Juli 30, 2021
Von Emrawi
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Das Ende der 1980er Jahre war weltweit von ökonomischen und politischen UmbrĂŒchen gekennzeichnet, die die Bedingungen revolutionĂ€rer Politik von Grund auf verĂ€nderten. Vor diesem Hintergrund wurde dutzenden kurdischen Aktivisten und Aktivistinnen der Prozess gemacht. HĂŒseyin Çelebi war einer von ihnen. Nach zwei Jahren im GefĂ€ngnis wurde er 1990 entlassen und ging dann nach Kurdistan zur Guerilla. Christa Eckes war damals schon lĂ€nger im Knast. Sie hatte sich 1973 der RAF angeschlossen und war 1984 zum zweiten Mal verhaftet worden. Der Briefwechsel zwischen den beiden Gefangenen umspannt die Zeit des Hungerstreiks der Gefangenen aus RAF und Widerstand 1989 und des DĂŒsseldorfer „Kurden-Prozesses”, der das spĂ€tere PKK-Verbot vorbereitete, das bis heute andauert.

Trotz der EinschrĂ€nkungen durch die Zensur schafften es Christa Eckes und HĂŒseyin Çelebi, eine Korrespondenz aufzubauen, in der sie ihre Erfahrungen mit der Isolationshaft und der Justiz austauschen und die Situation der kurdischen, tĂŒrkischen und deutschen Linken reflektieren. In ihrem subtil-ironischen Stil zeigen die Briefe auch, wie sich die beiden in kurzer Zeit nĂ€her kommen, und eine Kraft, die Mut macht.

Herausgeberinnen sind WeggefÀhrtinnen von Christa Eckes

Gisela Dutzi hat diesen besonderen Briefwechsel herausgegeben. Erschienen ist das 200 Seiten starke Buch mit einem Beitrag vom PKK-MitbegrĂŒnder Duran Kalkan, einer ausfĂŒhrlichen Chronologie und zahlreichen Fotos in der Edition Cimarron. Gisela Dutzi, Sieglinde Hofmann und Brigitte Mohnhaupt, die Christa Eckes zu unterschiedlichen Zeiten im Knast und in der IllegalitĂ€t kennengelernt und intensive Jahre mit ihr zusammen erlebt haben, haben eine gemeinsame Einleitung geschrieben. Auch nach der Zeit im GefĂ€ngnis sind sie sich nah geblieben, die politische Beziehung war eng.

2012 ist Christa Eckes gestorben und hat ihre Korrespondenz mit HĂŒseyin Çelebi hinterlassen. „Wir wussten aus GesprĂ€chen, dass sie ihr immer wichtig war und dass sie auch vorhatte, alles zu sortieren und HĂŒseyins Vater Kopien zu bringen. Erst spĂ€ter begannen wir uns ĂŒber das Paket der Briefe einen Überblick zu verschaffen – was gehört zusammen, was sind die inhaltlichen Bereiche. Vieles war nur noch schwer lesbar, 30 Jahre alte DurchschlĂ€ge, fehlende Ecken, schlechte Kopien usw. – also musste zuerst alles abgetippt werden”, schreiben die Herausgeberinnen.

Ein weiterer Ansporn fĂŒr die drei Frauen, sich mit dem Briefwechsel genauer zu beschĂ€ftigen, kam durch eine Reise von Dutzi im FrĂŒhjahr 2018 nach Rojava und die politischen AktivitĂ€ten und Projekte, die sie dort kennenlernte. Ein zentraler Satz der kurdischen Frauen sei: „70 Prozent des Kampfes ist der um die eigene VerĂ€nderung.” Das war auch fĂŒr Dutzi eine grundlegende Erfahrung, in der IllegalitĂ€t wie in den Knastjahren, und besonders klar in der Isolation.

Briefe versetzen zurĂŒck in den Knast und die Zeit vor dem letzten großen RAF-Hungerstreik

Nicht einfach sei es gewesen, in den Austausch der beiden „reinzukommen”, die Menge an Infos zum Knastalltag, zu Verhaftungen und Prozessen aufzunehmen. „Auf den ersten Blick war es vor allem anstrengend, und wir haben uns gefragt, wer so viel Interesse und Geduld haben wĂŒrde, das zu lesen. Aber mit dem Abtippen hat sich dieser Eindruck geĂ€ndert, es hat uns geholfen, immer genau hinzuschauen, den Gedanken der beiden zu folgen und dabei auch Kleinigkeiten, besondere Details wahrzunehmen, die uns beim Durchlesen davor ganz entgangen waren.”

Die Briefe hĂ€tten zurĂŒckversetzt in den Knast und die Zeit vor dem letzten großen RAF-Hungerstreik 1989: „Die Diskussionen damals drehten sich viel um die globale politische Entwicklung. Es war absehbar, dass sich diese auf einen historischen Umbruch zubewegte. Daraus haben wir den Hungerstreik anders bestimmt als in den Jahren davor. Wir wollten unsere Zusammenlegung auch, um Teil der Diskussion einer umfassenden Neuorientierung sein zu können, die notwendig geworden war. Aber auch als Schritt zur Freilassung; nach vielen Jahren Knast und Isolation war die Gesundheit der meisten von uns zerrĂŒttet.”

Die SolidaritĂ€t in dieser Zeit und der Widerstand gegen die destruktiven Entwicklungen hatten eine große gesellschaftliche Spannbreite und Militanz. Das fand ja unmittelbar vor dem historischen Einschnitt Anfang der 1990er Jahre statt, der weltweit die Ausgangsbedingungen fĂŒr revolutionĂ€re Entwicklungen verĂ€nderte. Die Briefe seien deshalb ein Dokument, das den realen Knast wiedergebe auch mit dem Klein-Klein, den ganzen Details – „denn genau so ist es, das tĂ€gliche Gezerre, das Herumschlagen mit der Zensur usw.”

Export des westdeutschen Isolationsregimes in die TĂŒrkei:„F-Typ”-GefĂ€ngnisse

Ein Thema ist die Isolationshaft, die Christa Eckes aus all den Jahren in ihren Auswirkungen gut kannte. Ihr sei es wichtig gewesen, diese Erfahrungen an HĂŒseyin Çelebi und seine Genossinnen und Genossen zu vermitteln. Einige der kurdischen Gefangenen hatten Knast und Folter in der TĂŒrkei hinter sich; dort waren die politischen Gefangenen immer zusammen. Erst spĂ€ter, in den Jahren 1990 bis 2000, begann der Export des westdeutschen Isolationsregimes in die TĂŒrkei, es entstanden die sogenannten „F-Typ”-GefĂ€ngnisse.

„Es gibt Fotos aus den tĂŒrkischen KnĂ€sten von Gefangenen aus der Zeit 1988/89. Christa bezieht sich in den Briefen auf diese Fotos und freut sich darĂŒber, dass die Gefangenen dort in Gruppen zusammen sind. FĂŒr die kurdischen Gefangenen hier war die Isolationshaft eine neue Erfahrung. Das begann gleich damit, dass die Festgenommenen im Februar 1988 auf viele KnĂ€ste verteilt wurden, um jeden Kontakt untereinander zu verhindern. Allein schon die Forderung nach Zusammenlegung wurde in der BRD kriminalisiert.

Zum Beispiel erzĂ€hlt HĂŒseyin, dass Selahattin Erdem ihn fragt, ‚ob es nicht möglich ist, dass wir zur Vorbereitung unserer Verteidigung zusammengelegt werden können, weil dies in der TĂŒrkei möglich ist. Jetzt muss ich ihm schreiben, dass diese Überlegung selbst schon ‚terroristisch’ ist”.

Çelebi schrieb zur Geschichte der Ezid:innen

Bei einem Brief von Çelebi vom 9. Februar 1989 zur Geschichte der Ezid:innen stellte sich sofort die Verbindung zu heute her, dem Genozid an der ezidischen Gemeinschaft durch den „Islamischen Staat“ (IS) in ƞengal 2014 und der Rettung der Überlebenden durch die YPG/YPJ- und HPG-KĂ€mpferinnen und -KĂ€mpfer.

„Ein anderes Thema ist das VerhĂ€ltnis und die Zusammenarbeit der kurdischen Bewegung und der tĂŒrkischen Linken. Christa war das wichtig, sie fragt öfter danach. Sie kam in einer Zeit in den Knast, als die Einheit der KĂ€mpfe in Westeuropa bei aller Unterschiedlichkeit die Diskussion bestimmte. ‚Zusammen kĂ€mpfen’ war die politische Haltung und Ziel militanter Gruppen und Guerillas in der BRD und Westeuropa.”

Schließlich haben sich Gisela Dutzi, Sieglinde Hofmann und Brigitte Mohnhaupt dafĂŒr entschieden, alle vorhandenen Briefe mit nur unwesentlichen Änderungen zu veröffentlichen. Da es so lange her ist, direkt vor dem historischen Einschnitt, wurde eine Chronologie zu diesem Jahrzehnt, den 1980er Jahren, angehĂ€ngt. Bei der Erarbeitung und Recherche dazu wurde noch einmal klar, was das fĂŒr ein Jahrzehnt gewesen sei, in dem unzĂ€hlige KĂ€mpfe und Widerstandsaktionen weltweit stattfanden, als ob alles in die Waagschale geworfen wĂŒrde gegen die destruktive Entwicklung und um das KrĂ€fteverhĂ€ltnis umzudrehen. Christa Eckes hatte die weltweite Entwicklung immer im Blick. Der Internationalismus war Ausgangspunkt sowohl fĂŒr sie als auch fĂŒr HĂŒseyin Çelebi, was in ihren Briefen auch deutlich zum Ausdruck kommt.

Briefwechsel ein berĂŒhrendes Zeugnis

„Je intensiver wir uns mit den Briefen beschĂ€ftigten, um so mehr haben wir gesehen, dass sie nicht nur ein Dokument sind, das einen bestimmten historischen Zeitpunkt festhĂ€lt, oder ein Austausch an Information und Diskussion. Sie sind auch ein berĂŒhrendes Zeugnis, wie zwei, die sich nicht kennen, trotz aller Hindernisse eine NĂ€he zueinander entwickeln – ein bestimmter Draht entsteht, wie sie einander immer besser ticken. Auch in ihrem oft gleichen ironischen Ton und leisen Humor.”

Briefwechsel

Christa Eckes, HĂŒseyin Çelebi | April 1988 – Dezember 1989

200 Seiten | € 12,00 ISBN 978-2-931138-01-4

Bestellbar bei http://www.fair-bestellwerk.com/edition-cimarron oder ĂŒber digital@leibi.de




Quelle: Emrawi.org