Dezember 6, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 6 Minuten

Ein gespiegelter Hinweis auf die Bitte zur UnterstĂŒtzung eines spannenden Buchprojektes
 Und nebenbei noch die Verbreitung der solidarischen Crowdfounding-Plattform Firefund

https://www.firefund.net/umgaeng

Liebe Interessierte, liebe politische VerbĂŒndete, liebe Freund*innen,

als politisch Aktive aus verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen und Projekten im deutschsprachigen Raum sehen wir uns immer wieder mit gesellschaftlichen Machtstrukturen konfrontiert, die sich auch in unseren Umfeldern und politischen Gemeinschaften fortsetzen. Als Folgen dieser Machtstrukturen werden zum Beispiel regelmĂ€ĂŸig einzelne FĂ€lle von sexistischer Diskriminierung und sexualisierter Gewalt bekannt. Bewegungen wie #metoo und Ni una menos oder auch die Geschehnisse um das Festival „Monis Rache“ haben diese Themen auch im deutschsprachigen Raum an eine breitere Öffentlichkeit gebracht.

Zeichnung: FĂŒnf Personen sitzen auf einer Wiese im Kreis, ein paar lesen Zines und BĂŒcher, andere arbeiten an einem Laptop. Grafik „Just Us“ von der Grafikerin RabiaTin.

Wir erleben in Reaktion auf solche FĂ€lle immer wieder eine UnfĂ€higkeit, (gemeinschaftlich) Antworten auf Gewalt zu finden. Stattdessen kommt es zu Ignoranz und Hilflosigkeit gegenĂŒber Betroffenen sowie auch gewaltausĂŒbenden Personen. Die wenigen Handlungsversuche verbleiben oft Feuerwehrpolitik“ in den EinzelfĂ€llen, die aber nicht die Systematik von internen und/oder strukturellen Machtstrukturen bekĂ€mpfen, sondern lediglich Aktive ĂŒberlastet und oft nicht die erhofften Zwecke erreicht. So scheint einzig der RĂŒckgriff auf Strafe und AusschlĂŒsse, Justiz und Polizei Hilfe zu versprechen. Doch auch hier setzen sich gewaltvolle Strukturen fort: betroffenen Personen wird nicht geglaubt, TĂ€ter-Opfer-Umkehr betrieben oder ein potentiell retraumatisierendes (Zwangs-)Verfahren ins Rollen gebracht, das weder betroffenen Personen, noch ihren Gemeinschaften Aufarbeitung und Heilung ermöglicht und VerantwortungsĂŒbernahme gar nicht fördert.

Foto: Leute vom UmGĂ€ng Kollektiv bedrucken mit Siebdrucktechnik Textilien mit Bildern zum Thema Transformative Gerechtigkeit.

Solche Dynamiken schwĂ€chen und beschĂ€digen politische Strukturen und Gemeinschaften, ja, ganze Bewegungen und unsere Gesellschaft. Sie fĂŒhren lĂ€ngerfristig dazu, dass marginalisiertere Menschen ausgeschlossen werden, Gruppen sich in interne Konflikte verstricken und schließlich daran zerbrechen. Solche Dynamiken treten immer wieder auf, weil es an Strukturen fehlt, die alternative Erfahrungen zusammentragen und Handlungsmöglichkeiten generieren, anbieten und teilen können.

Auf der Suche nach Alternativen fanden im deutschsprachigen Kontext seit einigen Jahren erstmals Konzepte der Transformativen Gerechtigkeit (TG) Beachtung. Transformative Gerechtigkeit meint UmgĂ€nge mit Konflikten und zwischenmenschlicher Gewalt, die – statt auf Strafe und institutionalisierte Wege – auf Empathie, Heilung und individuelle sowie gesellschaftliche Transformation und die Verantwortung beteiligter Menschen setzen.

Konzepte Transformativer Gerechtigkeit beruhen auf alternativen Konfliktlösungsstrategien indigener Gemeinschaften wie zum Beispiel Restaurativer Gerechtigkeit (wiederherstellender Gerechtigkeit) und wurden unter diesem Namen seit den 1980ern von Queers und Feminist*innen of Color in Nordamerika entwickelt. Sie haben das Ziel, zwischenmenschliche Gewalt innerhalb der eigenen Community zu bearbeiten, ohne sich der rassistischen und patriarchalen Gewalt und UnterdrĂŒckung der Mainstreamgesellschaft und des Staates auszusetzen.

Zeichnung: Drei Personen sitzen auf einem Sofa. Die Person in der Mitte weint, die beiden Anderen trösten sie. Rundherum liegen TaschentĂŒcher, Schokolade und Buch. Grafik „Es ist Raum“ von der Grafikerin RabiaTin.

Das heißt zum Beispiel, der Polizei als zentralem Akteur patriarchaler, queerfeindlicher und rassistischer Gewalt sowie dem rassistischen und klassistischen Industriellen-GefĂ€ngnis-Komplex nicht den Eingriff in die eigene Gemeinschaft zu gewĂ€hren, sondern mit den eigenen Handlungen daran mitzuwirken, diese obsolet zu machen. Es geht also weder darum, Strafe in die eigene Hand zu nehmen, noch um ein Kleinmachen oder gar Entschuldigen zwischenmenschlicher Gewalt. Ganz im Gegenteil soll transformative Arbeit Gemeinschaften ermĂ€chtigen, Konflikte selbst in die Hand zu nehmen und abseits von staatlicher Strafe tatsĂ€chliche Hilfe und Heilung zu finden. Gewaltvolles Verhalten soll innerhalb der eigenen Community adressiert werden und gleichzeitig mĂŒssen die Strukturen, die es ermöglichen, sowie die gewaltvollen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse insgesamt transformiert (verĂ€ndert) werden.

TG setzt so verschiedene machtkritische Anliegen in ein konstruktives intersektionales VerhĂ€ltnis und bettet einzelne FĂ€lle von Gewalt in eine grundlegende Herrschaftsanalyse ein. TG bietet zudem einen praktischen Rahmen an, in dem bisherige Handlungsfelder wie BetroffenenunterstĂŒtzung und politische Arbeit als Teil eines grĂ¶ĂŸeren Ganzen gesehen und um zuvor meist unbeachtete Handlungsfelder wie den Umgang mit gewaltausĂŒbenden Person ergĂ€nzt werden.

Wir sind eine Gruppe von Menschen, die auf verschiedenen Ebenen patriarchale Gewalt und UnterdrĂŒckung wie Sexismus, Homo-, Trans- und Queerfeindlichkeit, sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen erleb(t)en. Wir alle haben Erfahrungen in der deutschsprachigen und europĂ€ischen linken Szene und antiautoritĂ€ren ZusammenhĂ€ngen gesammelt und arbeiten teils seit vielen Jahren mit Konzepten Transformativer Gerechtigkeit.

Zeichnung: Eine Person mit Spaten in der Hand grĂ€bt den Boden auf, der aus vielen Worten besteht, zum Beispiel „Ableismus“, „Privilegien“ und„Toxische MĂ€nnlichkeit“. Darunter steht der Schriftzug: It‘s gonna be hard work. Grafik „It‘s gonna be hard work“ von der Grafikerin RabiaTin.

Um unsere Erfahrungen zu teilen und mit Anderen in Austausch zu treten, möchten wir ein Handbuch zum Thema herausgeben. Das Buch soll verschiedene ZugÀnge zum Thema, theoretische wie praxisbezogene, versammeln. Unser Interesse ist, UmgÀnge mit zwischenmenschlicher Gewalt jenseits von Polizei, GefÀngnis und Justiz zu finden, auszuprobieren und zu verbreite(r)n.

Das Buch soll sich primĂ€r an Menschen richten, die schon etwas Vorwissen zu Transformativer Gerechtigkeit haben und die bestehende Basisliteratur, die in jĂŒngerer Zeit in deutscher Sprache entstanden ist, ergĂ€nzen. Dabei wollen wir Raum fĂŒr verschiedene Formate schaffen, ĂŒber Sachtexte und Interviews bis zu Lyrik und Kunst. Hinzu sollen Ausblicke und Angebote zum Weiterdenken an transformativen Ideen kommen. Durch seine Vielfalt wird das Buch aber auch ZugĂ€nge fĂŒr Menschen eröffnen, die mit der BeschĂ€ftigung des Themas erst beginnen oder sich auf einer theoretisch-akademischen Ebene nĂ€hern wollen. Zuguterletzt ermöglicht die PraxisnĂ€he in Kombination mit konkreten Methoden ebenfalls einen Zugang fĂŒr alle Menschen, die in ihren Beziehungen, Strukturen oder Selbstorganisationen bestehende GewaltverhĂ€ltnisse besprechbar, reflektierbar und schließlich transformierbar machen wollen.

Zeichnung: Die Zeichnung zeigt zwei Personen – eine Person lehnt sich an die Schulter der anderen Person, die einen Mittelfinger zeigt. Grafik „Verbunden VerbĂŒndet“ von der Grafikerin RabiaTin.

Das Buch soll verschiedene bestehende Texte und Gedanken zu TG ebenso ergĂ€nzen wie weiterdenken und erstmals Übersetzungen englischsprachiger Veröffentlichungen zum Thema in deutscher Sprache bieten. Das Herausgeber**innenkollektiv steht zudem in engem Kontakt mit anderen TG-Praktizierenden und möchte deren Expertisen in Form einzelner BeitrĂ€ge einholen. Mit eigenen Einleitungs- und Überblickstexten gibt das Herausgeber*innenkollektiv den verschiedenen Perspektiven einen Rahmen. Eigene Texte des Herausgeber*innenkollektivs zu unterschiedlichen Themen sollen zudem den Sammelband zu Transformativer Arbeit abrunden.

Die Verlegung soll 2022 ĂŒber einen politischen Verlag geschehen. HierfĂŒr laufen bereits GesprĂ€che.

Wir betrachten das Buch insbesondere in der aktuellen Pandemie als besonders wichtiges Projekt, da die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Zusammenhalts und von KĂ€mpfen gegen Rassismus und gegen hĂ€usliche Gewalt momentan in besonderer Deutlichkeit hervortritt. Mit dem Buch wollen wir den eher jungen Diskurs um transformative Arbeit im deutschsprachigen Raum ĂŒber diese Zeit erhalten, weitertragen und aufzeigen, warum Antworten gerade jetzt wichtiger sind denn je.

Wir machen bereits viel und manchmal auch gerne unter- und unbezahlte Arbeit. Dazu zĂ€hlt Netzwerkarbeit, wir beraten und begleiten Prozesse und leisten Bildungsarbeit. Auch in Zukunft werden wir viele kostenlose Veranstaltungen anbieten. FĂŒr die politisch Aktiven, die Autor_*innen, unsere Freund_*innen und die Expert*innen, die in unserem Buch zu Wort kommen wollen und sollen, wĂŒnschen wir uns jedoch, dass sie fĂŒr die Arbeit an diesem Projekt etwas Geld bekommen können. Deswegen bitten wir euch um UnterstĂŒtzung: Spendet fĂŒr unser Buchprojekt! Schafft uns Geld ran! Schreibt AntrĂ€ge, macht Soli-Veranstaltungen, rĂ€umt euer Konto leer, fragt kritische MĂ€nnlichkeits-Gruppen, Initiativen, Familienmitglieder und Wohngemeinschaften nach BeitrĂ€gen. Wir freuen uns auf und ĂŒber euren kreativen Support!

Als Dankeschön fĂŒr eure Spende(n) planen wir, kleine Give Away-Pakete im Anschluss an die Crowdfunding Campange zu versenden. Darin werdet ihr von kĂ€mpferische Patches ĂŒber freche GeschirrhandtĂŒcher – because revolution starts at home – bis hin zu Flyern und Postern auf jeden Fall etwas Schönes finden. (Bitte habt VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass wir nichts Übersee versenden können.) Bei grĂ¶ĂŸeren Summen ist es außerdem möglich, statt des Give Away-Pakets einen Workshop zu transformativer Gerechtigkeit von uns zu bekommen.

Foto: Leute vom UmGĂ€ng Kollektiv bedrucken mit Siebdrucktechnik Textilien mit Bildern zum Thema Transformative Gerechtigkeit.

Wir freuen uns ĂŒber eure UnterstĂŒtzung!

Solidarische und feministische GrĂŒĂŸe

Eure UmGĂ€ng




Quelle: Paradox-a.de