbetten, nur die GlĂŒcklichen unter ihnen haben Warmwasser oder können sogar duschen. Die tĂ€glichen Infektionen liegen zwischen 15-30000, mal sinken sie, mal steigen sie. Die Infektionszahlen werden geschönt und gefĂ€lscht. Die offiziellen Zahl von Infizierten in Schanghai, ca. 500 000 seit MĂ€rz, mögen halbwegs stimmen (oder auch um den Faktor 10-100 verfĂ€lscht sein), die Zahlen zu den Toten sind aber auf jeden Fall Bullshit. Im Internet habe ich eine Tabelle gefunden, laut der in Schanghai bereits ĂŒber 130 Tote aufgrund von Lockdown-Maßnahmen beobachtet wurden – im Vergleich zu den angeblich ca. 100 offiziellen Corona-Toten.
Aber trotz der HĂ€rte des Lockdowns zeichnet sich noch kein Ende ab.

Außer Schanghai, der wichtigsten Wirtschaftsmetropole Chinas, befinden sich noch ca. 80 der 100 grĂ¶ĂŸten StĂ€dte Chinas in Lockdowns unterschiedlicher Strenge. Einige davon sind sogar prophylaktische Lockdowns, ohne dass es lokale Infektionen gab – so wurde z.B. in Wuxi der ÖPNV vorsorglich eingestellt.

Die Lockdowns fĂŒhren zu Obdachlosigkeit und massenhaften LohnausfĂ€llen, oft zur Unterversorgung mit Lebensmitteln, manchmal auch zu krassen medizinischen NotfĂ€llen und sogar Toten. Die Triage wird nicht-medizinischem Personal ĂŒbertragen. Menschen werden in Wohnungen oder WohnhĂ€usern förmlich eingezĂ€unt. Es sind irrwitzige, tragische, panische Szenen wie vor zwei Jahren in Wuhan.

Der Hintergrund dieser absurden und unmenschlichen Situation ist die Null-Covid-Politik. In der BRD ging es um das „Abflachen der Kurve“. FĂŒr dieses Ziel spielt es keine Rolle, ob etwa einzelne Infizierte gegen die QuarantĂ€ne-Auflagen verstoßen, denn es geht um das durchschnittliche Verhalten. Die Ausbreitung sollte verlangsamt werden, es ging nicht darum, alle Infektionsketten abzuschneiden. Wenn das Ziel aber Null oder nahe Null Neuinfektionen sind, muss jede Infektionskette unterbrochen werden und jede/r zur QuarantĂ€ne gezwungen werden. Denn jeder Ausreißer könnte die nĂ€chste Welle auslösen.

Im Internet rufen viele nach HeimquarantĂ€ne und der Erlaubnis, bei leichten Symptomen zuhause bleiben zu dĂŒrfen. Dies wĂ€re nicht nur viel humaner, sondern wĂŒrde dem zusammengebrochenen Gesundheitssystem auch erlauben, sich auf die FĂ€lle zu konzentrieren, die wirklich medizinische Hilfe benötigen. Aber bei Isolierung in den eigenen vier WĂ€nden ohne strenge Kontrolle wĂŒrde es sicherlich immer wieder zu Ausreißern kommen und eine RĂŒckkehr zu Null-Covid wĂ€re illusorisch. Das Leid in Schanghai ist also eine direkte Folge der Null-Covid-Strategie.

Nach dem Lockdown in Wuhan Anfang 2020 schien Null-Covid in China zunĂ€chst relativ erfolgreich. Aber bei den Impfkampagnen wurden nicht medizinische Risikogruppen priorisiert, sondern Menschen, die an HĂ€fen, FlughĂ€fen oder GrenzĂŒbergĂ€ngen in Kontakt mit Personen oder GĂŒtern aus dem Ausland kamen. Das fĂŒhrte zu einer niedrigen Impfquote unter alten Menschen. In Schanghai leben fast fĂŒnf Millionen Menschen ĂŒber 60; deutlich weniger als die HĂ€lfte von ihnen sind vollstĂ€ndig geimpft. China ist ein No-Vaxer-Paradies! Überall muss man zwar einen Gesundheitscode vorzeigen und wird in QuarantĂ€ne gesteckt, wenn man aus dem falschen Verwaltungsbezirk kommt, aber nach dem Impfstatus fragt niemand. Erst nach dem Desaster in Hongkong, wo die Impfquote unter alten Menschen noch niedriger ist, sind neue Impfkampagnen angelaufen. Zudem zeigen Studien aus Singapur, dass die chinesischen Vakzine im Vergleich zum Biontech-Wirkstoff nur ein FĂŒnftel der Schutzwirkung gegen schwere VerlĂ€ufe haben.

Seit ĂŒber zwei Jahren feiert die chinesische Propaganda Lockdowns und Null-Covid als die Überlegenheit des chinesischen Systems gegenĂŒber dem Westen. Die damit erzeugte Schadenfreude und das ÜberlegenheitsgefĂŒhl habe ich persönlich erlebt. Infizierte werden wie Kriminelle behandelt, Genesene nicht selten wie AussĂ€tzige, denen Miet- oder ArbeitsverhĂ€ltnis gekĂŒndigt wird. Eine kleine Minderheit von Infizierten muss einen sehr hohen Preis bezahlen, damit die große Mehrheit relativ unbehelligt ihrem Alltag nachgehen kann. So lange diese Minderheit sehr klein war, hat sich kaum jemand ĂŒber ihre inhumane Behandlung aufgeregt, ihre Klagen wurden zensiert, geifernde Nationalisten sahen darin Vaterlandsverrat.

Ein Schwenk weg von Null-Covid ist nicht nur aus ideologischen GrĂŒnden sehr schwierig. Dazu mĂŒsste auch die Impfquote unter Risikogruppen rasch und deutlich erhöht werden. Damit an die Stelle von Zwangsisolierung und Ausgrenzung eine flexible Politik treten könnte, so dass je nach lokalen Infektionszahlen und Auslastung des Gesundheitssystems öffentliches Leben reduziert oder geöffnet wĂŒrde, mĂŒsste ein Millionen-Heer von BĂŒrokraten, Covid-Arbeitern und Vollstreckern, Pförtnern und Bullen quasi ĂŒber Nacht umgeschult werden.

Nach jahrelangem Selbstlob ob der chinesischen Überlegenheit brĂ€uchte Xi fĂŒr all dies vor allem auch eine gute Propaganda-Geschichte. Da er aber demnĂ€chst zum großen FĂŒhrer auf Lebenszeit ernannt werden soll, kommt soviel Risiko und Richtungswechsel gerade ganz ungelegen. Das nationale Gesundheitsamt erklĂ€rt die FortfĂŒhrung der Null-Covid-Politik als alternativlos und begrĂŒndet dies mit der seit einem Jahr wiederholten Leier, dass die Impfquote zuerst erhöht werden mĂŒsse und das chinesische Gesundheitssystem andernfalls zusammenbrechen wĂŒrde. China hat sich mit harten Lockdowns Zeit erkauft, diese aber vergeudet und versagt, anstatt sich mit Impfen und Ausbau des Gesundheitssystems vorzubereiten. Also wird weiter verschĂ€rft, »harter Lockdown« bis zum Sieg. Seit ein paar Tagen sieht man vermehrt Videos von Gartenzaun-Lockdowns, wo zwei Meter hohe GartenzĂ€une nachts vor HauseingĂ€ngen errichtet werden.

BrutalitÀt

Auch diesmal gibt es Berichte von Selbstorganisation und Nachbarschaftshilfe, aber viel weniger als Anfang 2020 in Wuhan, und sie werden ĂŒberschattet von Kommerzialisierung und Wucher. Wohnkomplexe kaufen Lebensmittel im Pulk, organisiert wird das von Community-Leadern, nicht wenige in gehobener sozialer Stellung. Lieferfirmen erhöhen die Preise von Lebensmitteln um das drei- bis fĂŒnffache. Behörden verbieten SupermĂ€rkten den direkten Verkauf an Einzelpersonen, es darf nur als Gruppe gekauft werden. Lebensmittellieferungen vergammeln vor HauseingĂ€ngen, weil die Hausverwaltung ihr Versorgungsmonopol durchsetzt. Ein Logistikarbeiter erzĂ€hlt, dass er 2000 RMB und mehr am Tag machen kann, das drei- bis sechsfache des Üblichen. Ein Artikel aus der Staatspresse lobt die Nachbarschaftshilfe und beschreibt Beispiele von »Nachrichtenarbeitern«: Einige Freiwillige in einem Wohnkomplex ĂŒbernehmen die Aufgabe, die Nachrichten und BehördenerlĂ€sse zu durchkĂ€mmen nach dem, was fĂŒr den jeweiligen Wohnkomplex ĂŒber Versorgungslage, PCR-Massentests und etwaige VerschĂ€rfungen oder Lockerungen relevant ist. Das ist deshalb nötig, weil sich die AmtstrĂ€ger hinter Behörden-Kauderwelsch verkriechen, aus Angst vor Verantwortung, Fehlern und Bestrafung.

Leute werden von Dabai, so werden die MĂ€nner und Frauen in weißen SchutzanzĂŒgen verniedlichend genannt, missachtet, geschubst, geschlagen, getreten, in Panik versetzt, in Wohnungen wie in einer GefĂ€ngniszelle eingesperrt. Aber die Dabai werden genauso missachtet und betrogen wie die Eingesperrten. Neben arbeitslosen Wanderarbeitern werden auch Community-Arbeiter und Anwohner als Dabai rekrutiert. Erstere sind bei den lokalen Behörden als eine Art angelernte Sozialarbeiter beschĂ€ftigt und verpflichtet, an den Maßnahmen teilzunehmen. Manche Anwohner melden sich sowohl aus Langeweile oder aus Angst vor Lebensmittelknappheit freiwillig, und weil es fĂŒr Dabai drei tĂ€gliche Mahlzeiten gibt. Von diesen steht niemand 100 Prozent hinter den Maßnahmen. Aus verschiedenen Quellen habe ich gehört, dass auch vom medizinischen Fachpersonal in Schanghai kaum noch jemand von der aktuellen Null-Covid-Strategie ĂŒberzeugt ist. Aber ebenso wenig wie die Dabai hinter den Maßnahmen stehen, scheinen sie sich um das von ihnen mitverursachte Leid zu kĂŒmmern. In zahllosen Videos, in denen Dabai Anwohner einsperren oder einzĂ€unen und Anwohner Auskunft ĂŒber Sinn, Zweck und Autorisierung verlangen, ignorieren die Dabai solche Fragen und Hilfeschreie und machen stumm und stoisch weiter.

Mich wĂŒrde nicht wundern, wenn in der RĂŒcksichtslosigkeit der Dabai auch ein wenig Rache fĂŒr die allgemeine RĂŒcksichtslosigkeit im Alltag steckt. Autofahrer sind eh ziemlich rĂŒcksichtslos. E-Mopedfahrer aber auch. Ganz gleich ob ich auf einem Fußweg laufe oder eine FußgĂ€ngerampel bei GrĂŒn ĂŒberquere, ich muss immer aufpassen, von den E-Mopeds (Essenslieferfahrer, LastendreirĂ€der …) nicht angefahren zu werden, was mir trotzdem schon mehrfach passiert ist. Viele nehmen sich nicht nur die Vorfahrt und weichen erst im letzten Moment aus, sondern sie weichen gar nicht aus und es ist ihnen egal, weil es dem FußgĂ€nger ja mehr weh tut. Mein subjektiver Eindruck ist, dass die RĂŒcksichtslosigkeit im Straßenverkehr unter ZweirĂ€dern in den letzten Jahren schlimmer geworden ist.

Ein Interview (auf chinesisch) mit jemandem, der zehn Tage in einem QuarantĂ€nelager verbracht hat , illustriert sowohl die RĂŒcksichtslosigkeit in den Lagern als auch die fehlende alltĂ€gliche Empathie der Schanghaier Mittelschicht gegenĂŒber Arbeitern. Der Interviewte wurde am 4.4. positiv getestet, dann am 11.4. ohne die geringsten Symptome ins Lager gesteckt, als seine Tests lĂ€ngst negativ waren. Kompletter Bullshit! Er schildert, wie ein alter Mann mit Augenleiden inmitten von hunderten Menschen erblindet, weil ihm keine Augenmedizin bereitgestellt wird. SpĂ€ter erklĂ€rt der Interviewer, dass die Pfleger und Pförtner eigentlich auch ganz menschlich sein können, nur eben ĂŒberfordert seien. Er plaudert mit den Pförtnern, die ihn fragen, was er arbeitet. Auf seine Antwort, er produziere Computerspiele, erwidern sie, dass er ja sicherlich viel verdiene, 7. oder 8000, nicht? Darauf lachen Interviewer und Interviewter, denn sie wissen wie auch alle Zuhörer, dass entsprechende Einkommen in Schanghai viel höher sind, als es sich die Pförtner da vorstellen (sicherlich fĂŒnf bis zehnmal so viel). Die Mittelklasse, die sich eben noch ĂŒber mangelndes MitgefĂŒhl fĂŒr die Insassen der QuarantĂ€nelager echauffiert, hat nur Lachen fĂŒr unwissende Arbeiter ĂŒbrig, die das wahre Ausmaß der sozialen Ungleichheit noch nicht einmal erahnen.

Die TrÀgheit der Hilflosen

Der Aufstand gegen den Lockdown bleibt aus. Die meisten Klagen werden nur online oder in kleinen Anwohnergruppen geĂ€ußert. Daneben gibt es individuelle Versuche, sich klammheimlich den Massentests zu entziehen und Symptome oder Testergebnisse zu verheimlichen. Die einzige grĂ¶ĂŸere Spontandemo mit 500 Leuten, von der ich gehört habe, ging von Mietern aus, die aus ihren Wohnungen vertrieben werden sollten, um Platz fĂŒr QuarantĂ€nestationen zu schaffen. Nochmal in anderen Worten: Die Arschlöcher von der Schanghaier BĂŒrokratie behaupten, es diene der PandemiebekĂ€mpfung, wenn man 500 Mieter auf die Straße schmeißt, zu einem Zeitpunkt, wo es quasi unmöglich ist, ein Hotelzimmer oder sonst eine Bleibe zu finden! Dagegen gab es verzweifelten Protest der betroffenen Mieter. Aber abgesehen von Online-LĂ€rm habe ich nichts von Solidarisierung gesehen, keine Soli-Demos, keine Soli-Sit-ins…

Online sieht man immer dasselbe Muster: In zahlreichen Mitschnitten von Telefonaten mit GesundheitsĂ€mtern und lokalen Behörden versuchen die Behördenvertreter oder sog. Freiwilligen zunĂ€chst, die Anrufer (die z.B. einen medizinischen Notfall zu Hause haben) abzuwimmeln; wenn dies nicht gelingt, brechen sie in TrĂ€nen aus und jammern, sie seien ja auch hilflos und fĂŒr sie sei ja auch alles so hart und ihre eigenen Vorgesetzten wĂŒrden sie auch im Stich lassen… 无胜äžșćŠ›ïŒŒwunengweili, hilflos, machtlos
 ist das Stichwort, das man ĂŒberall hört. Selbst ein kleines Protestvideo, das gerade etwas LĂ€rm schlĂ€gt, lĂ€uft auf diesen Satz hinaus. China ist zum Heimatland der Hilf- und Machtlosen geworden, 无胜äžșćŠ›ć›œćź¶.

Der chinesische Dr. Drosten heißt Zhong Nanshan, er mimt seit Beginn die Galionsfigur zu Xis Volkskrieg gegen das Virus, Poster von ihm mit SprĂŒchen zur PandemiebekĂ€mpfung hĂ€ngen an jeder LitfaßsĂ€ule. Er hat kĂŒrzlich in einem Artikel geschrieben, dass Null-Covid nur eine zeitlich beschrĂ€nkte Strategie sein kann und das Land sich frĂŒher oder spĂ€ter wieder öffnen mĂŒsse – die chinesische Version des Artikels wurde gelöscht. Dabei ist offensichtlich, dass die Null-Covid-Strategie nicht mehr lange fortgesetzt werden kann. Die Leute haben mehr Angst vor den QuarantĂ€nelagern als vor dem Virus. Die Einhaltung des social distancing und der harten Lockdowns wurden von Beginn an mit der der Angst vor dem Virus durchgesetzt. Mit dem Schwinden dieser Angst schwindet auch die Einhaltung der Maßnahmen und damit deren EffektivitĂ€t. Gleichzeitig steigt der Arbeitsaufwand bei den aktuellen Infektionszahlen. Überall werden Ärzte und Krankenpfleger abgezogen, und den kaum ausgebildeten Dabai geht Null-Covid wahrscheinlich immer mehr am Arsch vorbei: sie erfahren am eignen Leib, wie wenig es ernst genommen wird, wenn sie sich im Schlafsaal selbst infizieren.

In einem Video wehrt sich eine positiv getestete 94-JĂ€hrige mit einem Besen gegen sechs Leute in weißen AnzĂŒgen, die sie in ein QuarantĂ€nelager schleppen wollen. Sie schlĂ€gt sie in die Flucht und kann in ihrer Wohnung bleiben! So schwer ist es offensichtlich nicht, sich gegen die Maßnahmen zu wehren, aber es trauen sich nur wenige. Man sieht Videos von Einzelnen, die aus UmzĂ€unungen ausbrechen – und dann von Bullen in weißen AnzĂŒgen gefasst und weggeschleppt werden. Aber kollektive Aktionen? Einmal gemeinsam zum Pförtner gehen, das Tor aufbrechen und im Supermarkt einkaufen, so einfach wĂ€re die Lösung der Versorgungsprobleme! Oder gemeinsam das QuarantĂ€nelager verlassen?

Warum gibt es nicht mehr Krach in Schanghai? Wenn ich diese Frage mit meinen hiesigen anarchistischen Freunden diskutiere, fĂ€llt denen auch nur ein, dass die chinesische Gesellschaft eben krass atomisiert ist. Genau diese Vereinzelung, die Ohnmacht und fehlende Empathie machen ihre politische Praxis in China so schwierig. Die großen Streikwellen sind lange her. Ein Freund sagt, den Ereignissen in Schanghai widme er absichtlich nur wenig Zeit, weil er es unertrĂ€glich findet. Danach habe ich den Eindruck, erst jetzt die soziale Herausforderung zu begreifen, vor der meine Freunde die ganze Zeit stehen. Sie sind nicht ĂŒberrascht, ich schon!

Die Szenen von brutalen und irrationalen Lockdowns zu Beginn der Pandemie vor zwei Jahren hatte ich fĂŒr ein außergewöhnliches, einmaliges Ereignis gehalten und teilweise mit der allgemeinen Panik erklĂ€rt – damals bin ich ja auch in Panik verfallen. Das war Wunschdenken.

Die aktuellen Lockdowns zeigen, dass offenbar sowohl irrationale, inhumane QuarantĂ€ne-ErlĂ€sse, und deren brutale, stoische und gnadenlose Vollstreckung dauerhafte Institutionen der chinesischen Gesellschaft sind – wie auch ihre hilflose Hinnahme und das Ausbleiben von kollektiver Gegenwehr . Ebenso sind Vereinzelung, individuelles OhnmachtsgefĂŒhl, die Neigung sich das eigene Leid und die PropagandalĂŒgen schön zu reden, und RĂŒcksichtslosigkeit gegenĂŒber anderen wesentlicher Bestandteil des erlernten Sozialverhaltens. Über Jahre und Jahrzehnte wurden die Dabai-Arbeiter unmenschlich und wie Entrechtete behandelt, warum sollten sie es jetzt gegenĂŒber ein paar Mittelschichts-Anwohnern anders machen?

Ich habe mir nicht vorstellen können, dass die alltĂ€gliche RĂŒcksichtslosigkeit solche Implikationen hat, noch habe ich theoretische ErklĂ€rung dafĂŒr. WĂŒrde man versuchen, dies einfach als kapitalistisches Business-as-usual zu erklĂ€ren, mĂŒsste ich schmunzeln – so naiv war ich auch mal.

Was bedeutet das fĂŒr soziale KĂ€mpfe und politisches Handeln? Bei der Frage kommt mir unweigerlich die Vorstellung, dass diejenigen, die sich eben noch ĂŒber Lohnraub und Überstunden beklagen, im nĂ€chsten Moment nichts dabei finden, wenn sie alte und kranke Menschen wie MehlsĂ€cke ĂŒber den Boden schleifen. Was kann man da noch tun außer »Unfallgutachten« wie diesen Brief zu schreiben? Welche Hoffnungen kann man sich dann noch auf kollektive Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen machen, wenn selbst so drastische Verschlechterungen der Lebensbedingungen nicht zu kollektivem Protest fĂŒhren?

Was in Shanghai (und in anderen Lockdowns) an absurdem und unnötigem Leid mit GleichgĂŒltigkeit vollstreckt und jammernd, aber widerstandslos hingenommen wird, das ist ein trauriger Indikator fĂŒr das, was an sozialer Dynamik in den nĂ€chsten Jahren (Jahrzehnten?) wahrscheinlich ausbleiben wird.

Auf der anderen Seite erzeugt dieses stille Verhalten der Hilflosen gesellschaftliche VerĂ€nderungen. Der LKW-Verkehr in Schanghai liegt bei 18 Prozent des Vorjahrs, in der Nachbarprovinz bei ca. 60, in ganz China bei ca. 75. Kaum einer will noch LKW fahren und in QuarantĂ€ne enden. In den nĂ€chsten drei Jahren werden der Industrie in China ca. 30 Millionen Fabrikarbeiter fehlen, weil keine mehr dort malochen will. Vor Schanghai stauen sich die Frachter, das genaue Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns wird jedoch wie ein Staatsgeheimnis verschwiegen…

Als Antwort weitet sich der Staat in der Krise noch weiter in die Wirtschaft aus, staatliche Immobilienunternehmen sollen den abrutschenden Immobilienmarkt stĂŒtzen, staatliche Investmentfonds den kollabierenden Aktienmarkt; die neue, staatlich organisierte private Rentenversicherung soll private Ersparnisse und Geldanlagen in staatliche Pensionsfonds umleiten, Lokalregierungen sind angewiesen, den grĂ¶ĂŸten Teil der erlaubten Neuverschuldung fĂŒr dieses Jahr bereits im ersten Halbjahr rauszuhauen und noch mehr BrĂŒcken, Straßen und Rechenzentren zu bauen
 Zur Sicherung der sozialen StabilitĂ€t wird die Blase weiter aufgepumpt. Daraus muss InstabilitĂ€t erwachsen. Aber je lĂ€nger ich in diesem Land lebe, umso klarer wird mir, wie wenig ich darĂŒber zu spekulieren vermag, wie und wann diese sich je Geltung verschaffen wird.

Es grĂŒĂŸt,
Euer Gustav




Quelle: Wildcat-www.de