Februar 26, 2021
Von End Of Road
233 ansichten


Der Wiener Bahoe-Verlag hat verdienterweise ein im Jahr 2014 in Griechenland erschienes Buch ĂŒber die Geschichte der Stadtguerillagruppe 17. November (im folgenden: 17N) ĂŒbersetzt und veröffentlicht. Es ist auch die politische Autobiografie eines ihrer historischen AnfĂŒhrer: Dimitris Koufodinas bescheibt sein politisches Leben und das des 17N. Die Schnittmengen sind gewaltig.

Es ist zu befĂŒrchten, dass die verkaufte Auflage der deutschsprachigen Ausgabe gering bleibt: es geht um den bewaffneten Kampf in der europĂ€ischen Peripherie, ein Thema fĂŒr speziell Interessierte; es handelt von einer Guerillagruppe, wie sie zumindest in Westeuropa schon seit einer politischen Generation nicht oder kaum mehr existiert. Hinzu kommt, dass sich fĂŒr die sozialen und politischen VerhĂ€ltnisse in Griechenland hierzulande kaum jemand interessierte, solange 17N existierte (1975-2002). Das hĂ€tte das Buch nicht verdient.

Es gibt auch gute GrĂŒnde, warum es anders kommen kann. Heute beziehen sich viele deutsche radikale Linke auf die KĂ€mpfe in Griechenland. Viele Militante aus Westeuropa finden sich alljĂ€hrlich am 6. Dezember in Exarcheia ein, um am Jahrestag der Ermordung von Alexis Grigoropoulos mit den Genoss*innen vor Ort zu kĂ€mpfen. Erstaunlicherweise findet auch die griechische Form des Insurrektionalismus – oder Nihilismus, wie Kritiker*innen es nennen – Nachahmung in anderen LĂ€ndern.

Auch ist das Buch sehr lesenswert.

Große Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, das Buch wartet mit einem ausfĂŒhrlichen Glossar auf, in dem Namen und KĂŒrzel erklĂ€rt werden. Über den kleinen Makel, dass die Namen von Personen aus dem griechischen Alphabet eins zu eins ĂŒbernommen werden und so teilweise im lateinischen Alphabet unaussprechbar werden, kann mensch locker hinweglesen. Die griechische Geschichte von ca. 1941 bis 1973 bricht Koufodinas im Crashkurs gelungen herunter und beginnt mit seinen eigenen Erlebnissen beim Aufstand gegen die Junta im November 1973, als er 15 Jahre alt war. Die Niederschlagung des Aufstandes am zentralen Ort des Polytechnikums (TU) in Athen am 17. November durch die Panzer der Junta ist fĂŒr eine ganze Generation der griechischen Linken prĂ€gend. Ein kleiner Teil organisiert sich als 17N und in einer ersten Aktion wird zwei Jahre spĂ€ter der CIA-Resident in Athen erschossen.

In der Folgezeit wird sich 17N zu einer der spektakulÀrsten Guerillagruppen in Westeuropa entwickeln.

Dies liegt zum einen an der hohen Anzahl der durchgefĂŒhrten Aktionen (das Buch listet alle AnschlĂ€ge in einem Anhang auf), zum anderen aber viel wesentlicher daran, dass bis 2002 niemals auch nur ein einziges Mitglied von 17N bekannt geworden ist, geschweige denn festgenommen wurde. Hinzu kommt eine außerordentlich hohe Sympathie in der Bevölkerung. In vielen durchgefĂŒhrten Befragungen Ă€ußerten zwischen 20 und 30% der Griech*innen ihre Zustimmung zu Aktionen des 17N. Ihre Bekennerschreiben werden von der Tageszeitung Eleftherotypia – einer Art griechischer Frankfurter Rundschau – grundsĂ€tzlich ungekĂŒrzt veröffentlicht. Die Auflage wird jedesmal drastisch erhöht, weil das InformationsbedĂŒrfnis groß ist, warum 17N seine Aktionen durchfĂŒhrt.

Diese ungewöhnliche Verankerung einer Stadtguerillagruppe in Westeuropa – mit Ausnahme von IRA und ETA – mag aber evtl. zum Teil daran gelegen haben, dass vermeintlich nationalistische Tendenzen bei 17N existierten. Aktionen gegen tĂŒrkische Diplomaten wegen der Besetzung von Nord-Zypern, gegen deutsche Konzerne wegen der Übername von griechischen Firmen, Analysen ĂŒber Griechenland als US-amerikanisches bzw. britisches Protektorat fĂŒhrten zu dem Vorwurf des Nationalismus seitens anarchistischer Genoss*innen. Fakt ist aber auch, dass 17N eine ganze Reihe von Aktionen gegen griechische Kapitalisten, Konzerne, staatliche Einrichtungen und Politiker durchfĂŒhrte.

Die griechische kommunistische Partei KKE jedenfalls denunzierte 17N permanent als staatliche Provokateure, was aber keine Besonderheit in der Politik der KKE darstellt, da sie jede linke und anarchistische Kraft außerhalb ihrer Parteigrenzen in schlechter Tradition und Alleinvertretungsanspruch als konterrevolutionĂ€r versucht darzustellen. 17N seinerseits dĂŒrfte sich als marxistisch-leninistische Kraft verstanden haben, die aber dem Grundsatz des Primats der Praxis den Vorrang gab und wie andere bewaffnete Gruppen auch nicht abwarten wollte, bis die „objektiven Bedingungen“ soweit waren, dass die Revolution stattfinden kann.

Ende 1989 Anfang 1990 erfĂ€hrt die Logistik von 17N einen Quantensprung. Durch den Diebstahl einer Vielzahl von Granaten aus einem MilitĂ€rdepot und zwei PanzerfĂ€usten aus dem Kriegsmuseum im Zentrum von Athen wĂ€hrend der Öffnungszeiten hat die Organisation nunmehr die Möglichkeit, mit Distanzwaffen AnschlĂ€ge hoher militĂ€rischer QualitĂ€t durchzufĂŒhren. In der Folge kommt es zu einer Vielzahl von Angriffen mit Raketenwerfern und eben den PanzerfĂ€usten.

17N operiert bis 1992 auf dem Höhepunkt seiner FĂ€higkeiten, zahlenmĂ€ĂŸig scheinen genĂŒgend Mitglieder vorhanden zu sein, um auch in hoher Schlagzahl bewaffnete Aktionen durchzufĂŒhren. Koufodinas beschreibt weit mehr als einmal in anschaulichen Details, wie genau solche Aktionen durchgefĂŒhrt worden sind.

In der Folgezeit scheinen die Auswirkungen des Falls der Berliner Mauer auch erhebliche Auswirkungen fĂŒr 17N zu haben. Offensichtlich halten eine große Zahl der Mitglieder den bewaffneten Kampf fĂŒr keine zeitgemĂ€ĂŸe Option mehr und verlassen die Organisation. 17N schrumpft von „einer Organisation zu einer Gruppe“, besteht aber weiterhin und löst sich nicht auf, wie andere (bewaffnete) Gruppen in Westeuropa.

Weitere Aktionen werden durchgefĂŒhrt bis es fĂŒr 17N zur Totalkatastrophe im Sommer 2002 kommt. Bei einer relativ kleinen Aktion, fĂŒr die 17N gar nicht vorhatte, die Verantwortung zu ĂŒbernehmen, wird ein Aktivist durch einen zu frĂŒh explodierenden Sprengsatz schwer verletzt und verhaftet. 17N fĂ€llt zusammen wie ein Kartenhaus. Die vermeintliche Sicherheit einer scheinbar unfassbaren Guerilla verwandelt sich in das totale Gegenteil, binnen kĂŒrzester Zeit ist die Struktur des 17N komplett aufgerollt. GestĂ€ndnisse, Aussagen, Distanzierungen fĂŒhren zur Verhaftung von einer Reihe von Personen. Koufodinas ist noch als einer der wenigen auf freiem Fuß. In dieser Situation stellt er sich den Behörden und ĂŒbernimmt fĂŒr alle Aktionen von 17N die politische Verantwortung.

In einem politischen Prozess gegen 19 Angeklagte werden 2.500 Anklagepunkte aus fast 30 Jahren Existenz von 17N verhandelt.

Koufodinas verteidigt sich politisch und rechtfertigt jede Aktion. Eleftherotypia veröffenlicht sein Schlusswort aus dem Prozess ungekĂŒrzt und hat vorsichtshalber die Auflage verdoppelt, dennoch ist die Zeitung nachmittags kaum mehr erhĂ€ltlich. Das Urteil gegen Koufodinas ist mit 13 mal lebenslĂ€nglich das Höchste. Ihm zustehender Hafturlaub wird jahrelang verweigert. Im November 2017 darf er zum ersten Mal fĂŒr einen 48 stĂŒndigen Hafturlaub den Knast verlassen. Die griechische Rechte, das US-State Departement und die englische Regierung spucken Gift und Galle und fordern schlichtweg, geltendes Recht außer Kraft zu setzen.

Koufodinas scheint ungebrochen und wurde vor nicht allzulanger Zeit aus dem Hochsicherheitstrakt Korydallos in PirÀus in ein sogenanntes AgrargefÀngnis in die NÀhe von Volos verlegt.

Quelle:
bahoebooks




Quelle: Endofroad.blackblogs.org