Juni 15, 2021
Von InfoRiot
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Mahlow – Vor 25 Jahren zerstörten Nazis das Leben von NoĂ«l Martin. Der Ort Mahlow, in dem der Angriff geschah, erinnert mit einer Aktionswoche an die Tat und NoĂ«l Martin.

NoĂ«l Mar­tin will nur noch weg. Am Bahn­hofsvor­platz in Mahlow, einem beschaulichen Ort nahe der SĂŒd­gren­ze von Berlin, wer­den Mar­tin und seine bei­den Begleit­er, alle drei dunkel­hĂ€utige Briten, von dem Recht­sex­trem­is­ten Mario P. mit dem N‑Wort fĂŒr Sklaven beschimpft. Ein­er von Mar­tins Begleit­ern zeigt dem Jung­nazi und dessen Clique den Stinkefin­ger. Dann steigen die drei Bauar­beit­er in Mar­tins Jaguar und fahren los.

Doch Mario P. will nicht hin­nehmen, von einem Schwarzen den Mit­telfin­ger gezeigt zu bekom­men. Der Recht­sex­trem­ist springt in einen zuvor gestohle­nen VW Golf, Kumpan San­dro R. kommt mit. Die bei­den rasen auf dem Glasow­er Damm dem Jaguar hinterher.

Bei ein­er BrĂŒcke ĂŒber die Eisen­bahn steuert Mario P. den Golf auf der Gegen­fahrbahn neben den Wagen der Briten. San­dro R. wirft einen mehrere Kilo schw­eren Stein ins Auto der ver­has­sten Aus­lĂ€n­der. NoĂ«l Mar­tin schre­it, er ver­liert die Kon­trolle ĂŒber den Jaguar. Der Wagen kracht in einen Baum. Die Nazis rasen weiter.

Das ist jet­zt 25 Jahre her. Die Tat vom 16. Juni 1996 löste ĂŒber Bran­den­burg hin­aus Entset­zen aus. Wegen des extremen Angriffs und der grausi­gen Folgen.

NoĂ«l Mar­tin wird beim Auf­prall am Baum im Wagen einge­quetscht. Die Ärzte kön­nen sein Leben ret­ten, aber nicht ver­hin­dern, dass er vom Hals abwĂ€rts gelĂ€hmt ist. Wieder hat die rohe Gewalt junger Recht­sex­trem­is­ten in den soge­nan­nten Base­ballschlĂ€ger­jahren ein Opfer gefordert.

Schmerzhaftes Kapitel der Ortsgeschichte

Mar­tin ist bei weit­em nicht das einzige, dreiein­halb Monate spĂ€ter schlĂ€gt im nahen Treb­bin ein Skin­head seine Base­bal­lkeule dem Ital­iener Orazio Giamblan­co gegen den Kopf. Giamblan­co ist seit­dem spastisch gelĂ€hmt. Doch Mar­tins Schick­sal war noch schlim­mer. Im Juli 2020 stirbt er, ger­ade­mal 60 Jahre alt, als Pflege­fall in einem Kranken­haus der englis­chen Großs­tadt Birmingham.

Mahlow erin­nert sich. Diesen Mittwoch, so hat es die Gemein­de­v­ertre­tung von Blanken­felde-Mahlow im Feb­ru­ar beschlossen, wird die BrĂŒcke ĂŒber die Bahn­lin­ie nach NoĂ«l Mar­tin benannt.

Am nahen Mah­n­mal am Glasow­er Damm gibt es eine kleine Zer­e­monie. Sie ist Teil ein­er Aktionswoche gegen Ras­sis­mus, ver­anstal­tet von der Gemeinde, dem Bran­den­burg­er Aktions­bĂŒnd­nis gegen Gewalt, Recht­sex­trem­is­mus und Frem­den­feindlichkeit, dem Vere­in Opfer­per­spek­tive und weit­eren Akteuren. Mahlow hat sich offenkundig verĂ€n­dert. Die Gemeinde beken­nt sich zu einem schmerzhaften Kapi­tel ihrer Geschichte.

Nach dem Angriff auf NoĂ«l Mar­tin hat­te der dama­lige BĂŒrg­er­meis­ter zunĂ€chst laviert und ver­sucht, das Prob­lem des Recht­sex­trem­is­mus kleinzure­den. Das gibt es heute nicht mehr. Und der Bahn­hofsvor­platz ist offen­bar kein Angstraum mehr fĂŒr Migranten. Rechte Cliquen sind im Orts­bild, zumin­d­est auf den ersten Blick, nicht mehr zu sehen. Ras­sis­mus ist nicht ver­schwun­den, wie nir­gend­wo, doch heute stam­men in Mahlow mehr als zehn Prozent der Bevölkerung aus Ein­wan­der­erfam­i­lien. Der Ort wirkt offen­er als vor 25 Jahren.

„AnfĂ€nglich wurde die Tat eher ver­drĂ€ngt“, sagt Mar­tin Schwu­chow (SPD), seit 2019 BĂŒrg­er­meis­ter von Blanken­felde-Mahlow. Über den Vere­in „BĂŒrg­er fĂŒr BĂŒrg­er“ sei dann die Aufar­beitung in Gang gekommen.

Schwu­chow bedauert, selb­st Mar­tin nicht ken­nen­gel­ernt zu haben. Aber er war bei der Beerdi­gung in Birm­ing­ham. Schwu­chow set­zt Zeichen. Er weiß allerd­ings auch, dass Ras­sis­mus ein Prob­lem bleibt. Nicht mehr so vir­u­lent wie in den 1990er Jahren, sagt er, aber latent. „DarĂŒber muss man reden“.

Die TĂ€ter von damals haben ihre Strafen ver­bĂŒĂŸt und scheinen danach in den bĂŒrg­er­lichen All­t­ag einge­taucht zu sein. Wie andere gewalt­tĂ€tige Rechte aus den Base­ballschlĂ€ger­jahren. Mario P. ist heute 49 Jahre alt, San­dro R. ist 40. Was sie machen, ist in Mahlow nicht zu erfahren.

“Eindeutig dĂŒmmliche AuslĂ€nderfeindlichkeit”

Das Landgericht Pots­dam hat­te im Dezem­ber 1996 Mario P. zu acht Jahren Haft verurteilt, San­dro R. bekam fĂŒnf Jahre Jugend­strafe. Der Vor­sitzende Richter Klaus Przy­bil­la bescheinigte ihnen in der Urteils­be­grĂŒn­dung „ein­deutig dĂŒmm­liche AuslĂ€nderfeindlichkeit“.

Im Prozess hat­ten P. und R. herum­genuschelt und die Tat eher lau ges­tanden. Bei Mario P. war die Reue ein Lip­pen­beken­nt­nis. Die Wartezelle im Gericht bemalte er mit SprĂŒchen wie â€žFuck You N*****“ und „Juden und N***** an die Wand“.

NoĂ«l Mar­tin engagierte sich, soweit es die schwere Behin­derung zuließ, gegen recht­en Hass. Im Juni 2001 besuchte er Mahlow und grĂŒn­dete den „NoĂ«l und Jacque­line Mar­tin-Fonds“. Seine Lebens­ge­fĂ€hrtin Jacque­line hat­te ihn in Birm­ing­ham gepflegt. Zwei Tage vor ihrem Kreb­stod im April 2000 haben sie geheiratet.

Über den Fonds, mit­fi­nanziert vom Land Bran­den­burg, wur­den jun­gen MĂ€rk­ern Reisen nach Birm­ing­ham ermöglicht, um das Leben in ein­er mul­ti­kul­turellen Metro­pole ken­nen­zuler­nen. Im Juli 2008 wurde der Fonds in eine Stiftung umgewandelt.

Zwei Jahre zuvor hat­te Mar­tin angekĂŒndigt, mit Unter­stĂŒtzung eines Schweiz­er Vere­ins fĂŒr Ster­be­hil­fe aus dem Leben zu schei­den. Die Behin­derung und der Tod sein­er Frau hat­ten Mar­tin zer­mĂŒrbt. Doch dann kam der Lebenswillen zurĂŒck.

Die Stiftung und die Arbeit fĂŒr Ver­söh­nung waren ihm wichtig. Und 2006 gewann sein Pferd „Bad­dam“ das berĂŒhmte Ren­nen von Ascot. Im sel­ben Jahr besuchte die Tagesspiegel-Redak­teurin Annette Kögel in Birm­ing­ham den gelĂ€hmten Mann und war tief beein­druckt von dessen Mut und Offenheit.

2007 schrieb Mar­tin seine Auto­bi­ografie fer­tig. Doch es kamen weit­ere Schick­salss­chlĂ€ge. Mar­tin wurde 2012 in seinem Haus in Birm­ing­ham aus­ger­aubt, seine neue Lebens­ge­fĂ€hrtin verunglĂŒck­te 2013 tödlich, ein Jahr spĂ€ter erlitt er einen Herz­in­farkt. Im ver­gan­genen Jahr war Mar­tins Kraft endgĂŒltig aufgebraucht.

Warum wird nun eine „NoĂ«l-Mar­tin-BrĂŒcke“ an das Ras­sis­mu­sopfer erin­nern? Aus zwei GrĂŒn­den, sagt BĂŒrg­er­meis­ter Schwu­chow. „Sie ist nahe am Anschlag­sort und sie ist ein Sym­bol. Das war NoĂ«l Mar­tin immer wichtig, BrĂŒck­en zu bauen.“






Quelle: Inforiot.de