Juni 26, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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quelle: free them all

JVA Frankfurt, 21. Juni ’21

Heute ist der 207. Tag, meiner Untersuchungshaft. Ich bin von den Menschen und Orten, die ich liebe, getrennt worden, was eine Art von Folter ist, die niemandem hilft. Wie kann mensch sagen, dass die Praxis des Einsperrens von Menschen wirklich gerecht ist, wĂ€hrend die Situation, die eine Person dorthin gebracht hat, nicht wirklich berĂŒcksichtigt wird? Menschen im GefĂ€ngnis sind zu sehr eingeschrĂ€nkt, werden bestraft und fĂŒhlen sich zu bestraft, um ihre Herzen fĂŒr Versöhnung zu öffnen. Jedes Mal, wenn Metall auf Metall schlĂ€gt, wenn ein*e Gefangene*r eingesperrt ist, werden sie mit Hass eingesperrt, ihrem eigenen und dem der Welt. Wie können wir erwarten, dass sich die Gesellschaft auf diese Weise weiterentwickelt?

Das GefĂ€ngnis ist ein Mikrokosmos fĂŒr das gesamte System, das meiner Meinung nach nicht funktioniert. Die Verbrechensraten sinken nicht. Die Rate der WiederholungstĂ€ter*innen, so wurde mir gesagt, liegt bei bis zu 80%. In meiner Zeit im Frankfurter GefĂ€ngnis habe ich selbst erlebt, wie 4 Menschen entlassen wurden, nur um Wochen spĂ€ter wiederzukommen, ohne dass sie die nötige Hilfe erhalten haben. Dennoch habe ich den Bau der GefĂ€ngniserweiterung und den Wahnsinn der Machthaber beobachtet, die das gleiche grausame, repressive Ding machen. Versuchen sie ĂŒberhaupt, andere Ergebnisse zu erzielen? Ich glaube, dass wir in kommenden Generationen auf diese Praxis der Bestrafung zurĂŒckblicken werden, so wie diese Generation auf die Zeiten der Sklaverei zurĂŒckblickt, mit Entsetzen ĂŒber den Mangel an Menschlichkeit.

Wenn ich ein PlĂ€doyer fĂŒr meine Freiheit halte, dann wĂŒnsche ich mir nicht nur meine eigene Freiheit. Ich wĂŒnsche sie mir fĂŒr alle Menschen, die in den GefĂ€ngnissen gefangen sind, und dass sie die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Ich wĂŒnsche mir die Freiheit auch fĂŒr alle, die in diesem Makrokosmos eines sozioökonomischen Systems feststecken, das die Natur zu “Waren” & die Gemeinschaft zu “Dienstleistungen” macht. Und die das GefĂŒhl haben, dass die Gaben, die sie in diese Welt gebracht haben, um des finanziellen Profits willen auf traurige Weise missbraucht werden. Ich möchte, dass wir alle frei sind von diesem unglĂŒckseligen System der Kontrolle. Frei sind, um die QualitĂ€ten von SolidaritĂ€t, gegenseitiger Hilfe und Autonomie zu erleben, die Ganzheit und VitalitĂ€t schaffen und zeigen, dass wahre Gerechtigkeit gelebt wird. Das GefĂ€ngnis an sich hilft mich nicht, aber es macht mich ungeheuer traurig. Meine wirkliche Angst ist, dass die Welt nicht von dem Schaden aufwacht, den sie sich selbst antut. Dass sie diese systemischen Probleme weiterhin ignoriert, leugnet und zurĂŒckweist. Meine BefĂŒrchtung ist, dass die Welt weiter auf ihren eigenen egoistischen Pfaden wandelt und sich von der Wahrheit abwendet, um ihre eigene Rechtschaffenheit zu untermauern. Meine wirkliche Angst ist, dass wir die grĂ¶ĂŸeren Angelegenheiten des Lebens auf der Erde aus den Augen verlieren, wĂ€hrend wir in dieser Politik der Ablenkung & Angst verwickelt sind, dass wir die Angelegenheit der Zugehörigkeit zu unserer natĂŒrlichen Umwelt und ihrer Zugehörigkeit zu jedem einzelnen von uns aus den Augen verlieren. Und in dieser Zugehörigkeit liegt die Pflicht zur FĂŒrsorge in Form von Schutz und Wiederherstellung, die nicht in dem Maße erfolgt, wie es nötig wĂ€re, um unsere natĂŒrliche Welt davor zu bewahren, noch tiefer in die schwere und unumkehrbare Degradation zu fallen, die jeden Tag geschieht, wĂ€hrend wir dasitzen und uns mit hirnlosen Anschuldigungen beschĂ€ftigen.

Apropos hirnlose Anschuldigungen, lasst uns einen Bericht aus der Alsfelder Allgemeinen vom 16. Juni hören, der eine der vielen fragwĂŒrdigen Aussagen der Polizei zitiert:

“Ich dachte, es ist so wie die Tage zuvor. Die Aktivisten denken, ok, wir hatten unseren Spaß und alle wollen wieder sicher vom Baum runter.”

Spaß, ich glaube, die Übersetzung fĂŒr “Spaß” ist “fun”. Die Menschen im Dannenröder Wald und in den WĂ€ldern in ganz Deutschland sind immer wieder auf die BĂ€ume gestiegen, aber glauben sie, dass die Angst vor der Repression durch die Polizei fĂŒr sie Spaß ist?

Allein in einer GefĂ€ngniszelle zu sitzen, mit dem GerĂ€usch von KettensĂ€gen, den Schreien von Freund*innen und dem Anblick von umstĂŒrzenden BĂ€umen und Tausenden von Polizisten, die dich vielleicht verprĂŒgeln wollen, ist vielleicht Spaß?

Was ist mit all den Menschen, deren Sicherungsseile von der Polizei durchtrennt wurden und die meterhoch zu Boden fielen? Was ist mit der Person, die mit WirbelsĂ€ulenverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde? Wie viel Spaß hat ihre Genesung gemacht?

Wie lustig ist es, dass so viele meiner Generation unter dem leiden, was als “Öko-Trauer” und “Öko-Angst” bekannt geworden ist, da es mit jedem Tag, mit jeder Woche Berichte gibt, die zeigen, wie schlimm die Situation unserer planetarischen Gesundheit wirklich ist? Erst kĂŒrzlich wurde bekannt, dass das Eis des Polarkreises bis 2035 komplett verschwunden sein könnte, da die ErwĂ€rmung sowohl unter dem Schelfeis als auch von oben und den umgebenden Strömungen stattfindet. Wenn meine Generation die bevorstehenden Gefahren dieser Ereignisse sieht und die demokratisch gewĂ€hlten FĂŒhrer, die sich weigern und vorgeben, viel dagegen zu tun, stattdessen aber sich sogar dafĂŒr entscheiden, die Gefahren zu beschleunigen, indem sie solch einen rĂŒcksichtslosen Ökozid zulassen, kann ich Ihnen sagen, dass die Trauer ĂŒber das, was wir verlieren, und die Angst vor dem, was kommen könnte, kein Spaß ist.

Ich hatte jeden Tag die Möglichkeit, meine IdentitĂ€t abzugeben und aus dem GefĂ€ngnis zu kommen, aber leider ist das Privileg der Sicherheit in der AnonymitĂ€t fĂŒr die unteren Klassen nicht so leicht zu erreichen wie fĂŒr die Polizei. Und so habe ich mich mit den Konsequenzen auseinandergesetzt, anonym und sicher bleiben zu wollen in einer Welt des Aktivismus, die Repressionen riskiert, wĂ€hrend ich an echten kriminalistischen Ermittlungen arbeite, diejenigen zu stoppen, die tĂ€glich Angriffe auf die ÖkosphĂ€re verĂŒben.

Bestrafung, Drohungen und Bloßstellung erhöhen nicht die Sicherheit. Das gegenseitige Verstehen der besten Interessen, das Leben in und Handeln aus der gleichen RealitĂ€t, tut es. Diese Sicherheit und dieser Kampf um den Erhalt unserer schönen und gesunden natĂŒrlichen Welt ist das, was ich ĂŒber meine eigene Freiheit stelle. Diese besten Interessen sind meine eigenen und die von vielen der Aktivist*innen. Sie sind immer noch in den BĂ€umen und immer noch auf den Straßen und wollen, dass die Behörden von der gleichen RealitĂ€t ausgehen und handeln. Wir wollen den Ökozid beenden und die Repression beenden.

Wir laden dich ein, dich uns anzuschließen.


JVA Preungesheim
JVA 3 z.H. UWP Eins O
bere KreuzĂ€ckerstraße 4
60435 Frankfurt
Deutschland

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Quelle: Abc-wien.net