Mai 1, 2021
Von Contraste
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»Bringst du mir was Schönes mit?« fragen nicht nur Kinder. Es ist der Wunsch nach Überraschung. Zwar wĂŒnscht man sich EinfĂŒhlung in die eigenen BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche, aber es soll doch auch eine Überraschung werden, die Perspektive und die Besonderheit des Anderen sollen ebenso ins Spiel kommen. Vielleicht gerate ich so an etwas Neues, an das ich selber gar nicht gedacht hatte. Bekommen, was ich will – das klingt zwar sehr nach Selbstbestimmung und Autonomie, kann mich aber auch Ă€rmer machen und das Leben uninteressanter.

Unsere Kolumne: Blick vom MaulwurfshĂŒgel – Illustration: Eva Sempere

»Linear ist out!« las ich neulich. Sich die Fernsehinhalte vom Tagesprogramm vorgeben zu lassen, wird langsam altmodisch ist damit gemeint. Heute sucht man sich das Programm lieber wie aus einer Speisekarte aus, ĂŒber YouTube oder andere Streaming-Dienste. Das klingt nach Selbstorganisation, Selbstbestimmung und individueller Geschmacksentwicklung. Ich merke allerdings, dass ich dabei etwas vermisse: Die Angebote der Fernsehprogramme kommen fĂŒr mich aus der Tiefe der Gesellschaft, werden von unzĂ€hligen Redakteur*innen und Autor*innen kreiert, geplant, abgestimmt, organisiert, diskutiert und schließlich kommuniziert und gesendet. Mit dem Endergebnis, dass viele Menschen zu einer bestimmten Zeit etwas mit anderen zusammen sehen und hören. Auch wenn diese Menschen nicht real nebeneinander sitzen, ist das ein schöner Gedanke. Und sie haben ein gemeinsames GesprĂ€chsthema, am nĂ€chsten Tag am Arbeitsplatz, oder in letzter Zeit sogar zeitgleich ĂŒber Social Media, wo etwa ausfĂŒhrlich jeder »Tatort« kommentiert wird.

Es ist wie beim Bahnfahren: Mit Stolz, Bewunderung und einem glĂŒcklichen GefĂŒhl der Zusammengehörigkeit steige ich mit anderen erwartungsvollen Reisenden in ZĂŒge, die mir gesellschaftlich zur VerfĂŒgung gestellt werden, nutze als WeltbĂŒrger das weltweite Schienennetz, als wenn es fĂŒr mich geschaffen worden wĂ€re. Im Auto sitze ich in meinem eigenen GerĂ€t, als Ware gekauft und angeeignet – mit der Gesellschaft, den anderen, hat es nichts zu tun. Auch wenn das Straßennetz gesellschaftlich zustande kommt und unterhalten werden muss und wenn es Verkehrsregeln gibt – das Individualfahrzeug ist eben gerade das Vehikel persönlicher Freiheit und UnabhĂ€ngigkeit und damit Ausdruck der Abgrenzung vom gesellschaftlichen Zusammenhang.

Auch bei meinem Sudoku freue ich mich immer auf das tagesaktuelle RĂ€tsel in meiner Tageszeitung. Ich könnte mir natĂŒrlich ein RĂ€tselheft mit hunderten Sudokus kaufen und hĂ€tte dann immer welche zur VerfĂŒgung. Aber da fehlt die Überraschung.

»Bring mir was Schönes mit!« VernĂŒnftig ist sicher, eine perfekte Einkaufsliste zu schreiben, um keine unangenehmen Überraschungen zu erleben. Aber Überraschungen und VerĂ€nderung machen das Leben erst spannend. Selbstbezogener Individualismus ist auch immer Verarmung, Einseitigkeit und Langeweile. Ich freue ich mich also darauf, was sich die Fernsehredakteur*innen heute Abend fĂŒr mich ausgedacht haben.

Uli Frank




Quelle: Contraste.org